HAMMER OF DOOM XV
 
COVEN, ATLANTEAN KODEX, IRON WALRUS, OPHIS, DEATH THE LEVELLER
D-Würzburg, Posthalle - 18. November 2022
Prolog
 
Am Anfang stand Skepsis: Bis zuletzt hatten Peanut und ich Zweifel an einer weiteren Reise nach Würzburg. Die fünfzehnte Ausgabe des Hammer Of Doom litt darunter, daß viele Gruppen hier schon mehrmals aufgetreten waren, vier davon sogar beim Vorgänger 2019. Die meisten waren nicht unsere Welt. Einen Hoffnungsschimmer boten mir nur Ophis. Dazu hatten wir noch die tragischen Ereignissse der Dutch Doom Days mit dem Tod des Faal-Gitarristen im Kopf: Pascal Vervest wurde in der Nacht vorm eigenen Auftritt nur wenige Meter von der Konzerthalle „Baroeg“ entfernt von einer Straßenbahn erfaßt. R.I.P., Pascal! Gleichzeitig war der Rotterdamer Klub wohl ein Herd für niederländische Influenza. Peanut war seit zwei, ich seit einer Woche außer Gefecht, unser niederländischer Bekannter Vitus Frank mußte seine Reise nach Würzburg stornieren. Nicht zuletzt war ich noch viel zu sehr Radrennfahrer - und nun das erneute Nichtstun eines Fanboys eines Fanboys. Das war Gift, Gift, Gift für Körper und Geist! Doch dann trafen persönliche und berührende Mails von Mitorganisatorin Anja ein... Und Würzburg war über die Jahre auch immer das jährliche Treffen der deutschen Doomster. Das ostdeutsche Freundespaar Micha und Andrea kam, der Schwabe Kischde, die üblichen Verdächtigen, Kuttenträger, Selbstexpressionisten, Kult- und Unkultfiguren... Nicht zu vergessen: Es war der unwiderruflich letzte Hammer Of Doom in der Posthalle Würzburg! Im Juli 2023 soll das Gebäude mit dem markanten Zackendach gesprengt werden. So sind wir wieder gen Süden gefahren - zu einem weiteren langen, harten Wochenende...
 
Freitag, 18. November (1. Tag)
 
Wegen unseres späten Entschlusses war die über viele Jahre angemietete Ferienwohnung diesmal schon vergeben. Wider Erwarten fanden wir Ersatz in der angestammten Absteige unseres Kumpels Kischde - im „Siegel“, wenige Gehminuten vom Schauplatz entfernt. Pünktlich zur ersten Gruppe fiel Regen. Vor der Einlaßkontrolle zur „Poha“ erwartete uns diesmal kein Schlange und vorm Tor zum Doom auch keine qualmende Traube. Stattdessen verscherbelten Leute ihr Festivalticket, schöne Hardtickets, zum Schleuderpreis. Eine Gastrobude auf Rädern verkaufte Würstchen und Burger zu verschlagenen acht Euro. Um sechs betraten wir die Halle. Jene war mittels Vorhang und Tanks viergeteilt in den Konzertraum, den Marktplatz, ein Ruhe- und das DJ-Abteil. Die üblichen Händler - „Grau“ und das Pärchen aus Italien ausgenommen - suchte man vergebens. Auch die Besucherzahl hatte sich stark reduziert. Am Freitag kamen grobgeschätzt sechs- und am Sonnabend achthundert. Kischdes Bandkollege Uli fehlte mit sechs gezogenen Zähnen und gebrochenem Kiefer. Vermisst wurden ferner die kaputten Gestalten. Nur ein gewisser „Christoph“, der von drei Damen im Männerklo gesucht wurde, mußte von der Sicherung umklammert von ebenda rausgeholt werden.
Fünfhundert Gesichter verloren sich in den Weiten der „Poha“, als Dublins DEATH THE LEVELLER durchstarteten. Auch die Iren waren für uns untrennbar mit etwas Traurigem in Rotterdam verbunden. 2017 war der Vater des Schlagzeugers gestorben - wie in einem fürchterlichen Fluch und in einer Schicksalgemeinschaft mit Faal: in der Nacht vorm Auftritt bei den Dutch Doom Days! Statt Shane Cahill, der in der Heimat bei seinem Vater blieb, wehte damals im Hintergrund Nebel, und eine Drum-Maschine kam zum Einsatz. Heute waren die Nachfolger der Keltendoomer Mael Mórdha in ihrer seit sechs Jahren stabilen Urbesetzung mit Denis Dowling, Gerry Clince, Dave Murphy und Shane Cahill angerückt. Die vier von der moosgrünen Insel im Norden lieferten erneut stürmischen, unmaskierten Doom Metal mit einer kräftigen, rauhen Powerstimme, markant polternden Trommeln und den beschwörenden Gebärden ihres Frontmanns in einer Art mit Iron Maidens Bruce Dickinson. Death The Leveller bestachen mit intensiver Körperlichkeit, wirkten ehrlich bis auf die Knochen und sollten im Vergleich zum Rest die Nase sehr weit vorn haben. So viel war schnell klar!
„Wir sind OPHIS aus Hamburg. Es ist uns eine Riesenehre, hier zu sein“, lautete Phils Gruß an den Hammer Of Doom. Die „neuen“ Ophis mit Flo Lange und Ole Fink an Sechssaiter und Schlagzeug, dazu den Urmitgliedern Phil Kruppa und Olly Kröplin, hatte ich noch nicht erlebt. Die Crew existiert seit drei Jahren, doch dazwischen lag die Pest. Überbrückt wurde sie mit einem fünften Album namens 'Spew Forth Odium'. Nach der Ernüchterung 2017, als Ophis das triste 'The Dismal Circle' rausbrachten (von dem nichts gespielt wurde), und in anderer Aufstellung live fast lupenreinen Heavy Metal lieferten, war die Hoffnung groß auf eine Rückkehr zu den rohen, nihilistischen Wurzeln. Und als wäre einer dem anderen ins Gehirn gekrochen, war heute manches wieder da, was Ophis einst so ausmachte. Konsequent verzichteten Ophis auf Gelichter; die Bühne war in Nebel und Grautöne getaucht, so grau wie wie sich der Tag in Würzburg und der Bau der Posthalle zeigten. Mit dem Auftakt „Of Stygian Descent“ und „The Perennial Wound“ zelebrierten Ophis zwei düstere Death-Doomer des formidablen Neuwerks; sowie mit „Earth Expired“ und „Among the Falling Stones“ zwei harsche Malmer der jüngeren Vergangenheit. Letzteres stand als Abscheu vorm Metal der modernen Zeit, dessen Ausschlachtung auf Kreuzfahrtschiffen, und als Dank an uns, die echten Metalheads. Phil sang wie gewohnt mit abgründiger, gutturaler Stimme. Die totale Vernichtung war es nicht. Dafür fehlten das Untergrundige, das Schwarze und die Häßlichkeit der Vergangenheit. In der Schlußsequenz zeigte Phil, wie schön er Gitarre spielen kann und setzte dem Auftritt mit einer schwarzmetallisch klirrenden Faszination ein Ende. Ein Shirt von Ophis - das Ausstellungsstück, der Dealer nahm es von der Wand - sollte der einzige Artikel sein, den ich auf dem Festival erstand.
Zur Hauptsendezeit des Fernsehens schlug die Stunde der Aktionisten. Ein nüchternes „Wir sind IRON WALRUS aus Osnabrück“ leitete sie ein. Die fünf Niedersachsen kamen uniform schwarz gekleidet, alle außer dem Graubart am Mikro steckten unter subtilen Walroß-Masken (die auch für zwanzig Euro verkauft wurden), der Sound tönte nun satter und lauter, und gleich beim Auftakt ging´s knallhart zur Sache. Wenn eine Gruppe für Doom zu schnell und für Metal zu langweilig ist, nennt sie es „Sludge Metal“. Ich will niemand zur Minna machen, aber in Gestalt der drei aggressiven, hyperaktiven Gitarristen setzte es eine Hatz durch die Klischees des modernen Metal - die von Doom so weit weg war, wie die Erde vom Pluto. Von Iron Walrus gab´s die Peitsche, sonst nichts! Ich nutzte die Zeit für ein „Hallo“ mit Saint Vitus- und The Skull-Trommler Henry Vasquez, der seinen rückseitigen Stand mit Aufnähern bestückte.
Daß wir nach Ophis besser verschwunden wären, zeigte sich spätestens mit Beginn des Epic-Metal-Krawallgewitters ATLANTEAN KODEX. Auch die hatten vor drei Jahren einen Auftritt in der „Poha“, und zwar in der Rolle des Headliners! Damals debütierte ein junges, blondes Ding am Sechssaiter. Mittlerweile hat „Hardcora“ Coralie ihren vier Männern den Rang abgelaufen und brillierte als unermüdliche Headbangerin mit einigen Soli an der Leitgitarre. Atlantean Kodex waren so was wie die abgedroschenen Iron Maiden des fünfzehnten Hammer Of Doom. Mangels Sitzmöglichkeit im Konzertraum geriet der Abend für uns mehr und mehr zur Marter. Wir entschwanden ins mit Bierzeltgarnituren bestückte Ruheabteil. Dort äfften drei reife Herren taktsicher die Trommeln von Atlantean Kodex nach. Claquere aus Bayern hielten die Stellung zu Füßen ihrer Metalhelden.
Zum Schluß gab´s noch was für die Galerie. Erst stand ein Kind in Coven-Shirt wie in einem teuflischen Streich der Horrorpuppe Chucky starr und ohne Mimik neben der Bar - um wenig später als Sproß der mitgereisten Gruselsekte aus USA Räder zu schlagen und exorzistische Tänzchen zu vollführen. Und kurz vor elf hatten dann die Devil-Rocker COVEN ihren Auftritt. Traditionell begann er mit Nebel, Kerzen, satanischen Klängen, exorzistischen Filmchen und einem zentral auf der Bühne stehenden Sarg, aus dem sich in Zeitlupe die unter einer Glitzermaske verborgene Esther „Jinx“ Dawson schälte. Das Ritual begann wie jedes seit 1968 mit einem Zeichen von Jinx. Ungewohnt schnell, wie ein treibendes Heavy-Metal-Lied, ertönte darauf „Out of Luck“. Anschließend entledigte sich Jinx ihrer Maske und präsentierte ihr zweiundsiebzigjähriges, alabasternes Antlitz umrahmt von seidigem, blonden Haar. Allein die Verkörperung ewiglicher Schönheit war Faszination und Grusel zugleich. In der Folge legte der männliche Eskortservice nach und nach seine schwarzen Kutten ab, um letztlich mit blanken Oberkörpern zu spielen. Coven kredenzten im weiteren Verlauf einen kruden Mischmasch aus allen möglichen Stilen - von kauzigem Okkultrock, über Reggae bis hin zu obskurem Psychedelic- und Prog Rock. Trotz des nebelumschwadeten Hokuspokus um Hexerei und Schwarze Magie, Manson und Crowley, wurde die Schau dann - um zwanzig Minuten gekürzt - ganz ohne Simsalabim zu Ende gebracht. Mit „Blood on the Snow“ entließ uns das Konzil aus Chicago in die kalte, schwarze Nacht. Respekt für diese Vorstellung, Jinx Dawson!
 
Am Augsang hämmerte wie jedes Jahr die AFTER SHOW PARTY. Kischde konnte nicht widerstehen, hielt bis um drei durch und zahlte dafür einen harten Preis...
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 28. November 2022
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DEATH THE LEVELLER
(18.00-18.45)
Letztes: The Crossing
Rest: unbekannt
 
OPHIS
(19.05-19.50)
1. Of Stygian Descent
2. Earth Expired
3. The Perennial Wound
4. Among the Falling Stones
 
IRON WALRUS
(20.10-20.55)
Intro
1. X Dimensions
2. I Hate People
3. Balanced
4. Dead Spot
5. Tales Never Told
6. Take Care
7. Under My Skin
8. Idols
9. Blessed
Outro
 
ATLANTEAN KODEX
(21.15-22.30)
Intro
1. Chariots
2. He Who Walks Behind the Years
3. Heresiarch
4. Sol Invictus (kurz)
5. Marching Homeward
6. Lion of Chaldea
7. Twelve Stars and an Azure Gown
8. The Atlantean Kodex
9. The Course of Empire
 
COVEN
(22.50-23.56)
Prelude / Satanic Mass
1. Out of Luck
2. Black Sabbath
3. Coven in Charing Cross
4. White Witch of Rose Hall
5. Wicked Woman
6. The Crematory
7. Choke, Thirst, Die
8. Black Swan
9. Dignitaries of Hell
10. For Unlawful Carnal Knowledge
11. Epitaph
12. Blood on the Snow
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 20. November 2019