LOW FREQUENCY ASSAULT V
 
TONER LOW, MIRROR OF DECEPTION, HEAVY LORD, MILLS OF GOD
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 13. Dezember 2008
Doomerstag, 11. Dezember
 
Der LOW FREQUENCY ASSAULT hatte uns auch im Jahre 2008 eine Flucht aus dem Grau in die gute alte Zeit beschert. Für ein Weilchen nur, aber immerhin... Die Freudenspender Boris und Sebastian von „Doom Over Nuernberg“ sind fester Bestand meiner Abendgebete seit fünf Jahren! Wie stets, war ich mit Peanut lange vor der großen Doom-Nacht im Winterwunderland Franken angekommen. Diesmal waren die Düsterpunker Fliehende Stürme der Grund. Wir waren ihnen hinterhergereist. Am 10. Dezember hatten die Stürme in Frankfurt gespielt, heute durfte ihnen in Nürnberg gehuldigt werden:
...... Dritte Wahl, Fliehende Stürme, Cremaster
 
Freitag, 12. Dezember
 
Der Tag hielt eine faustdicke Überraschung parat. Wir bekamen Verstärkung aus Magdeburg-Anhalt. Unser Freund Micha hatte sein Kommen fest zugesagt. Nicht nur das: Micha hatte dem Doom seit Wochen regelrecht entgegen gefiebert. Wir hatten ihm einen Unterschlupf im „Gasthof Süd“ freigehalten. Bis zuletzt offen blieb indes seine Begleitung. In der neunten Abendstunde hatte das Rätselraten endlich ein Ende: Nicht der Mann mit Glatze, Stoppelbart und schlechten Manieren aus der Waschpulverstadt war mit nach Nürnberg gekommen, sondern ein Geschöpf mit langen schwarzen Haaren, Stirnband, stechend blauen Augen und wogendem Busen - Michas Flamme Simone! Es wurde spät, und am Ende war jemand völlig entsetzt, daß mir der Glaube in den Doom verloren geht......
 
Sonnabend, 13. Dezember
 
Derweil sich der Osten in der von Glühwein, Engeln und Touristen dominierten Budenstadt auf dem Hauptmarkt wärmte, betrieben Peanut und ich Körperertüchtigung und ließen drei zerstörerischen Nächten reinigende Läufe über die verschneiten und neuerdings mit erklärenden Zusatztafeln bestückten „Former Nazi Party Rally Grounds“ (Gelände um die Dutzendteiche) folgen. So wie immer bei unseren Nürnbergbesuchen! Nach der geistigen Stärkung und einem kräftigen Abendessen beim Griechen - zu dem mir selbstredend „a Bierle“ hingestellt wurde... -, waren wir bereit für den Doom. Simone wollte aber nur unwillig und kurz vorbeischauen... Veranstalter Boris hatte uns als Beginn eine Richtzeit von 20 Uhr bis 20 Uhr 30 Uhr ausgegeben. Es sollte etwas später werden... Kurz nach acht hatten wir zu viert die Südkaserne erreicht. In den von blauem Dunst erfüllten Mauern standen anfangs nur zwei Dutzend Schwarzgekluftete herum. Auf dem Gipfel (bei Heavy Lord) waren es amtlich 112. Die Stimmung war ausgelassen, man machte Witze und beweihräucherte sich selbst (gewisse Figuren auch über das erträgliche Maß hinaus: die Doompolizei, die erleuchtete Elite, die Überbelichteten - na ja). Ich selbst hatte eine Plauderei mit Foppi vorgezogen. Wir hatten uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Peanut und ich wurden von Mirror of Deception auch noch als Gäste eingeladen - was wir aber ablehnten, um die Veranstaltung ganz regulär mit einem Zehner zu unterstützen. Ausgerechnet zum Jubiläum erstmals nicht erschien indes mein persönlicher Sterbehelfer, der gefeuerte Bassist von VTS-M.
21 Uhr 05 brach das Inferno mit den Ultradoomern MILLS OF GOD los. Czarny, Pfeifer und Alt hatten mich schon im November 2007 ungemein fasziniert, als sie in einer Garage neben einem besetzten Haus in Mainz aufgetreten waren. Damals zelebrierten die Saarbrücker zwei Teile, heute zelebrierte sie zwei. Jeweils dieselben. Parabeln von je einundzwanzig Minuten! Zweimal ein Höchstmaß aus spirituellem Doom, berstenden Psychedelika und wahnwitzigen Siebziger-Schwingungen. Mir geradewegs ins Herz - und alle Nackenwirbel wegsprengend! Zu Beginn erschütterte „Monolith“ den Z-Bau. „Monolith“ kam einem alles unter sich begrabenden Erdbeben gleich. Zerrende, drückende und jaulende Doomriffs, zertrümmernde Trommelschläge, dazu wenige, aber umso radikalere Schreie. Von drei sich wie besessen in Ekstase bewegenden Menschen. Sonst nichts. Auf den „Monolithen“ folgte der „Call Of The Eastern Moon“. Auch dies wieder ein urgewaltiger, alles zerreibender Malmer; eine Spur zäher noch als der Koloss davor, dafür mit transzendental halluzinierenden Augenblicken gepiekt. Es rumpelte irgendwo zwischen Feuer und Eis. Mills Of God gingen einfach nur wahnsinnig unter die Haut. Und waren unwiederbringlich verloren für alle, die sie nicht durchlebten! Das war die pure Magie, pures Doom-Gold! (Zu hart und esoterisch indes für Front-Novizin Simone, die nach den Mills allein nach Hause stöckelte.)
Die Höllevoetsludger Heavy Doomer HEAVY LORD sind immer für eine Konfusion gut. Mal erscheinen die Jongens aus Zuid-Holland mit langen Rastazöpfen, mal mit kahlgeschorenen Schädeln, und dann wieder mit Jesusbart wie heute! Steve, Wes-Lee, Jeff und Wouter sind stets undercover. Beim Dutch Doom Day hatte ich mich schon einmal tüchtig blamiert, als ich Heavy Lord nicht als Heavy Lord erkannte! Aber es sind immer vier! Die Niederländer lieferten besonders Nummern ihres letzten Langeisens, sprich „Chained to the World“, „Serpento“ sowie den ungeheuerlichen Überhammer „Looking into the Makers Eye“. Im Klartext: ein wüstes Heckmeck aus tiefsurrenden Stahlseilen, kreuzfeuerndem Schlagzeuggehämmer; posierende, springende, headbangende und sich irrwitzig biegende Menschen; phallisch in die Luft gereckte Gitarren, vier durchgebrannte Teufelskerle auf Koks - ein Fest für jeden Adrenalinjunkie. Unter all das unkontrolliert-kontrollierte Spektakel hatte sich auch ein kleiner Abweichling geschmuggelt - ein betont langsames, mystisches Teil mit einigen von Steve geflüsterten Passagen, die bei manchen Leuten Angst und ein Gefühl von Enge auslösten: „While Empires Burn“. Heavy Lord hatten die wilden Headbanger an die Front gezogen und aus dem „Kunstverein“ eine ziemlich beklemmende und viel zu enge Röhre gemacht. Kein Raum für Nichts - und dennoch Killer!
MIRROR OF DECEPTION hatte ich schon einige Mal durchlebt. Der LFA sollte keiner ihrer Lichtstrahlen werden. Das lag nicht daran, daß die Helden von Gestern nicht auf die Entwicklungen im Doom reagieren - eine Legende verbiegt sich nicht (auch wenn das zum Verhängnis werden könnte) - sondern an der Technik im Kunstverein: Mirror hatten den Livesound überfordert. Nachdem die Gitarristen ihre Apparillos erst überhaupt nicht orten konnten, waren sie später zu laut. Siffi hatte rüde reagiert und den Fluß insgesamt etwas zerredet. Zudem werden sich nicht wenige vom ungewöhnlichen Programm mit drei Liedern vom flaueren Album 'Shards' - „Haunted“, „Ghost“ und „The Dead Pledge“ -, sowie zwei Unbekannten - dem bleiernen „The Falls“ und der altschwäbische Poesie „Student von Ulm“ -, vor den Kopf gestoßen gefühlt haben. Selbst eine Ode an die schicksalshaften Wege des Lebens wie „Entgleiten“, vermochte heute nicht fesseln. Was vom Stündlein in Nürnberg in Erinnerung blieb, war der höchst okkulte Auftritt des Bassisten, der hingebungsreiche Einsatz des Schlagzeugers (und heimlichen Sängers) beim „Student von Ulm“, sowie die entwaffnende Auskunft des Leitgitarristen, wieso das geplante „Vanished“ entfiel. Sie lautete: „Weil niemand eine Zugabe forderte.“ Mit Mirror of Deception hatte für mich vor Jahren der Doom Metal neu begonnen. Die erste Liebe ist meistens auch die tiefste. Sollten Mirror eines Tages die Haare ausfallen, ist für mich auch der Doom Metal gestorben.
Den Schwarzen Peter hatten ab 0 Uhr 55 TONER LOW aus einer niederländischen Ortschaft mit dem sinnigen Namen Leiden. Und dies unfreiwillig. Denn Miranda, Jack und besonders Gitarrist Daan wollten gar nicht als Letzte ran! Toner Low erinnerten mich sofort an den Stoner-Doom-Mythos Sleep, von denen sie den Leitsatz „Follow the smoke to the riff filled land“ übernommen haben, sowie an die hierzulande nie erblickten Amis Acid King, die ebenfalls eine Doomina im ersten Sturm haben. Ferner hatte ich mich mit Toner Low nicht befaßt, die Stücke trugen jedoch vielsagende Titel wie „Grass“, „Duster“ und „Devilbot“. Toner Low lebten in erster Linie durch den heißen Feger Miranda, durch tiefen Groove im Zeitlupentempo und sonor verzerrte Vokale, die von psychedelischem Gelichter in Schwarz-Grün und Unmengen Mary Jane untermalt waren. Toner Low waren wie eine chillige Kreuzung aus Sex, Dope und Hippiedoom; die totale Ergötzung für alle Kiffer und rauschhafte Töne für Benebelte. Der nüchterne Rest hatte abgeschaltet. Denn Toner Low waren zugleich auch wie ein langer ruhiger Fluß, der bis zur tausendersten Nacht dahingleiten kann - und der einen in den Schlaf doomt. Als Toner Low sich nach fünfzig Minuten im Kreis drehten und wir uns sattgesehen hatten, war es Zeit zu gehen - eben als es am schönsten war. Das war die in der zweiten Nachtstunde.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MILLS OF GOD
1. Monolith
2. Call of The Eastern Moon
 
HEAVY LORD
unbekannt
 
MIRROR OF DECEPTION
1. Intro
2. Haunted
3. Bleak
4. Entgleiten
5. Mirthless
6. Ghost
7. The Falls
8. The Dead Pledge
9. The Ship of Fools
10. Der Student von Ulm
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11. Vanished
 
TONER LOW
unbekannt
Sonntag, 14. Dezember
 
Kurz und schmerzlos fiel der Abschied aus. Nach einem Frühschoppen beim Griechen mit hellem Bier aus Franken, haben Simone und Micha uns zum Bahnhof gebracht. Die Überfahrten ins Bördeland und nach Hessen blieben ohne Vorfall. 2009 werden wir zum Low Frequency Assault VI anrücken.
 
Peace und God Jul
Boris und Sebastian (für alles - Doom Metal lebt!)
 
 
Doom, Fascination und Gewalt: ((((((Heiliger Vitus)))))), 25. Dezember 2008