33. BERLIN-MARATHON, 24. September 2006
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AUFBAUKÄMPFE
Karbener Halbmarathon, 13.8.06
Bruchköbeler Halbmarathon, 26.8.06
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Berlin - Lauffest der Völker
 
 
Central Park? Pustekuchen! Wie ein Apfel auf Zement war unser Traum vom New-York-Marathon zerplatzt. Zur direkten Qualifikation (3:05 Stunden) fehlten mir 3:30 Minuten, und der Umweg über eins der autorisierten Reisebüros (Jedermann-Kontingent) war seit 1 ½ Jahren ausverkauft. Doch im Herbst wollten wir endlich einen Großen laufen. Warum nicht auf deutschem Boden, auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Berlin?
 
1974 von einer Randgruppe des SC Charlottenburg erstmals ausgetragen - damals als Volksmarathon mit 286 Teilnehmern auf zwei Runden zwischen der Avus und dem Wannsee in der Abgeschiedenheit des Grunewalds -, 1981 - als aus Trimm-Trabern allmählich Läufer wurden - durch die spektakuläre Westberliner Innenstadt führend, und nach dem Mauerfall 1990 auch noch den Osten der Stadt erobert, ist der Berlin-Marathon über die Jahre nicht nur zum wichtigsten nationalen Laufereignis aufgestiegen, sondern auch der drittgrößte und schnellste Marathon der Welt. Zusammen mit Boston, London, Chicago, New York sowie der Weltmeisterschaft und Olympia, bildet Berlin die neu geschaffene Laufserie »World Marathon Majors«. Die Gesamtsieger der WMM erhalten eine Million Dollar Preisgeld. Damit ist Berlin ein Monument des Marathonlaufs, und das mittlere der fünf Majors im Jahr. Der Preis für die Startnummer lag 2006 zwischen 55 Euro für die früheste und 95 Euro für die teuerste Meldephase.
 
Mit dem großen Favoriten, dem mehrmaligen Weltmeister und Olympiasieger Haile Gebrselassie, peilte einer der populärsten Langstreckler zeitlebens einen neuen Weltrekord an. Eine endlose Kette von einer Million Menschen auf den Bordsteinen, 40
 000 Marathonläufer aus 105 Ländern der Erde, ein Heer von Helfern und die vielen Gesichter der Stadt sollten dabei die magische Kulisse bilden. Berlin. Lauffest der Völker. Flach, schnell und unauslöschlich!
 
.:: DIE STRECKE ::.
42 Kilometer im Uhrzeigersinn. Der Start lag westlich vom Brandenburger Tor in der Lunge der Millionenstadt, dem Großen Tiergarten. Auf flachen und ausladenden Asphaltchausseen und nahezu ohne Rhythmusbrechung führte die Strecke durch die Ortsteile Tiergarten und Moabit, dann durch Mitte nach Kreuzberg, weiter über Schöneberg und Friedenau bis nach Schmargendorf, und schließlich über Wilmersdorf und Charlottenburg wieder bis Mitte. Zurück in Tiergarten fand das Rennen nach dem Durchlauf unter der Victoria sein grandioses Finale. Neben den verschiedenen Gesichtern der Stadt wurden unterwegs die Wahrzeichen Siegessäule, Reichstag, Fernsehturm, Kurfürstendamm, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Dom und Unter den Linden gestreift. Dabei herrscht Hochbetrieb am Straßenrand. Alljährlich eine Million Schlachtenbummler tragen die Läufer ins Ziel. Daß die Schleife durch Berlin nicht nur ansehnlich und ziemlich einzigartig, sondern auch äußerst schnell ist, davon zeugen die fünf bislang dort aufgestellten Weltbestzeiten und Weltrekorde:
 
1977 - Christa Vahlensieck (Deutschland) 2:34:48
1998 - Ronaldo da Costa (Brasilien) 2:06:05 (erster Mensch über 20 km/h)
1999 - Tegla Loroupe (Kenia) 2:20:43
2001 - Naoko Takahashi (Japan) 2:19:46
2003 - Paul Tergat (Kenia) 2:04:55 (erster Mensch unter 2:05 Std.)
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Mangels Möglichkeiten mußte ich mich mit den Kampfplänen von Greif aus dem Vorjahr fitmachen. Mit zwei Änderungen: 1. einem zweiten Halbmarathon innerhalb der Vorbereitung; und 2. einer zusätzlichen, sechsten Laufeinheit pro Woche. Das Ziel war, nach 2:59 Stunden die erste Berliner Weiße im Blut zu haben. - Marathona Peanut hatte nach ihrem Einstand in Würzburg endgültig ein Lauf-Problem und übte nach dem Portal My Asics Running für eine Zeit unter 4:15 Stunden. - Unsere Trainingsrouten verliefen auf dem Niddaradweg und im Frankfurter Grüngürtel - von der Quellenstadt Vilbel im Nordosten entlang der Nidda quer durchs Stadtgebiet von Frankfurt bis zur Main-Mündung in Höchst im Südwesten.
An der Nidda (© Vitus)
Das LAUFTAGEBUCH vom 3. Juli bis 24. September:
 
 
1. Wo. (101 km): Nach siebenjähriger Treue zu Asics habe ich im Sommer mein Schuharsenal ausgetauscht. Gründe gab es einige. Im Unterschied zur Marktmacht aus Japan, die im billigen Ausland produzieren läßt, steht das Werk von New Balance im englischen Flimby, wo noch handgenäht wird; NB macht die einzigen Schuhe mit paßgenauen Weiten; NB verschmäht großspurige Werbung, und NB gibt´s auch nicht in jeder Laufboutique (wegen dem aufgenähten N und Kunden aus der falschen Ecke wird NB vielfach gemieden); und nicht zuletzt setzt neues Material neue Reize. - Sportlich brachte diese Woche den Halbfinal-K.o. für Deutschland bei der Fußball-WM 2006. Italien zerstörte das Sommermärchen und besorgte vielen Deutschen ein Trauma. Für uns war dies - trotz Hochsommer mit Ozon und Pollenflug - der beste Einstieg aller Zeiten. Alle Kampfspuren der Nebensaison waren verheilt, die Organe und Glieder unverletzt und gesund, und der Tatendrang am Anschlag. Wir waren Feuer und Flamme für Berlin! Als Resultat stand ein Blitzstart mit sechs Läufen, darunter einem von 31 Kilometern durch den Platzregen des Sonnabends. Nach sechs Hitzeläufen hatten sich die Körper einigermaßen angepaßt. Selbst der von Peanut, die anfangs unter Atemnot litt, auf diesem Feldzug durchs glühende Niddatal. Es braucht nur Überwindung.
 
2. Wo. (109 km): »Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte.« Während Italiens Marco Materazzi den Franzosen Zidane zur Weißglut brachte (was deren Finalniederlage bedeutete), war es für den Läufer feuchtheiße Gewitterluft mit totaler Dehydration! Durst macht nicht nur dumm, nein, ohne Trinken gingen einem nach neunzig Minuten auch die Lichter aus. Obwohl man rund um die Uhr trank wie ein Gaul, war auch lange nach dem Lauf nichts mit Laufenlassen. Dopingjäger bräuchten für ihr Becherlein Urin viel Geduld... Dazu wurden die Läufersinne unterwegs auch noch von Bier und Gegrilltem bezirzt. Die Entsagung vom »Leben« fiel wahrlich schwer! - Wenngleich ich die Beine nun schon deutlich besser strecken konnte, waren Greifs Vorgaben - wie 10 Kilometer in 45:10 Min. - kaum erfüllbar. Eine bärenstarke Vorstellung lieferte Peanut, die für ihre 30 Kilometer nur 13 Minuten mehr brauchte, als ich für 34 Kilometer. Nach den ersten zweihundert Kilometern stellten sich die ersten Gebrechen ein. Lendenwirbel, Hüfte, Adduktoren...
 
3. Wo. (111 km): In Greifs Rundschreiben fand sich eine Abhandlung zu dessen These von 1986: »Es ist immer der Geist, der aufgibt, niemals der Körper.« Die »Deutsche Zeitung für Sportmedizin« hat sich dem Thema angenommen und ist nach Meßungen von Muskelkontraktionen zum Ergebnis gekommen, daß der Athlet durch Willen und Antrieb zusätzliche Muskelkraft abrufen kann. Dieser Studie zufolge müßte Greifs Aussage verifiziert werden, in: »Der Kopf gibt immer früher auf als der Körper.« So die Theorie. Nur haben alle am Ort wo Marathon stattfindet, der Natur, vorbeireferiert. Die Meteorologen vermeldeten den heißesten Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Nach zwei subtropischen Wochen trieb Hoch »Bruno« die Werte nun auf tropische 35 Grad und mehr. Dem nicht genug, wurden die Lungen von bisweilen 200 Mikrogramm Ozon geflutet. Man muß kein Drückeberger sein, doch unter diesen Umständen hilft selbst der stärkste Antrieb nichts. Selbst wenn im Ziel zwei Ehrenhostessen warteten: In einer Gluthölle kann ich keine Hochform aus mir herauszaubern! Wer schon mal bei 34 Grad im Schatten 34 Kilometer über offenen Acker gelaufen ist, wo es weder Luft noch Wasser, dafür aber sengende Sonne gibt, weiß was gemeint ist. Da geht es nicht darum, die angeordneten 5:30 bis 5:12 Min./Kilometer zu realisieren, sondern um das nackte Leben. Es gibt Situationen, in denen man für einen Schluck Wasser töten würde. Peanut äußerte: »Das ist unmenschlich, das ist mörderisch.«
 
4. Wo. (103 km): Cheater im Maillot Jaune! Endlich wurde einem der Doper das Handwerk gelegt. Nachdem Epo-Armstrong erst Jahre später überführt werden konnte, flog ein anderer Lump aus USA, Testosteron-Landis, noch während der »Tour« auf! Ami, go home forever! - Heiße Leiber und Wüstenklima auch in unserem Land. 37 Grad im Schatten ließen auf Hessens Straßen spektakulär den Asphalt schmelzen! Das Training glich einem Marsch in eine Feuerwand hinein. Triefend naße Trikots waren Usus. Zu den Vorgaben für die 4 x 3000-Meter-Wiederholungsläufe von 4:25 Min. pro Kilometer fehlten mir 15 Sekunden. Auch die Haut war der Sache nicht mehr gewachsen und warf Bläschen. Nach der Anstrengung schoß mir der Schweiß wie ein Wasserfall aus den Poren und ich transpirierte die ganze Nacht lang nach. Kein Gedanke an einen erfrischenden Schlaf. Wir ersehnten den Herbst so sehr herbei! Ein Glückserlebnis am Sonnabend: Die Fußballer waren in die neue Saison gestartet. Damit konnten wir an den Hähnen auf dem Niddasportfeld in Vilbel wieder Wasser nachtanken. Ein Fakt, der mich den langen Dauerlauflauf auf 38 Kilometer ausdehnen ließ. Berlin vermeldete: »Das Starterfeld der 40
 000 Läufer ist komplett!«
 
5. Wo. (117 km): Ein Wunder! Am Montag war der Sommer verjagt. Temperatursturz um 13 Grad! Klasse! Endlich frei atmen, frei auflaufen, freute ich mich. Konnte die Freude aber nicht auf den Geist übertragen. Denn nun wollte der nicht mehr. Nach den vorangegangen Wochen mit je sechs Übungseinheiten und vegetarischer Ernährung war ich schlagartig ausgebrannt. Von der Ödnis des Alleinübens, den jahrelang wiederholten Wegen die Nidda rauf und runter, und der Leere im Kopf überhaupt. Besonders die mittelschnell zu bestreitenden Dauerläufe um 15 Kilometer bewirkten immer häufiger Befehlsverweigerungen. Langsam ist langweilig! Hoffnung dann aber ab der zweiten Wochenhälfte durch den bestandenen Fremdenlegionslauf über 3 x 4000 Meter und einen Traininingsrekord über 40 Kilometer! Peanut erhöhte ihre Umfänge auf fünf Tage mit insgesamt 80 Kilometern.
 
6. Wo. (110 km): Eine Sensation! Am 12. August hatte das Rostocker Mädel Ulrike Maisch als krasse Außenseiterin die anabolen Diwotschkas aus Osteuropa aufgemischt. Marathongold für Germania bei der Leichtathletik-EM im schwedischen Göteborg. Tags darauf hatten wir unseren eigenen Einsatz...
 
.:: DER 1. AUFBAUKAMPF ::.
 
17. KARBENER STADTLAUF, 13.8.06
(Halbmarathon)
Ringelpiez bei plündernden Horden an der Römerstraße
 
Erst war´s die Freiwillige Feuerwehr Rödelheim, die uns mit ihrem Sommerfest und bis in die Puppen lärmenden Runzelrockern die Nacht raubte; dann der Nahverkehr RMV, der mit einer Verspätung die einzige Zugverbindung in höchste Gefahr brachte. Das Adrenalin strömte nur so, als wir Karben in der Wetterau erreichten. Weiteres Unheil sollte im Klubhaus des KSV folgen...
 
Zuvor knallte um 9 Uhr in der Klein-Kärber Uhlandstraße der Böller für die rund 180 Halbmarathonis. Das Rundtreckenrennen über die 21,1 Kilometer-Distanz wurde bereits zum 17. Mal ausgetragen. Die Läufer mußten vier Runden auf dem Kurs zurücklegen. Dabei mußten sie pro Durchgang einen Anstieg bewältigen. Ein Anstieg von einem halben Kilometer komplettierte die Halbmarathondistanz. Direkt nach dem Rathaus stürzte sich die Strecke zweimal scharf nach rechts hinab. Hinter dem Günter-Reutzel-Sportfeld wurde der Fluß Nidda überquert, es folgten 200 Meter Feldweg und ein lange Ebene durch ein Gewerbegebiet. Hinter dem Bahnhof Groß-Karben wurde noch mal die Nidda überbrückt, und nach einem Schwenk in den Breul war der Zielberg hinauf zum Rathaus erreicht. Milde Temperaturen und wenig Wind sorgten für gute Bedingungen. Zudem hatten sich sachkundige Zuschauer eingefunden, die einem sogar die Rundenzahlen entgegenriefen.
 
Mein Vorhaben war es, Karben in 1:27 Std. zu beenden. Dazu trug ich erstmals die leichten Sohlen der »Neuen Balance« und hohe weiße Kompressionsstrümpfe (Kniestrümpfe, der Sprecher vermeldete bei jeder Zielpassage, sie würden »Wadenkrämpfen vorbeugen«), doch ich verfehlte die eigene Vorgabe. Die mäßigen Siegerzeiten machen es aber verständlich. Zu 65 Höhenmetern kamen Behinderungen durch die Sportwanderer und eine schlampig gesicherte Strecke. Durch einen Stau im Zielkanal blieb ich 14 Zehntelsekunden über 90 Minuten - hatte aber noch genug Puste außer Wertung eine fünfte (!) Runde zu drehen, um mein Mädel zur Unterbietung der zwei Stunden zu lotsen. (Peanut hatte ich auf meinem Schlußkilometer überrundet. Ein erbärmliches Gefühl, der eigenen Frau so den Lauf-Paß zu geben.) Leider ließ sich die verbummelte Zeit nicht mehr aufholen. Unser spontaner Zug scheiterte um 49 Sekunden - verhalf jedoch einem »Üfü« erstmals unter jener Marke zu bleiben. Sein Dank im Ziel, der Lohn. Und dann gab es auch noch ein »Hallo« mit einem hochgewachsenen Muskelberg: dem Zehnkampf-Olympiateilnehmer von Barcelona Thorsten Dauth, der in Karben lebt und den ich im Schlußberg - einen Kinderwagen schiebend - getroffen hatte.
 
Im Nachlauf das eingangs angedeutete Unheil: Langfinger hatten im Umkleidetrakt aus meiner Jacke 70 Euro geklaut. Und damit war ich noch gut bedient. Dem Dritten wurde gleich das ganze Bündel samt Reisepaß gestohlen. Eine persönliche Katastrophe: Tags drauf sollte es nach Japan gehen! Womit sich wiederholt die Frage stellte: Muß man einem Volkslauf sein Wochenende opfern; muß man sich dafür sonntags in aller Frühe aus den Federn quälen; muß man auf die Dörfer fahren - und sich dort auch noch beklauen lassen?
 
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
sonnig, 20ºC, leichter Wind
 
Teilnehmer am Start:
450 (HM, 10 km, 3 km, 1 km, 300 m, NW)
Teilnehmer im Ziel: 405
Halbmarathonläufer im Ziel: 169 (M: 140 / W: 29)
 
Männer
1. Frank Stephan (Bad Soden) 1:15:31
2. Jörn Claussen (Dreieich) 1:22:17
3. Fabian Raschke (Kronberg) 1:22:30
22. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:30:01 (12. M45, 23. Gesamt)
 
Frauen
1. Christiane Wilken (Hofheim) 1:27:12
2. Lynn Biesheuvel (Königstein) 1:35:22
3. Sylvia Roberts (-) 1:37:19
20. Peanut (Frankfurt) 2:00:49 (8. W40, 135. Gesamt)
 
Ergebnisse

Team Endzeit
7. Wo. (120 km): Treu der Foster-Regel, wonach auf ein Rennen so viele Tage keine Belastung stattfinden soll, wie es in Meilen lang war - Halbmarathon: 13 Meilen, 13 Tage - war diese Woche Reparatur angesagt. Die vorgesehenen 17 x 400 Meter habe ich gestrichen und nur die 3 x 3000 »für die ganz Harten« durchgezogen. Obendrein bin ich über sechs Kilometer Endbeschleunigung zu einem neuen Trainingsrekord über 40 Kilometer in 3:29 Stunden gerannt. Noch was zur Ernährung: Bommerlunderpunk Campino hatte mal die wissenschaftlich begründete These ausgegeben, daß sich nach sechswöchigem Entzug alle vom Alkohol angegriffenen Hirn- und Leberzellen wieder aufrichten. Dementsprechend werde ich sechs Wochen darben - im Hoffen, das Brandenburger Tor nicht als Tote Hose zu durchlaufen! - Dazu erhielten wir am 20. August, 15.45 MESZ eine Einladung von der Reiseagentur »Interair«: »Wegen Storno 5 freie Startkarten für New York 2006 zu vergeben. Vergabe nach Buchungseingang!« In der früheren Anmeldung gescheitert, hätten wir als Nachrücker doch noch in Amerika einziehen können. Aber Berlin rief schon: die Anmeldebestätigungen trafen ein!
 
8. Wo. (100 km): Die zweite Woche nach dem Halbmarathon in Karben. Zugleich die Woche vor dem Halben in Bruchköbel. Eine Phase der Wiederherstellung und Vorbereitung in einem. Es hieß, die Zügel nicht locker zu lassen, aber auch nicht am Anschlag zu rennen. Trotzdem kam ich nah an die Zeitvorgaben heran. Der Weg stimmte also.
 
.:: DER 2. AUFBAUKAMPF ::.
 
23. BRUCHKÖBELER STADTLAUF, 26.8.06
(Halbmarathon)
Über Stock und Stein in Main-Kinzig
 
Am letzten Augustwochenende feierte das östlich vor Frankfurt gelegene Bruchköbel sein Altstadtfest. Zwischen Freibieranstich, Flohmarkt, Volksradfahren und Musik war durch den Stadtlauf des Leichtathletikzentrums Bruchköbel auch etwas für die Leibesertüchigung getan. - Gewöhnlich haben die Ausrichter dem Wettkampf immer eine Schnitzeljagd vorangestellt. Bruchköbel machte da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Für die ohne Auto Anreisenden artete das Vorstart-Prozedere zu einem ausgewachsenen Orientierungslauf noch vorm Halbmarathon aus. Ankunft (Bahnhof), Meldebüro (Rathaus), Umkleiden (Dreispitzhalle) und Start (Altstadt-Center) lagen jeweils über einen Kilometer voneinander entfernt. Mit fünf Anschwitzkilometern in den Beinen - der letzte davon unter einem Wolkenbruch - war man bereit zum Kampf.
 
Um 14.45 Uhr wurden dreihundert bis auf die Knochen durchnäßte Hauptläufer ins Rennen gelassen. In ein Rennen gleich dem Marsch durch ein Treibhaus. Ein Rennen aber auch ins Ungewisse hinein. Lieferten doch weder Ausschreibung noch Netz eine Streckenbeschreibung. »Der erste Teil der Halbmarathonstrecke führt über die Ortsteile, der zweite Teil findet im Wald statt.«: Mehr nicht! Frisch auf: Kann es was Spannenderes geben als eine Exkursion ins Blaue?... Aus der Innenstadt ging es zunächst in östliche Richtung. Nach wenigen Metern knickte die Route über die Fechenmühle nach Norden in die Walachei weg. Nach einer Achterbahn um den Henneberg verschwanden die Renner im mannshohen Maisfeld. Waren anfangs einige Sturzbäche auf dem Asphalt zu überspringen, mußte man sich auf dem anschließenden Feldweg entscheiden: über einen tiefen Tümpel zu hopsen, oder durch morastigen Acker flutschen? In Oberissigheim (nach vier Kilometern) hatte der Geländeläufer wieder festen Boden unter den Füßen. Über den Krebsbach ging es durch eine Siedlung weiter nach Niederissigheim, und weiter südwärts zurück nach Bruchköbel. In der Haagstraße angelangt, bogen die 10-Kilometer-Läufer ins Ziel weg, und die Langstreckler starteten ihre zweite Runde, die mit dem Tor zum Bruchköbeler Wald begann. Einem Eingang gleich einem schwarzen Loch mit einem milchigen Schleier aus Regen und Nebel davor. Fast hatte es was Unheimliches dort hinein zu laufen. Und dann war man drin. Wohin das Auge tastete: Dunkelheit, der Geruch von naßem Laub und ein schmaler Schotterpfad ins Nichts. Unweigerlich schoß mir das Radrennen Paris-Roubaix durch den Kopf, die Hölle des Nordens mit den Wäldern um Arenberg und Compiegne. Entweder man hielt sich auf den kleinen spitzen Steinen - Mini-Pavés, griffig zwar, aber voller Tücken -, oder man quälte sich durch die triefenden Furchen neben den Steinen. Fünf Kilometer nur Schotter, Düsternis, ein ausgedienter Truppenübungsplatz der Amis - und ein Viererzug voraus. Zweihundert Meter - die einfach nicht zu schließen waren. Letztlich lief ich 17 Kilometer allein... Irgendwann lag der Wald zurück und ein rumpeliger Feldweg lotste an einer Pferdekoppel vorbei. Nach dem kleinen Landidyll ging es zurück ins Schattenreich - mitsamt einem stillen »Hey!« zwischen mir und Peanut, die sich auf dem Hinweg in der Gegenschneise befand. Zwei Kilometer vor Schluß konnte ich das Quartett doch noch abgefangen. Ein Höhepunkt war der Sturm über die Haagstraße in die Zielgasse mit dem fröhlichen Kirmesvolk unterm Bruchköbeler Wehrturm. Die Uhren stoppten nach 1:29 Stunde. - Für Peanut hatte es wieder nicht zur »unter Zwei« gereicht. Erneut fehlten Sekunden. Die Hügel, die Rumpelpiste, Hitze und sticker Dunst hatten den Lauf äußerst schwierig gemacht.
 
Nach all den Überraschungen folgte noch eine starke Verblüffung: Die Ergebnislisten an der Rathaustür spuckten einen 3. Platz in der Altersklasse für den alten Klepper Vitus aus. Damit durften wir eine weitere Stunde in Bruchköbel verbringen. Denn ab 18 Uhr 15 wurden auf dem Volksfest auf dem Freien Platz die Besten des Stadtlaufs geehrt!
 
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
wechselnd wolkig mit Regengüßen, 22ºC, Windstille
 
Teilnehmer am Start:
ca. 450 (HM, 10 km, 5 km, Schüler, NW)
Teilnehmer im Ziel: 401
Halbmarathonläufer im Ziel: 151 (M: 134 / W: 17)
 
Männer
1. Daniel Feil (Bruchköbel) 1:16:59
2. Markus Lehr (Lahnau) 1:18:29
3. Jürgen Wagner (Bruchköbel) 1:20:07
14. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:29:00 (3. M45, 14. Gesamt)
 
Frauen
1. Carmen Hildebrand (Hanau-Rodenbach) 1:31:22
2. Tina Rudolf (Heldenbergen) 1:35:31
3. Nette Assmus (-) 1:38:03
12. Peanut (Frankfurt) 2:00:52 (5. W40, 123. Gesamt)
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
9. Wo. (119 km): Nach zwei Halbmarathons wähnten wir uns gut gerüstet für Berlin. Wir waren uns ziemlich sicher. Meine 2500-Meter-Tempostücke waren 45 Sekunden schneller als noch vor drei Wochen. Das alles Beherrschende dieser Woche war jedoch weniger körperlicher als vielmehr seelischer Natur. Ein Zwischenfall und Steß in einem Konzertklub mit Punks drückte mir arg aufs Gemüt. Daher ein Wink an alle Leidensgenossen: Niemals während einer Wettkampfvorbereitung an zwei Fronten kämpfen. Alle Sinne müssen auf das Eine ausgerichtet sein!
 
10. Wo. (111 km): Nahrungsergänzung! Auch wieder so ein heikles Thema. Aus einem Dunst von pharmazeutischer Substanz, Lebensmittel, profaner Nahrungsaufnahme und legalem Doping, soll der Sportler durch eine Extradosis Mineralien und Vitamine unterstützt werden (Magnesium, Calcium, Kalium, Eisen, Zink, Jod, Vitamin B, C, D und E, um einige zu nennen). Ein Mangel kann sich ebenso nachteilig auswirken, wie ein Zuviel. Doch wie ohne ständige Blutkontrolle die rechte Dosierung treffen? In der neunten Woche traten bei mir Herzstolperer auf. Da ich kardiologisch untersucht bin, und körperlich alles in Ordnung ist, konnte die Störung nur von außen kommen. Zuviel Magnesium! Angehäuftes Mg hatte meinen Motor in Überaktivität versetzt - und ich war heilfroh, daß nach Absatz der Chemikalie alles wie vorher war. - Am Donnerstag folgte eine zweite Einladung als Nachrücker nach New York zu fliegen. Aber nun fahren wir nach Berlin! Und am Wochenende stand ein alles ausradierender Trainingsrekord über 35 Kilometer in 3:04 Std. mit Endbeschleunigung bis unter 4:40 Min. auf den letzten zehn Kilometern.
 
11. Wo. (91 km): Zwei Wochen vorm Wettkampf tritt die Vorbereitung in die Endphase ein. Damit sich der Körper erholen kann, müßen die Umfänge um ein Drittel verringert werden. »Tapering« (auf den Punkt bringen) nennt man diese Phase. Die Kunst, einerseits die Spannung aufrechtzuhalten, andererseits nicht zu übertreiben. Statt sechs oder sieben Trainingstagen genießt der Läufer nun plötzlich zwei Ruhetage. Zwei Tage des Nichtstuns, zwei Tage voll schlechten Gewissens, Tage, an denen man nicht mit Endorphin belohnt wird, zwei Tage, an denen kein Dopamin durchs Hirnkästchen schießt. Beim Tapern durchleidet ein Marathonläufer die Symptome eines Süchtigen auf Entzug. Ich fühlte mich dabei etwas unwohl.
 
12. Wo. (37 + 42,195 km = Gesamt 1271 km): Das buchstäbliche Sahnehäubchen kriegt der Marathoner zwischen dem siebenten und vierten Tag vorm Rennen. Dann nämlich regiert der Schwede Saltin die Speisekarte. Es setzt Fette und Eiweiße, nur tunlichst keine Kohlenhydrate! Zur Wahl standen Gemüse oder etwas Obst und ansonsten Milchprodukte, Nüsse, Avocados, Tofu, Fisch, Geflügel und etwas Knäckebrot. Drei Tage lang... bis sich der Magen verkehrt. Nach einer letzten straffen Übung am Mittwoch werden Nudeln, Reis, Kartoffeln und Bananen gespachtelt, bis sich die Balken biegen. Und Trinken muß sein. Nur heller Urin ist guter Urin! Dies tut man, um die Speicher komplett zu entleeren und mit der folgenden Kohlenhydratmast überzukompensieren. Durch dieses Verfahren soll der Läufer länger auf schnellen Kohlenhydraten rennen. Man nimmt paar Pfund zu, geht aber mit vollen Tanks an Start. In der Summe habe ich in der direkten Vorbereitung 1300 Kilometer gemacht. Das waren sechs Tage und Nächte - oder auch 1300 Stunden Einsamkeit und Schinderei in der Natur. Peanut hatte es auf 820 Kilometer gebracht - ein Pensum, welches so manche Lusche, die sich Mann nennt, im ganzen Leben nicht schafft. All die Aufwendungen am Rande: Man redet einfach nicht drüber.
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
33. real,- BERLIN-MARATHON, 24. September 2006
Freitag, 22. September
 
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin... Mit funkelnagelneu - nur 60 Stunden vorm Peng - implantiertem Titan im Kiefer, in banger Erwartung, doch sicher und mit gefletschten Zähnen sind wir am 22. September in den Kampf gezogen. Es war ein gewöhnlicher Freitagvormittag - und doch ein ganz Spezieller. Frauenstarterin Peanut und ich lagen im Anflug auf die Hauptstadt! Heute war Anreisetag zum Berlin-Marathon... und die Eisenbahn auf dem Weg in den Osten rappelvoll! Ungeachtet einiger als Notarzt kostümierter Spaßvögel verlief die Überfahrt jedoch ruhig. Um 12.19 Uhr rollten wir im rechtzeitig zur Fußball-WM fertiggestellten Glaspalast des Lehrter Hauptbahnhofs ein. - Noch 45 Stunden bis zur entscheidenden Stunde. Ein knapper Vorlauf! Berlin ist riesig, die Wege sind lang, und vor allem die aus den 1930ern stammenden, rolltreppenlosen Zugänge zu den S- und U-Bahnen (wie denen im Bahnof Friedrichstraße) haben es in sich. Wer einen Zentner Kohlen mehrmals vom Keller in den vierten Stock gewuchtet hat, weiß was ich meine...
 
Unser erster Anlaufpunkt lag im Schatten des Funkturms. Die Hallen mit der Startnummernausgabe im Ausstellungsgelände der Messe Berlin hatten sich in Marathonschmuck gehüllt. Obwohl wir uns nicht nur inmitten eines der größten Sportereignisse Deutschlands, sondern auch mitten in einem »World Major« befanden: keine Spur von Aufregung oder Geschäftemacherei unterm »Langen Lulatsch«. Alles lief locker wie am Schnürchen und mit den Helfern des SC Charlottenburg menschelte es geradezu. Dazu ließ sich die Orga auch bei der Zusammenstellung der Starterbeutel nicht lumpen: Neben allen Unterlagen inklusive Nummer sowie Werbeprospekten und Proben, steckten in den Tüten auch Laufsocken und ein Naßrasierer der neuen Generation. Ferner trafen wir auf die allenorts präsenten Kameraden vom Oberelbe-Marathon, die ihr Rennen heute mit einem Stand in Berlin bewarben. - Am späten Nachmittag war der Einzug in die seit langem angemietete Ferienwohnung in Steglitz abgeschlossen. Die Unterkünfte sind zur Marathonzeit rasch vergriffen und Steglitz bot - wenngleich wenig erquickend, eine Göre sprach gar vom »Rentnerkiez Steglitz« - für den Läufer gute Rahmenbedingungen. Lebensmittel gab es gleich um die Ecke, und mit dem Teltowkanal lag eine der schönsten Laufstecken Berlins direkt vor der Haustüre - Hundekacke inbegriffen.
 
Sonnabend, 23. September
 
Der Sonnabend stand im Zeichen der Erholung vom Vortag und der Beobachtung des Wetterberichts. Nach dem tropischen Juli und dem mauen August rollte im Monat September ein ausgesprochen heißer Altweibersommer übers Land. Auch für den Marathon waren keine guten Wetterbeingungen vorhergesagt. Laut Radionachrichten sollte der Kampftag der wärmste Septembertag seit 100 Jahren werden. Den ganzen Tag würde die Sonne scheinen, tagsüber sollte es über 25 Grad warm werden. Auf die höheren Temperaturen waren wir allerdings vorbereitet... Mit einer letzten Energieaufladung am Abend (ich: Polenta, Peanut: Preußenknollen) war das Mögliche getan.
Sonntag, 24. September
 
BERLIN-MARATHONI Um 4.15 Uhr war Wecken. Mit 5 ½ Stunden Schlaf und bis zum Bersten angespannten Nerven machte ich mich ans Frühstück. Peanut und ich saßen getrennt. Es gab »Lance-Schrippen«, Brötchen wie sie Lance Armstrong bevorzugt: mit Erdnußbutter, Banane und Ahornsirup belegt. Halb sieben streckten wir die Nasenspitzen in die Berliner Luft und machten uns per Taxe und S-Bahn ab Rathaus Steglitz in Richtung Unter den Linden. Um sieben war diese Haltestelle erreicht und wenig später standen wir unterm Brandenburger Tor. Obwohl es jetzt nur noch hundert Minuten bis zum Start waren, verlief alles ohne Hast, Geschubse oder Geschiebe. Eine letzte Verrichtung auf einem noch unbefleckten Plumpsklo hinterm Brandenburger Tor? Null Problemo, alles lief wie am Schnürchen! Mit Bombenwetter schon am Morgen mußte man sich auch in keins der Zelte quetschen, sondern konnte sich mitten auf der Reichstagswiese umziehen. Um 8.15 Uhr (45 Min. vor Kampfbeginn) hatte ich mein Bündel am vorgegebenen Laster abgeliefert. Obwohl es nun schon ordentlich wimmelte, lief alles völlig kontrolliert ab. Zehn Minuten später waren auch Peanuts Habseligkeiten abgeliefert, und wir waren im Strom der Menge vor der gigantischen Startrampe des »17. Juni« angelangt. Um 8 Uhr 50 trennten sich die Wege: P. bewegte sich zum Block G, ich mich zum B-Block. Auch die vermeintlich letzte Hürde, der Zugang zur großen Volks- und Feststraße, auf der sich bei anderen Ereignissen eine Million Feierwütige tummeln, und auf der im Juli auch das »Sommermärchen« der WM sein Ende fand, war keine! Mit einem riesengroßen Schwarm Schmetterlingen im Bauch zählten wir unter den 33 000 Marathonläufern aus 105 Ländern die letzten Minuten bis zum START.
 
Kilometer 0 bis 10:
Tiergarten, Moabit und Mitte
 
Zur festgesetzten neunten Stunde gab »Balins Rejierender« Wowereit bei stahlblauem Himmel und Sonnenschein den Marathon frei. Um die gewaltige Heerschlange zu entzerren, wurde sie in drei Kolonnen im Abstand von zwei Minuten abgelassen. Angeführt von Fabelläufer Haile Gebrselassie und seinem Gegner Sammy Korir ging es in breiter Front, in einem Meer aus gelben Ballons und heroischen Tönen, ab. Erst »janz langsam« - und dann etwas flinker: Nach 42 Sekunden hatte ich die Linie am Kleinen Stern überlaufen, Peanut erlebte den befreienden Moment mit der zweiten Welle vier Minuten darauf. Nach sechshundert Metern auf der Ost-West-Achse war der Große Stern mit der Stele der Siegessäule erreicht. Gleichwohl auch mein Nahziel. Denn ich lief jetzt im direkten Kontakt zum Leitwolf mit dem Schriftzug Pace Sub 3:00 auf mambagrünem Trikot. Nach 2 ½ Kilometern verließ die Strecke den Tiergarten über einen weiten Schwenk in die Marchstraße nach Norden. Weiter ging es auf dem glatten Asphalt von Alt-Moabit, in einem Sog aus leichtem Schiebewind und einem phänomenalen Publikum hin zum fünften Kilometer, den die Drei-Stunden-Gruppe nach 21 Minuten erreichte. Fast hatte ich ein Gefühl der Schwerelosigkeit, so als ob Traum und Wirklichkeit im Kopf ineinander verschwimmen. Nach sechs Kilometern war ich auf die Moltkebrücke und damit der dritten von sieben Flußüberschreitungen transzendentiert. Der Blick fiel auf den Spreebogen mit dem Reichstagsgebäude - eine weite Biege in ein karges, gelecktes Quartier. Aber auch hier tobte ein Sturm der Begeisterung. Eine Million säumte die Strecke - so viele wie Köln Einwohner hat! Hinter der Kronprinzenbrücke wurde dann erstmals eine Stelle passiert, wo früher die Mauer war. Der Marathon bewegte sich jetzt im Osten, auf rauhem Kampfpflaster mit Gleisen und Gattern vorm Friedrichstadtpalast. Achtung, Sturzgefahr! Frau Oberem kann ein Lied davon singen. Hier, im Nadelöhr von Kilometer 8, kam ich erstmals außer Puste. Wobei der Tempomacher - einerseits Dominanz ausübend, andererseits ins Publikum winkend - wenig Einfühlungsvermögen bewies. Den Vogel schoß jedoch ein rasender Kellner ab, der allen davonlief, und dabei noch in Schürze und Handschuhe von einem Serviertablett [sic!] Bier aus Erding ausschänkte. Egal! Der Osten war nicht nett, die Mittebewohner machten sich rar, und im scharfen Rechtsknick von der Moll- in die Grunerstraße hätte mir ein Eisenstange fast den Bauch aufgeschlitzt!
 
Kilometer 11 bis 20:
Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln
 
In der Grunerstraße sorgten wiederum einige am Rand abgestellte Baustellenbaken für Alarm im nach wie vor dichten und unüberblickbaren Feld. Doch man schlug sich durch, überschritt die einstige Aufmarschstraße der NVA, streifte den Alex mit dem Fernsehturm (an dessem Fuß tote Hose herrschte), kreuzte die Jannowitzbrücke und verließ am Moritzplatz unverletzt den Osten. Nun führte die direkte Linie in den Arbeiterbezirk SO 36 Kreuzberg. Am Kottbusser Tor, wo immer im Mai Straßenschlachten zwischen Autonomen, Krawalltouristen und der Polizei toben, wo sich dank niedriger Mieten vor allem die Mischkultur einquartiert hat, dort befand sich heute die 15-Kilometer-Kontrolle des Berlin-Marathons. Für mich zugleich der Fakt, mit 1:03 Std. noch immer absolut im Plan zu liegen. Doch kündigte sich ein erster Schwächemoment an. Im südöstlichsten Streckenzipfel, entlang der Hasenheide, konnte und wollte ich das Tempo nicht mehr mitgehen. Behinderungen an den Wasserstellen und die Hitze hatten zu einer leichten Dehydrierung geführt und eine alte Wunde aufbrechen lassen. Ruckartig hatte sich der Schmerz in den hinteren Schenkel gekrallt. Fortan galt: Alles rein, was reingeht! Das hatte ich zwar von Beginn weg getan, doch nun goß ich mir an jedem Erfrischungspunkt bedingungslos einen Becher über den Kopf und zwei in mich rein. Vorrangig Leitungswasser, aber auch Tee und das mineralische Sportgetränk Basica. Alles was greifbar war. Dazu nahm ich jede Nebelbrause, jeden Wasserwerfer, jede Gartenspritze und jeden Schwammbottich mit. Nach der Kreuzberger Kneipenmeile Gneisenaustraße und der Unterquerung der eisernen Yorckbrücken war Schöneberg erreicht.
 
Kilometer 21 bis 30:
Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf
 
»... die Hälfte ist geschafft!« So stand es auf dem Torbogen über der Grunewaldstraße geschrieben, und mit 1:30 Std. lag ich noch immer gut im Rennen. Trotz drohender Krämpfe fühlte ich mich stark, und das Publikum trug und zelebrierte mich und diesen bittersüßen Schmerz buchstäblich um den Kurs! Ringsum bewegten sich Läufer aus allen Teilen der Welt. Neben viel Rot-Weiß aus Dänemark, besonders Engländer, Franzosen, Italiener, Niederländer, sogar ein Kanadier. Manche der stark eingeschätzten Internationalen, die mir schon enteilt waren, standen nun erschöpft am Straßenrand. Auch das bewirkte - ohne gehäßig zu sein - einen Schub für die Seele. Der Balkon vom Rathaus Schöneberg, ehemaliger Regierungssitz von Berlin (West), blieb rechts zurück. »Ich bin ein Berliner«: so drückte Kennedy 1963 seine Sympathie für Westberlin hier aus - bevor er fünf Monate später Opfer eines Mordanschlags wurde. Um einiges bescheidener wurde es auf dem Friedenauer Südwestkorso und der Lentzeallee. Das wiederum war wie ein Luftschnappen vorm ekstatischen Höhepunkt, der sich unvermittelt vorm Kilometer 28 in Form eines leicht abschüssigen Zickzacks namens Platz am Wilden Eber auftat. Was an diesem Kultort abging, läßt sich nicht in Worte fassen. Es war ein kleines, aber völlig überschäumendes Wildschwein, das die Kiezler, Trommler und Jubelgören in Schmargendorf rausließen. Das geilste Berlingefühl, das man sich überhaupt auch nur vorstellen kann. Bambule am Anschlag, Koks für die Läuferköppe! Vom Nachhall getragen, ging es in einen ruhigen Kontrastpunkt: den langen Hohenzollerndamm um den Kilometer 30 herum. Ein schniekes Vorstadthäuschen hier, ein schniekes Vorstadthäuschen da. Durchbrochen von spätsommerlichem Laubengrün so weit das Auge reichte.
 
Etwa zur gleichen Zeit zerriß Äthiopiens Haile Gebrselassie mit unerhörten fünf Minuten Vorsprung als Erster das Zielband. Sein Plan, den Weltrekord des Kenianers Paul Tergat zu knacken, war um 61 Sekunden gescheitert. Weniger an der Dürre, als vielmehr an der Tatsache, daß er sich vom 28. Kilometer an allein vorwärtskämpfen mußte (Korir gab nach 26 Kilometern wegen einer Oberschenkelverletzung auf). Dazu kamen Windböen ab dem 37. Kilometer. Haile: »The last 5k hurt«. Trotzdem bedeuteten 2:05:56 Stunden die siebtschnellste Zeit in der Geschichte des Marathonlaufs. Als strahlender Triumphator durfte »Gaba« sich über einen Geldregen von 250
 000 Euro Antrittsgeld und 80 000 Euro Preisgeld freuen.
 
Kilometer 31 bis 40:
Charlottenburg, Schöneberg und Mitte
 
Für die Meute führte die Strecke nach Charlottenburg mit der Flanierstraße Kurfürstendamm. Auf den Bordsteinen war der Bär los, und mit schwindenden Kräften ging es vorbei an Kranzler-Eck und Gedächtniskirche zum Einkaufszentrum Europa-Center mit dem rotierenden Stern auf dem Dach. Ausgangs des Ku´damms war meine Kraft aufgebraucht. Der Tauentzien und der Wittenbergplatz mit dem Kaufhaus des Westens: rechter Hand stand es - nur wahrgenommen hab ich das nicht mehr. Darauf bewegte sich die Strecke über die Potsdamer Straße. Dort wiederum hatte mich in der Beschilderung verpeilt und meinen Traubenzucker zwei Kilometer zu früh genommen. Das hatte fatale Folgen. Der ins Blut schießende Zucker bescherte mir am 37. Kilometer zwar den fixen Kick - der aber genauso fix wieder in den Keller geht! Und was nun? Marathon mißt 42,195 Kilometer... Ein Rübezahl aus dem Vogtland überholte mich - mit zünftigem Schlag auf mein Kreuz und einem »Laß dir ma wiedr de Hoare schneidn, harrrharrr«. Dann war er weg und die im Krieg vollständig ausgebombte Mitte wurde durchquert. Der einstige Prachtplatz Potsdamer Platz hatte nach dem Mauerfall eine Reihe neuer Gebäude erhalten, die baukünstlerisch ohne jeden Wert sind. Der Rummel am Rande verdeckte sie, »Bonsai-Manhattan« war rasch vorbei, und die Route kehrte zurück in den alten Osten. Mild bergan ging es auf der Gertraudenstraße vorbei an Berlins Wiege Nikolaiviertel, hin zum Werderschen Markt und dem 40. Kilometer. Zwischen Rotem Rathaus, Dom und der Abrißruine des »Palazzo Prozzi« hatte die »Berliner Morgenpost« ein Tor aufgebaut. Wer durchkommt, steht in der Zeitung, strahlte es von oben herab. Ein hehrer Ansporn. Denn was kommen mußte, kam...
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Mitte und Tiergarten
 
Mit den ersten Metern Unter den Linden stand ich. Endbeschleuniger abgebrannt, Muskeln ausgebrannt, und diese unendlich weite und breite und nicht endende Zielannäherung von eintausendfünfhundert Metern voraus. Wie in einer Hommage an die Frankreich-Rundfahrt war der Schlußkilometer mit einer »Flame Rouge« markiert. Der Teufelslappen. Noch 1000 Meter! Das Brandenburger Tor kam in Sicht. Aber wie immer ich mich auch anstrengte, es rückte einfach nicht näher. Zuschauer schrien (aus Begeisterung), ich schie (vor Anstrengung). Weiter ging´s. Mit wackeligen Knien... bis zum Pariser Platz. Und dann thronte es direkt vor mir: das Tor mit der Quadriga und der Siegesgöttin. Aber das war noch nicht das Ziel! Nach dem Lauf durch die mittlere der fünf Toröffnungen waren weitere 300 Meter zu durchstehen. Mit sengenden Strahlen von oben und flankiert von den prallen Tribünen an der Ost-West-Achse, wo vor drei Stunden alles begann. Unter den Zuschauern war auch das Doomkommando Kalle und Kerstin, die extra wegen Peanut und mir aus Genthin angerückt waren. Auch Haile war hier. Wie ein scheues Tier hatter er acht Minuten zuvor auf diesen Metern eine kleine Ehrenrunde gedreht. Sein Atem war fast noch zu spüren... Und dann war es auch für mich da - das ZIEL nach 3:08:58 Stunden. Meine bis dahin zweitbeste Zeit und ein innerer Veitstanz bei großer Hitze! Wie alle Läufer wurde ich nach dem Strich vom Sanitätsdienst genau beobachtet: Nur wer eine feuchte Haut hatte, war ausreichend hydriert. Während ich mit Medaille und schützendem Mäntelchen dekoriert einen Stand mit Pilsner Made in Berlin erspähte (das erste Helle seit sechs Wochen, fünf Mollen umsonst!)...
 
... kam´s für Peanut richtig dicke. Denn je später der Tag, desto unbarmherziger die Sonne. 27 Grad Celsius. Im Schatten. Den es aber nicht gab! Stattdessen heißen Asphalt - und Narren. Wie den nackten Träger eines Regenbogenfähnchens, der seine Mitläufer nach dreißig Kilometern mit ganz und gar nicht pazifistischen Sprüchen terrorisierte. »Redet denn hier keiner mit mir?« und: »Ist das hier ein Marathon oder eine Trauerveranstaltung? So ein Trauerhaufen!« Spinner gibt´s auch beim Marathonlaufen. Und etliche kippten aus ihren Pantinen. Sankras waren im Dauereinsatz; dreimal mußte der Notarzt ran (in einem Fall wurde wiederbelebt); Hunderte wurden in Kliniken eingeliefert, darunter Frauensiegerin Wami. Die gazellenhafte und weibliche Äthiopierin erbrach sich im Ziel gleich mehrmals. Während sich die Lage immer weiter zuspitzte, durchstand Peanut alle Dramen und stieg mit brennenden Achillessehnen erneut zur Heldin auf. Obwohl das persönliche Ziel weit verfehlt war, reichten ihr 4:34 Std. immer noch zu einem Platz im Mittelfeld, nur zwölf Minuten nach Ex-Nationalspieler Thon und weit vor Ex-Herthaner Thom, dem sie zwölf Minuten abnahm. Letzter hatte sich durch eine wochenlange Abstinenz wahrlich seriös vorbereitet!
 
Aus dem gedachten Bier mit Haile wurde nichts. Ebenso verfehlten sich Kerstin und Kalle mit uns. Auch mein Mädel und ich hätten uns um ein Haar nicht wiedergefunden. Denn Peanut hatte sich gleich hinterm Zielstrich neben einer großen Wanne Apfelschnitze niedergelassen. Nie zuvor haben ihr Äpfel so geschmeckt wie nach dem Berlin-Marathon......
 
 
FAZIT
 

Wirkung: Der Berlin-Marathon ist nicht nur ein Marathon. Berlin sprengt alle Dimensionen. Berlin ist zauberisch, Berlin ist Magie und Faszination. Auf Schritt und Tritt umweht einen der Atem der Geschichte. Die Stadt hat ein grandioses Publikum und bietet damit auch eine grandiose Ausstrahlung. Durch die über viele Jahre gewachsene Erfahrung war die Organisation vorbildlich, und die Strecke denkwürdig und äußerst schnell allemal. Wenn auch noch der Wettergott mitspielt, dann Gute Nacht ihr Rekorde! Für die Materialinteressierten diese Auskunft: Frau war mit Asics GT-2110 unterwegs, Mann mit New Balance 910.
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
KULTUR
 
Alle zusammen haben wir uns zu einem gemütlichen Beisammensein in Steglitz getroffen. Selbst am Abend waren es noch zwanzig Grad. In einer wonnig milden Sommernacht haben wir im Garten der Trattoria »Toscana« gesessen. Wir haben gegessen, Grappa und einige Mollen »Weiße grün« getrunken, und gequatscht - bevorzugt über den unter die Haut gegangenen Tag mit diesem unauslöschlich ins Gedächtnis gegrabenen Ereignis. Nur der kleine, schmale Mann aus Addis Abeba fehlte. Doch der wollte sich mit einem Roten entschleunigen.
 
Montag bis Freitag, 25 bis 29. September
 
Neben einer Dampferpartie über den Wannsee, einem Tagesausflug nach Potsdam, und einer Spreefahrt, haben wir uns in der Woche von Berlin auch unter Randgruppen rumgetrieben. Der Bericht dazu findet sich hier:
...... Gride und Lahar
 
Zum besonderen Clou wurde allerdings ein Rundgang über das ehemalige Reichssportfeld mit einer ausgiebigen Führung durch die Katakomben des Olympiastadions. Ziemlich auf den Tag genau vor 70 Jahren, hatten sich am Nachmittag des 9. August 1936 auf der Deutschen Kampfbahn die 56 Läufer versammelt, die den olympischen Marathonlauf bestritten. Neben der Feuerschale ehrte man die Olympioniken auf einer steinernen Wand am Hauptkampffeld. Dort prangt auch der Name von Kitei Son, der damals in 2:29:19 Stunden für Japan den Sieg errang.
 
 
Zum Schluß Dankesworte
Peanut (für die Liebe und das Mitziehen im letzten Vierteljahr)
Kalle und Kerstin (fürs Kommen und Mitfiebern)
Ausrichter SCC Running Events und allen helfenden Händen
Die Laufverrückten, die mich aus dem Netz kennen, die mich angesprochen haben, deren Namen ich aber nicht alle kenne (für alle Ratschläge und das Rieseninteresse)
Das Volksfest auf den Bordsteinen
 
 

Kampfläufer Vitus, 3. Oktober 2006
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 16 bis 25ºC, schwacher, phasenweise böiger Wind, 40 bis 70 % Luftfeuchtigkeit
Zuschauer: ca. 1
 000 000
 
Gesamtsummen
(Läufer, Sportwanderer, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller)
Gemeldet:
48
 009 aus 105 Nationen
Am Start: 39
 223
Im Ziel: 36
 705
 
Marathonläufer
Gemeldet:
39
 466 (M: 31 796 / W: 7670)
Am Start: 32
 479 (M: 26 174 / W: 6305)
Im Ziel: 30
 190 (M: 24 103 / W: 6087)
 
Männer
1. Haile Gebrselassie (Äthiopien) 2:05:56
2. Gudisa Shentema (Äthiopien) 2:10:43
3. Kurao Umeki (Japan) 2:13:43
4. Terefe Yae (Äthiopien) 2:15:05
5. Ahmed Ezzobayry (Frankreich) 2:15:29
6. Driss El Himer (Frankreich) 2:16:44
 
Frauen
1. Gete Wami (Äthiopien) 2:21:34
2. Salina Kosgei (Kenia) 2:23:22
3. Monica Drybulska (Polen) 2:30:12
4. Asha Gigi (Äthiopien) 2:32:32
5. Marcia Narlock (Brasilien) 2:35:28
6. Melanie Kraus (Deutschland) 2:35:37
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
22032
Nation: Deutschland
Zeit: 3:08:58
Platz:
1407 von 30
 190 Gesamt
Platz: 1360 von 24
 103 bei den Männern
Platz:
171 von 4159 in Klasse M45
Zwischenzeiten
05 km: 0:21:17 (21:17)
10 km: 0:42:23 (21:05)
15 km: 1:03:33 (21:10)
20 km: 1:25:25 (21:52)
25 km: 1:47:45 (22:19)
30 km: 2:11:09 (23:24)
35 km: 2:34:18 (23:09)
40 km: 2:58:46 (24:27)
Halb 1: 1:30:20
Halb 2: 1:38:38
Geschwindigkeit: 13,40 km/h
Zeit pro km: 4:28 min
 
Peanut
Startnummer:
F6303
Nation: Deutschland
Zeit: 4:34:24
Platz: 20
 468 von 30 190 Gesamt
Platz: 3006 von 6087 bei den Frauen
Platz: 706 von 1396 in Klasse W40
Zwischenzeiten
05 km: 0:30:35 (30:35)
10 km: 1:01:49 (31:13)
15 km: 1:32:56 (31:07)
20 km: 2:05:00 (32:03)
25 km: 2:38:17 (33:17)
30 km: 3:12:15 (33:58)
35 km: 3:45:30 (33:15)
40 km: 4:20:10 (34:39)
Halb 1: 2:12:26
Halb 2: 2:21:57
Geschwindigkeit: 9,23 km/h
Zeit pro km: 6:30
 
Bilanz der medizinischen Sicherung
1744 Hilfeleistungen wurden fällig, davon 1233 im Ziel.
103 Läufer mußten in Kliniken transportiert werden.
In drei Fällen kamen Notärzte zum Einsatz, ein Mal wurde reanimiert.
 
Ergebnisse

Berlin-Marathon