HAMMER OF DOOM XII
 
CIRITH UNGOL, TIME LORD, COUNT RAVEN, THE DOOMSDAY KINGDOM, THE VISION BLEAK, CRIPPLED BLACK PHOENIX, NAEVUS, BELOW, CRANIAL
D-Würzburg, Posthalle - 18. November 2017
Sonnabend, 18. November (2. Tag)
 
Mit der frischen Energie des heutigen Neumondtages ging es in die zweite Runde. Vor der Brust lagen rekordverdächtige dreizehn (!) Stunden Unterhaltung mit neun Gruppen. Wie üblich waren die meisten Besucher zur Mittagsstunde um 13 Uhr 30 entweder noch verkatert oder anderen Freuden des Lebens zugeneigt. Als Frl. P. mit mir um eins vor die Haustür trat, wurden wir gleich von Herrn Kühnemund in Begleitung zweier Blondinen begrüßt. Das Gelände rund um die Posthallen zeigte sich indes sibirisch leer. Statt den 1500 der letzten Nacht verloren sich zur ersten Gruppe allenfalls 400 unterm Zackendach. Nach immer neuen Todesnachrichten - gestern erfuhr man von Celtic Frosts Martin Ain, heute von AC/DCs Malcolm Young - startete auch der »Hammer« auf die harte Tour...
Während uns draußen Licht ins Auge und beißender Wind ins Gesicht stach, bestritten Würzburgs Sludge-Metaller CRANIAL (deutsch: Schädel) den Auftakt. Das Kommando Melchers, Kröckel, Weidhaus und Merlin war als letztes für den Hammer Nummer zwölf rekrutiert worden. Mit Melchers wirkte hier der Gitarrist der verblichenen Ambient/Post-Metaller Omega Massif mit. Im Unterschied zu den groovigen Omegas gingen Cranial deutlich radikaler zu Werke. Die Apparatschiks klangen noisig, infernalisch, dazu kam mit berstender Halsschlagader herausgeröchelte Agonie, im Wechsel aus zwei Kehlen. Die Texte waren durchzogen von subversivem Geist, sie drehten sich um menschlichen Wahnsinn und Ohnmacht. Allerdings fehlten dem Auftritt das geheimnisvolle Schwarzlicht und der monumentale Moment von Omega Massif. Cranials Album bestand aus vier überlangen Teilen, die zusammen den Titel ergaben: 'Dark Towers / Bright Lights'. Und schon zu früher Stunde war mir klar: Wenngleich kein Doom (und auf Tonträger auch etwas gefühlskalt), so sollten Cranial jedoch eine der besten Gruppen des Festivals bleiben, die kritischste in jedem Fall. Angstfrei in die Endzeit. Cranial.
Nach ihrer phänomenalen Vorstellung vor vier Jahren, zählten BELOW für mich zu den Höchsteingeschätzten des diesjährigen Hammers. Dies sahen unzählige andere offensichtlich ähnlich. Denn Punkt halb drei war die Halle auf einen Schlag rammelvoll. Umso irritierender, was sich in der kommenden Dreiviertelstunde abspielte. Denn zu einer flachen Performanz kam ein um mindestens drei Halbtöne zu hoher Kreischgesang. So hatte ich Below nicht in Erinnerung. Es schien, als wären dies nicht die Epic-Doom-Metaller Below aus Nyköping, sondern die Heavy-Metaller Below aus Huskvarna. Doch wir hatten es tatsächlich mit den Schweden zu tun, und die Akteure waren nach wie vor Zeb, Paud, Berg, Hedman und Doc. Am Ende stand eine herbe Enttäuschung.
Die Dritten hatten eigentlich keine große Vorstellung nötig. NAEVUS sind die längstlaufende Doomgruppe Deutschlands. Um ihre spirituell groovenden Langeisen 'Sun Meditation' und 'Heavy Burden' kommt kein Slowbanger herum. Jedem, der Naevus in natura beehrte, war auch immer ein überwältigendes In-echt-Erlebnis gewiß. Heute schienen Gröbel, Großhans, Heimerdinger und Straub mit einer Überdosis Endorphine gedopt zu sein. Sie wirkten heiß bis in die Haarspitzen. Ihr Auftritt übertraf alles bisher Dagewesene um Welten. Mit ihren schlichten aber höchst effektvollen Melodien, ihren latent schwermütigen, aber nie resignierenden Liedern, und einer frischen, taffen Körperlichkeit völlig neuen Ausmaßes, angetrieben von einem Sound mit großer Wucht, stellten Naevus alle ihre Vorgänger in den Schatten. »Dancing in the Summer Rain« ließ gleich zu Beginn nicht nur das Zauberelixier sondern auch die Endorphine nur so überschwappen. Sieben mal dunkel, mal märchenbunt funkelnde Zaubereien folgten, bis dieser Auftritt durch »The Art of Love« samtweich ausklang. Naevus waren einfach nur »wow!«, Doom-Metal-Hymnen galore! Vielleicht war es sogar Naevus´ bestes Konzert aller Zeiten!
In puncto Ästhetik legten CRIPPLED BLACK PHOENIX die Latte noch höher. Denn neben den drei Sig-Runen auf ihrer Plattenhülle prangte am Bühnenrand ein Kruckenkreuz, während von der Wand ein hohes, dreiteilges Bild in der imperialen Kunst ihrer Landsleute Death in June erstrahlte (eine gefesselte Frau, die von zwei an Bomben gelehnten Männern flankiert war). Doch Crippled Black Phoenix machten keinen Neofolk. Noch weiter entfernt waren sie von Doom. Und hier lag die Krux. Denn die Engländer hatten die Stelle der US-Doom-Metaller PILGRIM besetzt, deren Fronter Jon »The Wizard« Rossi sich zwei Tage vor den »Dutch Doom Days« in Rotterdam im Alter von 26 ins Himmelreich abgesetzt hatte. Mit Crippled Black Phoenix war ein völlig anders gearteter Ersatz zusammengetrommelt worden. Wir hatten das Geschwader des ex-Iron-Monkey-Gitarristen Justin Greaves 2012 in Frankfurt erlebt. Damals wie heute lieferte es epischen Post Metal, der wie von einem großen Pompkino umrahmt war. Wobei die Briten von sieben auf acht Akteure aufgestockt hatten: Justin Greaves, Daniel Änghede, Mark Furnevall, Ben Wilsker, Tom Greenway, Jonas Stålhammar, Belinda Kordic und Helen Stanley. Crippled Black Phoenix boten eine große Freude fürs Auge.
Mit den ganz in Schwarz erscheinenden Horror-Gothic-Metallern THE VISION BLEAK aus der bayrischen Rhön konnte ich schon 2010 auf der Tour mit Ahab nichts anfangen. Trotz siebzehn Jahren Gruppenerfahrung, sechs Studioalben und Auftritten wie beim großen Wave-Gotik-Treffen, spielte das Kernduo Schwadorf und Konstanz das gleiche Programm wie vor sieben Jahre, gekürzt um vier Lieder (statt 13 nur 9). Ergo konnte sich am Resultat nicht viel ändern. Die Dame an der Geige blieb diesmal genauso namenlos wie die Herren an Bass und Trommel. The Vision Bleak standen für trashig-morbiden Stoff im Transenlook - Musik, für die ich nicht zum Hammer Of Doom reise.
Leif Edling kreiert und kreiert und kreiert... Rastlos gründet der 54jährige Kopf von Candlemass eine Gruppe nach der anderen, häuft Meriten auf Meriten, flattert von Album zu Album (summa summarum etwa zweiundzwanzig). Weil er kein Daheim hat? Besonders die Candlemass´schen Kronjuwelen 'Epicus Doomicus Metallicus' und 'Nightfall' weisen allerdings darauf hin, daß die Metalwelt den »Doomfather« zwar als Genie schätzt, aber nicht wirklich liebt. Allzu sehr ähneln sich die Lieder, poliert wirken die Auftritte (oder sie fallen aufgrund seelischer Probleme ins Wasser). Der alte Schwede nahm´s gelassen, und trat mit einem völlig abgewetzten Viersaiter und seinem achten Projekt, einem über Depressionen, ins Licht... Gesellschaft bei THE DOOMSDAY KINGDOM leisteten Sänger Stalvind, Gitarrist Jidell und Trommler Johansson. The Doomsday Kingdom hatten einen Vokalisten mit der Stimme und den Bewegungen eines hysterischen Weibs, und den Tiefgang einer Wikingergondel. Aber auch die läßt sich im passenden Rahmen zum Kult erheben...
Schwedenkult, der zweite: Auch Dan »Fodde« Fondelius´ beste Zeit liegt lange zurück. Genau genommen: vierundzwanzig Jahre. Denn nach 'Storm Warning', 'Destruction Of The Void' und dem 1993er Hochkaräter 'High On Infinity' folgte mit 'Messiah Of Confusion' nur noch eine Pflicht gegenüber Hellhound Records... bevor Raven versanken... um beim Doom Shall Rise 2004 eine letzte Sternenstunde zu feiern. Wilbur und Renfield gingen, ein neues Album entstand, und heute thronte der Graf in Gesesellschaft von Samuel Cornelsen und Jens Bock auf den Planken. Schmu oder Neustart? Fakt ist, daß der Name COUNT RAVEN zu den größten der Doom-Metal-Geschichte zählt. Und im Gegensatz zu vielen Gruppen des Hammers schielen Count Raven nicht nach dem Mammon, nein, sie widmeten ihm gleich ihr letztes Langeisen: 'Mammons War'. Fodde und Komplizen sorgten dafür, daß die Geschwindigkeit wohlig heruntergedreht wurde, und sich Körperlichkeit auf das Notwendige beschränkte. Allein die Aura Foddes, der mit seinen Furchen wie ein hundertjähriger Methusalem aussah, seine unfassbare Abgeklärtheit, und das Wissen, daß Count Raven Geschichte geschrieben haben, verlieh dem Auftritt Reiz. Kernstücke blieben die Altigkeiten. Wem es bei »An Ordinary Loser«, »The Madman from Waco«, »High on Infinity« und »Jen« keine Schauer übers Kreuz jagte, war kein Doomer. Allein diese vier Heiligtümer verpflichteten zu wilden Veitstänzchen. Mit Count Raven hatte ich meinen Frieden mit dem Hammer Of Doom XII gemacht.
Co-Headliner des Sonnabends waren die nach einem Pagan-Altar-Werk benannten TIME LORD. Als Pagan Altars Terry Jones vor zwei Jahren im Alter von 69 starb, erlebten ebenjene ihren zigsten Frühling. Denn dank der modernen Technik konnte 'The Room Of Shadows' posthum mit Terry als Vokalisten aufgenommen werden - um anschließend Ruhm durch Schauereffekt zu ernten. Heute erwies ihm sein Sohn und früherer Leitgitarrist mit einer Tributgruppe aus den ex-Pagan-Altar-Bassisten Diccon Harper und Trommler Andy Green, sowie Sänger Brendan Radigan und Cauchemars Andres Arango an der zweiten Gitarre die Ehre. Wer nicht hinsah, glaubte Pagan Altar zu erleben. Denn Vokalist Radigan agierte exakt mit der Stimme des toten Lords. Für manche wurde es die versprochene magische Nacht! Andere zermürbte die nicht enden wollende Spielzeit von fünfundsiebzig Minuten.
Der Hauptakt kam aus Ventura, USA. Mit ihrer Gründung 1972 waren CIRITH UNGOL eine der ersten Heavy-Horden überhaupt. Ihr Name stammt aus Tolkiens »Herr der Ringe« und meint den »Pass der Spinne« (für Kenner: »Kankras Lauer«, der steile, von der Riesenspinne Kankra bewachte Gebirgspass von Ithilien nach Mordor). Im Unterschied zu Ringverehren wie Blind Guardian, verwiesen Cirith Ungol aber nie auf Tolkien, sind jedoch ebenso auf Fantasy und Science-Fiction ausgelegt. Musikalisch bewegten sie sich dabei in einer kauzigen Zwischenwelt aus Power-, Prog- und Epic-Metal. 1992 schien für Cirith Ungol das Ende gekommen. Ein Vierteljahrhundert mußte vergehen, bis die Kalifornier wieder zum Leben erwachten. Nur waren sie noch dieselben? Schon zu viele Tote hatten sich durch plötzliche Auferstehungen und angeblich einmalige und letzte Shows im Zustand der Gebrechlichkeit der Lächerlichkeit preisgegeben... Auf lose Proben folgten mittelgroße Festivals, darunter Frankens »Keep It True«. Heute waren mit Gitarrist Greg Lindstrom und Trommler Robert Garven noch zwei Urmitglieder dabei. Dazu gesellte sich der alte Vokalist Tim Baker, Jim Barraza an der zweiten Gitarre, sowie - als einziger Neuer - Bassist Jarvis Leatherby. Cirith Ungol waren von ihren Anstiftern aus der Mottenkiste nach Mainfranken geholt worden und gingen nun auf Sieben-Meilen-Stiefeln in vier Akten durch ihr Lebenswerk. Wir bekamen im Zeitraffer alle Höhepunkte von 'Frost And Fire' (1981), 'King Of The Dead' (1984), 'One Foot In Hell' (1986) und 'Paradise Lost' (1991). Jedes Album war vom dazugehörigen Plattencover untermalt; im Vordergrund erhoben sich die beiden einander anbetenden Skelette. Diese zwei Stunden wurden für ein Live-Album aufgezeichnet. Die Ansichten unterschieden sich stark. Während sich manche begeisterten, redete einer von einem »Autounfall mit einem Sänger, der nicht singen kann«, jemand anders ketzerte »Judas Priest für Arme«. Kein Wunder, daß ich mich in den Achtzigern nie für »Sarahs Onkel« interessierte. Das war Folter! Aber ohne wiederbelebte Legende wäre der Hammer Of Doom nicht der Hammer Of Doom gewesen. Nach einer halben Stunde zerstiebte ein Teil der Menge. Hamburgs Hulle verabschiedete sich von mir mit einem »War schön, dich wiederzusehen!«
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
CRANIAL
(13.30-14.15 / Titel ohne Gewähr)
1. Dark
2. Towers
3. Bright
4. Lights
 
BELOW
(14.30-15.15)
unbekannt
 
NAEVUS
(15.30-16.15)
1. Dancing in the Summer Rain
2. Heavy Burden
3. Black Sun
4. Future Footprints
5. Whistling Tree
6. Sky Diver
7. Naked
8. Cloudless Sunstreams
9. The Art to Love
 
CRIPPLED BLACK PHOENIX
(16.30-17.15)
1. Rise Up and Fight
2. Champions of Disturbance
3. NO!
4. Will-O-The-Wisp
5. 444
6. We Forgotten Who We Are
 
THE VISION BLEAK
(17.30-18.15)
1. Spirits of the Dead
2. From Wolf to Peacock
3. Carpathia
4. Into the Unknown
5. I Dined With the Swans
6. The Kindred of the Sunset
7. The Whine of the Cemetery Hound
8. Kutulu!
9. By Our Brotherhood With Seth
 
THE DOOMSDAY KINGDOM
(18.30-19.15)
1. The Sceptre
2. Never Machine
3. A Spoonful of Darkness
4. Silent Kingdom
5. Hand of Hell
 
COUNT RAVEN
(19.35-20.35)
1. The Poltergeist
2. An Ordinary Loser
3. Wolfmoon
4. The Nephilims
5. The Entity
6. The Madman From Waco
7. High on Infinity
8. Nashira
9. Jen
 
TIME LORD
(20.55-22.10)
1. Pagan Altar
2. Highway Cavalier
3. Cry of the Banshee
4. The Black Mass
5. Armadeus
6. Dance of the Vampires
7. Sentinels of Hate
8. Lords of Hypocrisy
9. The Aftermath
10. Demons of the Night
11. Judgement of the Dead
******
12. March of the Dead
13. The Witch´s Pathway
 
CIRITH UNGOL
(22.30-0.30)
1. I'm Alive
2. Edge of a Knife
3. Frost and Fire
++++++
4. Atom Smasher (Intro)
5. Black Machine
6. Master of the Pit
7. King of the Dead
8. Finger of Scorn
9. Cirith Ungol
++++++
10. Toccata in Dim [Jerry Dimmer]
++++++
11. War Eternal
12. Blood and Iron
13. Nadsokor
14. Doomed Planet
15. Chaos Descends (Intro)
++++++
16. Join the Legion
17. Fire [The Crazy World of Arthur Brown]
18. Chaos Rising
19. Fallen Idols
20. Paradise Lost
++++++
21. Death of the Sun
Epilog
 
Sonntag, 19. November
 
Als ich mit meiner Adjutantin Würzburg wie jedes Jahr am Mittag des Totensonntag verließ, trafen wir am Bahnhof auf viele Kuttenträger vom »Hammer«. Der Aufbruch fiel seltsam leicht...
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 21. November 2017