20. FRANKFURT-MARATHON, 28. Oktober 2001
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AUFBAUKAMPF
Komen Race for the Cure (5 km), 30.9.01
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Marathon-Manie in Mainhattan Vol. III - Auferstanden aus Ruinen
 
 
Für Peanut.
 
 
Immer am letzten Wochenende im Oktober steckt die Metropole am Main im Marathon-Fieber. Am 28.10. war es wieder so weit. Über 11
 000 Läufer sollten sich den mythischen 42,195 Kilometern stellen. Diesjahr fand der Marathon zum 20. Mal statt und war zugleich die Deutsche Meisterschaft. Am 17. Mai 1981 vorm Tor Ost der Farbwerke Hoechst durch Emil Zatopek freigegeben, ist der Stadtmarathon durch Frankfurt nicht nur der älteste, sondern nach Berlin, Hamburg und Köln auch der viertgrößte Deutschlands. Nur im EM-Jahr 1986 fand keiner statt. In diesem Jahr war der »Euro« die Vision der Stadt, die durch ihre Wolkenkratzer, den historischen Römerberg, das Kneipenviertel Sachsenhausen, durch sauren »Ebbelwei« und auch als Hauptstadt des Verbrechens bekannt ist.
 
Frankfurt war mein vierter Marathon. Kein gewöhnlicher. Vor einem Jahr war ich während eines Aufenthalts in der Frankfurter Innenstadt Opfer eines Überfalls geworden. Dabei waren mir fünf Chaoten in einer brutalen Aktion in den Rücken gesprungen. Weil eine Lunge riß, mußte ich operiert werden. Andernfalls wäre ich gestorben. Die Mediziner rieten von weiterem Leistungssport dringend ab. »Vier Monate keine schwere körperliche Betätigung!«, gaben sie mir bei der Entlassung aus dem Krankenhaus mit auf den Weg. Als Heilungszeit hatten sie sechs Monate angesetzt, nach einem halben Jahr sollte die maximale Sauerstoffaufnahme wieder hergestellt sein. Doch es war nichts, wie es war! Noch Wochen danach glich ein Treppenabsatz einem Marathon unter Gasmaske. Ich weiß noch wie es war, erstmals wieder zu »laufen«. Der sechste Januar. Von Rödelheim zum Rockklub »Batschkapp« in Eschersheim. 6 ½ Kilometer hin. Und 6 ½ zurück. Auf eigene Gefahr. Mit ganz flacher Atmung. Die Freundin Peanut hatte mir ihr Funktelefon mitgegeben. Für den Notfall. Auf halbem Wege konnte ich Entwarnung geben: Die Lunge hielt! Das Geschehene lag elf Monate zurück. Im Herbst 2001 trat ich zu einer neuen Rennschlacht an.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Die Strecke war die gleiche wie im Vorjahr. Sie verlief über glatten Asphalt ohne enge Kurven, und war durch die herbstlich-kühle Witterung wie gemacht für schnelle Zeiten. Nach dem Auftakt am Messegelände führte das erste Drittel durch die Stadtteile Westend und Bockenheim, und über den Alleenring durch die Straßen des Nordends in die Innenstadt mit Europas höchsten Wolkenkratzern. Über den Anlagenring ging es auf die linke Mainseite. Das Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wurde gestreift. Auf der Ost- und West-Achse am Mainufer führte die Route nun durch die Wohngebiete von Sachsenhausen, Niederrad und Schwanheim, und zurück über den Main zum Wendepunkt im Vorort Höchst. Über die Mainzer Landstraße ging es durch die Stadtteile Griesheim und Gallus und mit einem letzten Bogen durch die Innenstadt zurück zum Ausgangspunkt Messe Frankfurt. Streckenrekordler waren Kenias Henry Cherono mit 2:10:40 Stunden (2000) und die Ostdeutsche Katrin Dörre-Heinig mit 2:26:48 Stunden (1997).
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Nach dem Eingriff im November 2000 und der anschließenden Genesung, konnte ich im folgenden April im heilsamen Klima der Vulkaninsel Teneriffa erste ernsthafte läuferische Aufstehversuche unternehmen, und nach einem guten Rehabilitationstraining im Mai schon wieder in 3:21 Stunden den Mainz-Marathon bewältigen. Die Liebe zum Sport war ungebrochen. In den zwölf Wochen vorm Frankfurt-Marathon lief ich schließlich 1131 Grundausdauerkilometer zusammen. Immer den Fluß Nidda rauf und runter, von Dortelweil bis zur Mainmündung in Frankfurt-Höchst. Dabei lief ich allein, ohne feste Regeln. Ein paar allgemeine Grundsätze fand ich im Buch des früheren Weltmeisters Rob de Castella »Laufen - Mein Leben«. Erstmals kam eine Pulsuhr zur Anwendung.
 
Ein Trainingsbeispiel - die Gipfelwoche vom 1. bis 7. Oktober:
 
Mo.: Ruhetag
Di.: 21 km Dauerlauf in 1:55 Std.
Mi.: 31 km Dauerlauf in 2:35 Std.
Do.: 15-km-Tempodauerlauf in 1:25 Std.
Fr.: Ruhetag
Sa.: 40 km Stoffwechseltraining in 3:30 Std.
So.: 21 km Dauerlauf in 1:45 Std.
 
DAS AUFBAURENNEN
 
2. KOMEN RACE FOR THE CURE
 
Am 30. September 2001 bestritt ich auf dem Frankfurter Museumsufer in der Betriebsmannschaft von ACNielsen einen 5-Kilometer-Straßenlauf für das Hilfswerk »Heilung von Brustkrebs«. Als Ergebnis standen 20:27 Min. (brutto) und Rang 62 unter 516 Teilnehmern.
Die 12 Trainingswochen vom 6. August bis 27. Oktober:
 
01. Wo.: 058 km
02. Wo.: 091 km
03. Wo.: 079 km
04. Wo.: 087 km
05. Wo.: 104 km
06. Wo.: 106 km
07. Wo.: 079 km
08. Wo.: 121 km
09. Wo.: 128 km
10. Wo.: 114 km
11. Wo.:
085 km
12. Wo.:
079 km
Gesamt: 1131 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
20. EURO-MARATHON FRANKFURT, 28. Oktober 2001
Freitag, 26. Oktober
 
Der letzte Freitag im Oktober brachte das Marathonwochenende in die Stadt am Main, und auf dem Messegelände liefen alle Fäden zusammen. Mit der Abholung der Startunterlagen begannen die drei verrückten Tage von Frankfurt. Die in Halle 4, Ebene 0 erhältliche Plastüte (zugleich der offiizielle Kleiderbeutel) mit der Startnummer und einem Programmheft hatte ich noch vorm großen Ansturm um zwei Uhr nachmittags gesichert, und zur Sicherheit auch noch mal den gelben Zeitmeßtransponder »Champion-Chip« überprüfen lassen. Man weiß ja nie... die Technik war brandneu! Damit waren die ersten Hürden genommen.
 
Sonnabend, 27. Oktober
 
Dem Aufwärmprogramm »Brezellauf« (fünf Kilometer über den Römerberg mit einer Brezel und Apfelsaft als Lohn im Ziel), den Verkaufsmessen »Lifetime« und »Marathonmall«, sowie der Nudelparty hatte ich mich genauso wenig ausgesetzt wie dem Ökumenische Gottesdienst und der »hr3-Disco«. All die vorabendlichen Eröffnungsveranstaltungen kannte ich von meinem ersten Auftritt in Frankfurt. Strahlende, stolze und aufgeregte Gesichter, Konsumieren, Fachsimpeln und Ergötzen in der Masse - nichts als verplemperte Energie.
 
Sonntag, 28. Oktober
 
FRANKFURT-MARATHON! Nachts hatte es geregnet. Ich konnte gut, und wegen der Zeitumstellung auf Winter eine Stunde länger im eigenen Bett schlafen. Nach Brausen und einem Frühstück mit Nudeln, Weißbrot und Tee, ging´s los. Peanut kam als Betreuerin mit. Die drei Kilometer Luftlinie von der Wohnung zum Start legten wir mit der S-Bahn zurück, und kamen in der elften Stunde in der Messehalle 1, Ebene 0 (Umkleide und Brausen) an. Dort wurden wir von diesem ganz besonderen Geruch aus Kampfer und Schweiß empfangen. Einreibemittelchen, Bananen, Zuckergetränke, Riegel und Nackedeis so weit das Auge reichte. Manche hatten ein Fleckchen auf einer der wenigen Holzpritschen ergattert. Die meisten streckten sich auf kaltem Zement in Bergen von Trainingsanzügen, Trikots, Stirnbändern, Socken, Rennschuhen und Nadeln. Nach langem Fehlen endlich wieder das alte Ritual vorm Kampf: Entkleiden, Wärmepflaster aufs Kreuz, eine letzte Ölung für Muskeln und Gelenke (Aberglaube), Schutz der Zehen mit Vaseline, Nummer anlegen, Trikot überstreifen, Doppelknoten in die Schnürsenkel, etwas recken und strecken, drei Steigerungen, Tasche einlagern, und raus - zur Stunde der Wahrheit... Im Glas der Bankentürme spiegelte sich Nebel und dunkelgraues Gewölk. Regen prallte auf den Asphalt. Der Wind blies böig. Hunderttausend trotzten als Zuschauer solidarisch dem Wetter. Auf dem Marathonstartplatz herrschte ein unfassbares Getümmel. Von Nervenflattern Geplagte suchten im kalten Wind nach einem Zugang zum Block. Von wo aus starten? Fünf Minuten vor der Angst drängte ich in »A2«, wo sich der zweite Sturm mit Ziel 3:00 bis 3:30 Stunden einfand. Übers Eisengitter ein letzter fröstelnder Kuß von Peanut. Die machte vom »Fan-Fahrplan« Gebrauch und folgte dem Rennen nach dem Hase- und Igel-Prinzip mit der S-Bahn vom Start im Westend zu den Streckenkilometern 12 in der Innenstadt und 29 in Höchst, und von dort wieder zurück ins Westend. 42 Kilometer bis zum Ziel!
Frankfurt mit Blick auf den Taunus (© Unbekannt)
Kilometer 0 bis 10: Start in »Mainhattan«
 
»Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium...« Unterlegt von Ludwig van´s ewiglichen Melodien erfolgte Schlag elf Uhr der START. Angeführt von den Kenianern Cherono, Gisemba, Langat und Okemwa, den Japanern Kawakubo, Umeki und Sakai sowie den Osteuropäern Loskutow, Shwetsow, Freigang und Osman, setzte sich die Division der Marathonis in Bewegung. Klamm vor Kälte und mit Unmengen Adrenalin im Blut, stolperte ich über die Zeitmatten unterm Messeturm... und weiter den abfallenden Kilometer in Richtung Innenstadt hinab zur ersten Kampfkurve. Gerade die Startphase ist sehr nervös und hektisch, weil niemand Zeit verlieren will. Tunlichst nicht straucheln, das oberste Gebot! Einer der sehnigen Ostafrikaner hatte offenbar den Start verträumt und huschte in einer Harakiri-Aktion wie vom Teufel gejagt an mir vorbei. DEM WAHREN SCHOENEN GUTEN steht es an der Alten Oper geschrieben. Aber ein Marathon ist nichts Schöngeistiges! Die Oper passiert, schob sich die Schlange über die Bockenheimer Landstraße. Hier im Westend hatte ich lange gewohnt, den Duft der Schickeria eingeatmet, und immer im Herbst als Zuschauer den Marathonläufern Respekt gezollt. Nun war ich selbst einer... Pfützen, nasse Kluft, durchweichte Schuhe, Stolperei, einer ging zu Boden, von der blau gestrichelten Linie (dem kürzesten Weg ins Ziel) nichts zu sehen: Es war ein mieser Auftakt. Im Zickzack ging´s vorbei am Palmengarten hin zur Bockenheimer Warte. Von dort erst im Gefälle der Senckenberganlage zurück zur Messe, und dann durch den OPD-Kreisel auf der Gegenspur - das Senckenbergmuseum streifend - nun wiederum leicht steigend zum Alleenring. Auf der Rückseite vom Grüneburgpark war der nördlichste Punkt erreicht, und mit der Zeppelinallee kam die erste Richtmarke. Kilometer 5: 24 Minuten. Drei Minuten über der ersehnten Endzeit von 2:59! Das ging an die Moral. Ich hatte monatelang trainiert, und dann waren alle Planungen futsch! Griff zum Trinkbecher. Nicht leicht, so eingeklemmt in der Masse. Dazu war das Wasser eiskalt. Ich verschluckte mich und hatte postwendend ein rätselhaftes Gluckern im Leib. Waren das Warnsignale von der Lunge? Nie mehr dürfte ich ich wieder Marathon laufen, so die Ärzte damals... Schon hier war ich in Not und dachte über Aufgabe nach. Mit rasselndem Leib ging es durch die Züge des Nordends, auf den Bordsteinen wurde es lebendig, und beim zweiten Überlauf des Opernplatzes tobte im Wortsinne die Hölle: Der Tourteufel mit schwarz-roter Kutte, Dreizack und Wallebart, Didi Senft, stachelte die Läufer an. Auf Augenhöhe angelangt, warf ich ihm ein »Hee!« zu, und Didi gab´s mir prompt zurück! »He-he-hee!«: Radsportverrückte unter sich: Das baute auf und auch im Leib war nun alles wieder gut. Nach dem Grau in Grau zwischen Frankfurts Bankentürmen witterte ich am Kilometer 10 (Goetheplatz) Morgenluft: Der Rückstand war auf zwei Minuten geschrumpft.
 
Kilometer 11 bis 20:
Durch die Wohngebiete südlich des Mains
 
Über die Wallanlagen war die Konstablerwache erreicht. Wie abgemacht, versorgte Peanut mich vorm gemeinsamen Lieblingsklub »Nachtleben« mit dem ersten eigenen Getränk. Den Tee in der Rechten ging es über die Alte Brücke von »Hibbdebach« (diesseits des Mains: Nordseite, Frankfurt) rüber nach »Dribbdebach« (drüben: Südseite, Sachsenhausen). Doch während aus Sicht des Frankfurters Sachsenhausen die falsche Seite ist, ist jeder Sachsenhäuser zugleich auch ein Frankfurter... Der Blick fiel auf das Eck, wo mal das »Negativ« war, und wo Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger die besten Untergrundkonzerte stiegen, die Frankfurt je sah. Vermutlich haben wir uns dort zigmal unbewußt berührt. Weiter ging´s - von der Kolbstraße durchs regenbeschirmte Yuppievolk am Schweizer Platz, und vorbei an den Bürgerfassaden der Hans-Thoma-Straße nach Westen. Einer vor mir verlor seine Pulle, stoppte, und hätte damit fast den ganzen Pulk runtergerissen. Das Herbstlaub der Kennedyallee leitete einen ersten Kahlschlag ein. Endlich konnte ich mich frei bewegen. Die Strecke führte an der Galopprennbahn vorbei. Kein Grund, daß nun gleich der Gaul mit einem durchgehen müßte. Ganz im Gegenteil. Denn als nächstes folgte die Bürostadt Niederrad mit dem nicht minder exquisiten Klärwerk - sowie die nächste Zeitkontrolle. 44 Minuten. Jetzt waren alle Hoffnungen endgültig zunichte. Ernüchtert vom frühen Verlust hatte ich es in der folgenden Aufholjagd doch etwas übertrieben. An der ersten Verpflegungsstation nahm ich einen Happen Banane und lief zügig durch.
 
Kilometer 21 bis 30:
Zurück auf der Nordseite mit einem Gruß an die Wiege des Marathons
 
Die Strecke unterquerte die Europabrücke, lief in die Siedlung Goldstein ein und erreichte in der Frankenfurt die Halbmarathon-Marke. Mit 1:34:09 war mein Bestwert um anderthalb Minuten unterboten. Unmittelbar darauf machte sich ein kurzer Schwindelanfall bemerkbar: vermutlich die Stoffwechselumstellung von Kohlenhydraten auf Fett. Auf dem schier endlosen Teerband der Frankenfurt, zwischen kleinen Vorgärten (links) und Panzerglas zur Stadtautobahn (rechts), spendierten Anwohner Kräutertee. Direkt vor mir liefen zwei nach »2:59« aussehende Mädel. Dünne muskulöse Beine, hauchzarte Tights. Nur nicht ablenken lassen. Für kurze Augenblicke führte die Route am Schwanheimer Wald lang: das einzige Grün auf der Runde durch Frankfurt. Gleich darauf, im alten Arbeiterviertel Schwanheim: wieder Remmidemmi mit Streckenfesten und einer Bühne. Deep Purple´s »Child In Time« trieb mir die Erinnerung an meine Jahre als Radrennfahrer in den Siebzigern in die Augen. Am 25. Kilometer (Geisenheimer Straße) benötigte ich was zu trinken. Im Vorjahr hatte ich auf kaltes Wasser üble Magenkrämpfe bekommen und mußte mich dreimal erbrechen. Ich entschied mich für Tee. Doch dieses Gebräu war so eklig, daß ich den Becher gleich wieder wegwarf. Auch diesmal brach ich im weiten Kreis hinauf zur Schwanheimer Brücke ein. Der im Training zigmal verinnerlichte Abschnitt auf dem graugrünen Ungetüm aus Stahl und Eisen über den Main nach Nied, dann über die Nidda, vorbei an der ehemaligen Metalkneipe »Kult«, und zum Wendepunkt Höchst (nicht weit von der Stelle, wo der Tscheche Zatopek 1981 den 1. Stadtmarathon startete), war für mich kein gutes Pflaster. Am Andreasplatz reichte Peanut mir die zweite und letzte Trinkflasche und moralische Unterstützung. Kilometer 30 (Bolongarostraße): Diese Stelle ist gefürchtet. Hier beginnt der Marathon allmählich. Viele laufen in die »Mauer«. Selbst Profis. Auch ich hatte die Tanks zu früh geräubert und fühlte mich nun unsagbar miserabel. Den Traum begrabend, bediente ich mich an der Alten Niddabrücke mit einem Stück Banane und richtete das Ziel auf 3:19 Std. neu aus.
 
Kilometer 31 bis 40:
Über die Mainzer Landstraße zurück nach Mainhattan
 
Der Tunnel unterm Bahnhof Nied hindurch war wie ein Totschläger für mich. Drei Dutzend zogen vorbei, und der lange Heimweg durch die Fünf-Kilometer-Hölle Mainzer Landstraße und Frankenallee immer in Richtung Osten stand bevor. Eine Geisterkulisse aus verrottetem Gestrüpp, Straßenbahnschienen, einem Großmarkt, einem Schnellrestauarnt, einem Reifendiehler und Mietskasernen. Unter der Autobahn durch, und weiter... vorbei an einer verwaisten Laubenkolonie... und immer weiter... Zum Greifen und doch so weit weg: die in den Himmel hackenden Wolkenkratzer von »Mainhattan«. Der Prozeß des zähen Dahinsiechens nahm seinen Lauf. Die Phase, in der die Motorik einfach nicht mehr will, wenn im schlimmsten Fall sogar Krämpfe einsetzen. Manche humpelten, andere legten Gehpausen ein, dehnten sich oder hingen ausgepumpt überm Geländer. Schon lange lief ich allein. Regen schlug mir ins Gesicht, kalte Tropfen auf die Haut. Nur noch zehn Kilometer. Nur noch? Dann war Peanuts Getränk aufgebraucht, der letzte Halt... Vom Vorjahr wußte ich, daß vor der Frankenallee eine Station mit Tee kommt. Mit schlichtem Kräutertee, der mich innerlich wärmte und mir regelrecht Flügel wachsen ließ. Diesmal nicht. Völlig aufgerieben schlich ich durch den Stadtteil Gallus, auch »Kamerun« genannt. Nach Fremdlingen aus dem Orient in Höchst, nun die Trommeln vom schwarzen Kontinent. Weiter, weiter, immer weiter der blauen Linie folgen! Die Ödfläche Güterplatz gab den Blick aufs Ziel frei. Das Schlimmste überstanden? Pustekuchen! Die Strecke knickte nach rechts weg - zu einem Hakler zwischen dem früheren Drogenpark Taunusanlage und dem Rotlichtviertel. Um 3 Stunden 19 zu schaffen, mußte ich die letzten vier Kilometer jeweils unter fünf Minuten bleiben. Das sagt sich so leicht. Aber mach das erst mal... Kilometer 40 (Hauptwache): In der menschengefüllten Innenstadt war ich derart platt, daß ich noch was essen mußte. Zur Abwechslung etwas Banane. Damit hatte ich insgesamt eine dieser Südfrüchte runtergeschlungen.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Die Hexenkessel zwischen den Wolkenkratzern
 
Mit total zerstörten Muskeln und letzter Willenskraft ging es über das Pflaster des Roßmarkts und durch die teuren Schaufenster der Goethestraße hin zum »Fanblock« Opernplatz. Kein Zeichen von Leben gleich darauf unter den zwei Türmen der Deutschen Bank. Dafür baumelte an einer Laterne in der Taunusanlage das Schild 1 KM. Ein letzter Haken nach rechts... und rauf auf die fünfhundert Meter lange und zehn Meter breite Schlußgerade. Leicht ansteigend zwar, aber mit dem erlösenden Banner am entferntesten Punkt! Vorbei noch an der Ehrentribüne... und dann war im Schatten des Hammermann das ZIEL erreicht (Messeturm, Westend). Eine häßliche alte Frau hängte mir den Blechorden um.
 
So allein im Gewimmel hinterm Zaun sah ich Peanut stehen. Das Küsschen von ihr konnte die Enttäuschung nicht lindern. Zu groß war die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Die Schnell-Information brachte die Gewißheit: 03:20:48. »Eine gute Zeit« unter Läufern, damit hat man sogar die Norm für New York erbracht. Alles wenig trostreich. Der Glanz alter Tage dahin. Nie mehr Marathon! Fluchtartig entfernten wir uns vom Ort des Debakels. - Später erfuhren wir, daß der Este Pawel Loskutow seinen Überraschungs-Sieg von 1999 wiederholt hatte. Zweiter wurde Polens Osman. Auf der dritten Stelle folgte mit Cherono der erste Ostafrikaner. Es sollte das letztemal gewesen sein, daß Männer der weißen Welt vorneweg marschierten. Die Deutschen wurden im verregneten Heim-Marathon richtig naßgemacht. Der neue Meister, der Frankfurtsieger von 1997 Fietz, lief als Siebter in 2:16:23 über den Strich. Stephan Freigang, Olympiadritter 1992, stieg zum fünften Mal in Frankfurt aus. Die gebürtige Rumänin Zaituc sackte für ihren Streckenrekord bei den Frauen einen Scheck über 34
 000 Euro ein.
 
»Frankfurt 2001« klang für uns mit einer privaten Schlußfeier in der Fußballerkneipe »Taverna Symposion« im Stadion am Brentanobad aus. Ich fühlte mich so unsagbar - bah... Mir tat der Kopf weh, auch das Bier schmeckte nicht.
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
FAZIT
 

Wirkung: Polierte Fassaden, Wolkenkratzer aus Glas und Stahl, und eine Strecke aus breitem Asphalt. Alles ultra, alles schnell. Doch wenig Ausstrahlung, kaum Flair, zu wenig Schutz im Wind, und zu allem Übel fiel heute auch noch Regen in die Geldmetropole. Riesenplus ist die Gesamtorganisation. In Frankfurt spürt man die Erfahrung mit dem Marathonlauf von der Pike an. Start und Ziel, Ausgabe der Startunterlagen, Nudelfete, Umkleide, Kleideraufbewahrung, Sportartikelmesse, Andenkenverkauf, Siegerehrung und Marathonhotel waren kompakt auf dem Areal der Messe gruppiert. Alles verlief reibungslos auf Schritt und Tritt. Für alle Materialinteressierten: Ich lief Asics Gel Kayano VI (der damalige Lieblingsschuh).
 
Widmung
Der Lauf geht an Peanut, die mich in den schweren Wochen täglich am Krankenbett besucht, und mit ihrer Liebe wieder aufgepäppelt hat. Denen, die mir ins Kreuz sprangen, wünsche ich gar nichts - sie sind mir einfach egal.
 
 
Kampfläufer Vitus im Oktober 2001
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: Nebel und Regen, 13ºC, leichter bis mäßiger Wind
Zuschauer:
ca. 100
 000
 
Gesamtteilnehmer
(Marathon, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller, 5 km)
Gemeldet:
15
 900
Am Start: 12
 983
Im Ziel: 12
 351
 
Marathonläufer
Gemeldet:
11
 310 (M: 9715 / W: 1595 / Nationen: 55)
Am Start:
9359 (M: 8065 / W: 1294)
Im Ziel: 8850 (M: 7642 / W: 1208)
 
Männer
1. Pawel Loskutow (Estland) 2:11:09
2. Artur Osman (Polen) 2:11:46
3. Henry Cherono (Kenia) 2:12:25
4. Yoshifumi Miyamoto (Japan) 2:12:47
5. Michael Bartoszak (Polen) 2:12:59
6. Toshiyuki Sakai (Japan) 2:13:50
 
Frauen
1. Luminita Zaituc (Deutschland) 2:26:01 (SR)
2. Melanie Kraus (Deutschland) 2:31:29
3. Lena Gavelin (Schweden) 2:31:58
4. Petra Wassiluk (Deutschland) 2:32:59
5. Inga Juodeskiene (Litauen) 2:33:01
6. Annette Jensen (Dänemark) 2:33:21
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer: 2746
Nation: Deutschland
Zeit: 3:20:48
Platz:
1488 Gesamt
Platz:
305 in Klasse M40
Zwischenzeiten
10 km: 0:44:27
20 km: 0:44:31
30 km: 0:47:32
40 km: 0:53:38
1. Hälfte: 1:34:09
2. Hälfte: 1:46:38