LOW FREQUENCY ASSAULT VI
 
CROWSKIN, LORD OF THE GRAVE, GOSPEL OF THE FUTURE, SPACE PILGRIM
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 12. Dezember 2009
Freitag, 11. Dezember
 
Immer wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, führen die Wege nach Nürnberg. Und immer zur Jahreswende rieselt auch der erste Schnee. Der LOW FREQUENCY ASSAULT ist stets eine Verheißung in Weiß! Nur drei Tage weilten Goddess of Doom Peanut und ich diesmal in Franken. Der Freitag spielte sich im gemütlichen Gasthof Süd ab, wo wir ein Wiedersehen mit dem Freundespärchen Simone und Micha aus Magdeburg-Anhalt feierten. Ich sag´ nur: heute Freude und morgen todmüde...
 
Sonnabend, 12. Dezember
 
Während die Bördeländer in den Mittagsstunden im vorweihnachtlichen Fachwerkidyll unterhalb der Burg Engel betrachteten (ja, ja, der Christkindlesmarkt...), war ich mit P. einmal mehr zum Ausschwitzen auf dem Gelände rund um die Dutzendteiche unterwegs. Und...
 
Sonntag, der 13. Dezember
 
... stand schon wieder im Zeichen der Heimfahrt über die Autobahnen und Schienen des Landes. Aber dazwischen gab es Doom im Z-Bau der Südkaserne!... Die Besucherzahl ließ sich nicht genau bestimmen: Man hatte völlig vergessen, eine Kasse aufzubauen. Als wir die heilige Halle um 19 Uhr 45 betraten (ohne Simone, die den Doom als zu speziell befand), hatte es nur dreißig Leute dahin verschlagen. Und zwar ausschließlich Akteure, kaum Anhänger. Und ab der dritten Gruppe war die Kasse dann schon wieder abgebaut. Sodaß einige Personen freien Zutritt genossen. Maximal 100: mehr waren nicht vor Ort. Und dies bei zehn Euro Eintritt!
Kein Low Frequency ohne traurige, schlechte Nachricht! Die geplanten Hauptakteure THE DEEP BLUE mußten am Vorabend abblasen. Wegen eines Unfalls hatten die Engländer in einem langen Stau gesteckt und ihren Flieger verpaßt. Alle anderen Flüge nach Deutschland waren ausgebucht gewesen. Jedoch konnte Organisator Boris in aller Eile einen ganz großartigen Ersatz rekrutieren...
„Wir sind SPACE PILGRIM aus Dresden. Wir sind kurzfristig eingesprungen und haben euch etwas Ruhiges und Verträgliches mitgebracht. Viel Spaß!“ Diese bescheidene Durchsage bedeutete den Auftakt zum Low Frequency Assault VI. Der heutige war erst der achte Auftritt für die Sachsen überhaupt. Es war einer mit minimalen Mitteln, aber umso mehr Herz! Die „Raumpilger“ wandelten tief im Aszendenten der Sons of Otis. Psychedelisch weite Fuzzgitarren und leise Töne (die aber gar nichts von Kraft und Ursprünglichkeit missen ließen), trafen auf vereinzelte, abgedoomte Vokale (die in Nürnberg explodierten und im All verhallten). Außer den Stimmen war dabei alles handgemacht. Space Pilgrim bedeuteten einfach fünfzig superschöne und sehr fesselnde Minuten Space Doom. Sterne wie „Kingdom Twilight“ und die „Second Sun“ waren definitiv nicht von dieser Welt. - Eine persönliche Randnote: Arvid, Bobeck und Paul brachten mir nicht das gute Karma des Diesseits, sondern das aus der heimischen Elbestadt. Wir haben im selben Stadtteil gelebt, den ich ein Vierteljahrhundert zuvor im Irrglauben verlassen habe. Arvid wohnt in der Straße, in der ich zur Schule ging. Und: Space Pilgrim sind über meinen alten Konzertbericht zu Electric Wizard auf den Doom gestoßen. Es war nicht nur dieser menschliche Faktor, daß meine Helden heute Space Pilgrim hießen!
Ahoi! Den Gegenentwurf zu den Sachsen steuerten die benachbarten GOSPEL OF THE FUTURE aus dem mährischen Olmütz bei. Ab 22 Uhr 05 hagelte es eine Breitseite Sludge. Drei eher unschicke Kerle - Ultra, Koffin und Alesh - sowie Kindsfrau Alena, verkoppelten krudes Geschrei, ultratiefe Gitarren und erdrutschartig polternde Trommeln zu einem in dieser Form ziemlich einzigartigen, sehr schrulligen Feuerwerk im Doom. „Children of Chaos“ war eins der Schlaglichter der Veranstaltung überhaupt. Nach zwanzig Minuten heftiger Propaganda voller crustpunkiger Rums-und Krach-Attitüde (die manchmal auch an die rohen Frühwerke Burzums erinnerte), hieß es in der zweiten, fast ausschließlich instrumentalen Hälfte, dann einfach nur Sehen, Staunen und Abdoomen. Auf lästiges Gerede wurde sowieso verzichtet. Leider fielen die Tschechen nach einem sehr starken Beginn mit ihrem Postcore gegen Ende etwas ab. Der düstere Groover „5ive“ besiegelte nach einer Dreiviertelstunde diese Darbietung.
In der der elften Stunde schlug die Glocke für die drei Grabesherren aus der freien Schweiz. LORD OF THE GRAVE waren so was wie die heimliche Hauptgruppe, wollten aber von sich aus nicht am Ende ran. Mit Sam Wart feierte ein Neuer hinterm Schlagzeug heute seinen zweiten Einsatz bei den Baslern. Zudem hatten Rob Grave und Michael G. Low neuen Stoff dabei, der für mein Gefühl nicht so einschlug, wie der beim „Doom Shall Rise“ im April. Zu offen schien mir heute die Handschrift von Sleep durch. Lord of the Grave spielten Stoner Doom - oder wie sie selbst sagen: Dopethrone Doom - der sehr schmutzig, verdrogt und morbide, aber auch etwas sinnarm und ohne Biß daher kam. Niederfrequenter Groove im Schildkrötentempo, dazu die verwahrloste Optik des Stirnbandfreaks Rob: das könnte auf Dauer etwas zermürbend werden. Die Schweizer zelebrierten am Ende so was wie eine Quasizugabe - „Raunacht“? - , die fast zwanzig Minuten währte, und etwas härter und kantiger daherkam. Im Gedächtnis blieben vor allem die ekstatische Körperlichkeit Greilis, der seinen weit aufgerissen Rachen katharsisch gen Himmel wandte - sowie schlechte Neuigkeiten von dessem alten Kumpel Roger, mit dem es das Leben nicht gut meint. Gute Besserung, Mann!
Preußischer Humor hin oder her - am Händlerstand hatte mich einer der CROWSKIN-Gitarristen vorgewarnt: „Wir sind eine der extrem linken Bands, die du nicht magst. Und extra für euch, und da wir wissen was für Leute hier sind, spielen wir heute etwas anders!“ - Aua! Nichts mit der netten Tante, die kein Erdbeereis scheißt? Stattdessen irrationaler Haß und die Rute für alles Nichtkonforme? Der wie vom Schwarzen Block getarnte Schlagzeuger und der Bassist im vielsagenden Johnny-Cash-Hemd „We´ll meet again...“ hatten es auch mit ihrer Kleidung angedeutet: Der Fünfer aus Potsdam kam im Vergleich zum „Halloween of Doom“ in Darmstadt eher undoomig und weit weniger eindringlich daher! Von 1 Uhr an setzte es Sludge radical left im Revoluzzerlook. Brutale Grunzvokale waren von hautabziehend harschen Instrumenten unterlegt. Dies alles lief fast schon auf Hardcore-Geschwindigkeit (kein Wunder bei diesem Publikum). Rein technisch zogen Crowskin abermals die ausgefeilteste Schau ab. Doch heute war mir das alles schon etwas zu stolz, zu hochnäsig. Die Turbonegro´sche Verlängerung „I Got Erection“ war derart perfekt verfremdet, daß sie nicht mal die härtesten Turbojünger erkannten. Keine Latte - und trotzdem konnte man wieder nur selbstgesprächelnd und schädelschüttelnd dastehen...
 
Kurz vor zwei war Feierabend. Der sechste Low Frequency Assault war in meinen Augen der Schwächste. Nur fünfzig wollten die letzte Gruppe sehen. Der Rest brach vorzeitig auf. Nicht nur wegen der letzten Bahn........
 
Ein händefaltender Dank
Peanut (für das Stiften der Reisekosten)
Space Pilgrim (für die Belieferung mit der Demoaufnahme)
God Jul!
 
Nebengeräusch
Acht Jahre später erfuhr ich aus sicherer Quelle, daß ausgerechnet dem guten Gitarristen von Crowskin im Schlafraum überm Kunstverein ins Bett gepinkelt wurde - vom neuen Schlagzeuger von Lord of the Grave...
 
 
Doom, Fascination und Gewalt: ((((((Heiliger Vitus)))))), 15. Dezember 2009 / 20. September 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SPACE PILGRIM
(20.55-21.45)
1. Twilight Kingdom
2. Slumber Cave
3. The Second Sun
4. God of Guts
 
GOSPEL OF THE FUTURE
(22.05-22.50)
1. Children of Chaos
2. Cavemaster
3. The Power of Black Sun
4. Witchbone Dust Overdose
5. Geniove
6. 5ive
 
LORD OF THE GRAVE
(23.15-0.10)
1. Holy Vitus
2. Ghosts of the Pyre
3. Whorse Plincher
4. Inflatable Pillar
5. Bardo
6. Dead Science
 
CROWSKIN
(1.00-1.55)
1. Intro (Gestern gab es dieses Wort)
2. In die Irre (Eisig & schwer)
3. Black Lava
4. Ende Oktober
5. Selbstgespräch mit Gott
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6. I Got Erection [Turbonegro]