In der folgenden Geschichte sind Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit beabsichtigt.
Die letzten Glühwürmchen
 
Deutschland, Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Wunden des Krieges klafften noch, Dresdens Straßenzüge lagen noch von Feindfliegern in Ruinen gebombt, ausgebrannte Fensterhöhlen waren zu sehen, die Fassaden rochen noch rußgeschwärzt, schwelten noch geradezu. Tanzsäle ließen sich an einer Hand abzählen. Irgendwo, irgendwann ist es passiert: Die zwanzigjährige Schöne vom Lande wurde vom Kerl mit der größten Klappe geschwängert, und der neue Mensch als Kriegsenkel in der dritten Rauhnacht ins Leben geschickt. Freunde würden ihn später „Vitus“ rufen. Das friedliche Hügelland vor den Toren der Elbestadt war die Heimat. Ein Haus aus schwarzem Holz mit weißen Fenstern und einem Sockel aus rotem Stein am Rande des Poisenwalds. Umgeben von Busch und goldenem Feld, wuchtigen Bäumen und Lichtungen an steilem Hang und dem rauschendem Poisenbach im engen Wiesengrund. Ein Ort, wo der Winter beißenden Wind, meterhohe Schneewehen und lange Dunkelheit brachte, und Väterchen Frost Eisblumen auf die Fenster zauberte. Wo die Sommer voller Schmetterlinge, Leuchtkäfer und summender Bienen waren, und Holzstöße unter der unendlich weiten Sternenkuppel knisterten. Der Himmel wölbte sich meistens wolkenlos klar und wunderschön blau wie eine See über dieser Landschaft. Die Natur hatte ihr alles gegeben, was es an Frieden auf dieser Erde geben konnte. Ein einziges Schimmern und Funkeln war das gewesen, am schönsten Fleck der Welt. Die Stube wurde noch mit Kohle befeuert. Ein Radio und ein Fernseher mit zwei Sendern und drehbarer Antenne: die einzigen elektrischen Errungenschaften. Ein Garten mit grünen Gräsern, wunderschönen Blumenfeldern und langen Gemüsebeeten war da. Ein Bassin hatte da gestanden, Apfelbäume, Kirschen, Pflaumen und duftender Flieder. Die Sträucher hingen voller frischer Beeren. Oma machte daraus die beste Holundersuppe der Welt. Federvieh war da gewesen, ein Hund und Kaninchen. Am Zaun stand eine Laube mit doppeltem Boden, Stroh zum Träumen und einem staubigen Fenster als Ausblick. Der rostige Drahtesel dort drin stammte wohl noch von der ersten Tour de France. Und dann die Erkundungsgänge durch das alte Haus aus den Vierzigern. Jede Menge Krempel war da zu entdecken. Unten im Keller parkte ein „Adler Trumpf“ aus der Zeit, mit knarzenden Ledersitzen, geheimnisvollen Tachometern und „Kontag“-Benzin im Tank. Der Dachboden war eine Schatztruhe voller Bücher, verstaubter Abzeichen und Utensilien aus vergangenen Zeiten. Doch manches, auf das er stieß, blieb geheim - darunter die „Gewittertruhe“. Erschaffen hatte das alles sein sudetendeutscher Opa, der in den letzten Kriegswehen als Umsiedler auf der Suche nach einer neuen Heimat in Sachsen hängenblieb. Auch ein Mädel war da nebenan: die Tochter des Bürgermeisters als erste verstohlene Romanze. Von Ameisen wurden sie in den Hintern gepiekt. Und dann der magische Wald... Sonntags machte der Zigarre schmauchende Großvater mit ihm Morgenausflüge tief hinein zum Pilzesammeln oder zur Holzbeschaffung. Ansonsten hatte Vitus den „Busch“ für sich allein. Er lud zu rasanten Schußfahrten im Schlitten bis hinunter ins Tal. Oder zur Besteigung des Hochsitzes an der riesigen Eiche. Der Sprung von der obersten Sprosse war für ihn eine unwiderstehliche Mutprobe. Noch tollkühner und gefährlicher war nur die Unterquerung der Eutschützer Mühle im tintenschwarzen, engen Bachtunnel - immer mit Schiß, vom strengen Mühlenwirt erwischt zu werden. Frei und unbeschwert waren die Sechzigerjahre. Vitus war glücklich, er lebte in seinem goldenen Zeitalter. Alles, was geblieben ist, ist ein Blumenhügel von den liebevollen Großeltern, die zwei Kriege überstanden und auch in die ewige Heimat vorausgingen. Sie waren die letzten Zeugen dessen, was einst war und nun für immer verloren ist.
 
Heimatliebe und Sozialismus
 
„Seid bereit!“ - „Immer bereit!“: In Zeltlagern, im Knistern von Fackeln und bei Fahnenappellen, schwor Pionier Vitus den Treueeid auf sein Land. Er lernte das Einmaleins von Miteinander und Zusammennhalt, was Kameradschaft, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind. Keine Stände, keine Klassen, keine irdischen Vorgesetzten. Er liebte die Heimat, glaubte fest an die rote Fahne und den Sozialismus. Sein Weg darin war vorgezeichnet und sicher. Später in der FDJ lautete der Kampfruf „Freundschaft!“ Das Blauhemd mit dem Sonnenzeichen am Ärmel war gebügelt rein, der Kopf kurzgeschoren, und Werte wie Achtung, Disziplin, Bescheidenheit und Ordnung das Normalste auf Erden. Aber er war auch etwas aus der Art geschlagen, hatte eine melancholische Ader, war introvertiert und liebte die Körperlichkeit über alles. Wilde, mitunter blutige Keilereien, brachten Vitus den Respekt der anderen. Auch knospten plötzlich unbekannte Gefühle für Mädel... Aber er malte auch gern, baute Drachen und Flieger. In der Lehre überlagerte der Kalte Krieg die Freude am Spiel und Sport mit einem militärischen Akzent. So waren die Jahre als Stift auch oft die reinsten Wehrsportübungen. Die Vormilitärische Ausbildung sollte ihn wie in einer Ahnung für den späteren Lebenskampf schulen und stärken.
 
Dresden
 
Mit den Clogs, Polyesterhemden und Schlaghosen der Siebziger endeten die letzten unschuldigen Jahre der Kindheit und die magischen Abenteuer als Pimpf abrupt. Aufbruch lag in der Luft. Doch die Siebziger sollten auch eine Geschichte der Abschiede, der Enttäuschungen und Armut werden, eine Zeit zwischen hoffnungsvollem Neuanfang und harscher Wirklichkeit... Seine Familie ließ das Dorf des Friedens hinter sich und zog ins noch immer vom Krieg gezeichnete Dresden. Hier verbrachte er seine Jugend. Wo es Bomben geregnet hatte, reihten sich bereits Häuserblöcke mit den Errungenschaften der Moderne. Doch nach wie vor strahlten Ruinen und Trümmerlandschaften die schaurige Atmosphäre der vom Krieg zerstörten Stadt aus. Ein in der Kristallnacht ausgebranntes Glaubensgebäude blieb als unheimliches Mahnmal genau so stehen wie die durch Britenbomber zerstörte Frauenkirche. Statt auf Mond und Sterne blickte er in der Dresdner Südvorstadt auf Gaslichter und Fenster mit vielen Augen. Das Leben war nun entbehrungsreicher, oft auch geprägt von Hunger, Kälte und Krankheit. Seine ebenso talentierte wie leichtlebige Mutter verfiel Männern und Berauschung. Sein Vater, der echte, hatte ihn als Kind im Stich gelassen und wollte später nichts von ihm wissen. Er kannte ihn nur geisterhaft von den rosa Karten mit der Alimente. Erstmals trafen sie sich nach achtzehn Jahren. Da war es schon zu spät, das Eis noch zu brechen. Nur auf sich gestellt suchte der vernachlässigte Junge in der großen Stadt ein Stück Halt. Wer im Florenz an der Elbe heranwächst, wird entweder Künstler oder Athlet. Da ihm für ein Instrument die Geduld und der Feinnerv fehlten, und Blueser, Kutten und Tramper nicht seine Welt waren, fiel die Entscheidung gegen das subversiv Geistreiche. Alle Kräfte wurden gebündelt und unter dem Einfluß des in seiner Heimat so populären und glorifizierten Sports in die richtigen Bahnen des Leistungssports gesteckt. Letztlich stellte die Mentalität der DDR die physische Leistung der geistigen ebenbürtig - sogar über sie!
 
Durchs Stahlbad: Kampfsport
 
Schon als kleiner Junge hatte Vitus sich im Dorfverein als Fußballer versucht, schnell aber seine Begeisterung für den Kampf Mann gegen Mann - damals Junge gegen Junge - entdeckt. Mit zehn Jahren und schmächtigen sechzig Pfund kam er zur Judoabteilung von Lok Dresden. Rasch waren ihm Seoi-nage und Tomoe-nage in Fleisch und Blut übergangen und der 4. Kyu erlangt. Voller Rauflust wie ein junges wildes Tier, reihte sich Sieg an Sieg. Taktik und Technik waren bei den Kämpfen aber ebenso wichtig wie zuvor beim Kicken. Damit stand Vitus auf Kriegsfuß. Versiertere Gegner folgten, legten ihn aufs Kreuz und taten ihm weh. Immer öfter verließ er die Tatami nun mit einem Rückschlag. Eine Verletzung brachte den Knockout. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Denn der Drill der knochenharten Übungsleiter in schlechter Luft, dunklen Gängen und auf verwanzten Matten hatte ihm sowieso die Lust an der Japanischen Kampfkunst geraubt. Sein Bruder machte es besser und wurde Dan-Träger und Judo-Lehrer. Ohne Sport bot das Leben dem kleinen Adoleszenten allerdings kaum noch Lichtblicke...
Durchs Stahlbad: Radsport (Bergauf)
 
1976 lief Vitus zu den Radrennfahrern über. Die Teufelskerle der Landstraße hatten es ihm mächtig angetan, die Verschmelzung von Mensch und Maschine. In keiner anderen Sportart wird dieser Grad von Zähigkeit und Härte, von Energie und Organkraft entwickelt. Die Mutter kaufte ihm das erste Rad, ein Sportrad von „Diamant“, ohne Schaltung, mit Drahtreifen und Schutzblechen. Tief fasziniert wälzte er im Keller einer Bücherei ein vergilbtes Lehrbuch, und saugte wie ein Schwamm alles auf, was er über seine erste große Liebe erfahren konnte. Die Fanfare der Friedensfahrt jagte dem jungen Vitus alljährlich im Mai Schauer um Schauer unter die Haut. Er wollte den steinigen Weg an die Spitze gehen. Hartnick und Drogan, die Idole. Doch der Traum stand unter keinem guten Stern: Die Aufnahme in die Elitesportschule KJS blieb ihm verwehrt. Zu alt mit vierzehn? War das Umfeld ideologisch unsicher? Der Grund blieb im Dunkeln. Zudem machte ihm der in Scherben geschlagene Bund der Eltern zu schaffen. Er erlebte, was passiert, wenn aus Partnern Feinde werden. Das Essen im tristkalten Zuhause mußte er sich selber machen und beschränkte sich oft auf zuckerbestreute Butterbemmen. Aber er hatte Glück in der Wahl der Sportgruppe. Im Arbeitersportverein Aufbau Dresden-Mitte - als „Excelsior“ früher zu den führenden Bahnrennern Deutschlands zählend - traf er einige der besten Männer, die ihm je begegneten. Voller Demut und Hingabe, alles hintenanstellend, fuhr er mehrmals die Woche zum Training auf der Dresdner Radrennbahn. Die war lang, vierhundert Meter, und eine von wenigen in Sachsen. Der Damm der Eisenbahn und eine Laubenkolonie ihre Umgebung. Davor standen alte Kastanien und eine Baracke mit dem Geruch aus Reifenkleber und Kettenöl. Das Knattern des klapprigen Kompressors, der Luft in die Rennräder hämmerte, die Freunde, die mit ihm durch dick und dünn gingen: Wie oft er das schmerzlich vermißt! - Blitzende Speichen, ein Rennlenker und Schalthebel aus Alu, ein schmaler Sattel, Schlauchreifen von Kowalit, Radhosen aus schwarzer Wolle mit einem Polster aus Ziegenleder, das Trikot noch von der Oma abgenäht, Trainingsfahrten mit der Gruppe, stolzes Rundendrehen auf Zement. Doch auch üble Stürze, Sepso-Tinktur und Wunden bis aufs rohe Fleisch: Das alles brachten die ersten Jugendrennen. Im Winter folgten wieder Abhärtung, Eisenstemmen und mörderharte Treppen- und Waldläufe im Elbhang und durch die tief verschneite Dresdner Heide. Die Sportler sahen aus wie Rübezahl, hatten Rotz und Eiszapfen in den Haaren, naße Schuhe. Die Kameradschaft war ohnegleichen. Auf die gründliche Durchbildung in Schnee und Kälte folgte der Lohn. Vordere Ergebnisse in der Großen Jugend schürten Erwartungen. Nun ordnete Vitus dem Sport alles unter. Jede freie Minute saß er auf dem Rad. Vom Leipziger Tiefland zu den Hügeln der Oberlausitz, von den Gipfeln des Sudetenlands in die weite Ebene der Niederlausitz kannte er jeden Stein. Auf den Fernverkehrsstraßen Sechs, Hundertsiebzig und Hunderzweiundsiebzig war er daheim. Bald hing sein Zimmer voller Schärpen, Schleifen und Medaillen. Vitus schlief mit seinem Rad. Er wurde für Trainingslager vom Dienst freigestellt. Treten bis der Schmerz in die Beine schießt, bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen, bei Wind und Sturm: die Vorgabe.
Mit dem ersten Bartflaum die Beförderung zu den Amateuren. Getrieben vom „He-he-heee!“ der Meute, die erste Siegerschleife im zweiten Rennen. Erkämpft mit einer Straßenmaschine, die er aus schwer zu erstehenden Teilen zusammengeschraubt hatte: Tretlager, Pedale, Schaltung und Naben waren ikonisches Campagnolo, die Bremsen Swiss Made, Rahmen und Sattel aus der Tschechei eingeschmuggelt. Immer in Angst, von den Grenzern - also der Stasi - erwischt zu werden. Damals war die Tschechei noch wirklich große weite Welt. Das Geld war im Lenkerrohr versteckt. Dafür hatte er Drecksarbeiten erledigt: auf dem Feld, dem Bau, bei der Reichsbahn, im Uran, im Unternehmen des Vaters. Der überließ ihm manchmal sogar seinen russischen „Wolga“. Im Hoffen auf den Durchbruch schloß sich Vitus einer Sportgemeinschaft mit dem Nimbus mehrmaliger DDR-Meister in ihren Reihen an: der mythisch verklärten Querfeldein-Hochburg Dynamo Dresden-Nord. Stolz trug er nun die weiße D-Rune auf weinrotem Grund auf der Brust. Mit all seiner Kraft stürzte er sich in die neue Aufgabe. Doch je mehr er opferte, umso stärker wurde das miese Gefühl, seine alten Gefährten im Stich gelassen zu haben. In der Kaderschmiede herrschte zwar Zucht, Ordnung und Kampf - nur an Kameradschaft haperte es. Wärme empfand er dort nie. Der alte Geist war gestorben und die Siege der Großen wollten nicht auf den Youngster abfärben. Der Dynamo-Klub brachte ihn nicht weiter. Das Interesse der unterstützenden Bereitschaftspolizei erlosch, die Abteilung Radsport fiel aus der Förderung. Als Quartier mußte ein leerstehendes Haus in der Adlergasse herhalten. Wo vorm Krieg Dresdner Bürger wohnten, waren nun Kraftraum, Werkstatt und Versammlungsraum untergebracht, das stockfinstere Treppenhaus diente als Trainingsort. In der Adlergasse trafen sich die Sportler auch immer vorm Rennen. Nachdem sie anfangs noch unter kratzigen Wolldecken von Pritschenlastern der Bepo zum Startort gekarrt wurden, scheiterte die Teilnahme an den nationalen Auswahlrennen später bereits an der Anreise. Manchmal hatte Vitus auch schon über fünfzig Kilometer im Rennsattel in den Beinen, als er am Start stand. Damit entgingen wichtige Ranglistenpunkte, die ihn weitergebracht hätten. Dazu kam ein Freund bei einer Trainingsfahrt ums Leben. Ein anderer blieb gelähmt für immer. Vitus kam immer von ganz unten. Eine gewisse Dunkelheit verdeckte den Aufstieg. Er war ihm nah, aber am Ende gab es immer eine unbekannte Macht, die stärker war. Keins der acht vom Staat erlauchten und verhätschelten radsportlichen Leistungszentren wollte ihn haben. Alle Bewerbungen und Delegierungen blieben unbeantwortet. Also versuchte er es auf eigene Faust. Der Plan, über eine Parteimitgliedschaft und als Offiziersschüler der Luftwaffe bei den Sportsoldaten des ASK Vorwärts Frankfurt unterzukommen, scheiterte, weil wichtige Informationen nicht weitergegeben wurden. So erfuhr er Jahre später, daß der maßgebliche Funktionär - ein Bekannter seines Vaters - nichts von ihm wußte. „Hätte ich den Hinweis gehabt, hätte ich ihn geholt“, sagte der Armee-General. Alles Makulatur, wenn es vorbei ist. Vitus´ Abgang von der „Fahne“ erfolgte in Unehren.
 
Wenn Glocken läuten, Dämme bersten, Bomben explodieren... (Bergab)
 
Mehr als zu Frauen hatte es ihn bislang aufs Rad gezogen. Nun war er schon achtzehn und spitz wie eine Reißzwecke. Die Zeit war also reif für die andere Seite. Endlich die Verlockungen des Lebens kennenlernen, in hautengen Shirts und Bluejeans posieren, sich einen Bunten machen. Mädel und Musik hatte er im Schädel, wollte pimpern und verbotene Getränke austesten. Die unterdrückten Triebe waren genau so katastrophal, wie der erste Vollrausch und der kalte Sex mit einer Diskomieze. Eine Schwarze Witwe verdrehte ihm den Kopf als erste richtig. Doch sie brachte zwei Kinder mit und tauchte eines Tages wie ein Stasispitzel ohne jedes Zeichenunter. Im verhexten siebenten Jahr hatte Vitus den Kanal voll. Nach einer langen Latte von Erfolgen - vierundfünfzigmal auf dem Treppchen, darunter etliche sächsische Landesmeisterschaften, zuletzt allerdings herben Enttäuschungen und ohne Entwicklungschance -, begrub er den großen Traum und vermachte sein Rennrad mit den Tränen kämpfend dem mehrmaligen Querfeldeinmeister Mosch, mit dem er mal ein Zweier-Mannschaftsfahren gewann. Im Herbst ´82 kam der Ausstieg aus elf Jahren Leistungssport in der DDR. Mit gerade mal zwanzig. Einer der drei größten Fehler seines Lebens.
Fall und Flucht
 
Fortan war der junge Mann dagegen. Doch er verspürte keinen Zorn gegen das sozialistische Vaterland. Nein. Einzig aus Enttäuschung über die Sportführung entschloß er sich zur Rückgabe seines Parteibuchs und des „Bonbons“, dem Parteiabzeichen. Damit war die Zukunft verbaut. Aber ohne Radsport gab es sowieso keine. Doch auch die Führung wollte ihn nun schleunigst wieder loswerden. Von einer gediegenen Stelle im Außendienst wurde er kurzerhand zu Hilfsarbeiten in die finstersten Fabrikhallen der Stadt strafversetzt. Dort trotzte er etwa der Flaschenreinigung in der nächtlichen Kelterei einen ganz eigenen Zauber ab. Statt zu trainieren machte er speiüble Erfahrungen über der Kloschüssel und geriet in einen Strudel aus Alkohol und Schlägereien. Verlorene Linie, verlorene Liebe, Porzellan wurde zerschlagen, Erinnerungen in Kisten verpackt. Vitus war raus aus der Spur. Die Flucht in den Westen der einzige Ausweg. Raus aus dem Tal der Ahnungslosen, ab in die Freiheit. Blauäugig und ohne vorauszuahnen, was die große Ungewisse bedeuten sollte. 1983 stellte er einen Ausreiseantrag. Damit waren die Brücken zum alten Leben endgültig abgebrochen, seine Bude bald verkauft, die letzten Platten verschleudert. Ohne ein Wort des Abschieds verschwand er auch aus dem Leben seiner Blutsverwandten. Die meisten sollte er nie wiedersehen. Beim Versuch rüberzumachen, schwebte er in großer Gefahr: Vitus geriet in die Fänge der Staatssicherheit. Eine schnelle Eingreiftruppe setzte ihn fest. Er wurde eingebuchtet, mußte ein quälendes, endloses Martyrium überstehen und unter Lebensgefahr im Stahlwerk schuften - bis plötzlich alles ganz schnell ging und der Westen ihn rausholte.
 
Vom Zoni zum Bundi: Hinter feindlichen Linien (Vergeltung)
 
Ein Tag im Sommer 1984: Im ersten Morgenlicht der Weg durch die Mauer............ ins Leere. In eine Odyssee durch ein Blendwerk. Westdeutschland in der Kohlära. Die Arbeitslosigkeit stieg unaufhörlich. Neonazis, Skins, Punker und Metalheads machten die Straßen unsicher. Der erste Hoffnungspunkt hieß Gießen. Gleich nach seiner ersten Unternehmung - dem Besuch einer Animierdame - war die Begrüßungsgabe weg. Gießen bedeutete nur einen Kurzaufenthalt. Zum Abschied steckte ihm jemand ein „Butterfly“ zu - damit er sich gegen die Türken wehren konnte, von denen jeder eins hatte. Das also war die Freiheit. Die erste neue Wohnanschrift ergab sich in Nürnberg. Vitus war Anfang zwanzig, voller Energie, aber ohne Plan. Er träumte von Chicago, von Los Angeles und Straßenkreuzern, und startete einen vagen Versuch, die Radkarriere wieder aufzunehmen. Das Angebot, in einem Vorstadtklub noch mal neu anzufangen, lehnte er ab. Stattdessen verführten ihn Lohndirnen, trinkwütige Osteuropäer und türkische Haschischdealer. Im Sommer ´84 kam Vitus beim „Monsters Of Rock“ auf dem Zeppelinfeld zum erstenmal mit bösem alten Heavy Metal in Berührung: Mötley Crüe in natura... Nach Randalen in Nürnberg setzte er sich in letzter Sekunde ins nächste Flugzeug nach Westberlin, wo er auf Hilfe durch einen alten Bekannten hoffte. Beim Abschied weinte ein Basketballspieler aus Rumänien um ihn - einer der ganz wenigen, die das je taten... Die Mauerstadt also als nächste Destination. Wieder eine Expedition ins Ungewisse. Die Ankunft auf Tegel: bei Schnee und in finsterster Dunkelheit mit einer Sporttasche und den letzten Groschen. Der Bekannter in Lankwitz konnte ihn nicht aufnehmen. Doch er bekam unerwartet Hilfe; Das Pärchen aus dem Flieger brachte ihn zunächst in einer Wohngemeinschaft in Schmargendorf unter - und reichte ihn dann weiter an eine Kifferkommune nah der Festung Spandau. Jene überließ ihm einen Schlafplatz in einem Hochbett auf Marihuana Island. Die Dusche war im nahen Stadtbad. Eine Affäre mit Sweet Leave Mary Jane? Unausweichlich! Denn statt mit Schrippen begann der Tag in dieser Wohngemeinschaft mit frisch geerntetem Gras und einer gigantischen Bong. Er ging weiter mit trivialem Gerede und endete bei selbstgemachtem Punk in der Stube. Zum Schutz vor Nachbarn war die Trommel mit einem Kissen ausgestopft. Der Grat, auf Suchtdrogen hängenzubleiben wie Christiane F., war genauso schmal wie der zu einem Stricher am Bahnhof Zoo. Am Ende war Vitus nicht der, der er gern sein wollte, ein Fremder in einer fremden Stadt. Und die Zeit der Fehler, Verletzungen und Verunsicherungen schien noch lange nicht vorüber. Heimweh packte ihn. Er litt wie ein hilfloses, einsames Tier und verwünschte all die Hirngespinste, die ihn aus Sachsen fortgerissen hatten. Als er eines Tages vom Brausen zurückkam, hatten die Kiffer seine Tasche in den Schnee vorm Haus gestellt. Berlin war nur eine weitere Durchgangsstation. Der Aufbruch kam abermals keine Minute zu früh.
Glitzerrausch, Neonhuren, Babel (Verblendung)
 
Vitus war zweiundzwanzig, völlig abgebrannt und wußte nicht, wohin. Aber dann erinnerte er sich an eine silberne Ansichtskarte mit glitzernden Wolkenkratzern und dem Main davor. „Frankfurt ist ein schmutziges Pflaster!“, hatte eine Dame ihn gewarnt. Doch er beschloß, den Verlockungen zu folgen. Nach einer langen, düster-beklemmenden Zugreise durch die ostdeutsche Winterlandschaft und den innerdeutschen Zaun traf Vitus im Januar 1985 mit nichts in Mainattan Frankfurt, Stadt der Liebe und Lichter, ein. Zuflucht fand er zuerst in einem Achterzimmer im Hadejott am Rande des Kneipenviertels Alt-Sachsenhausen. Und dann im unheiligen Allerheiligenviertel in direkter Nachbarschaft zur kleinen Schwester des Frankfurter Bahnhofsviertels, einer Welt aus Prostitution und Unterwelt. Später siedelten sich auch der Anziehsachenladen Pitbull und Tätowierer Kevin von den Onkelz dort an. Dirnen mit kurzen Röcken und auf hohen Stöckeln lockten ihn in plüschig-morbide Bordelle - derweil im Dreck Junkies den Herointod starben. Zur Begrüßung im Westen durfte Vitus auch eine Weile im Badischen Land verschnaufen - umhegt und verführt von Kurfeen. Nach Blutwechsel und körperlicher Aufrüstung die Rückkehr nach Frankfurt zu hellem Bier und Southern Comfort. Ein Schrauberjob im Fahrradlädchen vor Ort brachte neben dem alten Geruch aus Eisen, Gummi und Reifenkleber auch die ersten selbstverdienten Westmark ein. Etwas Kredit? Ein schnelles Auto? Eine Frau - schwarz, weiß oder gelb? Was darf es sein?... Er legte sein Sächsisch ab, kam im hedonistischen Westend unter und probte hier das freie Kommunenleben. Getrieben von unstillbarem Lebenshunger machte er sechs Jahre lang den Tag zur Nacht, trieb durchs Neon-Frankfurt der Achtziger, hing als Beau in stylish-coolen Bars herum, raste aus reinem Übermut mit einigen Umdrehungen im tiefergelegten Sechzehnventiler gen Nirgendwo, suchte Geborgenheit in Sexabenteuern, und sollte zum Callboy ausgebildet werden. Es war eine wilde Zeit, das stand mal fest. Doch für dieses Leben fehlte ihm Kaltschnäuzigkeit. Lügen konnte er nicht! Und langsam beschlich ihn ein seltsames Gefühl: Irgendwas war hier falsch. Was in Nürnberg und Berlin noch unterschwellig schlummerte, wurde in der Revolverstadt zum täglichen Terror: zu viele Farben, schleimige Gestalten, geschändete Sprache aus befremdlichen Schleiern und gefährlichen Bärten. Das war fremd und nur mit allergrößter Ignoranz auszuhalten. Er erkannte das kriecherische Wesen des Volkes im Westen, und wurde konfrontiert mit Hetze und Lügen. Der Propagandschirm verbog die Wahrheit, verbreitete niederträchtige Lügen über den Arbeiter- und Bauernstaat, in dem keiner von denen je war. Er prallte auf Welten. Auf der einen Seite die Fratze des Mammons, eine kalte kapitalistische Gesellschaft, die sich über Geld, Macht und Status identifiziert; auf der anderen Seite Schafe, Nattern und kuschender Plebs in lebenslanger Knechtschaft; dazwischen kriminelle Horden und bunter Abschaum. Kann so was den Charakter verfärben?
 
Onkäls, Kneipenterroristen, Germanium Metallicum
 
Mit den vormaligen Krishnajüngern, Patchouliesoterikern und sonstigen Phantasten konnte Vitus überhaupt nichts anfangen. Aber Musik übte immer eine unleugbar starke Wirkung aus. Die erste Berührung hatte er Ende der Sechziger, als er als Kind auf einem kleinen Plattenspieler in aller Heimlichkeit eine Platte der Kinks hörte. Seitdem wohnte neben dem Engel der Teufel in seiner Seele. Gruppen wie die Puhdys, Black Sabbath, Deep Purple, Pink Floyd und Emerson, Lake and Palmer waren die Renner seiner frühen Jugend. (Für eine Schallplatte blechte man im Osten übrigens auf dem Schwarzmarkt ein Viertel seines Monatsverdiensts.) Im Westen Mitte der Achtziger brachte ihn ein rätselhaftes Mädel dazu, seine Jeans hauteng abnähen zu lassen, zu zerschlitzen, sich Bandshirts überzustreifen, die Haare etwas länger wachsen zu lassen und Schwermetall zu hören: Judas Priest, Iron Maiden Maiden, Van Halen... Dann ließ der Gott des Donners Speed-, Thrash- und Death Metal auf die Menschheit los - von Musikern seiner Generation. ´88 erlebte er Slayer und Overkill. Und plötzlich war alles anders. Die besten Metalbands aller Zeiten - Slayer, Overkill, Metallica und Megadeth - übertönten sein Alleinsein und gaben seinem Leben einen neuen Rhythmus, egal ob auf der Straße oder vor der heimischen Anlage mit großen Boxen. Noch brutaler waren nur Death, Obituary, Morbid Angel, Bolt Thrower und Grindcore. Vitus tauchte ab in den Untergrund, führte ein Dasein im Verborgenen, immer in Abhängigkeit vom nächsten Konzi und in ständiger Freude auf ein böses Shirt und die nächste Dröhnung zu Hause. In verrauchten, dunklen Rockklubs, verachteter Teil der Gesellschaft, fand er eine neue Heimat. Apokalyptische Vokale, überschallende Gitarren, dröhnende Bässe und die dumpfen Explosionen der Trommeln waren genau das, worauf er gewartet hatte. Wie leibhaftige Fegefeuer brannten sie durch die Lautsprecher und machten alles kurz und klein, die nihilistischen Lieder der Zeit. In der Regel fünfzig Leute schauten mit ihm ins selbe Licht (oder in die Hölle). Lange Haare, Bomberjacke, Stahlkappen, Kluft mit Botschaft und tätowierte Totenköpfe gaben ihm Kraft und Stärke. Vitus war verrückt nach Metal, er atmete und er lebte als Metalhead. Bös´, böser, böhse Onkäls: Weiße Teufel mit aufrechten Tönen brachten ihm den Stolz zurück. Zorn und nie endenwollender Haß peitschten das Adrenalin durch seine Adern. Er haßte jeden Mensch (und sich selber gleich mit). Zuschlagen ohne lange zu fackeln. Und auch einstecken. Der Schmerz im Kopf war ein vertrautes Gefühl. Betäubung suchte er bei schnellem Sex und Alkohol. Aber er experimentierte auch mit Hasch und Heroin. Jede Woche führte mindestens eine Reise nach Nirgendwo. Nicht selten dabei ein Flirt mit dem Himmel. Zumindest konnte er sich morgens an nichts mehr erinnern. Aber er war zum Leben verdonnert. Dreimal kam er in der Notaufnahme wieder zu sich. Eine Vertraute und ein Mediziner halfen ihm, mit Lexotanil gut durch den Tag zu kommen. „Aufschwung für die Seele“ versprach es. Er fühlte sich wie auf LSD. Bis der schlechte Teil des Trips begann... Vitus bekam es mit der Angst zu tun. Angst vor allem Möglichen. Besonders vor Menschen. Daran änderte sich auch nichts, als zeitgleich mit Metallicas Schwarzem Album plötzlich eine schwierige Liason mit rundem Bauch vor ihm stand, und erklärte, er sei der Vater einer Tochter in spe. Im Dienst hielt er es nur noch unter Glückspillen aus. Am Ende bestand er nur noch aus Panikattacken und Agoraphobie und konnte nicht mehr die eigenen vier Wände verlassen. Nur eine Therapie rettete ihn vorm Abgrund. Vitus schien nicht gemacht für diese Welt.
 
Mauerfall: Mit Speck fängt man Mäuse
 
Mit dem deutschen Herbst ´89 kündigte sich eine neue Weltordnung an. Schon bald sollte der Raubtierkapitalismus die Welt in den Abgrund stoßen. Mit der Grenzöffnung läutete ausgerechnet der schicksalsbehaftete 9. November die Talfahrt ein. Elf Monate später - im Oktober anno Scheiße - hatte sich die DDR mit dem fatalistischen Anschluß zur BRD selbst aufgelöst, das Volk sein Herz dem Teufel verkauft. Nun konnten die Usurpatoren aus dem Westen endlich auf Raubzug im Osten gehen. Sie kamen mit Verlockungen, versprachen blühende Landschaften, Milch und Honig - und machten aus der DDR ein Haifischbecken. Viele rannten blind ins Verderben. Andere, Vasallen, die im Osten für den Sieg des Sozialismus marschierten, standen jetzt im Westen für den Kapitalismus stramm. „Treuhänder“ erschienen als Retter in der Not und plünderten so unauffällig wie möglich die Errungenschaften seiner Heimat. Fabriken wurden in die Knie gezwungen und eiskalt „abgewickelt“, das Beste davon ihrem System vereinnahmt, wie sie es kannten. Existenzen waren millionenfach entwertet und vernichtet. Manche wurden in den Tod getrieben. Häuser, Schlösser und Burgen, Seen und Küsten, Wälder und Ländereien - das ehemalige Volkseigentum! - rissen sich Investoren und Spekulanten unter den Nagel. Es waren die Totengräber der DDR. Deutschland hatte nun zwar keine Mauer mehr, aber tiefe Gräben. Schurkische Mistschweine nahmen auch Vitus weg, was einmal wichtig war. Den Ort, mit dem er durch Geburt, Liebe und Erinnerungen verwachsen ist, wo er seine schönste Zeit hatte: das Land, daß einmal seinen Großeltern gehörte, die Heimat, die Vergangenheit - das Familienanwesen. Damit war auch der Zerfall der Blutsverwandtschaft besiegelt. Vergessen wird das niemals!
 
Romeo und Julia
 
In der Melancholie des Novembers 1992, tief im Strudel aus wilden Orgien und einsamen Nächten, hatte Vitus ein Rendezvous mit einem zauberischen Geschöpf. Sie war eine zarte Mädelgestalt mit langen blonden Haaren, geheimnisvollen dunklen Augen, leuchtend weißer Haut und stand auf Punk, Indie und Grunge. Bei Kerzenlicht durchplauderten sie eine Nacht in einer Frankfurter Mansarde, hörten Platten von GG Allin bis in die Morgenstunden, teilten ein schmales Bett und blieben zusammen. Als Romeo gab Vitus seiner Julia den Spitznamen der Heldin aus „Wild at Heart“: Peanut. Peanut brachte Leben, Liebe und Hoffnung zurück in Vitus´ vereinsamtes Leben. Sie versüßte ihm das irdische Dasein. All die schweren Gedanken gingen, und alles schien möglich. Die neue Liebe und ferne Götter haben ihn in den beiden Metaldekaden immer wieder von üblen Substanzen gesäubert. Ohne Peanut wäre Vitus nicht mehr hier. Daß er die Frau seines Lebens gefunden hatte, begriff er erst viele Jahre später. Wie dem tragischen Liebespaar Romeo und Julia sollte das Leben Vitus und Peanut Steine, Freuden und Schrecken in den Weg legen............
 
Doom
 
Mit den Neunzigern fielen Speed-, Thrash- und Death Metal in Trümmer. Die Akteure hatten ihre Seelen verkauft. Nur eine Handvoll brachte es fertig, die alten Ideale hochzuhalten. Vitus schwor der Bewegung ab und verlor sich einige Jahre zwischen nichtigen Entartungen. Die Neunziger waren wirklich scheiße. Auf der Suche nach Tiefe entdeckte er den unterschätzten Doom. Nachdem ihn die erste Generation um Candlemass und Trouble nicht sonderlich anmachen konnte, verknallte sich Vitus Anfang der Neunziger umso heftiger in die Schneckenmusik von Cathedral, Eyehategod, Solitude Aeturnus und Saint Vitus. Solche Musik wurde damals nicht oft gemacht. Er verschwand in einer Welt von Nebel und Finsternis und in Ozeanen aus Tränen, endgültig resignierend vor der grausamen Wirklichkeit. Und war zugleich geheilt. Im Wissen, daß jemand genauso denkt und fühlt wie er. Fortan war Vitus geradezu manisch süchtig nach Langsamkeit, Tiefe und Schwere, dem „Doom-Gefühl“, wie Junkies nach ihrem Stoff.
Heimkehr
 
Lange war Vitus Sachsens verlorener Sohn. Bis ihn sein Mädel zu einer unerwarteten Reise nach Ostdeutschland ersuchte. Er sollte ihr die Stadt zeigen, in der er 1984 zum letztenmal gewesen war. Im September 1996 war es soweit: Mit bis zur Kehle schlagendem Herzen kehrte er an den Ort zurück, an dem er Schönes und Schlimmes erlebt hatte: Dresden. Hier ging das Leben seinen Gang. Es hatte sich nicht viel verändert. Elbflorenz hatte sich etwas herausgeputzt, die Straßen sahen glatter aus, waren aber auf vielen Abschnitten immer noch mit dem alten Pflaster bestückt. Im Grunde war alles wie eh und je. In den Adern der Menschen floß Sachsenblut. Sie fuhren nach Bannewitz, den Ort seiner Kindheit, der noch immer einem Paradies glich, doch für Vitus bittere Erinnerungen weckte. Eigentlich wollte er nie wieder dorthin zurückkehren. Im Haus seiner Großeltern waren Fremde. Er mußte lernen, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Der geliebte Großvater war damals schon bald nach ihm gegangen. Doch die Oma war noch da, der Vater und die schon geisterhafte Mutter. Es blieb eine kurze Zeit, die Vitus aber nachhaltig berührte. Die zwei Wochen im Dresdner Sportinternat machten ihm klar, wo er hingehört. Der Abschied war eine Geschichte voller undefinierbarer Wehmut, traurig und hoffnungsvoll zugleich. Zurück in Frankfurt hatte er nur ein Ziel: Er mußte wieder nach Dresden.
 
Heuern und Feuern (Verdammnis)
 
Seinen Unterhalt verdiente er in Rechenzentren. Die maschinelle Verarbeitung von Informationen, die Komputertechnik, hatte zu Beginn des Digitalzeitalters - Mitte der Achtziger - noch etwas Geheimnisvolles. Damals waren Komputer noch mit Lochkarten und Magnetbändern betrieben. Neben rosigen Aussichten und der schnellen Mark bot die Wissenschaft aus Bits und Bytes überdies Schlupflöcher jenseits moderner Sklaverei. Zwei Jahrzehnte stand er dem virtuellen Tagwerk Gewehr bei Fuß. Oft mußte er sich verbiegen, aber er hat sie ertragen: die leeren Augen, kalten Herzen, rationalen Stimmen, die kühle Logik der Kopfmenschen, die Knute des tyrannischen Vorgesetzten, all die Beleidigungen, Beschämungen, Erniedrigungen, Zurückweisungen und gesellschaftlichen Zwänge. Tag für Tag. Immer und immer wieder von vorn. Bis ihn der entfesselte Kapitalismus und die digitale Revolution überholten. Weltweite Internet-Tagelöhner übernahmen Aufgaben, die früher in Deutschland erledigt wurden - mit verheerenden Folgen für Leute der Mittelschicht. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2008 wurde Vitus´ Brotgeber von einer Krake geschluckt, seine Abteilung im Rahmen der Abwicklung eiskalt geopfert. Einerseits eine Erlösung, denn am Ende war er von stetig steigendem Druck und unmenschlicher Arbeitsverdichtung aller Freude beraubt. Andererseits mußte er mit einem Schlag viele kleine Annehmlichkeiten, die das Leben verwöhnten, aufgeben. Was ihm immer ganz selbstverständlich war, war nun plötzlich nicht mehr.
LSD (Long, Slow, Distance): Gerade noch mal die Kurve gekriegt
 
Um die Jahrtausendwende beschloß Vitus, die Psyche runterzuschalten, besetzte Häuser zu meiden und sich vor lausigen Klubbühnen rarer zu machen. Abschied zu nehmen auch vom Weltbereisen, der Wollust, Völlerei und Trägheit unter Palmen und südländischer Sonne, an Strand und Meer, den kleinen Freuden des Lebens. Er besann sich auf die alten Ideale. Wollte sehen, was der verrottete Körper noch hergab, wieder die eigene Kraft spüren. Und zugleich auch selbst was aufziehen. Nach einem ersten Abenteuer 1999 in Frankfurt schlich sich der Marathonlauf Schritt für Schritt in sein Leben. Die 42,195 Kilometer heldischen Ursprungs. Mythos und Marter, Triumph des gesunden Körpers über das schwache Geistreiche. Bald nahm die Affäre „LSD“ obsessive Züge an. Nachdem er zehn Jahre bei Wind und Wetter auf den Flußpfaden der Nidda „lang, langsam und weit“ der verlorenen Zeit hinterhergejagt war, nachdem er für Volks- und Waldläufe mit Rucksack beladen über die Dörfer getingelt war, nach einundzwanzig Marathondebakeln und nachdem er schon mehrmals damit Schluß gemacht hatte, war Vitus am Ziel eines großen Traums; hatte etwas erreicht, was nur ganz wenige schaffen: einen Marathon unter drei Stunden zu laufen. 46 Jahre war er bereits alt, als er 2008 in Berlin mit fast fünfzehn Stukis die rostbraune Zeitmatte kreuzte. Rotterdam bedeutete mit 2:52 Stunden später den persönlichen Weltrekord. Dreizehnmal sollte er die Marathonstrecke unter der magischen Marke laufen, zweimal fehlten nur gütiges Geschick und wenige Sekunden. Gleichzeitig begeisterte er sein Mädel für die Schinderei. Die Aktionen wurden immer verrückter - bis sie schließlich zusammen die fünf mystischen Kämpfe von Boston, London, Berlin, Chicago und New York vollendeten. Die Zielstriche auf der Boylston Street, The Mall, hinterm Brandenburger Tor, auf dem Columbus Drive und im Central Park: Sie haben sie alle gesehen, das bleibt ewig. Und eine alte Liebe wurde wieder wach: Nach zwanzigjähriger Verweigerung stieg Vitus wieder auf ein Rad und suchte sich auf den groben Stollen eines Mountainbikes kleine Fluchten übers Land. Im elften Jahr der sportlichen Auferstehung wurde er Teil von Spiridon Frankfurt. Peanut schloß sich kurz darauf an. Ab Dezember 2008 lief Vitus täglich. Am Niddaufer kannte er jeden Zentimeter. Nur die Quelle sah er nie. Achttausend Meter davor verlor sich die Spur. Mit der Winterwende 2010 machte er seine erste Erdumrundung seit Beginn der Aufzeichnungen mit dem Frankfurt-Marathon 1999 perfekt. Im August 2011 führte er eine Läuferin aus dem Marathonland Äthiopien zu ihrem ersten Lauf über vierzig Kilometer. Anschließend schlug diese ein Kreuz. Das veränderte sein Läuferleben. An der Seite der Äthiopierin fühlte er sich wie ein junger Gott. Nie war er so stark wie in diesen zwei Jahren. Bis Vitus spürte, daß er verletzlich ist. Im Frühling 2012 kam es zum abrupten Ende des Kapitels Marathonlauf, als ihm beim letzten Training vorm Hamburg-Marathon ein Muskel riß. Von diesem Schicksalsschlag hat er sich nicht wieder erholt, er war ein Bannstrahl. Nach einem letzten verzweifelten Aufbäumen im Folgejahr in Berlin hing Vitus die Schuhe an den Nagel.

Katharsis
 
Im Februar 2003 hatten sich Peanut und Vitus in freudiger Erregung auf eine Reise gemacht, die ein Wendepunkt ihres Lebens werden sollte: zu den winterweißen Tagen im Hohenloher Land mit dem ersten „Doom Shall Rise“. Sechzehn Gruppen, zwei Tage lang das überirdische Festival der Seelenverwandten. Herr Fopp persönlich führte Vitus und Peanut von der Straße weg in den inneren Kreis der Doom-Bewegung. Im Engelkeller tauchte auch ein Mann aus dem Jerichower Land auf. Sie freundeten sich an. Zauberelixier strömte und Hotelkorridore begannen sich spektakulär zu verbiegen. Beim Ritual an sich hatten sie das Gefühl, daß die Halle die Vibrationen nicht aushalten kann. Alles wackelte, alles schwang, die Luft schwirrte, der Boden bebte, lange Haare begannen zu rotieren, Leute verloren vor Begeisterung die Beherrschung. Für Augenblicke hielt sogar die Zeit an. Über jedem Konzert, was noch kommen sollte, schwebte fortan der Geist von Crailsheim. Und die Geschichte wiederholte sich... Vitus hatte viel vor. Der Gedanke, selbst einen Doom-Klub mit Ladengeschäft aufziehen, schwirrte schon lange in seinem Kopf herum. Er schmiedete Pläne für ein Doom-Festival. Aber mit guten Ideen lassen sich keine Rechnungen bezahlen. Dazu hemmte ihn der Dienst in Frankfurt an der Umsetzung... Im Sommer 2003 folgte im sächsischen Roitzschjora das nächste prägende Ereignis: die Begegnung mit den magischen Saint Vitus. In Ehrfurcht durfte er Dave, Wino, Marc und Armando die Hand reichen und entschwebte in ganz andere Sphären. Peanut bekam im Arm von Wino sogar ein inneres Wetterleuchten... Überhaupt... Crailsheim, Langenzenn, Nürnberg, Göppingen, Gent, Rotterdam, Würzburg, Huy, Brüssel, Edinburgh... Zusammen mit seinem Mädel purzelte Vitus dort in überwältigend lebendige Traumwelten. Sie trafen Fremde und Verrückte, Rocker und Doomer, verschlagen grinsende Langhaarige und total zugeknallte Kuttenträgern in Bandshirts, schwarze Seelen und religiöse Fanatiker unter filzigem Bart und ungezähmtem Haar, den obskuren Schulz und den finsteren Todesengel Stuart West, den maßlosen Kishde und den blonden Riese Hulle, kriegten die Launen der Kahlköpfe Kalle und Micha zu spüren, und durften in die heiligen Hinterzimmer der Akteure. Es waren kleine Begebenheiten, die sich für immer in Vitus´ Gedächtnis einbrannten: das Auf-den-Knien-Anflehen des Drumsters von Gorilla Monsoon um eine Auftrittschance bei Doom Shall Rise, die dicke Lieferung von Low Man´s Tune, die Zuwendungen der jovialen Onkels Boris und Sebastian, ganz persönliche Geschenke wie die Holzschatulle der Österreicher Osdou, eins von nur fünfzehn Shirts von Tollwuet, der Geburtstagssekt von Gröbel, die Belieferung mit Demo-Material, darunter das jährliche von One Past Zero, Einladungen auf Gästelisten... Das waren keine Budenzauber oder bloß Konzerte - das war Freundschaft und Wärme, Panzerschokolade fürs Hirnkästchen. Zwischen Kalle, Micha, Peanut und Vitus bestand so was wie eine psychosexuelle Liebesbeziehung. Einzig die Gründung einer eigenen Drone-Doom-Gruppe mit Frau am Sechssaiter und den Männern an Bass und Trommeln, blieb ein unerfüllter Traum. So kurios und höchst unterschiedlich diese Figuren und Kinder der Finsternis auch waren, so spannend und interessant deren Seelenleben: Sie haben viele kennengelernt, und sich zusammen mit ihnen zurück in die alte Zeit versetzt. Die Nächte waren lang und magisch, die Charakter einwandfrei, die Gefühle echt und ehrlich. Die Freude am Doom und die rituellen Gelage konnte ihnen sowieso niemand nehmen, unabhängig davon wie mächtig der Kater auch war. Es waren die rauschendsten und schönsten Feste ihres Lebens. Doch einer um den anderen kam in die Jahre. Jeder lebte sein Leben. Festivals endeten. Mit dem Aufstieg und Fall des Doom Shall Rise zerfiel auch die Gemeinschaft, manche Spur verlor sich für immer............ Als Erinnerung an diese Tage lagen liebevoll geschnürte Päckchen mit Doom-Musik im Briefkasten. „Für Heiliger Vitus“. Die hat er nächtelang rauf und runter gehört. In manchem Begleitheft war sogar sein Name abgedruckt. Und das Wahnsinnigste: In Rotterdam wurde er von Saint Vitus´ Wino auf eine Flasche Bourbon mit ihm ganz allein eingeladen. Völlig unmöglich, das zu vergessen!
 
Schmutziger Glanz und bunter Abschaum
 
Nach drei Jahrzehnten in der falschen Zeit, der falschen Stadt und unter falschen Leuten kam Ende 2012 ein wahrer Befreiungsschlag. Notgedrungen und bestärkt durch sein Mädel, schaffte Vitus es raus aus einem Wohnturm in Frankfurt. Fast zwanzig Jahre lang hatten sie die Wandlung ihres Viertels Rödelheim von einem ruhigen, fast niedlichen Ort mit ältlichen Schänken, krummen Gassen und holprigen Wegen über eine schleichende Übervölkerung bis hin zu einem vertierten, verzeckten und sich selbst überlassenen Loch durchlebt. Aus den einst wilden, leeren Uferwegen an der Nidda wurden Asphaltpisten für den Pöbel. Sie hatten sich in Grabenkämpfen mit dem Feind aufgerieben und den Abfall des Lebens erlitten. Doch der Verfall und Niedergang war nicht aufzuhalten, das eigene „Zuhause“ in den besten Ecken ein maroder Problembau, der Rest Affenzoo oder Kriegsgebiet. Draußen traf man auf Hetzparolen an der Wand, bespuckte Wege, Spielhallen mit dreckigen Gestalten davor, osteuropäische Bettelclans und Wanderhuren, illegales Gesindel, multikriminelles Ungeziefer. Hinter jeder Ecke lauerten Haß und Gewalt. Am Ende war Rödelheim fremdgeprägt. Es war eine Art Sodom, das Ende der Zivilisation. Eigentlich konnte man ohne Waffe gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Gut, daß der Abzug zur rechten Zeit kam!

Zerkratzt im Idyll (Verfolgung)
 
Vorm Fall in die Obdachlosigkeit sind sie im Winter 2012 an einen Ort gezogen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen: in die weiche Landschaft der Wetterau. Dort hatten sie plötzlich ein halbes Haus ganz für sich. Die neue Herberge war umgeben von Gehöften, Einsiedelein, der Kulisse des Taunus - und lag im Schicksalsverbund zur Nidda: Zweiundvierzig Kilometer flußab - eine Marathondistanz entfernt - mündete die Nidda in den Main. Was einst der römische Schutzwall Limes erledigte, tat jetzt der Raum. Mit dem „ersten Dorf hinter Frankfurt“ waren sie an einem sicheren Ort, hier lag das Böse weit weg. Nur die Pfeiler der Bankenstadt waren bei lichtblauer Nacht und klarer Luft am Horizont wie das Babel einer schweren Zeit zu erkennen. Sie waren jetzt unter einfachen Leuten, Altvorderen und Aussteigern - aber auch unter richtigen Dreckbauern, bornierten Rasenmäherspießern, aufgepumpter Großmannssucht und bigotter Nachbarschaft, die nur ihre schreiende Kinderschar kennt. Die Einheimischen blieben mißtrauisch unter sich, manchen klappte beim Anblick der zugezogenen Stadtflüchter auch die Kinnlade runter. Mit täglichen Läufen hielt Vitus sich in Schwung. Die Luft in der Natur konnte reiner und würziger nicht sein. Er liebte die Wege durch den Jungfern- und Rauwald. Rehe, Hasen und Störche waren da, nie ein Mensch anzutreffen, fern der Großstadtlärm. Es war alles wie aus der Zeit gefallen. Aber Weh dem, der keine Heimat mehr hat!... Während sie in der Wetterau Ruhe fanden, legte sich die Abgeschiedenheit wie ein dunkler Schleier über Vitus. Jetzt fühlte er, was Stille und das Gefühl von Verlorenheit mit einem anrichten können. Gleichermaßen vernagelte ihm das Verlangen nach immer mehr erotischer Beglückung buchstäblich alle Sinne. Den ganzen Tag wollte Vitus Sex - und mußte sich mit sich selbst und den Spinnen im Haus als einzigen Gefährten mit der ausweglosen Situation auseinandersetzen. Oft lag er tief in der Nacht wach oder stand auf in der Blauen Stunde am frühen Morgen. Im Grunde hatte er sogar Angst zu schlafen. Sein Leben kannte keinen festen Ablauf mehr. Er folgte dem, was für ihn am besten war, lebte nach einer eigenen Uhr, aß, wenn er hungrig war, schlief, wenn er müde war. Die längste Zeit tauchte er ab in Fiktionen, verlor sich in Tagträumen, saß als einsamer Mensch an seinem Rechner und tippte triviale Konzertberichte runter. Nachdem sich Peter Steele und Armando Acosta 2010 aus dem Leben geschlichen hatten, wurden 2013 mit Jeff Hanneman und Joey LaCaze weitere Menschen, die einem über viele Jahre nahestanden, tot aufgefunden. Keiner schien sich in diesen Tagen in seiner Umgebung sonderlich wohl zu fühlen. So starben die Sommer, verstrichen die Jahre - oft wochenlang weggesperrt vom „Leben“. Ein verwitterter Jägerzaun markierte die Grenze zur Außenwelt, wo alle paar Wochen ein Klub ein Konzert ausspuckte und ein Festival geradezu dem Polarstern glich. Aber sie sollten nicht lange allein sein. Schon bald machte sich die Gier nach immer mehr auch in der Wetterau breit. Ein riesiges Maschinenheer war gegen das letzte ländliche Refugium ausgerückt. Erdzerstörer zerschnitten den fruchtbaren Boden mit Asphaltstraßen und betonierten ihn mit Gebäuden zu. Als dann auch noch das Trojanische Pferd voller fremder Scharen in ihr „Wöllscht“ drang, war das Idyll endgültig ausgelöscht. Wie in einer besonders fiesen Laune des Schicksals wurden sie von Zugewanderten aus ihrem Haus vertrieben. Damit türmten sich Katastrophen. Das Pendel schlug mit ebensolcher Wucht zurück, wie es zuvor für Frieden gesorgt hatte. Verdrängte Tatsachen warfen unversehens ihre Schatten auf zwei Menschen, die verschiedene Heimaten hatten, ans Geldverdienen in der großen Stadt am Main gebunden waren, und nun drei Monate Zeit hatten, ihr Leben zusammenzupacken - dann wurde geräumt. Die Ruhe und Unberührbarkeit, die sie einst in der Wetterau erlebten, die Vitus erst euphorisierten, seine Gedanken dann im Kreis drehten, versetzten ihn schließlich in einen Zustand, aus dem es ihm nicht gelang, auszubrechen. Ausgerechnet seinen Körper, über den er sich stets definierte, hatte er plötzlich nicht mehr im Griff. Sport war Vitus´ Leben. Was bleibt, wenn das nicht mehr geht? Was vor einem Vierteljahrhundert schon mal von ihm Besitz nahm, kam wieder wie ein finsterer Dämon der Vergangenheit: ein panisches Gefühl von Isolation! Am Ende eines ganz üblen 2015 beschloß Lemmy, seinen Whiskey in anderen Sphären zu trinken.
„Immobilien“: Unter der Eiche
 
Ein halbes Jahr nach Lemmys Abschied, nach einem kurzen, aber drastischen Martyrium, kehrten Peanut und Vitus an Leib und Seele ruiniert zurück nach Frankfurt, der Stadt, der sie doch eigentlich schon entwischt waren. Dieser Ortswechsel war übereilt, nie gewollt, und er stellte ihr Leben binnen weniger Jahre erneut auf den Kopf. In größter Not hatten sie ihr virtuelles Geld zu Wänden aus Stein und Holz gemacht. Hatten in der vorm Krieg gegründeten Siedlergemeinschaft „Frankfurter Berg“ eine Volkswohnung erworben, sich in einem Holztafelhäuschen mit viel Boden und Wohnrecht auf Lebenszeit behaglich eingerichtet. Anfangs logierten auf der Anhöhe jenseits im Norden der Mainstadt Arbeiter; später - als alle Welt an eine Hauptstadt Frankfurt glaubte - Bedienstete vom Bund. In den Achtzigern tobten hier Krawalle zwischen Punkern und Skins, Junkies kamen an alle möglichen Drogen, täglich waren Grünkittel im Einsatz. Davon ist nichts geblieben. Nach dem Abzug der Amis schlummerte der „Berg“ im Sommer 2016 ruhig vor sich hin. Sie lebten wieder in ihrer eigenen Welt; führten ein ebenso bescheidenes und zurückgezogenes Dasein in den Gehölzwegen. Waren erreichbar nur über einen schmalen Wohnweg, der ihnen die Menschen vom Leibe hielt. Mit leise rauschenden Bäumen vorm Fenster, einer Eiche im Garten, Grillen in der Dunkelheit, Katzen, gefiederten Boten und einem Igel unterm Verdeck, und Ausblicken auf die Wolkenkratzer der nahen Stadt und die sanfte Bergkette des Taunus. Doch die traumatischen Erlebnisse der letzten Jahre hatten sich tief in Vitus´ Kopf eingebrannt. Solange er denken konnte, hatte er den Sport in der Natur mehr als sein Leben geliebt. Nun blieb er manchmal wochenlang in den eigenen Wänden verschanzt; beschloß, die Höhle nur noch zu verlassen, wenn Durst und Hunger ihn plagten. Der Rückzug führte in eine vollkommene Isolation, die niemand außer Peanut durchdringen und stören konnte. Er nahm alles wahr, aber niemand sah ihn. So tippte er triviale Berichte von Konzerten nieder, auf denen er sich zu Tode langweilte. Im Grunde hatten sie nur einen Vertrauten und Gleichgesinnten auf dem „Berg“: einen zottigen, zahnlosen Schrat. Der hatte ihnen zum Einzug ein Teelicht geschenkt - damit sie in der ersten Nacht im Garten etwas sehen können. Mit seinem Tod starb der Bezug zu diesem Ort.
 
Der Untergang des Abendlandes (Verschwörung)
 
Es dauerte nicht lang, bis neue Nachbarn erschienen. Es waren Unheilbringer. Plötzlich befanden sie sich im Kreuzfeuer von Wildfremden, die anders aussahen und handelten, und ihre grundverschiedenen Welten und Ansichten durchsetzen wollten. Ihr Garten zeigte, wie Menschen auf brutale Weise kollidieren können, und wie in hominiden Zoos Tieren gleich um die Sonne und ihr Revier kämpfen. Wann wird Radikalität zur Selbstgefährdung? Aller Frieden war zerstört, die süße Stille dieses Platzes kaputtgemacht, von blankem Haß, Rache und Vergeltung vergiftet. „Scher dich heim Alter. Endlich!!“, hatte ihm ein Freund vor langer Zeit ausgerichtet. Jahrelang hatte eine mysteriöse Frau Vitus daran gehindert, hatte er auf ein Wunder gehofft. Nun drängte die Zeit. Vitus hatte alle Energie, jeden Mut und Glaube verloren. Bevor er von inneren Ängsten und nächtlichen Dämonen zerfressen wird, mußte er schleunigst heimfinden. Mußte dahin gehen, wo alles begann, wo schon seine Ahnen geboren wurden, wo auch er zur Welt kam und aufwuchs, wo der neue Morgen dämmert, wo alles anders duftet, wo die Menschen vom gleichen Wesen sind, wo er zum letzten Mal Glühwürmchen sah. Zum Ort, wo Herz und Seele Heilung finden. Als Vitus mit seiner Gräfin von der vierten Suche nach einem Domizil in Dresden zurückkehrte, hatten sie plötzlich zwei neue Daheims. Dreiunddreißig Jahre nach seiner Flucht aus Dresden hatten sie im Frühling 2017 eine Bude in Sankt Pieschen an der Elbe bezogen. Nie zuvor lebte Vitus so nah am Schicksalsfluß mit der lieblichen, stillen Seele, der manchmal so grausam und verheerend sein kann. Am Ufer öffnete sich der Blick aufs unfaßbare „Elbflorenz“. An vielen Stellen lebte die lange untergegangene DDR fort. Jetzt sollte ihnen ein sorgloses Leben vergönnt sein. Aber etwas in der „Gesellschaft“ passierte. Millionen von Männern hatten immer wieder ihr Leben geopfert, um den heiligen Boden ihrer Heimat zu verteidigen. Bis sich immer mehr Außerirdische ungehemmt ansiedeln konnten und das Ureigene in Besitz nahmen. Mit einem Maß Hochmut, die kaum zu ertragen war. Mörder und Räuberbanden kamen übers Meer. Bald glich das Land mit seinem Sprachengewirr dem Turm zu Babel. Jeder spürte es, jeder sah es und jeder wußte, was hier los war. Auch seinem Sachsen wurde so eine schwere Last eingesetzt. Doch anders als sonstwo dachten die Menschen gar nicht daran, ihre Heimat aufzugeben. Jemand mußte dem Grusel ein Ende setzen! Wird die achte Wegstation die letzte sein? Eine schwere Entscheidung. Vitus und Peanut hatten schon viele Krisen überstanden. Nun waren sie zum ersten Mal ratlos, waren für eine ungewisse Zeit Pendler zwischen den Welten. Immer auf dem Sprung vom Osten in den Westen... und vom Westen mit letzter Kraft wieder zurück der Sonne entgegen.
 
Wiedergeburt und letzte Mobilmachung
 
Das vielleicht Besondere an Vitus ist, daß er trotz allem, was er erlebte, noch aufrecht gehen kann. Immer und immer wieder wurde alles zerstört, woran er glaubte, wo er meinte, Heil zu finden, was sein Leben ausgemacht hatte. Der Takt der Umbrüche war so stark, daß sein Herz den eigenen verlor. Was er in den drei Jahren fühlte, war die erschreckendste Zeit in seinem Leben. Ohne OP wäre er gestorben. Pfingsten 2018 ließ er Mediziner an sich ran. Nach einem Eingriff mit neuer Methode schlug sein Herz wieder ruhig und fest wie ehedem. Mit morschen Knochen, noch wundem, aber heilem Herz, traute Vitus sich am Ende des heißen Sommers 2018 in Begleitung seines Mädels auf ein Rad. Auf eigene Faust. Fünfzehn Kilometer die Elbe hinab. Fünfzehn hinauf. Stunden später erstand er zusammen mit einem alten Freund von Dynamo ein Rennrad Made in Germany. Goofy hatte er nach fast vierzig Jahren im Krankenhaus wiedergetroffen. Dessen erste, hoch erstaunte Worte waren: „Ich dachte, du bist tot...“ Genau so wurde Vitus´ Verschwinden Anfang der Achtziger in den Westen in Radsportkreisen erklärt. Am ersten September wagte er die ersten Laufkilometer an der Elbe. Nun wußte Vitus, daß er alles wieder machen kann. Und er hatte noch was vor in seinem Leben.
 
Einsamkeit im Leiden, Friedhof auf Rädern
 
Mit dem wandelnden Radsportlexikon Goofy erinnerte sich Vitus an seine Jugendliebe, die er aus seinem Leben verbannt hatte. Stundenlang redeten sie über die alten Zeiten. Sein Herz hing immer noch am Radsport. Aber die Welt um ihn herum war völlig anders: das Material, die Menschen, die Mittel... Im Schnellgalopp erlebte er den Fortschritt der Technik. Schlankes, handgeschmiedetes Stahlgeröhr war superleichtem, pfeilschnellem Kohlefaser gewichen. Niedrige Felgen aus Aluminium hatten gegen hohe aus Carbon keine Chance mehr. Aus sechs Ritzeln waren elf geworden. Die Schaltgruppe funktionierte nicht mehr über mechanische Seilzüge, sondern elektronische Stellmotoren, die Hebel hierfür waren in den Griffen verschwunden. Statt in Haken und Riemen steckten die Füße in Klickpedalen. Scheibenbremsen verdrängten die Felgenbremse. Und anstelle von Wolltrikots trugen die Rennfahrer eine hauchzarte Hülle aus Kunstfasern. Die Rennmaschine allein hatte um drei Kilo auf siebeneinhalb abgespeckt. Vieles konnte er nicht verstehen... Im Herbst 2018 folgten die ersten langen Ausfahrten und ein reinrassiger Italo-Renner mit Campagnolo-Gruppe. Bald schon füllten sich Vitus´ Lungen wieder tiefer mit Luft, bauten die Beine neue Kraft auf, keuschte er schneller durch die Sächsische Schweiz oder die heiligen Berge im Osterzgebirge und Taunus hinauf, war er wieder gefangen vom Lied der Straße, dem Geruch der Luft, dem Surren der Reifen, dem Gefühl, mit einem Rennrad zu fliegen; spürte er das Leben wieder berauschend intensiv. Nur der Geist wollte nicht die rechte Ruhe finden. Denn neben der zermürbenden Einsamkeit des Rennfahrers, mußte er die Sinne stundenlang maximal scharfstellen auf den Todfeind: das Auto. Die Chausseen, auf denen er als Junge heimisch war, war von einem Mahlstrom aus tonnenschweren Blechriesen entweiht worden. Auf der „Sechs“, der „Hundertsiebzig“ und „Hundertzweiundsiebzig“ herrschte Krieg, andere waren für ihn sogar verboten, das eigene Überleben regelmäßig eine Frage von Zentimetern. Auf seine alten Tage kehrte Vitus zu seinem früheren Radklub zurück, der nun Dresdner SC hieß. Plötzlich war er zurück in der magischen wie gefährlichen Welt des Sports. Am zwanzigsten April feierte er seine Wiederkehr auf der Grand-Prix-Strecke des Sachsenrings. Ein Blitzkrieg. Denn die alten Rennschlachten von epischer Länge waren dem Geld zum Opfer gefallen; Sportler der Willkür von Kommissären ausgeliefert - oder bis in die kleinste Muskelfaser voller Stimulanzien, Anabolika und Epo. Immer wieder kippte das, was eigentlich Freude sein sollte, in eine Mischung aus Wut, Ärger und Verdruß... Derweil fiel der Doom in einen ewigen Schlaf. Mit dem Nürnberger „Low Frequency Assault“ war vierzehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen Ende 2018 der letzte Fixstern am Himmel der Doom-Feste verglüht.
Gefallen mit den Engeln
 
Am Ende eines quälerischen und bedrohlichen Jahres 2019 verschwand Vitus´ Mutter nach langem Kampf in elendiger Umgebung so mir nichts, dir nichts ins Himmelreich. Ganz schnell. Ohne Lärm. Fast hätte es niemand gemerkt. Aber sie hatte ihn verlassen. Sie konnten noch nicht mal Abschied nehmen. Ein roter Umschlag, den sie ihm nach fünfunddreißig Jahren geben wollte, erreichte ihn zu spät. Den Verlust der Mutter konnte Vitus nie verwinden. Seine Mutter war Dresden, Dresden war seine Mutter. Auch wenn er immer weg war. Weit weg. Über Nacht wirkte die Stadt wie erstarrt. Die Elbe, die Häuser, die Straßen: Alles schien bis in die entlegensten Winkel Dunkelheit auszuströmen. Die Gräber auf dem Friedhof nahmen Gestalt an und schienen trauriger und schöner als je zuvor. Diese ganze irdische Welt war ein unwirkliches, kaltes Mausoleum. Das Dasein verlor seinen Sinn. Aber wenigstens konnte kein Leid, kein Schmerz, keine Pein seine Mutter mehr berühren. Vier Wochen später ging ihr Bruder; zweieinhalb Jahre danach Vitus´ Vater. Die Suche nach Unterlagen führte die Reste der völlig zerrissenen Verwandtschaft zusammen und brach aufgestaute Wut auf. Erinnerungen an verschüttete Träume, dunkle Geheimnisse und jahrzehntelange Lügen kamen ans Licht. Seelische Verletzungen, die Unmöglichkeit zur Kommunikation und Mißgunst und Gier der Hinterbliebenen hebelten den festen Glauben an die Bilderbuchfamilie, für die Vitus immer seine Hand ins Feuer gelegt hatte, vollends aus. Es waren Nattern. Doch auch sein Bruder tauchte nach vierzig Jahren Funkstille wieder auf. Während ihm nach und nach das Leben entglitt, wurde sein Mädel im Sommer 2020 von einer existenziellen Bedrohung heimgesucht. Die Zeiten der feudalen Vergnügungen waren vorbei. Um das aus immer wiederkehrenden, lebenserhaltenden Verrichtungen bestehendes Dasein aufzupeppen, reaktivierten sie Erinnerungen an eine aufregende Vergangenheit als Marathonläufer. Sie klammerten sich an den Sport. Lange neununddreißig Jahre nach seinem letzten Podiumsplatz holte Vitus Bronze bei einer Landesmeisterschaft im Radsport. Aber sollte er seine Jahre weiter damit verbringen, Erfolgen nachzujagen, um auf ein Treppchen zu klettern? Der Blick in den neuen Morgen war und blieb skeptisch!
 
Götterdämmerung (Vernichtung)
 
Waren es die Geister, die man rief? Oder ein unsichtbares Ding, die Menschen zu knechten? Jedenfalls grassierte im Frühling 2020 plötzlich eine neue Pestpandemie: Corona. Binnen kürzester Zeit bekam die Weltzukunft eine neue Vision. Die hinreichend bekannten Strippenzieher versprachen Heilung und billigten Zank und Zwietracht - für immer neue Tyrannei auf dem Weg in einen Faschismus neuer Prägung: die genormte eine Welt. Dazu brauchten sie niedliche Gesichter, Gesten und Symbolik. Abermillionen erlebten die Ohnmacht eines Volkes, das vor lauter Freiheit und totaler Demokratie keine Macht mehr hatte. Grenzen und Mauern waren gefallen - und der Einzelne gefangener denn je zuvor. Menschen wurden Maulkörbe angelegt, Andersdenkende immer weiter entrechtet und ausgegrenzt. Stufe für Stufe schritt die Menschenrasse ihren letzten Tagen entgegen, einem apokalypischen Untergang wie ihn sich viele überhaupt nicht vorstellen können. Alles, was heilig war, schön und heldisch und elitär erschein, wurde „entdämonisiert“, beschmutzt, gesprengt, ausradiert. Heimat, Sprache, Geschichte und Kultur sollten ausgelöscht sein, Völkern die Seele entzogen, ein ganzer Erdteil in einen Monsterstaat verwandelt werden. Nationen starben aus, weil Blut ineinander verschwamm. Tiere wurden ausgerottet, Bäume gefällt, Rohstoffe geplündert, Mutterboden betoniert. Größter Feind: der Mensch! Vitus erlebte das Versinken von Stätten und Dingen, die lieb und heilig waren: das Verschwinden der Glühwürmchen, den Untergang seines Heimatlands, die Zerstörung der Dresdner Radrennbahn, den Zerfall der Doombewegung, das Ende von Konzerten und Festivals. Mutter Erde rächte die Habgier, den Neid und Hochmut der Menschheit mit dem Zorn der Elemente. Äcker versteinerten unter Dürren, Regen ließ Flüsse mit voller Wucht übers Ufer treten, Orkane brausten entfesselt übers Land. Wo finstere Wolken ziehen, kann keine Sonne scheinen, muß alles Schöne sterben. Aber was ist Homo sapiens, was bleibt von der Spezies, was vom Dreck der Zeit? Nichts! Was dagegen sind die Mysterien der Natur, die Wälder, Flüsse und Seen, wilde Tiere, singende Vögel, ein von niemand gehörter Schwanengesang, das Rauschen von Blättern, murmelnde Wellen, die Schönheit und Gewaltigkeit der Landschaft, die unendlichen Weiten des Weltenalls? Tief! Unendlich! Letztendlich sind wir dem Himmel egal. Wir lagen zusammen am Strand, träumten am Fluß, liefen über ruhmreiche Straßen, begleiteten den Aufstieg und Fall von Doom Shall Rise, verbeugten uns in der heiligen Kapelle des Doom - immer mit den Göttern über uns. Alle Feste endeten. Die Erinnerungen sind unsterblich.
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich sehne mich weder nach Leben, noch ersehne ich den Tod. Aber nur weil ich euch das erzähle, bedeutet das nicht, daß ich auch noch lebe............
 
 
Im Winter MMXXI /XXII