In der folgenden Geschichte sind Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit beabsichtigt.
Die letzten Glühwürmchen
 
Deutschland, Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Wunden des Krieges klafften noch, Dresdens Straßenzüge lagen noch von Feindfliegern in Ruinen gebombt, ausgebrannte Fensterhöhlen waren zu sehen, die Fassaden rochen noch rußgeschwärzt, schwelten noch geradezu. Tanzschuppen ließen sich an einer Hand abzählen. Irgendwo, irgendwann ist es passiert: Die zwanzigjährige Schöne vom Lande wurde vom Kerl mit der größten Klappe geschwängert, und der neue Mensch als Kriegsenkel in der dritten Rauhnacht ins Leben geschickt. Freunde würden ihn später „Vitus“ rufen. Das wallawalla Hügelland vor den Toren der Elbestadt war die Heimat. Ein Haus aus schwarzem Holz direkt vor den wuchtigen Bäumen und Lichtungen des Poisenwalds, umgeben von Busch und goldenem Feld an einem steilen Abhang mit rauschendem Bach im Wiesengrund. Ein Ort, wo der Winter beißenden Wind, meterhohe Schneewehen und lange Dunkelheit brachte, und Väterchen Frost Eisblumen auf die Fenster zauberte. Wo die Sommer voller Schmetterlinge, Leuchtkäfer und summender Bienen waren, und Holzstöße unter der unendlich weiten Sternenkuppel knisterten. Der Himmel wölbte sich meistens wolkenlos klar und wunderschön blau wie eine See über dieser Landschaft. Die Natur hatte ihr alles gegeben, was es an Frieden auf dieser Erde geben konnte. Ein einziges Schimmern und Funkeln war das gewesen, am schönsten Fleck der Welt. Die Stube wurde noch mit Kohle befeuert. Ein Radio und ein Fernseher mit zwei Sendern und drehbarer Antenne: die einzigen elektrischen Errungenschaften. Ein Garten mit grünen Gräsern, wunderschönen Blumenfeldern und langen Gemüsebeeten war da. Ein Bassin hatte da gestanden, Apfelbäume, Holunder, Kirschen, Pflaumen und duftender Flieder. Die Sträucher hingen voller frischer Beeren, Federvieh war da gewesen, ein Hund und Kaninchen. Am Zaun stand eine Laube mit doppeltem Boden, Stroh zum Träumen und einem staubigen Fenster als Ausblick. Der rostige Drahtesel dort drin stammte wohl noch von der ersten Tour de France. Und dann die Erkundungsgänge durch das alte Haus aus den Vierzigern. Jede Menge Krempel war da zu entdecken. Unten im Keller parkte ein „Adler Trumpf“ aus der Zeit, mit knarzenden Ledersitzen, geheimnisvollen Tachometern und „Kontag“-Benzin im Tank. Der Dachboden war eine Schatztruhe voller Bücher, verstaubter Abzeichen und Utensilien aus vergangenen Zeiten. Doch manches, auf das er stieß, blieb geheim - darunter die „Gewittertruhe“. Erschaffen hatte das alles sein sudetendeutscher Opa, der in den letzten Kriegswehen auf der Suche nach einer neuen Heimat in Sachsen hängenblieb. Auch ein Mädel war da nebenan: die Tochter des Bürgermeisters als erste verstohlene Romanze. Von Ameisen wurden sie in den Hintern gepiekt. Und dann der Wald... Sonntags machte der Zigarre schmauchende Großvater mit ihm Morgenausflüge tief hinein zum Pilzesammeln oder zur Holzbeschaffung. Ansonsten hatte Vitus den „Busch“ für sich allein. Er lud zu rasanten Schußfahrten im Schlitten bis hinunter ins Tal. Oder zur Besteigung des Hochsitzes an der riesigen Eiche. Der Sprung von der obersten Sprosse war für ihn eine unwiderstehliche Mutprobe. Noch tollkühner und gefährlicher war nur die Unterquerung der Eutschützer Mühle im tintenschwarzen, engen Bachtunnel - immer mit Schiß, vom strengen Mühlenwirt erwischt zu werden. Frei und unbeschwert waren die Sechzigerjahre. Vitus war glücklich, er lebte in seinem goldenen Zeitalter. Alles, was geblieben ist, ist ein Blumenhügel von seinen Großeltern, die zwei Kriege überstanden. Sie waren die letzten Zeugen dessen, was einst war und nun für immer verloren ist.
 
Der Sozialismus siegt
 
„Seid bereit!“ - „Immer bereit!“: In Zeltlagern, im Knistern von Fackeln und bei Fahnenappellen, schwor Pionier Vitus den Treueeid auf sein Land. Er lernte das Einmaleins von Miteinander und Zusammennhalt, was Kameradschaft, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind. Keine Stände, keine Klassen, keine irdischen Vorgesetzten. Er glaubte fest an den Sozialismus. Sein Weg war vorgezeichnet und sicher. Später in der FDJ lautete der Kampfruf „Freundschaft!“ Das Blauhemd mit dem Sonnenzeichen am Ärmel war gebügelt rein, der Kopf kurzgeschoren, und Werte wie Achtung, Disziplin, Bescheidenheit und Ordnung das Normalste auf Erden. Aber er war auch etwas aus der Art geschlagen, hatte eine melancholische Ader, war introvertiert und liebte die Körperlichkeit über alles. Mit wilden, mitunter blutigen Keilereien, errang Vitus den Respekt der anderen. Auch knospten plötzlich unbekannte Gefühle für Mädel... Aber er malte auch gern, baute Drachen und Flieger. In der Lehre überlagerte der Kalte Krieg die Freude am Spiel und Sport mit einem militärischen Akzent. So waren die Jahre als Stift auch oft die reinsten Wehrsportübungen. Die Vormilitärische Ausbildung sollte ihn wie in einer Ahnung für den späteren Lebenskampf schulen und stärken.
 
Dresden
 
Mit den Clogs, Polyesterhemden und Schlaghosen der Siebziger endeten die letzten unschuldigen Jahre der Kindheit und die magischen Abenteuer als Pimpf abrupt. Aufbruch lag in der Luft. Doch die Siebziger sollten auch eine Geschichte der Abschiede, der Enttäuschungen und Armut werden, eine Zeit zwischen hoffnungsvollem Neuanfang und harscher Wirklichkeit... Seine Familie ließ das Dorf des Friedens hinter sich und zog ins noch immer vom Krieg gezeichnete Dresden. Hier verbrachte er seine Jugend. Wo es Bomben geregnet hatte, reihten sich bereits Häuserblöcke mit den Errungenschaften der Moderne. Doch nach wie vor strahlten Ruinen und Trümmerlandschaften die schaurige Atmosphäre der vom Krieg zerstörten Stadt aus. Ein in der Kristallnacht ausgebranntes Glaubensgebäude blieb als unheimliches Mahnmal genau so stehen wie die durch Britenbomber zerstörte Frauenkirche. Statt auf Mond und Sterne blickte er in der Dresdner Südvorstadt auf Gaslichter und Fenster mit vielen Augen. Das Leben war nun entbehrungsreicher, oft auch geprägt von Hunger, Kälte und Krankheit. Seine ebenso talentierte wie leichtlebige Mutter verfiel Männern und Berauschung. Sein Vater, der echte, hatte ihn als Kind im Stich gelassen. Er kannte ihn nur geisterhaft von den rosa Karten mit der Alimente. Erstmals trafen sie sich nach achtzehn Jahren. Da war es schon zu spät, das Eis noch zu brechen. Nur auf sich gestellt suchte der vernachlässigte Junge in der großen Stadt ein Stück Halt. Wer im Florenz an der Elbe heranwächst, wird entweder Künstler oder Athlet. Da ihm für ein Instrument die Geduld und der Feinnerv fehlten, und weil er auch wenig von subversiven Parkas, langen Haaren, Jesuslatschen und filterlosen „Karo“s hielt, fiel die Entscheidung gegen das Geistreiche. Alle Kräfte wurden gebündelt und unter dem Einfluß des in seiner Heimat so populären und glorifizierten Sports in die organisierten Bahnen des Leistungssports gelenkt. Letztlich stellte die Mentalität der DDR die physische Leistung der geistigen ebenbürtig - sogar über sie!
 
Durchs Stahlbad: Kampfsport
 
Schon als kleiner Junge hatte Vitus sich im Dorfverein als Fußballer versucht, schnell aber seine Begeisterung für den Kampf Mann gegen Mann - damals Junge gegen Junge - entdeckt. Mit zehn Jahren und schmächtigen sechzig Pfund wurde er Mitglied der Judoabteilung von Lok Dresden. Rasch waren ihm Seoi-nage und Tomoe-nage in Fleisch und Blut übergangen und der 4. Kyu erlangt. Voll von roher Rauflust reihte sich Sieg an Sieg. Technik und Strategie waren bei den Kämpfen aber ebenso wichtig wie zuvor beim Kicken. Damit stand Vitus auf Kriegsfuß. Versiertere Gegner folgten und taten ihm weh. Immer öfter verließ er die Tatami nun mit einem Rückschlag. Eine Verletzung brachte den Knockout. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Denn der Drill in schlechter Luft und auf verwanzten Matten hatte ihm sowieso die Lust an der Japanischen Kampfkunst geraubt. Sein Bruder machte es besser und wurde Dan-Träger und Judo-Lehrer.
Durchs Stahlbad: Sportler kämpfen für Frieden, Einheit und Aufbau!
 
1976 lief Vitus zu den Radrennfahrern über. Die Teufelskerle der Landstraße hatten es ihm mächtig angetan, die Verschmelzung von Mensch und Maschine. In keiner anderen Sportart wird dieser Grad von Zähigkeit und Härte, von Energie und Organkraft entwickelt. Die Mutter kaufte ihm das erste Rad, ein Sportrad von „Diamant“, ohne Schaltung, mit Drahtreifen und Schutzblechen. Tief fasziniert wälzte er im Keller einer Bücherei ein vergilbtes Lehrbuch, und saugte wie ein Schwamm alles auf, was er über seine erste große Liebe erfahren konnte. Die Fanfare der Friedensfahrt jagte dem jungen Vitus alljährlich im Mai Schauer um Schauer unter die Haut. Er wollte hoch hinaus, am liebsten Profi werden. Hartnick und Drogan, die Idole. Doch der Traum stand unter keinem guten Stern: Die Aufnahme in die Elitesportschule KJS blieb ihm verwehrt. Zu alt mit vierzehn? War das Umfeld ideologisch unsicher? Der Grund blieb im Dunkeln. Zudem machte ihm der in Scherben geschlagene Bund der Eltern zu schaffen. Er erlebte, was passiert, wenn aus Partnern Feinde werden. Das Essen mußte er sich selber machen und beschränkte sich oft auf zuckerbestreute Butterbemmen. Aber er hatte Glück in der Wahl der Sportgruppe. Im Arbeitersportverein Aufbau Dresden-Mitte - als „Excelsior“ früher zu den führenden Bahnrennern Deutschlands zählend - traf er einige der besten Männer, die ihm je begegneten. Voller Demut und Hingabe, alles hintenanstellend, fuhr er mehrmals die Woche zum Training auf der Dresdner Radrennbahn. Die war lang, vierhundert Meter, und eine von wenigen in Sachsen. Der Damm der Eisenbahn und eine Laubenkolonie ihre Umgebung. Davor standen alte Kastanien und eine Baracke mit dem Geruch aus Reifenkleber und Kettenöl. Das Knattern des klapprigen Kompressors, der Luft in die Rennräder hämmerte, die Freunde, die mit ihm durch dick und dünn gingen: Wie oft er das alles vermißt! - Blitzende Speichen, ein Rennlenker und Schalthebel aus Alu, ein schmaler Sattel, flinke Schlauchreifen, Radhosen aus schwarzer Wolle mit einem Polster aus Ziegenleder, das Trikot noch von der Oma abgenäht, eine Lizenz für die Kleine Jugend, Ausfahrten in der Gruppe, stolzes Rundendrehen auf Zement. Doch auch üble Stürze, Sepso-Tinktur und Wunden bis aufs rohe Fleisch: Das alles brachte die erste Saison. Im Winter folgten wieder Abhärtung, Eisenstemmen und mörderharte Treppen- und Waldläufe im Elbhang und durch die tief verschneite Dresdner Heide. Die Sportler sahen aus wie Rübezahl, hatten Rotz und Eiszapfen in den Haaren, naße Schuhe. Die Kameradschaft war ohnegleichen. Auf die gründliche Durchbildung in Schnee und Kälte folgte der Lohn. Vordere Ergebnisse in der Großen Jugend schürten Hoffnungen. Nun ordnete Vitus dem Sport alles unter. Jede freie Minute saß er auf dem Rad. Vom Leipziger Tiefland zu den Hügeln der Oberlausitz, von den Gipfeln des Sudetenlands in die weite Ebene der Niederlausitz kannte er jeden Stein. Auf den Fernverkehrsstraßen Sechs, Hundertsiebzig und Hunderzweiundsiebzig war er daheim. Bald hing sein Zimmer voller Schärpen, Schleifen und Medaillen. Vitus schlief mit seinem Rad. Er wurde für Trainingslager vom Dienst freigestellt. Treten bis der Schmerz in die Beine schießt, bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen, bei Wind und Sturm: die Vorgabe.
Mit dem ersten Bartflaum die Beförderung zu den Amateuren. Getrieben vom „He-he-heee!“ der Meute, die erste Siegerschleife im zweiten Rennen. Erkämpft mit einer Straßenmaschine, die er aus schwer zu erstehenden Teilen zusammengeschraubt hatte: Tretlager, Pedale, Schaltung und Naben waren italienisches Campagnolo, die Bremsen Swiss Made, Rahmen und Sattel aus der Tschechei eingeschmuggelt. Immer in Angst, von den Grenzern - also der Stasi - erwischt zu werden. Damals war die Tschechei noch wirklich große weite Welt. Das Geld war im Lenkerrohr versteckt. Er hatte es mit Drecksarbeiten verdient: auf dem Feld, dem Bau, bei der Reichsbahn, im Uran, im Unternehmen des Vaters. Der überließ ihm manchmal sogar seinen russischen „Wolga“. Im Hoffen auf den Durchbruch schloß sich Vitus einer Sportgemeinschaft mit dem Nimbus mehrmaliger DDR-Meister in ihren Reihen an: der mythisch verklärten Querfeldein-Hochburg Dynamo Dresden-Nord. Stolz trug er nun die weiße D-Rune auf weinrotem Grund auf der Brust. Mit aller seiner Kraft stürzte er sich in die neue Aufgabe. Doch je mehr er opferte, umso stärker wurde das miese Gefühl, seine alten Gefährten im Stich gelassen zu haben. In der Kaderschmiede herrschte zwar Zucht, Ordnung und Kampf - nur an Kameradschaft haperte es. Wärme empfand er dort nie. Der alte Geist war gestorben, und die Glanztaten der großen Namen wollten nicht auf den Youngster abfärben. Dynamo Nord brachte ihn nicht weiter. Das Interesse der unterstützenden Bereitschaftspolizei erlosch, die Abteilung Radsport fiel aus der Förderung. Als Quartier mußte ein leerstehendes Haus in der Adlergasse herhalten. Wo vorm Krieg Dresdner Bürger wohnten, waren nun Kraftraum, Werkstatt und Versammlungsraum untergebracht, das stockfinstere Treppenhaus diente als Trainingsort. In der Adlergasse trafen sich die Sportler auch immer vorm Rennen. Nachdem sie anfangs noch unter kratzigen Wolldecken von Pritschenlastern der Bepo zum Startort gekarrt wurden, scheiterte die Teilnahme an den nationalen Auswahlrennen später bereits an der Anreise. Manchmal hatte Vitus auch schon über fünfzig Kilometer im Rennsattel in den Beinen, als er am Start stand. Damit entgingen wichtige Ranglistenpunkte, die ihn weitergebracht hätten. Dazu spukten ihm zwei grausenvolle Unfälle im Kopf herum: Ein Freund wurde beim Zusammenstoß mit einem Auto aus dem Leben gerissen, ein anderer blieb gelähmt für immer. Vitus kam immer von ganz unten. Eine gewisse Dunkelheit verdeckte den Aufstieg. Er war ihm nah, aber am Ende gab es immer eine unbekannte Macht, die stärker war. Keins der acht vom Staat erlauchten und verhätschelten radsportlichen Leistungszentren wollte ihn haben. Alle Bewerbungen und Delegierungen wurden abgelehnt. Der Versuch, über eine Parteimitgliedschaft und als Offiziersschüler der Luftwaffe bei den Sportsoldaten des ASK Vorwärts Frankfurt unterzukommen, scheiterte, weil wichtige Informationen nicht weitergegeben wurden. So erfuhr er Jahre später, daß der maßgebliche Funktionär - ein Bekannter seines Vaters - nichts von ihm wußte. „Hätte ich den Hinweis gehabt, hätte ich ihn geholt“, sagte der Offizier. Alles Makulatur, wenn es vorbei ist. Vitus´ Abgang von der „Fahne“ erfolgte in Unehren.
 
Wenn Glocken läuten, Dämme bersten, Bomben explodieren...
 
Mehr als zu Frauen hatte es ihn bislang aufs Rad gezogen. Nun war er schon achtzehn und spitz wie eine Reißzwecke. Die Zeit war also reif für die andere Seite. Endlich die Verlockungen des Lebens kennenlernen, in hautengen Shirts und expliziten Bluejeans posieren. Mädel und Musik hatte er im Schädel, wollte pimpern und verbotene Getränke austesten. Die unterdrückten Triebe waren genau so katastrophal, wie der erste Suff und der kalte Sex mit einer Diskomieze. Eine Schwarze Witwe verdrehte ihm den Kopf als erste richtig. Doch sie brachte zwei Kinder mit und verschwand eines Tages wie ein Stasispitzel ohne jedes Zeichen von der Bildfläche. Im verhexten siebenten Jahr hatte Vitus den Kanal voll. Nach einer langen Latte von Erfolgen - vierundfünfzigmal auf dem Treppchen, darunter etliche sächsische Landesmeisterschaften, zuletzt allerdings herben Rückschlägen und Enttäuschungen -, begrub er den großen Traum und vermachte sein Rennrad mit den Tränen kämpfend dem mehrmaligen Querfeldeinmeister Mosch, mit dem er mal ein Zweier-Mannschaftsfahren gewann. Im Herbst ´82 kam der Ausstieg aus elf Jahren Leistungssport in der DDR. Mit gerade mal zwanzig Jahren. Einer der drei größten Fehler seines Lebens.
Fall und Flucht
 
Fortan war der junge Mann dagegen. Doch er verspürte keinen Zorn gegen das sozialistische Vaterland. Nein. Einzig aus Enttäuschung über die Sportführung entschloß er sich zur Rückgabe seines Parteibuchs und des „Bonbons“, dem Parteiabzeichen. Damit war die Zukunft verbaut. Aber ohne Radsport gab es sowieso keine. Doch auch die Führung wollte ihn nun schleunigst wieder loswerden. Er wurde strafversetzt - von einer gediegenen Stelle im Außendienst in die finstersten Fabrikhallen der Stadt. Dort trotzte er der Flaschenreinigung in der nächtlichen Kelterei einen ganz eigenen Zauber ab. Statt zu trainieren machte er speiüble Erfahrungen über der Kloschüssel und geriet in einen Strudel aus Alkohol und Schlägereien. Verlorene Linie, verlorene Liebe, Porzellan wurde zerschlagen, Erinnerungen in Kisten verpackt. Vitus war raus aus der Spur. Liebliche Flausen zogen ihn in ferne Länder. Raus aus dem Tal der Ahnungslosen, ab in die Freiheit. Blauäugig und ohne zu ahnen, was die große Ungewisse bedeuten sollte. 1983 stellte er einen Ausreiseantrag. Damit waren die Brücken zum alten Leben endgültig abgebrochen, seine Bude bald verkauft, die letzten Platten verschachert. Ohne ein Wort des Abschieds verschwand er auch aus dem Leben seiner Blutsverwandten. Die meisten sollte er nie wiedersehen. Beim Versuch rüberzumachen, schwebte er in großer Gefahr: Vitus geriet in die Fänge der Staatssicherheit. Eine schnelle Eingreiftruppe setzte ihn fest. Er wurde eingebuchtet, mußte ein quälendes, endloses Nichts überwinden und unter Lebensgefahr am fließenden Stahl arbeiten... bis plötzlich alles ganz schnell ging, und der Westen ihn rausholte.
 
Vom Zoni zum Bundi - Hinter feindlichen Linien
 
Das Jahr 1984: Im ersten Morgenlicht der Weg durch die Mauer............ ins Leere. In eine Odyssee durch ein Blendwerk. Westdeutschland in der Kohlära. Die Arbeitslosigkeit stieg unaufhörlich. Neonazis, Skins, Punker und Heavymetaller machten die Straßen unsicher. Der erste Hoffnungspunkt hieß Gießen. Gleich nach seiner ersten Unternehmung - dem Besuch einer Rotlichtbar - war die Begrüßungsgabe weg. Gießen bedeutete nur einen Kurzaufenthalt. Zum Abschied steckte ihm jemand ein „Butterfly“ zu - damit er sich gegen die Türken wehren konnte, von denen jeder eins hatte. Das also war die Freiheit. Die erste neue Wohnanschrift ergab sich in Nürnberg. Vitus war Anfang zwanzig, voller Energie, aber ohne Plan. Er träumte von Chicago, von Los Angeles und Straßenkreuzern, und startete einen vagen Versuch, die Radkarriere wieder aufzunehmen. Das Angebot, in einem Vorstadtklub noch mal neu anzufangen, lehnte er ab. Stattdessen verführten ihn Lohndirnen, trinkwütige Osteuropäer und türkische Haschischdealer. Im Sommer ´84 kam Vitus beim „Monsters Of Rock“ auf dem Zeppelinfeld zum erstenmal mit Heavy Metal in Berührung: Mötley Crüe in natura... Nach Randalen in Nürnberg setzte er sich in letzter Sekunde ins nächste Flugzeug nach Westberlin, wo er auf Hilfe durch einen alten Bekannten hoffte. Beim Abschied weinte ein Basketballspieler aus Rumänien um ihn - einer der ganz wenigen, die das je taten... Die Mauerstadt also als nächste Destination. Wieder eine Expedition ins Ungewisse. Die Ankunft auf Tegel: bei Schnee und in finsterster Dunkelheit mit einer Reisetasche und den letzten Groschen. Der Bekannter in Lankwitz konnte ihn nicht aufnehmen. Doch er bekam unerwartet Hilfe; Das Pärchen aus dem Flieger brachte ihn zunächst in einer Wohngemeinschaft in Schmargendorf unter - und reichte ihn dann weiter an eine Kifferkommune nah der Festung Spandau. Jene überließ ihm einen Schlafplatz in einem Hochbett auf Marihuana Island. Die Dusche war im nahen Stadtbad. Eine Affäre mit Sweet Leave Mary Jane? Unausweichlich! Denn statt mit Schrippen begann der Tag in dieser Wohngemeinschaft mit frisch geerntetem Gras und einer gigantischen Bong. Er ging weiter mit trivialem Gerede und endete bei selbstgemachtem Punk in der Stube. Zum Schutz vor Nachbarn war die Trommel mit einem Kissen ausgestopft. Der Grat, auf Suchtdrogen hängenzubleiben war genauso schmal wie der zu einem Stricher am Bahnhof Zoo. Am Ende war Vitus nicht der, der er gern sein wollte. Und die Zeit der Fehler, Verletzungen und Unsicherheit schien noch lange nicht vorüber. Heimweh packte ihn. Er litt wie ein verwundetes Tier und verwünschte all die Hirngespinste, die ihn aus Sachsen fortgerissen hatten. Als er eines Tages vom Brausen zurückkam, hatten die Kiffer seine Tasche in den Schnee vorm Haus gestellt. Berlin war nur eine weitere Durchgangsstation. Der Aufbruch kam abermals keine Minute zu früh.
Glitzerrausch, Neonhuren und Spucknapf: Kapitalistan
 
Vitus war zweiundzwanzig, völlig abgebrannt und wußte nicht, wohin. Aber dann erinnerte er sich an eine silberne Ansichtskarte mit glitzernden Wolkenkratzern und dem Main davor. „Frankfurt ist ein schmutziges Pflaster!“, hatte eine Dame ihn gewarnt. Doch er beschloß, den Verlockungen zu folgen. Nach einer langen, düster-beklemmenden Zugreise durch die ostdeutsche Winterlandschaft und den innerdeutschen Zaun traf Vitus im Januar 1985 mit nichts in Mainattan Frankfurt, Stadt der Liebe und Lichter, ein. Auf blinder Suche nach einem Obdach landete er zuerst in einem Achterzimmer im Hadejott am Rande des Kneipenviertels Alt-Sachsenhausen. Und dann im unheiligen Allerheiligenviertel, der häßlichen kleinen Schwester des Frankfurter Bahnhofsviertels. Dort dominierte Prostitution und Dealertum - Rotlichtwelt, wohin man blickte. Später siedelten sich der Bekleidungsladen Pitbull und Tätowierer Kevin von den Onkelz hier an. Täglich lockten ihn Dirnen mit kurzen Röcken und hohen Stöckeln in plüschig-morbide Bordelle - derweil im Dreck Junkies den Herointod starben. Zur Begrüßung im Westen durfte er auch eine Weile im Badischen Land verschnaufen - umhegt und verführt von Kurfeen. Nach Blutwechsel und körperlicher Aufrüstung die Rückkehr nach Frankfurt zu hellem Bier und Southern Comfort. Ein Schrauberjob im Fahrradlädchen vor Ort brachte neben dem alten Geruch aus Eisen, Gummi und Reifenkleber auch die ersten selbstverdienten Westmark ein. Etwas Kredit? Ein schnelles Auto? Eine Frau - schwarz, weiß oder gelb? Was darf es sein?... Er kam im hedonistischen Westend unter und probte das freie Kommunenleben. Getrieben von unstillbarem Lebenshunger machte er fünf, sechs Jahre lang die Nächte durch, legte seinen sächsischen Akzent ab, hing als Beau in Bars herum, raste aus reinem Übermut mit einigen Umdrehungen im tiefergelegten Sechzehnventiler gen Nirgendwo, suchte Geborgenheit in Sexabenteuern, und sollte zum Callboy ausgebildet werden. Es war eine wilde Zeit, das stand mal fest. Doch für dieses Leben fehlte ihm Kaltschnäuzigkeit. Er konnte nicht lügen. Und langsam beschlich ihn das seltsame Gefühl, daß im Schlaraffenland etwas nicht stimmt. Was in Nürnberg und Berlin noch unterschwellig schlummerte, wurde in der Revolverstadt zum täglichen Terror: zu viele Farben, schleimige Gestalten, geschändete Sprache aus befremdlichen Schleiern und gefährlichen Bärten. Das war fremd und nur mit allergrößter Ignoranz auszuhalten. Er erkannte das kriecherische Wesen des Volkes im Westen, und wurde konfrontiert mit Hetze und Lügen. Der Propagandschirm verbog die Wahrheit, verbreitete niederträchtige Lügen über den Arbeiter- und Bauernstaat, in dem keiner von denen je war. Er prallte auf Welten. Auf der einen Seite die Fratze des Mammons, eine kalte kapitalistische Gesellschaft, die sich über Geld und Macht, Konsum und Status identifiziert; auf der anderen Seite Schafe, Nattern, Vasallen und kuschender Plebs in lebenslanger Knechtschaft; dazwischen kriminelle Horden voller ethischer Vergewaltigung und multinationalem Haß. Kann so was den Charakter verfärben?
 
Metal, Onkäls, Kneipenterroristen
 
Mit den vormaligen Krishnajüngern, Patchouliesoterikern und sonstigen Phantasten konnte Vitus überhaupt nichts anfangen. Aber Musik übte immer eine unleugbar starke emotionale Wirkung aus. Die erste Berührung hatte er Ende der Sechziger, als er als Kind auf einem kleinen Plattenspieler in Abwesenheit der Eltern heimlich eine Platte der Kinks hörte, Seitdem hatte er den Teufel im Leib und besonders für direkten, aggressiven Krach eine Antenne. In der frühen Jugend faszinierten ihn solche Gruppen wie die Puhdys, Black Sabbath, Deep Purple, Pink Floyd und Emerson, Lake and Palmer. (Für eine Schallplatte blechte man im Osten übrigens auf dem Schwarzmarkt ein Viertel seines Monatsverdiensts.) Im Westen Mitte der Achtziger brachte ihn ein rätselhaftes Mädel dazu, seine Jeans hauteng abnähen zu lassen, zu zerschlitzen, sich Bandshirts überzustreifen, die Haare etwas länger wachsen zu lassen und Schwermetall zu hören: Judas Priest, Iron Maiden Maiden, Van Halen... Dann ließ der Gott des Donners Speed-, Thrash- und Death Metal auf die Menschheit los - von Musikern seiner Generation. ´88 erlebte er Slayer und Overkill. Und plötzlich war alles anders. Die besten Metalbands aller Zeiten - Slayer, Overkill, Metallica und Megadeth - übertönten sein Alleinsein und gaben seinem Leben einen neuen Rhythmus, egal ob auf der Straße oder vor der heimischen Anlage. Noch brutaler waren nur Death, Obituary, Morbid Angel, Bolt Thrower und Grindcore. Vitus tauchte ab in den Untergrund, führte ein Dasein im Verborgenen, immer in Abhängigkeit vom nächsten Konzi und in ständiger Freude auf ein böses Shirt und die nächste Dröhnung zu Hause. In verrauchten, dunklen Rockklubs, verachteter Teil der Gesellschaft, fand er eine neue Heimat. Apokalyptische Vokale, überschallende Gitarren, dröhnende Bässe und die dumpfen Explosionen der Trommeln waren genau das, worauf er gewartet hatte. Wie leibhaftige Fegefeuer brannten sie durch die Lautsprecher, all die nihilistischen Lieder. In der Regel fünfzig Leute schauten mit ihm ins selbe Licht (oder in die Hölle). Lange Haare, Bomberjacke, Stahlkappen, Kluft mit Botschaft und tätowierte Totenköpfe gaben ihm Kraft und Stärke. Vitus war verrückt nach Metal, er atmete und er lebte ihn. Bös´, böser, böhse Onkäls: Weiße Teufel mit aufrechten Tönen brachten ihm den Stolz zurück. Zorn und nie endenwollender Haß peitschten das Adrenalin durch seine Adern. Er haßte jeden Mensch (und sich selber gleich mit). Zuschlagen ohne lange zu fackeln. Und auch einstecken. Der Schmerz im Kopf war ein vertrautes Gefühl. Betäubung suchte er bei schnellem Sex und Alkohol. Aber er pfiff sich auch Hasch und „H“ rein. Jede Woche führte mindestens eine Reise nach Nirgendwo. Zumindest erwachte er am nächsten Morgen ohne jede Ahnung, was am Vorabend passiert war. Nicht selten dabei ein Flirt mit dem Himmel. Aber er war zum Leben verdonnert. Dreimal kam er in der Notaufnahme zu sich. Eine Bekannte und ein Mediziner halfen ihm, mit Lexotanil gut durch den Tag zu kommen. „Aufschwung für die Seele“ versprach es. Er fühlte sich wie auf LSD. Bis der schlechte Teil des Trips begann... Vitus bekam es mit der Angst zu tun. Angst vor allem Möglichen. Besonders vor Menschen. Im Dienst hielt er es nur noch unter Glückspillen aus. Am Ende bestand er nur noch aus Angst und konnte nicht mehr die eigenen vier Wände verlassen. Nur eine Therapie rettete ihn vorm Abgrund. Vitus schien nicht gemacht für diese Welt.
 
Hurra, die Mauern ist gefallen! (Mit Speck fängt man Mäuse)
 
Mit dem deutschen Herbst ´89 kündigte sich eine neue Weltordnung an. Schon bald sollte die kapitalistische Gier die Welt in den Abgrund ziehen. Mit der Grenzöffnung läutete ausgerechnet der schicksalsbehaftete 9. November den Endzeitgong ein. Elf Monate später - im Oktober anno Scheiße - hatte sich die DDR mit dem fatalistischen Anschluß zur BRD selbst aufgelöst. Das Volk hatte sein Herz dem Teufel verkauft. Viele rannten blind ins Verderben. Andere hingen ihr Mäntelchen nach dem nächsten Wind. Nun konnten die Usurpatoren aus dem Westen endlich auf Raubzug im Osten gehen. Sie versprachen eine menschliche und gerechte Gesellschaft - und machten aus der DDR ein Haifischbecken. Gekrümmte „Treuhänder“ kamen als Retter in der Not und plünderten so unauffällig wie möglich die Errungenschaften seiner Heimat. Fabriken wurden eiskalt „abgewickelt“, das Beste davon ihrem System angepaßt, wie sie es kannten. Existenzen waren millionenfach entwertet und vernichtet. Manche wurden in den Tod getrieben. Häuser, Schlösser und Burgen, Seen und Küsten, Wälder und Ländereien - das ehemalige Volkseigentum! - wurde an Investoren und Spekulantentum verschachert. Es waren die Totengräber der DDR. Deutschland hatte nun zwar keine Mauer mehr, aber tiefe Gräben. Schurkische Mistschweine nahmen auch Vitus weg, was einmal wichtig war. Den Ort, mit dem er durch Geburt, Liebe und Erinnerungen verwachsen ist, wo er seine schönste Zeit hatte: das Land, daß einmal seinen Großeltern gehörte, die Heimat, die Vergangenheit. Damit war auch der Zerfall der Blutsverwandtschaft besiegelt. Vergessen wird das niemals!
 
Romeo und Julia
 
In der Melancholie des Novembers 1992, tief im Strudel aus Exzessen, führte die geheimnisvolle Macht des Zufalls Vitus mit einem zauberischen Geschöpf zusammen. Sie war eine zarte Mädelgestalt mit langen blonden Haaren, geheimnisvollen dunklen Augen, leuchtend weißer Haut und stand auf Punk, Indie und Grunge. Bei Kerzenlicht durchplauderten sie eine Nacht in einer Frankfurter Mansarde, hörten Platten von GG Allin bis in die Morgenstunden und blieben zusammen. Als Romeo gab Vitus seiner Julia den Spitznamen der Heldin aus „Wild at Heart“: Peanut. Peanut versüßte ihm das gesamte irdische Dasein. All die schweren Gedanken gingen, und alles schien möglich. Die neue Liebe und ferne Götter haben ihn in den beiden Metaldekaden immer wieder von üblen Substanzen gesäubert. Ohne Peanut wäre Vitus nicht mehr hier. Daß er die Frau seines Lebens gefunden hatte, begriff er erst viele Jahre später. Wie dem tragischen Liebespaar Romeo und Julia sollte das Leben Vitus und Peanut Steine, Freuden und Schrecken in den Weg legen............
 
Doom
 
Mit den Neunzigern fielen Speed-, Thrash- und Death Metal in Trümmer. Die Akteure hatten ihre Seelen verkauft. Nur eine Handvoll brachte es fertig, die alten Ideale hochzuhalten. Vitus schwor der Bewegung ab und verlor sich einige Jahre zwischen nichtigen Entartungen. Die Neunziger waren wirklich scheiße. Auf der Suche nach Tiefe entdeckte er den unterschätzten Doom. Nachdem ihn die erste Generation um Candlemass und Trouble nicht sonderlich anmachen konnte, verknallte sich Vitus Anfang der Neunziger umso heftiger in die Schneckenmusik von Cathedral, Eyehategod, Solitude Aeturnus und Saint Vitus. Solche Musik wurde damals nicht oft gemacht. Er verschwand in einer Welt von Nebel und Finsternis und in Ozeanen aus Tränen, endgültig resignierend vor der grausamen Wirklichkeit. Und war zugleich geheilt. Im Wissen, daß jemand genauso denkt und fühlt wie er. Fortan war Vitus geradezu manisch süchtig nach Langsamkeit, Tiefe und Schwere, dem „Doom-Gefühl“, wie Junkies nach ihrem Stoff.
Heimkehr
 
Lange war Vitus Sachsens verlorener Sohn. Bis ihn sein Mädel zu einer unerwarteten Reise nach Ostdeutschland ersuchte. Er sollte ihr die Stadt zeigen, in der er 1984 zum letztenmal gewesen war. Im September 1996 war es soweit: Mit bis zum Hals schlagendem Herzen sah er nach zwölf Jahren sein Dresden erstmals wieder. Vor Ort hatte sich nicht viel verändert. Elbflorenz hatte sich etwas herausgeputzt, die Straßen sahen glatter aus, waren aber durch den Denkmalschutz auf vielen Abschnitten immer noch mit dem alten Pflaster bestückt. Im Grunde war alles wie eh und je. In den Adern der Menschen floß Sachsenblut. Nur der geliebte Großvater war damals schon bald nach ihm gegangen. Doch die Oma war noch da, der Vater und die schon geisterhafte Mutter. Zwei Wochen im Sportinternat machten Vitus klar, wo er hingehört. Beim Abschied machte sich eine sehr starke Sentimentalität breit. Zurück in Frankfurt hatte er nur ein Ziel - er wollte wieder dorthin.
 
Heuern und Feuern (Von der Unterdrückung zur Befreiung)
 
Seinen Unterhalt verdiente er in Rechenzentren. Die maschinelle Verarbeitung von Informationen, die Komputertechnik, hatte zu Beginn des Digitalzeitalters - Mitte der Achtziger - noch etwas Geheimnisvolles. Damals waren Komputer noch mit Lochkarten und Magnetbändern betrieben. Neben rosigen Aussichten und der schnellen Mark war die moderne Wissenschaft aus Bits und Bytes überdies ein Schlupfloch in den strengen Regeln der Arbeitswelt. Zwei Jahrzehnte stand er dem virtuellen Tagwerk Gewehr bei Fuß. Oft mußte er sich verbiegen, aber er hat sie ertragen: die leeren Augen, kalten Herzen, rationalen Stimmen, die kühle Logik der Kopfmenschen, die Knute des tyrannischen Vorgesetzten, all die Beleidigungen, Beschämungen, Erniedrigungen und Zurückweisungen. Tag für Tag. Immer und immer wieder von vorn. Bis ihn der entfesselte Raubtierkapitalismus und die digitale Revolution überholten. Plötzlich übernahmen Internet-Tagelöhner aus aller Welt Aufgaben, die früher in Deutschland erledigt wurden. 2008 verlor Vitus´ Brotgeber die Übernahmeschlacht gegen einen „Global Player“. Im Zuge der Abwicklung wurde seine Abteilung eiskalt geopfert. Einerseits eine Erlösung, denn am Ende war er entmündigt und von stetig steigendem Druck und unmenschlicher Arbeitsverdichtung aller Freude beraubt. Auf der anderen Seite mußte er mit einem Schlag viele kleine Annehmlichkeiten, die das Leben verwöhnt, aufgeben. Was ihm immer selbstverständlich war, war nun plötzlich nicht mehr.
Kennziffer 42195 (Gerade noch mal die Kurve gekriegt)
 
Ende der Neunziger beschloß Vitus, die Psyche runterzuschalten, sich in den Konzertkellern Frankfurts rarer zu machen. Abschied zu nehmen auch vom Dolce Vita, den Ausschweifungen und der perfekten Illusion unter Palmen und südländischer Sonne, der Wollust und den Verfehlungen an Strand und Meer, den kleinen Momenten des Glücks. Er besann sich auf die alten Ideale. Wollte sehen, was der verrottete Körper noch hergab, wieder die eigene Kraft spüren. Und zugleich auch selbst was aufziehen. Nach einem ersten Abenteuer 1999 in Frankfurt schlich sich der Marathonlauf Schritt für Schritt in sein Leben. Die 42,195 Kilometer heldischen Ursprungs. Mythos und Martyrium, Triumph des gesunden Körpers über das geistreich Schwache. Aus einer Affäre wurde Abhängigkeit. Nachdem er zehn Jahre bei Wind und Wetter auf den Flußpfaden der Nidda einsam der verlorenen Zeit hinterhergejagt war, nachdem er für Volks- und Waldläufe mit Rucksack beladen über die Dörfer getingelt war, nach einundzwanzig mitunter erbärmlichen Versuchen, war er am Ziel seiner Träume. Vitus hatte etwas erreicht, was nur ganz wenige schaffen: einen Marathon unter drei Stunden zu laufen. Als Methusalem von 46 Jahren kreuzte er mit fast fünfzehn Stukis beim Berlin-Marathon 2008 nach zwei Stunden und fünfundfünzig Minuten die rostbraune Zeitmatte. Rotterdam bedeutete mit 2:52 Stunden später den persönlichen Weltrekord. Dreizehnmal sollte er die Marathonstrecke unter der magischen Marke laufen, zweimal fehlten nur gütiges Geschick und wenige Sekunden. Gleichzeitig begeisterte er sein Mädel für die Schinderei. Die Aktionen wurden immer verrückter - bis sie schließlich zusammen die fünf mystischen Kämpfe von Boston, London, Berlin, Chicago und New York vollendeten. Die Zielstriche auf der Boylston Street, The Mall, hinterm Brandenburger Tor, auf dem Columbus Drive und im Central Park: Sie haben sie alle gesehen. Und eine alte Liebe wurde wieder wach: Vitus stieg wieder aufs Rad und suchte sich auf den groben Stollen eines Mountainbikes kleine Fluchten übers Land. Im elften Jahr der sportlichen Neubelebung wurde er Teil von Spiridon Frankfurt. Peanut schloß sich kurz darauf an. Ab Dezember 2008 lief Vitus täglich. Auf dem Niddaradweg kannte er jeden Zentimeter. Nur die Quelle sah er nie. Achttausend Meter davor verlor sich die Spur. Mit der Winterwende 2010 machte er seine erste Erdumrundung seit Beginn der Aufzeichnungen mit dem Frankfurt-Marathon 1999 perfekt. Im August 2011 führte er eine Läuferin aus dem Marathonland Äthiopien zu ihrem ersten Lauf über vierzig Kilometer. Anschließend schlug diese ein Kreuz. Das veränderte sein Läuferleben. An der Seite der Äthiopierin fühlte er sich wie ein junger Gott. Nie war er so stark wie in diesen zwei Jahren. Bis er spürte, daß er verletztlich ist. Im Frühling 2012 kam es zu einem abrupten Ende des Kapitels Marathonlauf, als Vitus beim letzten Training vorm Hamburg-Marathon ein Muskel riß. Von diesem Schicksalsschlag hat er sich nicht wieder erholt, er war wie ein Bannstrahl. Nach einem letzten verzweifelten Aufbegehren im Folgejahr in Berlin, entschloß sich Vitus, die farbigen Rennklamotten an den Nagel zu hängen, und die totale Entschleunigung auszurufen.

Katharsis
 
Im Februar 2003 hatten sich Peanut und Vitus in freudiger Erregung auf eine Reise gemacht, die ein Wendepunkt ihres Lebens werden sollte: zu den winterweißen Tagen im Hohenloher Land mit dem ersten „Doom Shall Rise“. Sechzehn Gruppen, zwei Tage lang das überirdische Festival der Seelenverwandten. Herr Fopp persönlich führte Vitus und Peanut von der Straße weg in den inneren Kreis der Doom-Bewegung. Im Engelkeller tauchte auch ein Mann aus dem Jerichower Land auf. Sie freundeten uns an. Zauberelixier strömte, lange Haare begannen zu rotieren und Hotelkorridore sich spektakulär zu verbiegen. Für Augenblicke hielt sogar die Zeit an. Über jedem Konzert, was noch kommen sollte, schwebte fortan der Geist von Crailsheim. Und die Geschichte wiederholte sich... Vitus hatte viel vor. Der Gedanke, selbst einen Doom-Klub mit Ladengeschäft aufziehen, schwirrte schon lange in seinem Kopf herum. Er schmiedete Pläne für ein Doom-Festival. Aber mit guten Ideen lassen sich keine Rechnungen bezahlen. Dazu hemmte ihn der Dienst in Frankfurt an der Umsetzung... Im Sommer 2003 folgte im sächsischen Roitzschjora das nächste prägende Ereignis: die Begegnung mit den magischen Saint Vitus. In Ehrfurcht durfte er Dave, Wino, Marc und Armando die Hand reichen und entschwebte in ganz andere Sphären. Peanut bekam im Arm von Wino sogar ein inneres Wetterleuchten... Überhaupt... Crailsheim, Langenzenn, Nürnberg, Göppingen, Gent, Rotterdam, Würzburg, Huy, Brüssel, Edinburgh... Zusammen mit seinem Mädel purzelte Vitus dort in überwältigend lebendige Traumwelten. Sie begegneten verschlagen grinsenden Langhaarigen, total zugeknallten Kuttenträgern, eisenharten Trinkern, schwarzen Seelen, Doom-Lunatics, dem obskuren Schulz, dem finsteren Todesengel Stuart West, kriegten die Launen der Kahlköpfe Kalle und Micha zu spüren, und durften in die heiligen Hinterzimmer der Akteure. Es waren kleine Begebenheiten, die sich für immer in Vitus´ Gedächtnis einbrannten: das Auf-den-Knien-Anflehen des Drumsters von Gorilla Monsoon um eine Auftrittschance bei Doom Shall Rise, die dicke Lieferung von Low Man´s Tune, die Zuwendungen der jovialen Onkels Boris und Sebastian, ganz persönliche Geschenke wie die Holzschatulle der Österreicher Osdou, eins von nur fünfzehn Shirts von Tollwuet, der Geburtstagssekt von Gröbel, die Belieferung mit Demo-Material, darunter das jährliche von One Past Zero, Einladungen auf Gästelisten... Das waren keine Budenzauber oder bloß Konzerte - das war Freundschaft und Wärme, Panzerschokolade fürs Hirnkästchen. Zwischen Kalle, Micha, Peanut und Vitus bestand so was wie eine psychosexuelle Liebesbeziehung. Einzig die Gründung einer eigenen Drone-Doom-Band mit Frau am Sechssaiter und den Männern an Bass und Trommeln, blieb ein unerfüllter Traum. So kurios und höchst unterschiedlich diese Außenseiter und Kinder der Finsternis auch waren, so spannend und interessant deren Seelenleben: Sie haben viele kennengelernt, und sich zusammen mit ihnen zurück in die alte Zeit versetzt. Die Nächte waren lang, die Charakter einwandfrei, die Gefühle echt und ehrlich. Die Freude am Doom konnte ihnen sowieso niemand nehmen, unabhängig davon wie mächtig der Kater auch war. Es waren die rauschendsten und schönsten Feste ihres Lebens. Doch einer um den anderen kam in die Jahre. Jeder lebte sein Leben. Festivals endeten. Mit dem letzten Doom Shall Rise zerfiel auch die Gemeinschaft, manche Spur verlor sich für immer............ Als Erinnerung an diese Tage lagen liebevoll geschnürte Päckchen mit Doom-Musik im Briefkasten. „Für Heiliger Vitus“. Die hat er nächtelang rauf und runter gehört. In manchem Begleitheft war sogar sein Name abgedruckt. Und das Wahnsinnigste: In Rotterdam wurde er von Saint Vitus´ Wino auf eine Flasche Whiskey mit ihm ganz allein eingeladen. Völlig unmöglich, das zu vergessen!
 
Nichts wie weg
 
Nach drei Jahrzehnten in der falschen Zeit, der falschen Stadt und unter falschen Leuten kam Ende 2012 ein wahrer Befreiungsschlag. Notgedrungen und bestärkt durch sein Mädel, schaffte Vitus es raus aus einem Wohnturm in Frankfurt. Fast zwanzig Jahre lang hatten sie die Wandlung ihres Stadtteils Rödelheim von einem ruhigen, fast niedlichen Ort mit ältlichen Schänken, krummen Gassen und holprigen Wegen über eine schleichende Übervölkerung bis hin zu einem vertierten, verzeckten und sich selbst überlassenen Loch durchlebt. Aus den einst wilden, leeren Uferwegen an der Nidda wurden Asphaltpisten für den Pöbel. Sie hatten sich in Grabenkämpfen mit dem Feind aufgerieben und den Abfall des Lebens erlitten. Doch der Verfall und Niedergang war nicht aufzuhalten, das eigene „Zuhause“ in den besten Ecken ein maroder Problembau, der Rest Affenzoo oder Kriegsgebiet. Draußen traf man auf Hetzparolen an der Wand, bespuckte Wege, Spielhallen mit abstoßenden Gestalten davor, osteuropäische Bettlerklans und Wanderhuren, illegales Gesindel mit Dreck am Stecken, multikriminelles Ungeziefer. Ohne Waffe konnte man nicht mehr aus dem Haus gehen. Denn hinter jeder Ecke lauerte Gefahr. Am Ende war Rödelheim fremdgeprägt. Der blanke Haß beruhte auf Gegenseitigkeit. Gut, daß der Abzug zur rechten Zeit kam! Es war eine Art Sodom, das Ende der Zivilisation.

Zerkratzt im Idyll
 
Vorm Weg in die Obdachlosigkeit sind sie im Winter 2012 an einen Ort gezogen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen: in die weiche Landschaft der Wetterau. Dort hatten sie plötzlich ein halbes Haus ganz für sich. Die neue Herberge war umgeben von Bauernhöfen, Einsiedelein, der Kulisse des Taunus - und lag im Schicksalsverbund zur Nidda: Zweiundvierzig Kilometer flußab - eine Marathondistanz entfernt - mündete die Nidda in den Main. Was einst der römische Schutzwall Limes erledigte, tat jetzt der Raum. Mit dem „ersten Dorf hinter Frankfurt“ waren sie an einem sicheren Ort, hier lag das Böse weit weg. Nur die Hochhäuser der Bankenstadt waren bei lichtblauer Nacht und klarer Luft am Horizont wie Spiegel einer schweren Zeit zu erkennen. Sie waren jetzt unter einfachen Leuten, Altvorderen und Aussteigern - aber auch unter richtigen Dreckbauern, bornierten Rasenmäherspießern, aufgepumpter Großmannssucht und bigotter Nachbarschaft, die nur ihre schreiende Kinderschar kennt. Die Einheimischen blieben mißtrauisch unter sich, manchen klappte beim Anblick der zugezogenen Stadtflüchter auch die Kinnlade runter. Wenigstens hielt sich Vitus mit täglichen Läufen noch in Schuß. Die Luft in der Natur konnte reiner und würziger nicht sein. Er liebte die Wege durch den Jungfern- und Rauwald. Rehe, Hasen und Störche waren da, nie ein Mensch anzutreffen. Es war alles wie aus der Zeit gefallen. Aber Weh dem, der keine Heimat mehr hat!... Während sie in der Wetterau Ruhe fanden, legte sich die Abgeschiedenheit wie ein dunkler Schleier über Vitus. Jetzt fühlte er, was Stille und das Gefühl von Verlorenheit mit Menschen anrichten können. Gleichermaßen vernagelte ihm das Verlangen nach immer mehr erotischer Beglückung buchstäblich alle Sinne. Den ganzen Tag wollte Vitus Sex - und mußte sich mit sich selbst und den Spinnen im Haus als einzigen Gefährten mit der ausweglosen Situation auseinandersetzen. Oft lag er tief in der Nacht wach oder stand auf in der Blauen Stunde am frühen Morgen. Im Grunde hatte er sogar Angst zu schlafen. Sein Leben kannte keinen festen Ablauf mehr. Er folgte dem, was für ihn am besten war, lebte nach einer eigenen Uhr, aß, wenn er hungrig war, schlief, wenn er müde war. Die längste Zeit tauchte er ab in Fantasiewelten, verlor sich in Tagträumen, saß als einsamer Mensch an seinem Rechner und tippte triviale Konzertberichte runter. Nach dem Tod von Peter Steele und Armando Acosta 2010 wurden 2013 mit Jeff Hanneman und Joey LaCaze weitere Menschen tot aufgefunden, die einem über viele Jahre nahestanden. Keiner schien sich in diesen Tagen in seiner Umgebung sonderlich wohl zu fühlen. So starben die Sommer, verstrichen die Jahre - oft wochenlang weggesperrt vom „Leben“. Ein verwitterter Jägerzaun markierte die Grenze zur Außenwelt, wo alle paar Wochen ein Klub ein Konzert ausspuckte und ein Festival geradezu dem Polarstern glich. Aber sie sollten nicht lange allein sein. Schon bald machte sich die Gier nach immer mehr auch in der Wetterau breit. Ein riesiges Maschinenheer war gegen das letzte ländliche Refugium ausgerückt. Erdzerstörer zerschnitten den fruchtbaren Boden mit Asphaltstraßen und betonierten ihn mit Gebäuden zu. Als dann auch noch das Trojanische Pferd voller fremder Scharen in ihr „Wöllscht“ drang, war das Idyll endgültig ausgelöscht. Wie in einer besonders fiesen Laune des Schicksals wurden sie von Zugewanderten aus ihrem Haus vertrieben. Damit türmten sich Katastrophen. Das Pendel schlug mit ebensolcher Wucht zurück, wie es zuvor für Frieden gesorgt hatte. Verdrängte Tatsachen warfen unversehens ihre Schatten auf zwei Menschen, die verschiedene Heimaten hatten, ans Geldverdienen in der großen Stadt am Main gebunden waren, und nun drei Monate Zeit hatten, ihr Leben zusammenzupacken - dann wurde geräumt. Die Ruhe und Unberührbarkeit, die sie einst in der Wetterau erlebten, die Vitus erst euphorisierten, seine Gedanken dann im Kreis drehten, versetzten ihn schließlich in einen Zustand, aus dem es ihm nicht gelang, auszubrechen. Ausgerechnet seinen Körper, über den er sich stets definierte, hatte er plötzlich nicht mehr im Griff. Sport war Vitus´ Leben. Was bleibt, wenn das nicht mehr geht? Was vor einem Vierteljahrhundert schon mal von ihm Besitz nahm, kam wieder wie ein finsterer Dämon der Vergangenheit: ein panisches Gefühl von Isolation! Am Ende eines ganz üblen 2015 beschloß Lemmy, seinen Whiskey im Himmelreich zu trinken.
„Immobilien“ (Unter der Eiche)
 
Ein halbes Jahr nach Lemmys Heimgang, nach einem kurzen, aber drastischen Martyrium, kehrten Peanut und Vitus an Leib und Seele ruiniert zurück nach Frankfurt, der Stadt, der sie doch eigentlich schon entwischt waren. Dieser Ortswechsel war übereilt, nie gewollt, und er stellte ihr Leben binnen weniger Jahre erneut auf den Kopf. In größter Not hatten sie ihr virtuelles Geld zu Wänden aus Stein und Holz gemacht. Hatten in der vorm Krieg gegründeten Siedlergemeinschaft „Frankfurter Berg“ eine Volkswohnung erworben, sich in einem Holztafelhäuschen mit viel Boden und Wohnrecht auf Lebenszeit behaglich eingerichtet. Anfangs logierten auf der Anhöhe jenseits im Norden der Mainstadt Arbeiter; später - als alle Welt an eine Hauptstadt Frankfurt glaubte - Bedienstete vom Bund. In den Achtzigern tobten hier Krawalle zwischen Punkern und Skins, Junkies kamen an alle möglichen Drogen, täglich waren Grünkittel im Einsatz. Davon ist nichts geblieben. Nach dem Abzug der Amis schlummerte der „Berg“ im Sommer 2016 ruhig vor sich hin. Sie lebten wieder in ihrer eigenen Welt; führten ein ebenso bescheidenes und zurückgezogenes Dasein in den Gehölzwegen. Waren erreichbar nur über einen schmalen Wohnweg, der ihnen die Menschen vom Leibe hielt. Mit leise rauschenden Bäumen vorm Fenster, einer Eiche im Garten, Grillen in der Dunkelheit, Katzen, gefiederten Boten und einem Igel unterm Verdeck, und Ausblicken auf die Wolkenkratzer der nahen Stadt und die sanfte Bergkette des Taunus. Doch die traumatischen Erlebnisse der letzten Jahre hatten sich tief in Vitus´ Kopf eingebrannt. Solange er denken konnte, hatte er den Sport in der Natur mehr als sein Leben geliebt. Nun blieb er manchmal wochenlang in den eigenen Wänden verschanzt; beschloß, die Höhle nur noch zu verlassen, wenn Durst und Hunger ihn plagten. Der Rückzug führte in eine vollkommene Isolation, die niemand durchdringen und stören konnte. Er nahm alles wahr, aber niemand sah ihn. So tippte er triviale Berichte von Konzerten nieder, auf denen er sich zu Tode langweilte. Im Grunde hatten sie nur einen Vertrauten und Gleichgesinnten auf dem „Berg“: einen zottigen, zahnlosen Schrat. Der hatte ihnen zum Einzug ein Teelicht geschenkt - damit sie in der ersten Nacht im Garten etwas sehen können. Mit seinem Tod starb der Bezug zu diesem Ort.
 
Der Untergang des Abendlandes
 
Es dauerte nicht lang, bis neue Nachbarn erschienen. Es waren Unheilbringer, mit denen grundverschiedene Welten und Lebensarten auf brutale Weise kollidierten. Ihr Garten zeigte, wie Menschen wie in menschlichen Zoos Tieren gleich um jeden Meter Revier kämpfen. Aller Frieden war zerstört, die süße Stille dieses Platzes kaputtgemacht, die Beziehungen der Nachbarn vergiftet. „Scher dich heim Alter. Endlich!!“, hatte ihm ein Freund vor langer Zeit ausgerichtet. Jahrelang hatte eine mysteriöse Frau Vitus daran gehindert, hatte er auf ein Wunder gehofft. Nun drängte die Zeit. Vitus hatte alle Energie, jeden Mut und Glaube verloren. Bevor er von inneren Ängsten und nächtlichen Dämonen zerfressen wird, mußte er schleunigst heimfinden. Mußte dahin gehen, wo alles begann, wo schon seine Ahnen geboren wurden, wo auch er zur Welt kam und aufwuchs, wo der neue Morgen dämmert, wo alles anders duftet, wo die Menschen vom gleichen Wesen sind, wo er zum letzten Mal Glühwürmchen sah. Zum Ort, wo Herz und Seele Heilung finden. Als Vitus mit seiner Gräfin von der vierten Suche nach einem Domizil in Dresden zurückkehrte, hatten sie plötzlich zwei neue Daheims. Dreiunddreißig Jahre nach seiner Flucht aus Dresden hatten sie im Frühling 2017 eine Bude in Sankt Pieschen an der Elbe bezogen. Nie zuvor lebte Vitus so nah am Schicksalsfluß mit der lieblichen, stillen Seele, der manchmal so grausam sein kann. Am Ufer öffnete sich der Blick aufs unfaßbare „Elbflorenz“. An vielen Stellen lebte die lange untergegangene DDR fort. Jetzt sollte ihnen ein sorgloses Leben vergönnt sein. Aber etwas in der „Gesellschaft“ passierte. Millionen von Männern hatten immer wieder ihr Leben geopfert, um den heiligen Boden ihrer Heimat zu verteidigen. Bis sich immer mehr Außerirdische ungehemmt ansiedeln konnten und das Ureigene in Besitz nahmen. Mit einem Maß Hochmut, die kaum zu ertragen war. Jeder Idiot sah, was hier los war. Auch seinem Sachsen wurde so eine schwere Last eingesetzt. Doch anders als sonstwo dachten die Menschen gar nicht daran, ihre Heimat aufzugeben. Jemand mußte dem Grusel ein Ende setzen! Wird die achte Wegstation die letzte sein? Eine schwere Entscheidung. Vitus und Peanut hatten schon viele Krisen überstanden. Nun waren sie zum ersten Mal ratlos, waren für eine ungewisse Zeit Pendler zwischen den Welten. Immer auf dem Sprung vom Osten in den Westen... und vom Westen mit letzter Kraft wieder zurück der Sonne entgegen.
 
Letzte Mobilmachung und Wiedergeburt
 
Das vielleicht Besondere an Vitus ist, daß er trotz allem, was er erlebte, noch aufrecht gehen kann. Immer und immer wieder wurde alles zerstört, woran er glaubte, wo er meinte, Heil zu finden, was sein Leben ausgemacht hatte. Der Takt der Umbrüche war so stark, daß sein Herz den eigenen verlor. Was er in den drei Jahren fühlte, war die erschreckendste Zeit in seinem Leben. Wollte er fortan als Schaf leben - oder Wolf sein? Nur ein Eingriff mit einer neuartigen Methode konnte ihn heilen. Pfingsten 2018 ließ er Mediziner an sich ran. Von da an schlug sein Herz wieder ruhig und fest wie ehedem. Mit morschen Knochen, noch wundem aber heilem Herz, traute Vitus sich am Ende des heißen Sommers 2018 in Begleitung seines Mädels auf ein Rad. Auf eigene Faust. Fünfzehn Kilometer die Elbe hinab. Fünfzehn hinauf. Stunden später erstand er zusammen mit einem alten Freund von Dynamo ein Rennrad Made in Germany. Goofy hatte er nach sechsunddreißig Jahren im Krankenhaus wiedergetroffen. Dessen erste, hoch erstaunte Worte waren: „Ich dachte, du bist tot...“ Genau so wurde Vitus´ Verschwinden Anfang der Achtziger in den Westen in Radsportkreisen erklärt. Am ersten September wagte er die ersten Laufkilometer an der Elbe. Nun wußte Vitus, daß er alles wieder machen kann. Und er hatte noch was vor in seinem Leben.
 
Mount Velomis (Der Kreis schließt sich)
 
Mit dem wandelnden Radsportlexikon Goofy erinnerte sich Vitus an seinen Jugendtraum. Stundenlang redeten sie über die alten Zeiten. Sein Herz hing immer noch an der Ex-Liebe Radsport. Aber die Welt um ihn herum war völlig anders: das Material, die Menschen, die Mittel... Im Schnellgalopp erlebte er den Fortschritt der Technik. Die schlanken, handgeschmiedeten Stahlrahmen waren superleichten Geschossen aus Kohlefaser gewichen, die vom Lenker zum Sattel schräg abfielen. Niedrige Felgen aus Aluminium hatten gegen hohe aus Carbon keine Chance mehr. Aus fünf oder sechs Ritzeln waren elf oder gar zwölf geworden. Umwerfer und Schaltung funktionierten nicht mehr über mechanische Seilzüge, sondern elektronische Stellmotoren. Die Schalthebel waren in den Griffen verschwunden. Aus dem Lenker ragte ein satellitengesteuerter Navigationsempfänger. Statt in Haken und Riemen steckten die Füße in Klickpedalen. Scheibenbremsen verdrängten die Felgenbremse. Und anstelle dicker Wolltrikots trugen die Rennfahrer nun eine hauchdünne Hülle aus Kunstfasern. Die Rennmaschine allein hatte um drei Kilo auf siebeneinhalb abgespeckt. Vieles konnte er nicht verstehen... Im Herbst 2018 folgten die ersten langen Soloausfahrten, Ausfahrten mit Goofy und ein zweites Rennrad Made in Italy mit Campagnolo-Gruppe. Bald schon füllten sich Vitus´ Lungen wieder tiefer mit Luft, bauten die Beine neue Kraft auf, wirbelten seine Geschütze stärker, keuschte er schneller durch die Sächsische Schweiz oder die heiligen Berge im Osterzgebirge und Taunus hinauf, war er wieder gefangen vom Geruch der Luft, dem Surren der Reifen, dem Gefühl mit einem Rennrad zu fliegen, spürte er das Leben wieder berauschend intensiv. Nur der Geist wollte nicht die rechte Ruhe finden. Denn neben der zermürbenden Einsamkeit des Rennfahrers, mußte er die Sinne stundenlang maximal scharfstellen auf den Todfeind: das Auto. Die Straßen, auf denen er früher trainiert hatte, die Chausseen, wo unser Sport seine Wurzeln hat und wir uns zuhause fühlten, war von einem Mahlstrom aus tonnenschweren Blechriesen entweiht worden. Auf der „Sechs“, der „Hundertsiebzig“ und „Hundertzweiundsiebzig“ herrschte Krieg, andere waren für ihn sogar verboten, das eigene Überleben regelmäßig eine Frage von Zentimetern. Auf seine alten Tage kehrte Vitus zu seinem früheren Radklub zurück, der nun Dresdner SC hieß. Plötzlich war er wieder in der rauhen Welt des Sports. Am zwanzigsten April feierte er sein Comeback auf der Grand-Prix-Strecke des Sachsenrings. Ein Blitzkrieg. Denn die alten Rennschlachten von epischer Länge waren dem Geld zum Opfer gefallen; Sportler der Willkür von Kommissären ausgeliefert - oder bis in die kleinste Muskelfaser voller Stimulanzien, Anabolika und Epo. Immer wieder kippte das, was eigentlich Freude sein sollte, in eine Mischung aus Wut, Ärger und Verdruß... Derweil versank der Doom in einen ewigen Schlaf. Mit dem Nürnberger „Low Frequency Assault“ war vierzehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen Ende 2018 der letzte Fixstern am Himmel der Doom-Feste verglüht.
Gefallen mit den Engeln (Wenn das Schöne stirbt)
 
Am Ende eines quälerischen und bedrohlichen Jahres 2019 verschwand Vitus´ Mutter nach langem Kampf in elendiger Umgebung durch ein dummes Mißgeschick so mir nichts, dir nichts ins Himmelreich. Ganz schnell. Ohne Lärm. Fast hätte es niemand gemerkt. Aber sie hatte ihn verlassen. Für immer. Sie konnten noch nicht mal Abschied nehmen. Ihr Verlust war ein fürchterlicher Schlag, der Vitus´ Weltqual nur noch verstärkte. Seine Mutter war Dresden, Dresden war seine Mutter. Über Nacht wirkte die Stadt wie erstarrt. Die Elbe, die Häuser, die Straßen: Alles schien bis in die letzten Winkel Dunkelheit auszuströmen. Die Gräber auf dem Friedhof nahmen Gestalt an und schienen trauriger und schöner als je zuvor. Die ganze Welt war wie ein riesiges, unwirkliches Mausoleum. Das Dasein verlor seinen Sinn. Aber wenigstens konnte kein Leid, keine Pein, keine Qual seine Mutter mehr berühren. Vier Wochen später starb ihr Bruder. Die Suche nach Unterlagen führte die Reste der völlig zerrissenen Verwandtschaft zusammen und brach aufgestaute Wut auf. Erinnerungen an verschüttete Träume, dunkle Geheimnisse und jahrzehntelange Lügen kamen ans Licht. Seelische Verletzungen, die Unmöglichkeit zur Kommunikation und Mißgunst und Gier der Hinterbliebenen hebelten den festen Glauben an die Bilderbuchfamilie, für die Vitus immer seine Hand ins Feuer gelegt hatte, vollends aus. Es waren Nattern. Doch auch sein Bruder tauchte nach vierzig Jahren Funkstille wieder auf. Während ihm nach und nach das Leben entglitt, wurde sein Mädel im Sommer 2020 von einer existenziellen Bedrohung heimgesucht. Die Zeiten der feudalen Vergnügungen waren vorbei. Um das aus immer wiederkehrenden, lebenserhaltenden Verrichtungen bestehendes Dasein aufzupeppen, reaktivierten sie Erinnerungen an eine aufregende Vergangenheit als Marathonläufer. Sie klammerten sich an den Sport. Lange neununddreißig Jahre nach seinem letzten Podiumsplatz holte Vitus Bronze bei einer Landesmeisterschaft im Radsport. Doch der Blick in die Zukunft war und blieb skeptisch. Wo Schatten liegen, muß alles Schöne sterben. Was ist der Mensch, was bleibt von der Menschheit? Nichts! Was dagegen sind die Mysterien der Natur, die Wälder, Flüsse und Seen, die Tiere, ein von niemand gehörter Schwanengesang, die unendlichen Weiten des Kosmos? Alles! Letztendlich sind wir dem Universum egal............
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich sehne mich weder nach Leben, noch ersehne ich den Tod. Aber nur weil ich euch das erzähle, bedeutet das nicht, daß ich auch noch lebe............
 
 
Im Winter MMXXI