In der folgenden Geschichte sind Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit beabsichtigt.
Die letzten Glühwürmchen
 
Deutschland, Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Wunden des Krieges klafften noch, Dresdens Straßenzüge lagen noch von Feindfliegern in Ruinen gebombt, ausgebrannte Fensterhöhlen waren zu sehen, die Fassaden rochen noch rußgeschwärzt, Tanzschuppen ließen sich an einer Hand abzählen. Irgendwo, irgendwann ist es passiert: Die zwanzigjährige Schöne vom Lande wurde vom Kerl mit der größten Klappe geschwängert, und der neue Mensch als Kriegsenkel in der dritten Rauhnacht ins Leben geschickt. Freunde würden ihn später „Vitus“ rufen. Das wallawalla Hügelland vor den Toren der Elbestadt war die Heimat. Ein Haus aus schwarzem Holz direkt vor den wuchtigen Bäumen und Lichtungen des Poisenwalds, umgeben von Busch und Feld an steilen Hängen mit einem rauschenden Bach im engen Wiesengrund. Ein Ort, wo der Winter meterhohe Schneeverwehungen brachte, und Väterchen Frost Eisblumen auf die Fenster zauberte; wo die Sommer voller Schmetterlinge und Leuchtkäfer waren und Holzstöße unter der unendlich weiten Sternenkuppel brannten. Der Himmel wölbte sich meistens wolkenlos klar und blau wie eine See über dieser Landschaft. Die Natur hatte ihr alles gegeben, was es an Frieden auf dieser Erde geben konnte. Ein einziges Schimmern und Funkeln war das gewesen, am schönsten Fleck der Welt. Die Stube wurde noch mit Kohle befeuert. Ein Radio und ein Fernseher mit zwei Sendern und drehbarer Antenne: die einzigen elektrischen Errungenschaften. Ein Garten mit Gemüsebeeten war da. Ein Bassin hatte da gestanden, Apfelbäume, Holunder, Kirschen, Pflaumen und duftender Flieder. Die Sträucher hingen voller Beeren, Federvieh war da gewesen, ein Hund und Kaninchen. Am Zaun stand eine winzige Laube mit doppeltem Boden, Stroh zum Träumen und einem staubigen Fenster als Ausblick. Der rostige Drahtesel dort drin stammte wohl noch von der ersten Frankreich-Rundfahrt. Und dann die Erkundungstouren durch das alte Haus aus den Vierzigern. Jede Menge Krempel war da zu entdecken. Unten im Keller parkte ein „Adler Trumpf“ aus der Zeit, mit knarrenden Ledersitzen, geheimnisvollen Tachometern und „Kontag“-Benzin im Tank. Das Beste war freilich der Dachboden, eine Fundgrube reich an Büchern, verstaubten Abzeichen und sonstigen Altigkeiten. Doch manches, auf das er stieß, blieb geheim - darunter die „Gewittertruhe“... Auch ein Mädel war da nebenan: die Tochter des Bürgermeisters als erste verstohlene Romanze. Von Ameisen wurden sie in den Hintern gepiekt. Und dann der Wald... Vitus hatte ihn für sich allein. Er lud ihn zu rasanten Schußfahrten im Schlitten bis hinunter ins Tal. Oder zum Besteigen des Hochsitzes an der alten Eiche. Der Sprung von ganz oben - das war für ihn eine unwiderstehliche Mutprobe. Noch tollkühner und gefährlicher war nur die Unterquerung der Eutschützer Mühle im tintenschwarzen, engen Bachtunnel - immer mit Schiß, vom strengen Wirt erwischt zu werden. Frei und unbeschwert waren die Sechzigerjahre, eine Zeit des Glücks. Alles vergangen, alles Geschichte. Geblieben ist ein Blumenhügel von seinen Großeltern, die zwei Kriege überstanden.
 
Der Sozialismus siegt
 
„Seid bereit!“ - „Immer bereit!“: In Zeltlagern, im Knistern von Fackeln und bei Fahnenappellen, schwor Pionier Vitus den Treueeid auf sein Land. Er lernte das Einmaleins von Miteinander und Zusammennhalt, was Kameradschaft, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind. Keine Stände, keine Klassen, keine irdischen Vorgesetzten. Er glaubte fest an den Sozialismus. Sein Weg war vorgezeichnet und sicher. Später in der FDJ lautete der Schlachtruf „Freundschaft!“ Das Blauhemd mit dem Sonnenzeichen am Ärmel war gebügelt rein, der Kopf kurzgeschoren, und Werte wie Achtung, Disziplin, Bescheidenheit und Ordnung das Normalste auf Erden. Nur Manieren besaß er keine. Ein Minuspunkt das Fach „Betragen“. Sich ruhig zu verhalten, fiel ihm schwer. So richtig schlug seine Stunde erst nach dem Unterricht. Er liebte die Körperlichkeit, und hatte in unablässigen und mitunter blutigen Keilereien den Respekt der anderen gewonnen. Auch entwickelte Vitus plötzlich unbekannte amouröse Gefühle für Mädchen... Aber er malte auch gern, baute Drachen und Flieger. In der Lehre überlagerte der Kalte Krieg die Freude am Spiel und Sport mit einem militärischen Akzent. So waren die Jahre als Stift auch oft die reinsten Wehrsportübungen. Die Vormilitärische Ausbildung sollte ihn wie in einer Ahnung für den späteren Lebenskampf schulen und stärken.
 
Dresden
 
Mit den Clogs, Polyesterhemden und Schlaghosen der Siebziger endeten die magischen Abenteuer als Pimpf. Aufbruch lag in der Luft. Doch die Siebziger sollten auch eine Geschichte der Abschiede, der Enttäuschungen und Armut werden, eine Zeit zwischen hoffnungsvollem Neuanfang und harscher Wirklichkeit... Seine Familie ließ das Dorf des Friedens hinter sich, und zog ins noch immer vom Krieg gezeichnete Dresden. Wo Bomben gefallen waren, reihten sich bereits Häuserblöcke mit den Errungenschaften der Moderne. Doch nach wie vor strahlten Ruinen und Trümmerlandschaften die schaurige Atmosphäre der vom Krieg zerstörten Stadt aus. Ein in der Kristallnacht ausgebranntes Glaubensgebäude blieb als unheimliches Mahnmal genau so stehen wie die durch Britenbomber zerstörte Frauenkirche. Statt auf Mond und Sterne blickte er in der Dresdner Südvorstadt auf Gaslichter und Fenster mit vielen Augen. Das Leben war nun entbehrungsreicher, oft auch geprägt von Hunger, Kälte und Krankheit. Seine ebenso talentierte wie lasterhafte Mutter lebte für Männer und Berauschung. Seinen geisterhaften Vater kannte er nur von den rosa Karten mit der Alimente. Den Kontakt sollte er erst als Volljähriger suchen. Zu spät, das Eis noch zu brechen. Nur auf sich gestellt suchte der vernachlässigte Junge in der riesengroßen Stadt ein Stück Halt. Wer im Florenz an der Elbe heranwächst, wird entweder Künstler oder Athlet. Da ihm für ein Instrument die Geduld und der Feinnerv fehlten, und da er auch wenig von Parkas, langen Haaren, Jesuslatschen und filterlosen „Karo“s hielt, fiel die Entscheidung gegen das Geistreiche. Alle Kräfte wurden gebündelt und unter dem Einfluß seiner Heimat als Nation der Elitesportler in die organisierten Bahnen des Leistungssports gelenkt.
 
Durchs Stahlbad: Kampf (Kombat 10)
 
Bereits als Knabe hatte Vitus Fußball gespielt, schnell aber seine Begeisterung für den Kampf Mann gegen Mann - damals Junge gegen Junge - entdeckt. Mit zehn Jahren und schmächtigen sechzig Pfund wurde er Mitglied der Judoabteilung von Lok Dresden. Rasch waren ihm Seoi-nage und Tomoe-nage in Fleisch und Blut übergangen und der 4. Kyu erlangt. Voll von roher Rauflust reihte sich Sieg an Sieg. Technisch bessere Gegner folgten, und taten ihm weh. Zu einem guten Judoka gehören eben nicht nur Kraft und Mut, sondern auch taktisches Kalkül. Damit stand Vitus auf Kriegsfuß. Immer öfter verließ er die Tatami nun mit einer Niederlage. Eine Verletzung brachte ihm den Knockout. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Denn der Drill auf verwanzten Matten und in dicker Hallenluft hatte ihm sowieso die Lust an der Japanischen Kampfkunst geraubt. Der Bruder setzte den Weg fort und wurde Dan-Träger und Judo-Lehrer.
Durchs Stahlbad: Sportler kämpfen für Frieden, Einheit und Aufbau! (Kombat 14)
 
1976 lief Vitus zu den Radrennfahrern über. Die Teufelskerle der Landstraße hatten es ihm mächtig angetan, das Zusammenspiel von Muskelkraft und Maschine. In keiner anderen Sportart wird dieser Grad von Zähigkeit und Härte, von Energie und Organkraft entwickelt. Tief fasziniert wälzte er im Keller einer Bücherei ein vergilbtes Lehrbuch, und saugte alles auf, was er über seine erste große Liebe erfahren konnte. Die Fanfare der Friedensfahrt jagte dem jungen Vitus alljährlich im Mai Schauer um Schauer unter die Haut. Er wollte nach oben, Profi werden. Hartnick und Drogan, die Jugendidole. Doch der Traum stand unter keinem guten Stern: Die Aufnahme in die Eliteschule KJS blieb ihm verwehrt. Mit vierzehn schon zu alt? War das Umfeld unsicher? War er „politisch nicht tragbar“? Der Grund blieb im Dunkeln. Zudem machte ihm der in Scherben liegende Bund der Eltern zu schaffen. Das Essen mußte er sich selber machen und beschränkte sich oft auf zuckerbestreute Butterbrote. Aber er hatte Glück in der Wahl des Radklubs. Im Arbeiterverein Aufbau Dresden-Mitte - als „Excelsior“ früher zu den führenden Bahnrennern Deutschlands zählend - traf er einige der besten Männer, die ihm je begegneten. Mit Begeisterung fuhr er zwei- bis dreimal die Woche zum Training auf der Radrennbahn in Dresden-Neustadt. Die Bahn war lang, vierhundert Meter, und eine von wenigen in Sachsen. Der Damm der Eisenbahn und eine Laubenpieperkolonie ihre Umgebung. Davor standen alte Kastaanien und eine Baracke mit dem Geruch aus Reifenkleber und Kettenöl. Das Knattern des klapprigen Kompressors, der Luft in die Rennräder hämmerte, die Freunde, die mit ihm durch dick und dünn gingen: Wie oft er das alles vermißt! - Blitzende Speichen, ein Rennlenker und Schalthebel aus Alu, ein schmaler Ledersattel, flinke Schlauchreifen, das Trikot noch von der Oma abgenäht, eine Lizenz für die Kleine Jugend, stolzes Rundendrehen auf Zement. Doch auch üble Stürze, Sepso-Tinktur und Wunden bis aufs rohe Fleisch: Das alles brachte die erste Saison. Im Winter folgten dann wieder Eisenstemmen und mörderharte Treppen- und Waldläufe im Elbhang und durch die tief verschneite Dresdner Heide. Die Sportler sahen aus wie Rübezahl, hatten Rotz und Eiszapfen in den Haaren, naße Schuhe. Die Kameradschaft war ohnegleichen. So was verbindet für immer! Auf die gründliche Durchbildung in Schnee und Kälte folgte der Lohn. Vordere Ergebnisse in der Großen Jugend schürten Hoffnungen. Jede freie Minute saß Vitus auf dem Rad. Vom Leipziger Tiefland zu den Hügeln der Oberlausitz, von den Bergen des Sudetenlands in die Ebene der Niederlausitz kannte er jeden Stein. Bald hing sein Zimmer voller Schärpen, Schleifen und Medaillen. Vitus gab alles für seinen Verein, wurde für Trainingslager vom Dienst freigestellt. Treten bis das Laktat in die Muskeln schießt, bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen, bei Wind und Sturm: die Vorgabe.
Mit dem ersten Bartflaum die Beförderung zu den Amateuren. Getrieben vom „He-he-heee!“ der Meute, die erste Siegerschleife im zweiten Rennen. Erkämpft mit einer Straßenmaschine, die er aus schwer zu erstehenden Teilen zusammengesetzt hatte. Tretlager, Pedale, Schaltung und Naben waren italienisches Campagnolo, die Bremsen Made in West-Germany, Rahmen und Sattel aus der Tschechei eingeschmuggelt. Immer in Angst, von den Grenzern, also der Stasi, erwischt zu werden. Die Tschechei war noch wirklich weite, weite Welt. Das Geld war im Lenker versteckt. Er hatte es mit harten Handlangertätigkeiten verdient: auf dem Feld, dem Bau, bei der Reichsbahn, im Uran, im Unternehmen des Vaters. Der überließ ihm manchmal sogar seinen russischen „Wolga“. Im Hoffen auf den Durchbruch schloß Vitus sich einer Sportgemeinschaft mit dem Nimbus mehrmaliger DDR-Meister in ihren Reihen an: der mythisch verklärten Querfeldein-Hochburg Dynamo Dresden-Nord. Stolz trug er nun die weiße D-Rune auf weinrotem Grund auf der Brust. Doch ein richtiger Coup ist ihm auch im Trikot von Dynamo nicht gelungen. Und: Er verlor das Wertvollste, was er je hatte: echte Freunde. In der Kaderschmiede herrschte zwar Zucht, Ordnung und Kampf - nur an Kameradschaft haperte es. Wärme empfand er dort nicht. Stattdessen das miese Gefühl, seine Gefährten im Stich gelassen zu haben. Der alte Geist war gestorben, und die Glanztaten der Leitfiguren wollten nicht auf den Youngster abfärben. Die Abteilung Radsport fiel aus der Förderung. Als Quartier mußte ein leerstehendes Haus in der Adlergasse herhalten. Wo vorm Krieg Dresdner Bürger wohnten, waren nun Kraftraum, Werkstatt und Versammlungszimmer untergebracht, das finstere Treppenhaus diente als Trainingsort. In der Adlergasse trafen sich die Sportler auch immer vorm Wettkampf. Nachdem sie anfangs noch unter kratzigen Wolldecken von Pritschenlastern der Bereitschaftspolizei zum Startort gekarrt wurden, scheiterte die Teilnahme an den nationalen Auswahlrennen später bereits an der Anreise. Damit entgingen ihm entscheidende Zähler im Punktesystem, das ihn weitergebracht hätte. Dazu spukten ihm zwei grausige Trainingsunfälle im Kopf herum: Ein Freund kam beim Zusammenstoß mit einem Auto ums Leben, ein anderer blieb gelähmt für immer. Vitus kam immer von ganz unten. Eine gewisse Dunkelheit verdeckte den Aufstieg. Er war ihm nah, aber am Ende gab es immer eine unbekannte Macht, die stärker war. Keiner der acht großen, vom Staat erlauchten und verhätschelten Sport-Clubs wollte ihn haben. Alle seine Bewerbungen und Delegierungen wurden abgelehnt. Der Versuch, über eine Parteimitgliedschaft und als Offiziersschüler der Luftwaffe bei den Sportsoldaten des ASK Vorwärts Frankfurt unterzukommen, scheiterte, weil wichtige Informationen nicht weitergegeben wurden. So erfuhr er Jahre später, daß der maßgebliche Funktionär - ein Bekannter seines Vaters - nichts von ihm wußte. „Hätte ich den Hinweis gehabt, hätte ich ihn geholt“, sagte der Offizier. Alles Makulatur, wenn es vorbei ist. Vitus´ Abgang von der „Fahne“ erfolgte in Unehren.
Wenn Glocken läuten, Dämme bersten, Bomben explodieren...
 
Bislang mußte seine Jugend unbefleckt und frei von Lastern sein. Nun war er schon achtzehn und spitz wie eine Reißzwecke. Die Zeit war also reif für die andere Seite. Endlich rauslassen, was sich so angestaut hatte. Mädchen und Musik hatte er im Schädel, wollte pimpern und an gedopten Getränke nippen. Die ersten Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht waren genau so katastrophal, wie der erste Suff und der kalte Sex mit einer Diskomieze. Eine Schwarze Witwe verdrehte ihm den Kopf als erste richtig. Doch sie brachte leider zwei Kinder mit, und verschwand eines Tages wie ein Stasispitzel ohne jedes Zeichen von der Bildfläche. Im verhexten siebenten Jahr hatte Vitus den Kanal voll. Nach einer langen Latte von Erfolgen - vierundfünfzigmal auf dem Treppchen, darunter etliche sächsische Landesmeisterschaften, zuletzt allerdings nur noch im geschlagenen Feld -, begrub er aus Ernüchterung und Perspektivlosigkeit den großen Traum und vermachte sein Heiligstes - das rollende Material - unter Tränen dem mehrmaligen Querfeldeinmeister Mosch, mit dem er mal ein Paarzeitfahren gewann. Im Herbst ´82 kam der Ausstieg aus elf Jahren Leistungssport in der DDR. Eine Zeit wie diese wird es nie wieder geben.
 
Fall und Flucht
 
Fortan war der junge Mann dagegen. Doch er verspürte keinen Zorn gegen das sozialistische Vaterland. Nein. Einzig aus Enttäuschung über die Sportführung entschloß er sich zur Rückgabe seines Parteibuchs - eine Entscheidung, die ihm den Boden unter den Füßen wegriß. Sie bedeutete nicht nur das Ende seiner Überzeugung, sondern bewirkte auch die Strafversetzung von einer gediegenen Stelle im Außendienst in die übelsten Fabrikhallen der Stadt. Statt zu trainieren machte er speiüble Erfahrungen über der Kloschüssel und geriet in eine Abwärtsspirale aus Alkohol und Schlägereien. Verlorene Linie, verlorene Liebe: ein Rattenschwanz negativem Mists folgte. Vitus war raus aus der Spur. Illusionen und der Drang nach Freisein zogen ihn in ferne Länder. Raus aus dem Tal der Ahnungslosen, rein in die wahre Freiheit. Blauäugig und ohne zu ahnen, was die bedeuten sollte. 1983 stellte er einen Ausreiseantrag. Damit waren die Brücken zum alten Leben endgültig abgebrochen, seine Bude bald verkauft, die letzten Platten verschachert. Die meisten Freunde und Verwandten sollte er nie wiedersehen. Beim Versuch rüberzumachen, schwebte er in großer Gefahr: Vitus geriet in die Fänge der Staatssicherheit. Eine schnelle Eingreiftruppe setzte ihn fest. Er wurde eingebuchtet, mußte ein quälendes, endloses Nichts überwinden und unter Lebensgefahr am fließenden Stahl arbeiten... bis plötzlich alles ganz schnell ging, und der Westen ihn rausholte.
 
Vom Zoni zum Bundi - Hinter feindlichen Linien
 
1984 im ersten Morgenlicht der Weg durch die Mauer............ ins Leere. In eine Odyssee durch ein Blendwerk. Der Hoffnungspunkt in Westdeutschland hieß Gießen. Gleich nach seiner ersten Unternehmung - dem Besuch einer Stripbar - war die Begrüßungsgabe weg. Gießen bedeutete nur einen Kurzaufenthalt. Zum Abschied schenkte ihm jemand ein „Butterfly“, damit er sich gegen die Türken wehren konnte, von denen jeder eins hatte. Das also war die Freiheit. Die erste neue Wohnanschrift ergab sich in Nürnberg. Vitus war Anfang zwanzig, voller Energie, aber ohne Plan. Er träumte von Chicago, von Los Angeles und Straßenkreuzern, und startete einen vagen Versuch, die Radkarriere wieder aufzunehmen. Das Angebot, in einem Vorstadtklub noch mal neu anzufangen, lehnte er ab. Stattdessen verführten ihn Lohndirnen, trinkwütige Osteuropäer und türkische Haschischdealer. Im Sommer ´84 kam Vitus beim „Monsters Of Rock“ auf dem Zeppelinfeld zum erstenmal mit Heavy Metal in Berührung: Mötley Crüe in natura... Nach Randalen in Nürnberg setzte er sich im allerletzten Augenblick nach Westberlin ab. Ein Basketballspieler aus Rumänien weinte um ihn - einer der ganz wenigen, die das je taten... Die Mauerstadt also als nächste Destination. Wieder eine Reise ins Ungewisse. Die Ankunft auf Tegel: bei Schnee und in finsterster Dunkelheit mit einer Reisetasche und den letzten Groschen. Ein alter Bekannter in Lankwitz konnte ihn nicht aufnehmen. Doch er bekam unerwartet Hilfe. Das Pärchen aus dem Flieger brachte ihn zunächst bei sich in Schmargendorf unter, und vermittelte ihn dann an eine Kiffer-Kommune nah der Festung Spandau. Jene überließ ihm einen Schlafplatz in einem Hochbett auf Marihuana Island. Die Brause stand im nahen Schwimmbad. Eine Affäre mit Sweet Leave Mary Jane? Unausweichlich! Denn statt mit Schrippen begann der Tag mit selbstgeerntetem Gras und einer gigantischen Bong. Und er ging weiter mit selbstgemachtem Punk in der Stube. Zum Schutz vor Nachbarn war die Trommel mit einem Kissen ausgestopft. Der Grat, auf Suchtdrogen hängenzubleiben war genauso schmal wie der zu einem Stricher am Bahnhof Zoo. Das war nicht die Welt von Vitus. Heimweh packte ihn. Er litt wie ein verwundetes Tier und verwünschte all die Hirngespinste, die ihn aus Sachsen fortgerissen hatten. Als er eines Tages vom Brausen zurückkam, hatten die Kiffer seine Tasche in den Schnee vorm Haus gestellt. Berlin war nur eine weitere Durchgangsstation. Der Aufbruch kam abermals keine Minute zu früh.
Glitzerrausch und Spucknapf: Kapitalistan
 
Wohin bloß geh´n? Vitus erinnerte sich an eine Ansichtskarte mit glitzernden Wolkenkratzern und dem Main davor. Nach einer langen, beklemmenden Zugreise durch die ostdeutsche Winterlandschaft traf er im Januar 1985 mit nichts in Frankfurt ein. Auf der Suche nach einem Obdach landete er im Hadejott am Rande des Kneipenviertels Alt-Sachsenhausen. Das Wasser stand ihm bis unters Dach. Doch auf der anderen Seite des Mains, im Bahnofsviertel, gab es Prostitution und Pornografie - Rotlichtwelt, wohin man blickte. Lohndirnen mit kurzen Röcken und hohen Stöckeln lockten ihn in plüschig-morbide Bordelle. Zur Begrüßung im Westen durfte er auch eine Weile im Badischen Land verschnaufen - umhegt und verführt von Kurfeen. Nach Blutwechsel und körperlicher Aufrüstung die Rückkehr in den Alltag - zu hellem Bier und Southern Comfort. Ein Schrauberjob in einem Frankfurter Fahrradlädchen brachte ihm neben dem alten Geruch aus Eisen, Gummi und Reifenkleber auch die ersten selbstverdienten Westmark ein. Etwas Kredit? Ein schnelles Auto? Eine Frau - schwarz, weiß oder gelb? Was darf es sein?... Er kam im hedonistischen Westend unter und probte das freie Kommunenleben. Fünf, sechs Jahre machte er die Nächte durch, legte seinen sächsischen Akzent ab, trieb ziellos durchs Partyvolk, suchte Geborgenheit in Sexabenteuern, und sollte zum Callboy ausgebildet werden. Es war eine wilde Zeit, das stand mal fest. Doch für dieses Leben fehlte es ihm an Kaltschnäuzigkeit. Und er konnte nicht lügen. Irgendwann merkte er, daß im Schlaraffenland etwas nicht stimmt. Was in Nürnberg und Berlin noch unterschwellig schlummerte, wurde in der Revolverstadt zum täglichen Terror: zu viele Farben, unästhetische Gestalten, Kauderwelsch aus befremdlichen Schleiern und gefährlichen Bärten, ethische Vergewaltigung und multinationaler Haß. Das entfachte Ekel und abgrundtiefe Verachtung, die nur mit allergrößter Ignoranz zu ertragen waren. Auf der anderen Seite prallte Vitus auf die Maschine Mensch. Auf ein Dasein dessen einziger Zweck die Geld- und Machtvermehrung ist - verbunden mit lebenslanger Lagerhaft. Er erkannte das kriecherische Wesen des Volkes im Westen, und wurde konfrontiert mit Hetze und Lügen. Der Propagandschirm verbog die Fakten und verbreitete niederträchtige Lügen über den Arbeiter- und Bauernstaat, in dem keiner von denen je war. Kurzum: kriminelle Horden auf der einen Seite. Auf der anderen die Fratze des Mammons. Dazwischen Schafe, Nattern, Vasallen und scheinheilige Heuchler auf der Suche nach Lob und Anerkennung. Kann so was den Charakter verfärben?
 
Metal, Onkäls, Kneipenterroristen
 
Die Sonne kennt ihren Weg. Mit den damaligen Krishnajüngern, Patchouliesoterikern und sonstigen Phantasten konnte Vitus nichts anfangen. Aber für direkten, aggressiven Krach hatte er schon immer eine Antenne. Der Gott des Donners schickte ihm nun den Schwermetall. Regierten im Osten die Puhdys, Black Sabbath, Zeppelin und Purple seinen Plattenapparat (für eine Schallplatte blechte man dort ein Viertel seines Monatsverdiensts), so steckten ihn im Westen Van Halen, Priest und Maiden an. Mitte der Achtziger wurden Speed- und Thrash Metal auf die Menschheit losgelassen - von Musikern seiner Generation. ´88 erlebte er Slayer und Overkill - und plötzlich war alles anders. Die wahrscheinlich besten Metalbands aller Zeiten - Slayer, Overkill, Metallica und Megadeth - zogen ihn von nun an in den Untergrund und gaben seinem Leben eine ganz neue Bedeutung. Verrauchte, dunkle Klubs unter der Erde: die Zufluchtsorte. Das Knattern der Vokale, die dumpfen Explosionen der Trommeln und das Dröhnen der Gitarren und Bässe waren genau das, worauf er gewartet hatte. Wie leibhaftige Fegefeuer brannten sie durch die Lautsprecher, all die nihilistischen Lieder. In der Regel fünfzig Leute schauten mit ihm ins selbe Licht. Lange Haare, Bomberjacke, Stahlkappen, Kluft mit Botschaft und tätowierte Totenköpfe stärkten sein Inneres. Vitus war verrückt nach Metal, er atmete und er lebte ihn. Bös´, böser, böhse Onkäls: Weiße Teufel mit aufrechten Tönen brachten ihm den Stolz zurück. Zorn und nie endenwollender Haß peitschten das Adrenalin durch seine Adern. Er haßte alles und jeden. Und sich selber gleich mit. Zuschlagen ohne lange zu fackeln. Und auch einstecken. Der Schmerz im Kopf ein vertrautes Gefühl. Betäubung suchte er bei schnellem Sex und Alkohol. Aber er pfiff sich auch Hasch und „H“ rein. Jede Woche führte mindestens eine Reise nach Nirgendwo. Zumindest war anderntags das Gedächtnis gelöscht. Nicht selten dabei ein Flirt mit dem Himmel. Aber er war zum Leben verdonnert. Dreimal erwachte er in der Notaufnahme. Eine Bekannte und ein Arzt halfen ihm, mit Lexotanil gut durch den Tag zu kommen. „Aufschwung für die Seele“ versprach es. Er fühlte sich wie auf LSD. Bis der schlechte Teil des Trips begann... Vitus kriegte Angst. Angst vor allem Möglichen. Besonders vor Menschen. Im Dienst hielt er es nur noch unter Glückspillen aus. Am Ende bestand er nur noch aus Angst und konnte nicht mehr die Wohnung verlassen. Nur eine Therapie rettete ihn vorm Abgrund. Vitus schien nicht gemacht für diese Welt.
 
Hurra, die Mauer ist weg! (Mit Speck fängt man Mäuse)
 
Mit dem deutschen Herbst ´89 kündigte sich eine neue Weltordnung an. Schon bald sollte der Kapitalismus und die Gier nach immer mehr die Welt in den Abgrund ziehen. Mit der Grenzöffnung läutete ausgerechnet der schicksalsbehaftete 9. November den Endzeitgong ein. Elf Monate später - im Oktober anno Scheiße - kam es zum fatalistischen Anschluß der DDR an die BRD. Nun konnten die Usurpatoren aus dem Westen endlich auf Raubzug im Osten gehen. Sie versprachen eine menschliche und gerechte Gesellschaft. Und brachen das Versprechen. Das Volk verkaufte sein Herz dem Teufel. Viele rannten blind ins Verderben. Andere hingen ihr Mäntelchen nach dem nächsten Wind. Gekrümmte „Treuhänder“ kamen als Retter in der Not und übernahmen so unauffällig wie möglich die Errungenschaften seiner Heimat. Fabriken wurden eiskalt „abgewickelt“ und ohne Rücksicht auf Verluste ausgemerzt; das Beste davon ihrem System angepaßt, wie sie es kannten. Eigentumsverhältnisse wurden neu geregelt, Häuser, Schlösser und Burgen, Seen und Küsten, Wälder und Ländereien - das ehemalige Volkseigentum! - an Investoren und Spekulanten verscherbelt. Es waren die Totengräber der DDR. Schurkische Mistschweine nahmen auch Vitus weg, was einmal wichtig war. Den Ort, mit dem er durch Geburt, Liebe und Erinnerungen verwachsen ist, wo er seine schönste Zeit hatte: das Elternhaus, die Heimat, die Vergangenheit. Damit war auch der Zerfall der Familie besiegelt. Vergessen wird das niemals!
 
Heilung durch Aphrodisiaka
 
In der Melancholie des Novembers 1992, tief im Strudel aus Rauschgiften und Exzessen, führte der Zufall Vitus mit einem zauberischen Geschöpf zusammen. Sie war eine zarte Mädchengestalt mit langen hellblonden Haaren, geheimnisvollen dunklen Augen, leuchtend weißer Haut und stand auf Punk, Indie und Grunge. Bei Kerzenlicht durchplauderten sie eine Nacht in einer Frankfurter Mansarde, hörten Platten von GG Allin bis in die Morgenstunden und blieben zusammen. Vitus gab ihr den Spitznamen der Heldin aus „Wild at Heart“: Peanut. Peanut versüßte ihm das gesamte Erdendasein. All die schweren Gedanken gingen, und alles schien möglich. Die neue Liebe und ferne Götter haben ihn in den beiden Metaldekaden immer wieder von üblen Substanzen gesäubert. Ohne sie wäre Vitus nicht mehr hier. Daß er die Frau seines Lebens gefunden hatte, begriff er erst viele jahre später. Aber das ist eine andere Geschichte............ Mit den Neunzigern fielen Speed-, Thrash- und Death Metal in Trümmer. Die Akteure hatten ihre Ideale lange verloren. Nur eine Handvoll glaubte noch an die alte Zeit und ließ sie weiter atmen. Vitus schwor der Bewegung ab und verlor sich einige Jahre zwischen nichtigen Entartungen. Die Neunziger waren wirklich scheiße. Auf der Suche nach Tiefe entdeckte er den schon totgeglaubten Doom wieder. Nachdem ihn die erste Generation um Candlemass und Trouble nicht sonderlich anmachen konnte, verknallte sich Vitus Anfang der Neunziger umso mehr in die Spiritualität von Cathedral, EyeHateGod, Solitude Aeturnus und Saint Vitus. Er verschwand in wahnsinnig traurigen, schleppenden Endzeitklängen, in einer Welt von Nebel und Finsternis. Und in Ozeanen aus Tränen, endgültig resignierend vor der Grausamkeit der Wirklichkeit. Und war zugleich geheilt. Im Wissen, daß jemand genauso denkt und fühlt wie er. Fortan war Vitus süchtig nach dem „Doom-Gefühl“ wie Junkies nach ihrem Stoff!
Heimkehr
 
Lange war Vitus Sachsens verlorener Sohn. Bis ihn sein Mädel zu einer unerwarteten Reise nach Ostdeutschland ersuchte. Im September 1996 war es soweit: Mit bis zum Hals schlagendem Herzen sah er nach zwölf Jahren sein Dresden erstmals wieder. Vor Ort hatte sich nicht viel verändert. Elbflorenz hatte sich etwas herausgeputzt, die Straßen sahen glatter aus, waren aber durch den Denkmalschutz auf vielen Abschnitten immer noch mit dem alten Pflaster bestückt. Im Grunde war alles wie eh und je. Nur der geliebte Großvater war damals schon bald nach ihm gegangen. Doch die Oma war noch da, der Vater und die schon geisterhafte Mutter. Zwei Wochen im Sportinternat machten Vitus klar, wo er hingehört. Beim Abschied machte sich eine sehr starke Sentimentalität breit............
 
Heuern und Feuern - Eine Existenz im Schraubstock
 
Sein Geld zum Leben machte er in Rechenzentren. Die Geheimnisse der Informationsverarbeitung weckten zu Beginn des Digitalzeitalters sein Interesse. Bits und Bytes versprachen Mitte der Achtziger rosige Aussichten und waren ein Schlupfloch fern von Regeln. Zwei Jahrzehnte stand er dem virtuellen Tagwerk Gewehr bei Fuß. Oft mußte er sich verbiegen, aber er hat sie ertragen: die leeren Augen, stumpfen Herzen, rationalen Stimmen, emotionalen Krüppel, die Knute des tyrannischen Vorgesetzten, all die Beleidigungen, Beschämungen, Erniedrigungen und Zurückweisungen. Tag für Tag. Immer und immer wieder von vorn. Bis ihn die Zeit, das digitale Chichi und der entfesselte Raubtierkapitalismus überholten. Plötzlich übernahmen Internet-Tagelöhner aus aller Welt Aufgaben, die früher in Deutschland erledigt wurden. 2008 stand sein Brotgeber vor der Pleite. Leidtragende waren die Mitarbeiter. Nach der Abwicklung seiner Firma durch einen „Global Player“ wurde Vitus wurde als „Kostenfaktor“ ausgemustert und ein für alle Mal in die Freiheit entlassen. Einerseits eine Erlösung, denn am Ende war er entmündigt und von stetig steigendem Druck und unmenschlicher Arbeitsverdichtung aller Freude beraubt. Auf der anderen Seite mußte er mit einem Schlag viele kleine Annehmlichkeiten, die das Leben verwöhnt, aufgeben. Was ihm immer selbstverständlich war, war nun plötzlich nicht mehr.
Kennziffer 42195 (gerade noch mal die Biege gekriegt)
 
1999 beschloß Vitus, die Psyche runterzuschalten, sich in den Konzertkellern Frankfurts rarer zu machen, Abschied zu nehmen auch vom Hedonismus und der perfekten Illusion unter exotischen Palmen, an Strand und Meer. Er besann sich auf alte Tugenden. Wollte sehen, was der gemarterte Körper noch hergab, wieder die eigene Kraft spüren. Und zugleich auch selbst was auf die Beine stellen. Der Marathonlauf blies frischen Wind in den Trott, die 42,195 Kilometer heldischen Ursprungs. Mythos und Martyrium, Triumph des gesunden Körpers über das geistreich Schwache. Aus einer Affäre wurde Abhängigkeit. Nachdem er zehn Jahre bei Wind und Wetter einsam am Fluß Nidda vor sich hingelaufen war, nachdem er für Volks- und Waldläufe mit Rucksack beladen über die Dörfer getingelt war, und nach einundzwanzig mitunter erbärmlichen Schlappen, war etwas erreicht, was nur ganz wenige schaffen, nämlich einen Marathon unter drei Stunden zu laufen. Als Methusalem von 46 Jahren kreuzte Vitus mit fast fünfzehn Stukis beim Berlin-Marathon 2008 nach zwei Stunden und fünfundfünzig Minuten die rostbraune Zeitmatte. Rotterdam war mit 2:52 Stunden später am schnellsten. Dreizehnmal sollte er die Marathonstrecke unter der magischen Marke laufen, zweimal fehlten nur gütiges Geschick und wenige Sekunden. Gleichzeitig begeisterte er sein Mädel für die Schinderei. Die Aktionen wurden immer verrückter - bis sie schließlich zusammen die fünf mystischen Kämpfe von Boston, London, Berlin, Chicago und New York vollendeten. Die Zielstriche auf der Boylston Street, The Mall, hinterm Brandenburger Tor, auf dem Columbus Drive und im Central Park: Sie haben sie alle gesehen. Und eine alte Liebe wurde wieder wach: Vitus stieg wieder aufs Rad und suchte sich auf den groben Stollen eines Mountainbikes kleine Fluchten übers Land. Im elften Jahr der sportlichen Wiederbelebung wurde er Mitglied von Spiridon Frankfurt. Peanut schloß sich unmittelbar darauf an. Ab Dezember 2008 lief Vitus täglich. Auf dem Niddauferweg kannte er jeden Zentimeter. Nur die Quelle sah er nie. Achtausend Meter davor verlor sich die Spur. Mit der Winterwende 2010 machte er seine erste Erdumrundung seit Beginn der Aufzeichnungen mit dem Frankfurt-Marathon 1999 perfekt. Im August 2011 führte er eine Läuferin aus dem Marathonland Äthiopien zu ihrem ersten Lauf über vierzig Kilometer. Anschließend schlug diese ein Kreuz. Das veränderte sein Läuferleben. An der Seite der Äthiopierin fühlte er sich wie ein junger Gott. Nie war er so stark wie in diesen zwei Jahren. Bis er spürte, daß er verletztlich ist. Im Frühling 2012 kam es zu einem abrupten Ende des Kapitels Marathonlauf, als Vitus beim letzten Training vorm Hamburg-Marathon ein Muskel riß. Von diesem Schicksalsschlag hat er sich nicht wieder erholt, er war wie ein Bannstrahl. Nach einem letzten verzweifelten Aufbegehren im Folgejahr in Berlin, entschloß sich Vitus, die farbigen Rennklamotten an den Nagel zu hängen, und die totale Entschleunigung auszurufen.
Katharsis
 
Im Februar 2003 hatten sich Peanut und Vitus in freudiger Erregung auf eine Reise gemacht, die sie nachhallend verändern würde: die winterweißen Tage im Hohenloher Land mit dem ersten „Doom Shall Rise“. Sechzehn Gruppen, zwei Tage lang das überirdische Festival der Seelenverwandten. Herr Fopp persönlich führte Vitus und Peanut von der Straße weg in den inneren Kreis der Doom-Bewegung. Im Engelkeller tauchte auch ein Mann aus dem Jerichower Land auf. Zauberelixier strömte, lange Haare begannen zu rotieren und Hotelflure sich spektakulär zu verbiegen. Für Augenblicke hielt sogar die Zeit an. Über jedem Konzert, was noch kommen sollte, schwebte fortan der Geist von Crailsheim. Und die Geschichte wiederholte sich... Vitus hatte viel vor. Der Gedanke, selbst einen Doom-Klub mit Laden aufziehen, schwirrte schon lange in seinem Kopf herum. Doch der Dienst hemmte ihn an der Umsetzung. Und eine gute Idee zu haben, reicht meistens nicht. Man braucht Geschäftssinn und Geld... Im Sommer 2003 folgte im sächsischen Roitzschjora das nächste prägende Ereignis: die Begegnung mit den magischen Saint Vitus. In Ehrfurcht durfte er Dave, Wino, Marc und Armando die Hand drücken und entschwebte in den Tempel des Doom. Peanut bekam im Arm von Wino sogar ein inneres Wetterleuchten... Überhaupt... Crailsheim, Langenzenn, Nürnberg, Göppingen, Gent, Rotterdam, Würzburg, Huy, Brüssel, Edinburgh... Zusammen mit seinem Mädel purzelte Vitus dort in wahre Traumwelten. Sie begegneten verschlagen grinsenden Langhaarigen, total zugeknallten Kuttenträgern, schwarzen Seelen, Doom-Lunatics, dem obskuren Schulz, dem finsteren Todesengel Stuart West, kriegten die Launen der Kahlköpfe Kalle und Micha zu spüren, und durften in die heiligen Hinterzimmer der Akteure. Es waren kleine Begebenheiten, die sich für immer in Vitus Gedächtnis einbrannten: das Auf-den-Knien-Anflehen des Drumsters von Gorilla Monsoon um eine Auftrittschance bei Doom Shall Rise, die dicke Lieferung von Low Man´s Tune, die Zuwendungen der jovialen Onkels Boris und Sebastian, ganz persönliche Geschenke wie die Holzschatulle der Österreicher Osdou, eins von nur fünfzehn Shirts von Tollwuet, der Geburtstagssekt von Gröbel, die Belieferung mit Demo-Material, darunter das jährliche von One Past Zero, Einladungen auf Gästelisten... Das waren keine Budenzauber oder bloß Konzerte - das war Freundschaft und Wärme, Panzerschokolade fürs Hirnkästchen. Zwischen Kalle, Micha, Peanut und Vitus bestand so was wie eine psychosexuelle Liebesbeziehung. Jedes Jahr zur gleichen Zeit waren sie immer wieder sofort mitten im alten Geschehen. Und so kurios und höchst unterschiedlich diese Außenseiter und Kinder der Finsternis auch waren: Sie haben viele kennengelernt, und sich zusammen mit ihnen zurück in die alte Zeit versetzt. Die Nächte waren lang, die Charakter einwandfrei, die Gefühle echt. Die Freude am Doom konnte ihnen sowieso niemand nehmen, unabhängig davon wie böse der Kater auch war. Es waren die rauschendsten und schönsten Feste ihres Lebens. Doch einer um den anderen kam in die Jahre. Jeder lebte sein Leben. Festivals endeten. Mit dem letzten Doom Shall Rise zerfiel auch die Gemeinschaft............ Als Erinnerung an diese Tage lagen liebevoll geschnürte Päckchen mit Doom-Musik im Briefkasten. „Für Heiliger Vitus“. Die hat er nächtelang rauf und runter gehört. In manchem Begleitheft war sogar sein Name abgedruckt. Und das Wahnsinnigste: In Rotterdam wurde er von Saint Vitus´ Wino auf eine Flasche Whiskey mit ihm ganz allein eingeladen. Völlig unmöglich, das zu vergessen!
 
Nichts wie weg
 
Nach drei Jahrzehnten in der falschen Zeit, der falschen Stadt und unter falschen Leuten kam im Winter 2012 ein erster Befreiungsschlag. Halb notgedrungen und bestärkt durch sein Mädel, schaffte Vitus es raus aus einem Horrorhochhaus in Frankfurt. Fast zwanzig Jahre lang hatten sie die Wandlung ihres Stadtteils Rödelheim von einem ruhigen, fast niedlichen Ort mit ältlichen Schänken, krummen Gassen und holprigen Wegen über eine schleichende Übervölkerung bis hin zu einem vertierten, verzeckten und sich selbst überlassenen Loch miterlebt. Aus den einst wilden und leeren Uferwegen an der Nidda wurden asphaltierte Pisten für den Pöbel. Sie hatten sich in Grabenkämpfen mit dem Feind aufgerieben und den Abfall des Lebens ertragen. Doch der Niedergang war nicht aufzuhalten, das eigene „Zuhause“ in den besten Ecken ein Problembau, der Rest Kriegsgebiet. Draußen traf man an jeder Ecke auf beschmierte Wände, bespuckte Fußwege, Spielhallen mit abstoßenden Gestalten davor, osteuropäische Bettlerclans und Wanderhuren, illegales Gesindel mit Dreck am Stecken, multikriminelles Ungeziefer. Ohne Waffe konnte man nicht mehr aus dem Haus gehen. Denn hinter jeder Ecke lauerte Gefahr. Am Ende war Rödelheim fremdgeprägt. Der blanke Haß beruhte auf Gegenseitigkeit. Gut, daß der Abzug zur rechten Zeit kam! Es war eine Art Sodom, das Ende der Zivilisation.
Zerkratzt im Idyll
 
Ende 2012 sind sie an einen Ort gezogen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen: in die weiche Landschaft der Wetterau. Dort hatten sie plötzlich ein halbes Haus ganz für sich. Das war nicht nur Befreiung, sondern bot auch Platz zur Entfaltung. Die neue Herberge war umgeben von Bauernhöfen, Einsiedelein, der Kulisse des Taunus - und lag im Schicksalsverbund zur Nidda: Zweiundvierzig Flußkilometer abwärts - eine Marathondistanz entfernt -, mündete die Nidda in den Main. Was einst der römische Schutzwall Limes erledigte, tat jetzt der Raum. Mit dem „ersten Dorf hinter Frankfurt“ waren sie vorm Bösen in Sicherheit, hier lag das Schlechte weit weg. Nur die Hochhäuser der Bankenstadt waren bei lichtblauer Nacht und klarer Luft am Horizont wie Spiegel einer schweren Zeit zu erkennen. Sie waren jetzt unter einfachen Leuten, Altvorderen und Aussteigern - aber auch unter richtigen Dreckbauern, sonnabendlichen Rasenmäherspießern, aufgepumpter Großmannssucht und bigotter Nachbarschaft, die nur ihre schreiende Kinderschar kennt. Die Einheimischen blieben mißtrauisch unter sich, manchen klappte beim Anblick der beiden Zugezogenen auch die Kinnlade runter. Wenigstens hielt sich Vitus mit täglichen Läufen noch in Schuß. Die Luft in der Natur konnte reiner und würziger nicht sein. Er liebte die Wege durch den Jungfern- und Rauwald. Rehe, Hasen und Störche waren da, nie ein Mensch anzutreffen. Es war alles wie aus der Zeit gefallen. Aber Weh dem, der keine Heimat mehr hat!... Während sie in der Wetterau Ruhe fanden, legte sich die Abgeschiedenheit wie ein dunkler Schleier über Vitus. Jetzt fühlte er, wie qualvoll Stille und Einsamkeit sein können. Gleichermaßen wuchs sein Verlangen nach immer mehr erotischer Beglückung. Den ganzen Tag dachte Vitus immerzu nur an Sex - und mußte sich mit sich selbst und den Spinnen im Haus als einzigen Gefährten mit der ausweglosen Situation auseinandersetzen. Oft lag er tief in der Nacht wach oder stand auf in der Blauen Stunde am frühen Morgen. Im Grunde hatte er sogar Angst zu schlafen. Sein Leben kannte keinen festen Ablauf mehr. Er folgte dem, was für ihn am besten war, lebte nach einer eigenen Uhr, aß, wenn er hungrig war, schlief, wenn er müde war. Die meiste Zeit tauchte er ab in Fantasiewelten, verlor sich in nichtigen Tagträumen, tippte triviale Konzertberichte runter. Nach dem Tod von Peter Steele und Armando Acosta 2010 wurden 2013 mit Jeff Hanneman und Joey LaCaze weitere Menschen tot aufgefunden, die einem über viele Jahre nahestanden. Keiner schien sich in diesen Tagen in seiner Umgebung sonderlich wohl zu fühlen. So starben die Sommer, verstrichen die Jahre - oft wochenlang abgeschnitten vom „Leben“. Ein verwitterter Jägerzaun markierte die Grenze zur Außenwelt, wo ein Klub alle paar Wochen ein Konzert ausspuckte und ein Festival geradezu dem Polarstern glich. Aber sie sollten nicht lange allein sein. Schon bald machte sich die Gier nach immer mehr auf, auch die Wetterau zu unterwerfen. Schweres Gerät war ausgeschickt, die Felder, Äcker und Weiden mit Asphalt zu zerschneiden und mit Häusern zu versiegeln. Als Flüchtlinge in ihr „Wöllscht“ drängten, war das Idyll endgültig vergiftet. Wie in einer besonders fiesen Laune des Schicksals wurden sie nun auch noch von Zugewanderten aus ihrem Haus vertrieben. Damit türmten sich Katastrophen. Das Pendel schlug mit der gleichen Wucht zurück wie es zuvor für Frieden gesorgt hatte. Verdrängte Tatsachen warfen unversehens ihre Schatten auf zwei Menschen, die zwei verschiedene Heimaten hatten, ans Geldverdienen in der großen Stadt am Main gebunden waren, und denen wiederholt der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Die Ruhe und Unberührbarkeit, die sie einst in der Wetterau erlebten, die Vitus erst euphorisierten, seine Gedanken dann im Kreis drehten, versetzten ihn schließlich in einen Zustand, aus dem es ihm nicht gelang, auszubrechen. Ausgerechnet seinen Körper, über den er sich stets definierte, hatte er plötzlich nicht mehr im Griff. Was vor einem Vierteljahrhundert schon mal war, kam für Vitus wieder wie ein finsterer Dämon aus der Vergangenheit: abgrundtiefe Angst! Am Ende eines ganz üblen 2015 beschloß Lemmy, seinen Whiskey im Himmelreich zu trinken.
„Immobilien“ (Unter der Eiche)
 
Ein halbes Jahr nach Lemmys Heimgang, nach einem kurzen aber drastischen Martyrium, kehrten Peanut und Vitus an Leib und Seele ruiniert nach Frankfurt zurück. Dieser Ortswechsel war übereilt, nie gewollt, und er stellte ihr Leben binnen weniger Jahre erneut auf den Kopf. In größter Not hatten sie ihr virtuelles Geld zu Wänden aus Stein und Holz gemacht. Hatten in der vorm Krieg gegründeten Siedlergemeinschaft „Frankfurter Berg“ eine Volkswohnung erstanden, ein Holztafelhäuschen mit viel Boden und Wohnrecht auf Lebenszeit. Anfangs logierten auf der Anhöhe abseits im Norden der Mainstadt Arbeiter; später - als alle Welt an eine Hauptstadt Frankfurt glaubte - Bedienstete vom Bund. In den Anarchy-Achtzigern tobten hier Straßenschlachten zwischen Punkern und Skins, Junkies kamen an alle möglichen Drogen, täglich waren Grünkittel im Einsatz. Davon ist nichts geblieben. Nach dem Abzug der Amis schlummerte der „Berg“ im Sommer 2016 ruhig vor sich hin. Sie lebten wieder in ihrer eigenen Welt; führten ein ebenso bescheidenes und zurückgezogenes Dasein in den Gehölzwegen. Waren erreichbar nur über einen schmalen Wohnweg, der ihnen die Menschen vom Leibe hielt. Mit leise rauschenden Bäumen vorm Fenster, einer Eiche im Garten, Grillen in der Dunkelheit, gefiederten Boten unterm Verdeck und Ausblicken auf die Wolkenkratzer der nahen Stadt und über die Nidda zur Bergkette des Taunus. Doch die schrecklichen Erfahrungen der letzten Jahre hatten sich tief in Vitus´ Kopf eingebrannt. Solange er denken konnte, hatte er den Sport in der Natur mehr als sein Leben geliebt. Nun blieb er manchmal wochenlang in den eigenen Wänden verschanzt; beschloß, die Höhle nur noch zu verlassen, wenn der Durst und Hunger ihn plagte. Das Alleinsein verhärtete sich immer mehr zu einer inneren und äußeren Isolation. Er nahm alles wahr, aber niemand sah ihn. So verfaßte er triviale Berichte von Konzerten, auf denen er sich seit langem zu Tode langweilte. Im Grunde hatten sie nur einen Vertrauten und Gleichgesinnten auf dem „Berg“. Der hatte ihnen zum Einzug ein Teelicht geschenkt - damit sie in der ersten Nacht im Garten etwas sehen können. Mit seinem Tod starb auch der Bezug zu diesem Ort.
 
Zurück in die Vergangenheit (Zersplitterung)
 
„Scher Dich heim Alter. Endlich!!“, hatte ihm ein Freund vor langer, langer Zeit ausgerichtet. Lange hatte eine mysteriöse Frau Vitus daran gehindert, jahrelang hoffte er auf ein Wunder. Nun drängte die Zeit. Vitus hatte alle Energie, jeden Mut und Glaube verloren. Bevor er als zerrissener, von Ängsten und Alpträumen geplagter alter Kauz erstarrt, mußte er die Zeit zurückspulen. Mußte dahin gehen, wo alles begann, wo schon seine Ahnen geboren wurden, wo auch er zur Welt kam und aufwuchs, wo der neue Morgen dämmert, wo alles anders duftet, wo die Menschen vom gleichen Wesen sind, wo er zum letzten Mal Glühwürmchen sah. Zum Ort, wo Herz und Seele Heilung finden. Als Vitus mit seiner Gräfin von der vierten Suche nach einem Quartier in Dresden zurückkehrte, hatten sie plötzlich zwei neue Daheims. Dreiunddreißig Jahre nach seiner Flucht aus Dresden hatten sie im Frühling 2017 ein Doomizil in Sankt Pieschen an der Elbe bezogen. Nie zuvor lebte Vitus so nah am Schicksalsfluß mit der sanften, stillen Seele, der manchmal so wehtun und zerstören kann. Am Ufer öffnete sich der Blick aufs unfaßbare „Elbflorenz“. An vielen Stellen lebte die lange untergegangene DDR fort. Eigentlich könnten sie glücklich sein. Aber schon machten sich Verwerfungen breit. Wird die achte Wegstation die letzte sein? Für eine ungewisse Zeit waren sie Pendler zwischen den Welten, immer auf dem Sprung - vom Osten in den Westen... und vom Westen mit der letzten Kraft wieder zurück der Sonne entgegen. Dorthin, wo die Welt noch gesund schien.
 
Letzte Mobilmachung und Wiedergeburt (der Kreis schließt sich)
 
Das vielleicht Besondere an Vitus ist, daß er trotz allem, was er erlebte, noch aufrecht gehen kann. Immer und immer wieder wurde alles zerstört, woran er glaubte, wo er meinte, Heil zu finden, was sein Leben ausgemacht hatte. Der Takt der letzten Umbrüche war so stark, daß sein Herz den eigenen verlor. Wollte er fortan als Schaf leben - oder Wolf sein? Nur ein Eingriff konnte ihn noch mal retten. Pfingsten 2018 ließ er Mediziner an sich ran. Nachdem er vier Jahre durch die Hölle gegangen war und die letzten drei unter Todesängsten litt, schlug sein Herz von da an wieder ruhig und fest wie ehedem. Ein himmlisches Gefühl. Mit verrottetem Körper, noch wundem aber heilem Herz, traute Vitus sich am Ende des heißen Sommers 2018 in Begleitung seines Mädels erstmals nach drei Jahren totaler sportlicher Abstinenz wieder aufs Rad. Auf eigene Faust. Fünfzehn Kilometer den Elberadweg hinab. Fünfzehn hinauf. Stunden später erstand er zusammen mit einem alten Freund von Dynamo ein Rennrad. Goofy hatte er nach sechsunddreißig Jahren im Krankenhaus wiedergetroffen. Dessen erste, hoch erstaunte Worte waren: „Ich dachte, du bist tot!“ Genau so wurde Vitus´ Verschwinden Anfang der Achtziger in den Westen in Radsportkreisen erklärt. Am ersten September wagte er die ersten Laufkilometer an der Elbe. Genauer gesagt: Er startete ganz vorsichtig einen neuen Streifen täglicher Läufe. Der vorherige endete im März 2016 nach 2647 Tagen und 35312 Kilometern wegen körperlicher und geistiger Zerrüttung. Nun wußte Vitus, daß er alles wieder machen kann. Er hatte alle Dämonen kaltgemacht und sein altes Leben wieder. Das war ein Wunder!
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Aber nur weil ich euch das erzähle, bedeutet das nicht, daß ich auch noch lebe............
 
 
Im Sommer MMXVIII