WILD BOAR WARS IV
 
DESASTER, DEATHRITE, OPHIS, URZA, POISÖNED SPEED
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 10. Dezember 2022
Prolog
 
So, erst hatten Frau Peanut und ich von den jüngsten Dutch Doom Days und dem Hammer Of Doom den Kanal voll, und wollten eigentlich nicht so schnell wieder auf ein Festival gehen - und dann lagen ausgerechnet im fernen Rotterdamer Dutch-Doom-Days-Klub „Baroeg“ Handzettel von einem Festival in Frankfurt mit dem schrägen Namen „Wild Boar Wars“, auf gut Deutsch: Keiler-Kriege. Dumm nur, daß Ophis und Urza dort auftraten und mit Beculted schien mindestens noch eine Gruppe Doom-affin. Da wir nach wochenlanger Seuche endlich wieder auf dem Damm waren, kam die Geschichte in Schwung. Wir beschlossen, dem lange vernachlässigten „Bett“ einen Besuch abzustatten... Nachdem in Frankfurt seit Jahren kaum noch Metal geschweige Doom veranstaltet wurde, öffnete sich also ausgerechnet im Klub mit dem frivolen Namen ein Türchen. Doch heile Welt sah anders aus: Um dem ausrichtenden Verein „Taunus Metal“ wegen eines drohenden vierstelligen Minus nicht das Genick zu brechen, stand das Fest auf der Kippe. Nach einer Galgenfrist bis Anfang Dezember und Gesprächen mit Klub und Gruppen wurde es doch durchgezogen. Von den auf 350 limitierten Hardtickets konnten allerdings nur 150 zum Stückpreis von 48 Euro an den Mann gebracht werden. Mit verirrtem Partyvolk versammelten sich in der 500 Personen fassenden Halle am Sonnabend grob durchgezählt 250 Zahlende, am Sonntag waren es etwa 150. Viele trugen Kutte und Patronengurt.
 
Sonnabend, 10. Dezember (1. Tag)
 
Bei Frost und zartem Schnee traf ich um sechs mit meinem Mädel und rot-blauen Armbändern im Bett ein. Nach vier Jahren Abstinenz war der einstige Lieblingsklub im Frankfurter Gallus kaum wiederzuerkennen. Bar, Garderobe, Marktstand und Backstage hatten die Seiten gewechselt, das Mischpult sich kompakt verkleinert. Geblieben waren nur die Bühne und Latrinen. Wände und Decke waren frisch geschwärzt, an der Stirnseite prangte in dicken, weißen Lettern DAS BETT. Unter den Besuchern begegneten wir Murmler-Micha von „Rockstage Riot“ und dem Urfaust-Kuttenträger Guido. Till von den Epic-Metallern Elvenpath hütete den Stand von Taunusmetal, Gorilla Monsoons Drumster Sandro den der Dresdner Deathrite.
Eingeleitet wurde das Festival durch eine stoisch tuckernde Harley und eine Motörhead-Tribute-Band namens POISÖNED SPEED. „Lemmy, bist du´s?“, ließe sich lakonisch sagen. Mit seinem Bart, den langen schwarzen Haaren und dem überhöhten Mikro sah der Frontmann nicht nur aus wie Lemmy in seinen jungen Jahren, nein, er spielte die Bassgitarre wie Mister Kilmister, bewegte sich so und kam auch stimmlich nah ans Original heran. Poisöned Speed waren eine Gratwanderung zwischen Raubzug, Kult und Beutekunst. Doch irgendwie nahm man den drei koolen Kerlen aus Nordrhein-Westfalen ab, daß sie das Powertrio aus Verehrung zu Motörhead und dem Speedrock der Achtziger gegründet hatte. Dies war ein stürmischer Auftakt!
In sehr stimmungsvoll vernebelter Atmosphäre mit totenblassem Gelichter begann der Auftritt der Nihilsten auf Lebenszeit URZA. Das 2015 gegründete Funeral-Death-Doom-Quintett aus Berlin hatte mit Steps einen neuen, zweiten Gitarristen in seinen Reihen (der sich dem Vernehmen nach stark in die Gruppe einbringt), und zeigte sich besonders stilistlisch in neuem Gewand. Urza kamen langsamer, reduzierter und ekstatischer als je zuvor. Ihre schnellen Passagen vom Albumdebüt waren vollständig ausgespart und die Verzerrungen und Tiefen bis an die Grenzen ausgereizt. Thoms harsches, gequältes Grunzen war einem hell gefauchten, bisweilen auch keifenden Gesang gewichen. Jenen untermalte er mit einer Art symbolischer Fingersprache. Anstelle verzweifelten Wahns trat hypnotisierende Monontonie schwankend zwischen unverständlicher Verwirrung und totaler Hoffnungslosigkeit. Urza hatten drei Lieder, jedes ein fünfzehminütiger Koloss: zuerst zwei noch unveröffentlichte, totale Slowbanger (mit geheimen Namen); und final das etwas „schnellere“ „In the Aftermath of Dystopia“ (welches wiederum 2020 in Leipzig, wenige Wochen vor Corona, brandneu war). Ich fühlte mich geehrt, als das Mädel am Händlerstand nach meinem Kauf einer Kapuzenjacke ihre Hände segnend vor mir faltete, und die Freundin des neuen Gitarristen mich nach allem Möglichen ausspionierte. Später im Freien ergaben sich ein paar Worte mit dem belgischen Bassisten Marc Leclerc, der auch auf den neuen Keifgesang stand, aber das Growling nicht ganz missen möchte...
OPHIS waren zusammen mit Urza die beiden Gruppen des diesjährigen Festivals, die ich unbedingt erleben wollte. Und Urzas „In the Aftermath of Dystopia“ wiederum war der perfekte Brückenschlag zu ihren nihlistischen Gleichgesinnten aus Hamburg. In der Vornacht in Braunschweig doomten Ophis und Urza vor sechzig Gesichtern, heute kam das Vierfache. Phil Kruppa zeigte sich erfreut über das Zustandekommen. In die goldene Mitte gesetzt, startete Deutschlands führendes Death-Doom-Kommando in anderer Form gegenüber Hammer Of Doom vor drei Wochen. Mit „Earth Expired“ stand diesmal eine Altigkeit vom 'Withered Shades“-Album am Beginn... gefolgt von „The Perennial Wound“ und „Dysmelian“... bevor das Ritual mit „The Stagnant Room“ ein neues, unter die Haut gehendes Ende nahm. „The Stagnant Room“ war ein Lied über Depressionen, nichts Besonderes, aber sehr wichtig. Oh, nein: Es war etwas ganz Besonderes, eine regelrechte Kaskade der Emotionen, getragen von den klirrenden Trossen des neuen Sechssaiters Floris, der nebenher Mitglied der Avantgarde-Black-Metaller Todtgelichter ist und zuweilen als Co-Leadsänger agierte. Gibt es ein bessere Art, um Gefühle und Empfindungen zu vermitteln, als Doom? Nicht nur mit ihrern Liedern, sondern auch durch Botschaften und Fragen wie der von Phil nach dem Aussehen von Gott, wenn der Mensch dessen Abbild sein soll... Ophis waren erneut eine Zelebration der Nichtigkeit menschlicher Existenz in seiner reinsten Form - finster, verzweifelt, voller abgründiger Morbidität und zugleich in aller Urgewalt. Herausgeraspelt mit einer Stimme, die nicht menschlich schien. Und dabei wirkten die Vier gerade wegen ihrer unvermummten, schlichten Ästhetik manchmal wie gebrochene Helden. Aber auch wie etwas Gigantisches, das sich langsam wie die namensgebende Schlange dahinschlängelt - und die Kreatur Mensch in den Schatten stellt. Phil erzählte mir, daß „der Sound etwas wackelig, aber ansonsten alles in Ordnung war“. Hail Ophis! Hail Misanthropia!
Drumster Sandro hatte sich bei unserem heutigen Wiedersehen nach langer Zeit verwundert gezeigt, daß er im Netz bereits als Trommler für DEATHRITE geführt wurde. Die Dresdner hatten wir vor vier Jahren im heimischen „Chemo“-Klub erlebt. Damals war Sandro noch nicht dabei. Und damals spielten Deathrite auch etwas anderes als heute - eine Art schwedischen Meldodic Death Metal - und waren dabei scheinbar stark von Lampenfieber geplagt. Heute war alles anders. Trotz langer Anreise vom letzten Konzertort Leipzig, wirkten Deathrite wie junge wilde Tiere, superfrisch, atemlos, sie strotzten vor Energie und headbangten von Anfang bis Ende entfesselt durch - zuvorderst ihr mit kräftiger, klarer Stimme delirierender Blondschopf Tony, der ein Nicki mit aufgesetztem Kopfschuß trug. Deathrite weckten Erinnerungen an die Speed-und Fuzzrocker Hellacopters zur Sturm-und-Drang-Zeit. Doch ihr Stil war einzigartig, einmalig und nicht in Worte zu fassen. Sie waren die Todespunker der Nacht!
So wie manche den primitiven Neandertaler-Thrash der frühen Hellhammer und Sodom der komplizierten Komplexität der späten Death vorziehen, gehöre ich zu den Leuten, die den langsamen, tiefen Doom dem schnellen, barbarischen Black Thrash vorziehen. DESASTER aus Koblenz zählten zu Letzteren. Obwohl die Gruppe respektive ihr Gitarrist Infernal seit 1988 unterwegs ist und in der Zeit neun Langeisen rausbrachte, waren Desaster komplett Unbekannte für mich. Nachdem sie ein riesiges Banner mit dem Gruppenemblem vor satanisch umgedrehtem Pentagramm gehisst und sich mit langen Haaren, blanker Brust, bizarren Lederriemen und Patronengurten in Stellung gebracht hatten, wurde ab 22 Uhr 40 zerstört, in Stücke gerissen und zu Tode geschossen. Nach einer Viertelstunde hatten sie uns mit ihrem aus der Zeit gefallenen Krawall im grellen Achtziger-Metal-Stil das Licht ausgeblasen.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
POISÖNED SPEED
(18.10-18.50)
1. Crash and Burn
2. Winner
3. Rebellion of Human Garbage
4. Knife Gang
5. Poison Queen
6. White Lines, Fast Times
7. Redneck Train
8. Fistfights Under Neon Lights
9. Ale Jammer
 
URZA
(19.08-19.53)
1. Maunder Minimum
2. In the Aftermath of Dystopia
3. Through Ages of Colossal Embitterment
 
OPHIS
(20.20-21.09)
Intro
1. Earth Expired
2. The Perennial Wound
3. Dysmelian
4. The Stagnant Room
 
DEATHRITE
(21.30-22.09)
1. Drowned by Humanity
2. Repulsive Obsession
3. Into the Ever Black
4. Delirium
5. Restless Eyes
6. Someone to Bleed
7. Vortex
8. Sepulchral Rapture
9. All Consume
 
DESASTER
(22.40-XX.XX)
Liste war Geheime Kommandosache
Auf dem Heimweg begegneten wir einem Langhaarigen aus Wiesbaden und stellten fest, daß wir auf vielen Konzerten der letzten Jahre ins gleiche Licht sahen - ohne daß wir uns je trafen. Seb offenbarte sich als großer Anhänger von Saint Vitus und er brannte auf Ultha am Folgetag. Beim Umstieg am Frankfurter Hauptbahnhof mußten wir als eine der Letzten unserer Art durch die hupenden Autokorsos der Marokkaner, deren Mannschaft zeitgleich zum Wild Boars bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gegen Portugal gewonnen hatte. Wir fühlten uns wie Fremde im Heimatland. Aber es ist nochmal gutgegangen - wie auch die chaotische Abfahrt unseres letzten Zuges auf umgeschwenktem Gleis. Gute Nacht, Frankfurt... bis morgen...
 
 
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Text: und Bilder: Heiliger Vitus, 17. Dezember 2022