HAMMER OF DOOM XV
 
CANDLEMASS, THE SKULL, VILLAGERS OF IOANNINA CITY, SPIRITUS MORTIS, THRONEHAMMER, STYGIAN CROWN, WHEEL, PARISH, FVNERAL FVKK, B.S.T.
D-Würzburg, Posthalle - 19. November 2022
Sonnabend, 19. November (2. Tag)
 
Ein weiterer Tag, eine weitere Marter. Statt Regen fiel heute Schnee. Männer richteten in der Shopping-Valhalla Kaiserstraße die ersten Weihnachtsbäume auf. Derweil trudelte auf Peanuts Mobiltelefon eine Nachricht unseres ostdeutschen Freundespaares ein: Sie standen auf der Autobahn nahe Suhl im Stau, ein Fahrzeug hatte sich quer gestellt... Zur Unzeit von zwölf Uhr mittags öffnete sich der eiserne Schlund der Posthalle zum letzten Hammer Of Doom. Nachdem ich mir mit meinem Mädel gestern schon sechs Stunden die Beine in den Bauch gestanden hatte, folgten heute deren elf - samt der Wahl zwischen Pils und Weizen...
Hamburgs Doom-Metaller B.S.T., alias Blut, Schweiß, Tränen, hatten wir zugunsten von Frühstück, Körperpflege und eines gnädigen Endes mit Candlemass durchrutschen lassen. Manche Besucher trugen bereits am Vorabend Shirts mit dem Rückenaufdruck „Der Tod kommt näher“. Unser Freund Micha erlebte die beiden letzten Lieder und verstand vom teutonischen Zungenschlag kein Wort.
In Gestalt von FVNERAL FVKK betrat gleich noch eine Gruppe aus Hamburg die Kanzel - inklusive zweier Akteure, die vor zwanzig Stunden unter anderer Flagge doomten. Cantor Cinaedicus, Decanus Obscaenus, Vicarius Vespillo, Frater Flagellum erweitert um Live-Gitarrist Pastor Pellex hatten wir in genau dieser Besetzung wenige Tage vor Ausbruch der Pest in Leipzig gesehen. Auf den ersten Blick war alles wie vor knapp drei Jahren: Fvneral Fvkk trugen Mönchskutten und spielten feierlichen, traditionellen Doom Metal im Stile von Candlemass, gespickt von spartanischen Death-Doom-Ausbrüchen. Dazwischen mischten sich diesmal wortreiche Botschaften mit albernem wie hintersinnigem Witz - welche die Schäfchen ziemlich spalteten. Dafür doomten Fvneral Fvkk langsamer, dunkler und wuchtiger als damals. Auf biblische Jesus-Zitate wie „Laßt euch sagen: ihr seid nicht allein.“ oder klerikale Predigten wie „Auf zum letzten Gebet, liebe Brüder und Schwestern. Der Herr segne und beschütze euch!“, hätte ich indes verzichtet. Dito auf die Grablichter am Schlagzeug, die der Frontmann nach dem Auftritt wie als Ende eines Mummenschanzes in einer Plastiktüte verschwinden ließ.
Ab der dritten Gruppe wurde es international. PARISH waren als „pastorales Proto-Metal-Power-Trio“ aus London angereist. Der Auftritt begann wohltuend frisch und unverbraucht, eigenwillig und schrullig, und erinnerte mit seinem leidenschaftlichen, gefühlvollem Gesang stark an Parishs Landsmänner, den Dreibund Iron Void. Britischer ging´s gar nicht. Doch dann vergifteten weiche Psychedlika, lautstarke Durchsagen und der sehr angestrengte Sänger die doomige Stimmung. Da sah man schon gelassenere Gruppen aus UK. Das entfesselte Schlußdrittel erinnerte an die frühen Black Sabbath mit dem jungen, ungestümen Ozzy.
WHEEL holten uns wieder runter. Der Vierer aus Dortmund war vor neun Jahen schon mal beim „Hammer“. Damals mußten Wheel als Eröffner des zweiten Tags zur Unzeit ran. Wir hatten sie knapp verpaßt, jemand redete in den höchsten Tönen vom „guten klaren Gesang“. Heute konnten wir uns ein eigenes Bild machen. Mein Nebenmann sinnierte: „Wenn Wheel nur ansatzweise so sind wie... „ (Der Rest versank im Trubel.) Nach dem erhöhten Puls aus UK lud der Nachmittag zu Entschleunigung, aber nicht zu einem „Ätherischen Schalf“ wie der vormalige Gruppenname Etherial Sleep suggerierte. Die Kerle aus Westfalen kamen wie Fans von der Straße, der Sänger steckte noch in Lederjacke und Kapu. Wheel „waren etwas angeschlagen angereist“, erklärte der Frontmann. Mit ihren langsamen, tiefen Trossen und einer beseelten, hellen Stimme, gepaart mit einer gediegenen und glaubwürdigen Performanz (einschließlich Konfusion wegen unterschiedlicher Setlisten), stellten Wheel klar, wem im deutschen „True Doom“ zurzeit der Thron gehört. Nach etlichen „Vielen, vielen Dank“s besiegelte ein finales „Dankeschön“ ein wonniges Erlebnis voller obsoleter Doommusik, das lange nachhallte.
Eine Lady in schlichtem, schwarzen Kleid und schwerem Schuhwerk, dazu vier gewichtige Männer mit langen Haaren und Bärten: Das waren STYGIAN CROWN aus Los Angeles, Kalifornien. Die Kommune mit der längsten Anreise lieferte epischen Doom Metal. Währendem ergab sich für mich eine lange Unterhaltung mit einer wichtigen Person im Doom. Ich erfuhr die Unterschiede mit Blick auf die Herkunft der Akteure: Während Schweden nichts neu erfinden, aber alles Dagewesene bis zum Muster der Unterhose wiederholen und noch mal besser machen, in England Gruppen oft wie Dreck behandelt werden, und man sich in Deutschland zuallererst um Absicherung sorgt, leben Amis von ihrer Kraft und puren Power. Das war auch bei Stygian Crown der Fall.
Doch weiter mit der Musik. Die deutsch-englischen Epic-Doom-Metaller THRONEHAMMER starteten wie gewohnt größenwahnsinnig in ihre Schau. Der Bassist reckte mit ausgebreiteten Armen zwei Teufelshörner in die Luft. Vier wuchtige, hymnische, gloriose Malmer in Tradition der späten Bathory erstreckt über eine Dreiviertelstunde folgten. Schon bald schien die Anhängerschaft von der exzentrischen Frontfigur in Battlejacket, blonder Lockenmähne, dickem Lidstrich und dunklem Schlachtengeschrei gefesselt. Manchmal wußte man nicht, ist es eine Diva oder Amazone, die da mal auf Englisch, mal in Germanisch agiert. Doch mehr und mehr zog diese Wirrnis die Menge in den Bann. „Kill the King, kill the fucking King!“ rief Kat Shevil triumphierend - und viele sangen mit. Thronehammer waren die perfekte Filmmusik zu „300“ und die Gruppe mit der größten Strahlkraft, aber in Sachen Schwärze und Tiefe lag eine andere Gruppe vorn.
Finnlands Ahnen im Doom Metal, die 1987 als Rigor Mortis geformten SPIRITUS MORTIS waren für mich das Dark Horse des diesjährigen Hammers. Wen bringen die Maijala-Brüder diesmal als Sänger mit? Den wahnsinnigen Sami „Albert Witchfinder“ Hynninen? Kischde erzählte, daß Spiritus Moris am Vorabend des Hammer Of Doom in einem Hinterzimmer der Göppinger Kultkneipe „Zille“ gespielt hatten. Vor allem die extrovertierte Vokalistenfigur, die heute Kimmo Perämäki innehatte, und die wild headbangenden Saitenmänner zeigten die Ausrichtung von Spiritus Mortis, die für puren Doom Metal steht. Der kahlköpfige Chef Jussi Maijala hingegen entschied sich für eine stille, nahezu regungslose Position ganz am Rand und bildete so den Gegenpol zum schrillen Kimmo. Die beiden brauchten aber einander letztlich. Spiritus Mortis waren für mich die beste Gruppe im zweiten Tag. Echte Metalheads! Nach dem Auftritt humpelte Maijala von Gebrechen gezeichnet an mir vorüber.
In die „Dorfbewohner der Stadt Ioannina“ hatte ich leise Hoffnung gesetzt. VILLAGERS OF IOANNINA CITY versprachen zwar keinen Doom, aber wohlige Stonerriffs à la Kyuss und Queens of the Stone Age. Und dann verlief gleich die erste Begegnung etwas unfreundlich, als wir beim Reinkarren der Instrumentenkoffer wie zahlender Pöbel zur Seite gerammt wurden. Die Hellenen kamen mit großem Brimborium und führten neben einem vierstöckigen Schlagzeug auch gigantische Holzbläser und einen Dudelsack mit. Letzterer kam anfangs leider allzu dominant zum Einsatz. Damit wirkten die Villagers über weite Strecken wie eine Folk- oder Mittelaltergruppe. Vielleicht wollten sie auch „anders“ und nicht Griechenlands zweite 1000mods sein. So waren die fünf Villagers wie die Geschichte eines südländischen Volksensembles, das sich in künsterischer und emotionaler Leidenschaft selbst verlor. Unsere Andrea schlug nach ihrem ersten Bier ein Rad.
Die Nächsten waren ein ganzes Stück älter als die Griechen, kamen aus allen Ecken der USA und spielten Doom Metal. THE SKULL hatten letztes Jahr ihren Sänger Eric Wagner ans Himmelreich verloren - und hätten sich sofort auflösen müssen. Zumal die Überbleibsel keine gottbegnadeten Liedschreiber sind. Heute hatten sie mit Scott Reagers von Saint Vitus und Gastsänger Karl Agell von Corrosion of Conformity zwei Berühmtheiten am Mikro. Doch für Wagner gibt es keinen Ersatz! Reagers schien sich seines Alters bewußt und versuchte sich mit einer Tasse Tee zu revitalisieren. Doch im Grund war er binnen kurzer Zeit um Jahre gealtert, seine Stimme klang nekrophil. Noch schlimmer erging es dem etwas übermotivierten Agell, der von vielen glatt ignoriert wurde. Mir tat er einfach leid. Reagers und Agell sangen im Wechsel je zwei Lieder - um dazwischen hinterm Vorhang zu verschwinden. Final zogen die Amis ihren Joker und zelebrierten in Gedenken an Eric Troubles „The Tempter“. Dabei scharten sich mit Reggears, Agell und Johan Längqvist von Candlemass gefühlt zweihundert Jahre zu einem Letzten Sturm des Doom ums Mikrophon - und wirkten wie ein Fall der Mächtigen. Doch die Figuren waren lebensecht, voller Herz und Gefühle. Letztlich blieb die Menge trotz all dem Chaos dran und folgte mit spürbarem Respekt, Freude und Trauer über das absehbare Ende einer Ära zugleich. Es ist der Lauf der Natur...
Keine Doomgruppe hat so viele Sänger verschlissen wie die Epic-Doom-Pioniere CANDLEMASS. Acht waren es seit 1984, darunter Koryphäen wie Messiah Marcolin, Robert Lowe und Mats Levén. Heute kamen Leif Edling, Lars Johansson, Mats Björkman und Jan Lindh mit Johan Längqvist in der nahezu klassischen Aufstellung. Längqvist erschien zwar nie im Line-up, war aber der Studiosänger vom legendären Debüt 'Epicus Doomicus Metallicus', der erst kein richtiges Mitglied sein wollte - und später nach dem Ausstieg von Messiah Marcolin nicht mehr genommen wurde. Candlemass ließen die Achtziger aufleben, führten uns zu den Wurzeln des Doom, und spielten außer der Uraufführung von „Sweet Evil Sun“ elf Lieder exklusiv von den Überwerken 'Epicus Doomicus Metallicus' (1986) und Nightfall' (1987). Nach all den Jahren hatte Längqvists Stimme natürlich nicht mehr die Lebendigkeit von früher, hohe Töne traf er nicht. Es war Drama und Ereignis zugleich, die Legende noch mal in natura erleben zu dürfen. Nach dem sperrigen Auftakt mit „The Well of Souls“ und „Mirror, Mirror“ stieg „Bewitched“ zum ersten Höhepunkt empor... bevor Leif Edling den Tod seines Vaters vor wenigen Tagen bekanntgab, ihm das todtraurige „Samarithan“ widmete - um anschließend die bittere Realität des Verfalls am eigenen Leib zu spüren: Nach einer halben Stunde war Edling am Ende seiner Kräfte und verschwand hinterm Vorhang. Dort schien auch der Sänger mit einem Wunderelixier aufgeputscht worden zu sein. Denn Längqvist schien bereits nach seinem Kurzauftritt bei The Skull vorm Kollaps. Aber Candlemass sind Profis und auch knallharte Geschäftsmänner. Obwohl sich Edling und Längqvist keines Blickes würdigten, wurde der Auftritt zu neunzig Minuten purer Demut und Magie. Im Heavy-Metal-Stil der Achtziger doomten sich Candlemass mit „A Sorcerer´s Pledge“ in die Geisterstunde von Würzburg. Das rabenschwarze „Demon´s Gate“ leitete ein letztes Aufbäumen von drei Zugaben ein. Als Schwanengesang stand die Abschiedshymne „Solitude“. Um 0 Uhr 40 Würzburger Zeit waren die Kerzen niedergebrannt und der Hammer Of Doom zu Ende.
 
Die AFTER SHOW PARTY lief bis nachts um halb drei. Als einer der Letzten verließ Kischde die Posthalle.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
B.S.T.
(13.00-13.45)
1. Die Illusion
2. Nur ein Tag im Leben
3. Brenne [Jimmy McCarthy]
4. Ride on
5. Die Hoffnung
 
FVNERAL FVKK
(14.05-14.45 / Titel ohne Gewähr)
1. Chapel of Abuse
2. A Shadow In the Dormitory
3. Underneath the Phelonion
4. When God Is Not Watching
5. Alone With the Cross
6. The Hallowed Leech
 
PARISH
(15.05-15.50)
7 Titel, darunter
1. Parish
6. Gaolbreak
 
WHEEL
(16.10-16.55)
1. Hero of the Weak
2. After All
3. Icarus
4. When the Shadow Takes Us Over
5. Mills of God
6. At Night They Came Upon Us
7. Scent of Death
8. Aeon of Darkness
 
STYGIAN CROWN
(17.15-18.00)
Unbekannt
 
THRONEHAMMER
(18.20-19.05)
A Fading King
Rest: unbekannt
 
SPIRITUS MORTIS
(19.25-20.10)
1. The Man of Steel
2. Robe of Ectoplasm
3. Martyrdom Operation
4. Skoptsy
5. Death Bride
6. Holiday in the Cemetery
7. Wasteland
 
VILLAGERS OF IOANNINA CITY
(20.30-21.30 / Titel ohne Gewähr)
1. Welcome
2. Age of Aquarius
3. Part V
4. Nova
5. Perdikomata
6. Skaros
7. Dance of Night
8. Arrival
9. Father Sun
10. Millennium Blues
11. Cosmic Soul
12. Ti kako
13. For the Innocent
14. Zvara
15. Karakolia
16. Krasi
 
THE SKULL
(21.50-22.50)
1. Endless Road Turns (Karl Agell)
2. Send Judas Down (Karl Agell)
3. Trapped Inside My Mind (Scott Reagers)
4. Tll the Sun Turns Back (Scott Reagers)
5. Ravenswood (Karl Agell)
6. Shrouded Temples (Karl Agell)
7. Dance of the Dead (Corrosion of Conformity-Cover / Karl Agell)
8. War is Our Destiny (Saint Vitus-Cover / Scott Reagers)
9. A New Generation (Scott Reagers)
10. For Those Which Are Asleep (Scott Reagers)
11. The Wolf (Trouble-Cover / Karl Agell)
12. At the End of My Daze (Trouble-Cover / Karl Agell)
13. The Tempter (Trouble-Cover / Karl Agell, Johan Längqvist, Scott Reagers)
14. Thy Will Be Done (Karl Agell, Scott Reagers)
 
CANDLEMASS
(23.10-0.40)
1. The Well of Souls
2. Mirror, Mirror
3. Bewitched
4. Samarithan
5. Under the Oak
6. Sweet Evil Sun
7. Dark Are the Veils of Death
8. Crystal Ball
9. A Sorcerer´s Pledge
******
10. Demon´s Gate
11. Dark Reflections
12. Solitude
Epilog
 
Sonntag, 20. November (Totensonntag)
 
Ich war von Anfang an skeptisch wegen der Reise nach Würzburg. Und tatsächlich wurde der letzte HAMMER OF DOOM in der Posthalle auch der zermürbendste. Immerhin wurde in einer Unterhaltung mit DOOM SHAL RISE-Macher Jochen Fopp alte Erinnerungen wach - und neue Perspektiven taten sich auf. Wer weiß, vielleicht schreibt sich eine alte Doomgeschichte in anderthalb Jahren weiter... Wie zum Hohn strahlte am letzten Tag in Würzburg die Sonne. Unter diesen Eindrücken nahm ich ein letztes Mal die gottverlassene heilige Posthalle des Hammer Of Doom in Augenschein.
 
 
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Text und Bilder: Heiliger Vitus, 28. November 2022