ANNAHÜTTER RADKRITERIUM
Annahütte, 9. Mai 2026
Prolog
 
Sieben Tage nach der Landesmeisterschaft im Zeitfahren, in der ich Silber holte, kämpften Engel gegen Teufel tief in mir. Ich wurde nicht nur von einer Corona-Variante geplagt, die Stunden nach dem Erfolg mit voller Macht ausbrach, sondern hatte beim totalen Verlust an Bewegung auch prompt ein paar Pfund zugelegt. Peanut ahnte Übles, und verabreichte mir gewaltige Mengen an Hustensaft, um die Bronchien zu beruhigen. Schlüsselfigur zur Rettung des Rennens in Annahütte war also einmal mehr meine Frau, die mir ihren Fahrservice anbot.
.:: DIE STRECKE ::.
Den Fahrern standen schnelle Rennen in einem achthundert Meter kurzen Rechteck mit breitem Asphalt, zwei leicht geschwungenen Geraden und vier rasanten Kurven perfekt zum Durchtreten bevor! Nach dem Start vorm historischen Clubhaus in der Weinbergstraße 18 ging es durch ein leichtes Gefälle in die Bahnhofstraße und über eine leichte Steigung in der Saalhausener Straße wieder zurück in die Weinbergstraße. Die Rennen waren in jedem Augenblick prickelnd. Masters hatten das Rechteck 21 mal zu bewältigen. Alle fünf Runden läutete die Glocke zu einem Wertungssprint.
.:: DAS RENNEN ::.
Mein Tag begann so bizarr wie das Schicksal von Annahütte. Leidensbruder Robert war in totaler Verpeilung zu einem Rennen gegondelt, das 1.) eine Woche später stieg, und 2.) nicht in Frankenberg, sondern in der Frankenberger Straße im benachbarten Hainichen. Zu der Zeit saß ich am Frühstückstisch, und als der Geschmack von gesundem Haferbrei meinen Gaumen kitzelte, war mein Kampfgeist trotz Brummschädel, schwachem Herz und wunder Lunge endgültig erweckt. Schlechter ging´s ja nicht... Halb zwei machte sich Peanut mit mir samt einem entfremdeten Rennrad auf Achse, und keine Stunde später war das Wolfsland zwischen Dresden und Cottbus erreicht. Gleich zweimal wurde das neben Klettwitz und dem Lausitzring liegende Annahütte vor der „Devastierung“ bewahrt: Nach der Plünderung durch Russen, wollte es die Kohlegier in den Achtzigern zuerst abbaggern - und nach der „Wende“ dann überbaggern. Mit gutem Ausgang: Baumgesäumte Chausseen, Nadelwälder, abgeschiedene Siedlungen voller alter und Geisterhäuser, die Anmeldung im gründerzeitlichen Clubhaus, knarrende Dielen, braune Holzvertäfelung, handgenähte Rückennummern: In Sachen Atmosphäre durften Annahütte und sein Radrennen heute aus dem Vollen schöpfen.
Erst zum zweiten Male stand dieser kurze Kampf, der schnelle Beine erforderte, im Programm der Radsportgemeinde Schipkau. Weil keine Punkte für die deutsche Rangliste vergeben wurden, stellten sich nur 13 Mastersfahrer dem Starter, davon lediglich drei aus meiner Altersklasse. Schon nach der ersten der 21 Runden waren die Jüngeren geschlossen vorn, denen wir uns anhängten. Mit Wertungspunkten hatten wir nichts zu tun. Im Grunde ging es nur darum, den Anschluß nicht zu verlieren, was besonders in den Kurven möglich war. Nach drei Ellipsen hatte sich das Rudel in die Länge gezogen. Dann bekam ich keine Luft mehr und fiel mit drei anderen zurück. Zur Hälfte jagte das Führungsfahrzeug mit der Spitze heran. Leipzigs Großegger konnte sich festbeißen und hatte bald sicheren Vorsprung vor mir. Spannend wurde der Kampf um den Sieg, als er eingangs der letzten Runde plötzlich als versprengter Solist ins Blickfeld rückte. Das riss ich mich zu einer Energieleistung auf. Ich ließ die drei Mitstreiter nicht ziehen, sondern blieb bei ihnen. Weit über meine Kräfte gehend und nur durchhaltend unter den Anfeuerungen einiger Pimpfe, kämpfte sich unser Quartett an das verzweifelt kurbelnde schwarze Radroo-Trikot heran. In der Zielgeraden lieferten wir uns einen mörderischen Kampf um den Sieg. Fünfzig Meter... dreißig Meter... Flaschenwurfweite... zehn Meter... Tigersprung - vergebens. „Grossi“, müde und abgekämpft, rettete eine Reifenstärke ins Ziel, und gestand, keine weitere Runde zu schaffen. Nach fünfundzwanzig Minuten war schon alles vorbei. Völlig erschöpft wußte ich nicht, wo mir der Kopf steht. In einem Rennen, in dem ich am wenigsten mit einem Erfolg gerechnet hatte, gelang mir der Gewinn eines kleinen, silbernen Pokals. Aber er hätte GOLDEN sein können, und blieb womöglich der letzte in einem Radrennen.
Finale
 
Nachmittags um fünf wurden auf dem Heyeplatz im Ortskern die Schnellsten des letzten Rennens gewürdigt. In einer Art Vor-Ehrung wurden den ersten Dreien Pokale gereicht. Anschließend bestiegen sie ein hohes Podest, auf dem das Siegertreppchen stand. Darauf erklang die Fanfare der Friedensfahrt und wir durften die kleinen Trophäen in die Höhe stemmen. So stand ich stumm da, fast schwindelig von der Höhe des Podiums, den Rennfahrern und Zuschauern davor, den Klängen der Friedensfahrt, der Unfassbarkeit dieses Erlebnisses. Alles in mir spielte verrückt! Im Anschluß startete ein Abendprogramm mit Bierzelt, Schlagerdisco und guter Laune. Der Drittplatzierte, ein zwielichtiger alter Herr, der in Jacke und Jeans das Siegerfoto verschandelte, legte mit seiner Frau eine kesse Sohle hin. Nichtsdestototz war Annahütte spannender als die üblichen Kriterien. Das Rennen hatte Atmosphäre, Rasanz, eine gewisse Nostalgie und mit Chef Trasper und seiner Mannschaft Menschen mit Herz und Seele!
 
 
Danke von ganzem Herzen
Meine Peanut, dem besten Mensch der Welt
 
 
Vitus, 12. Mai 2026; Bilder: Peanut
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: Sonne-Wolken-Mix, 16ºC, leichte Brise aus Nord (6 km/h)
Typ: Kriterium
Länge: 17 km
 
Im Ziel: 56
CT + Elite-Amateure: 9, Masters 2: 4, Masters 3: 6, Masters 4: 3, U15: 15, U13: 5, Weibliche Klassen: 4, Jedermann: 10
 
Masters 4
Meldungen:
3
Am Start:
3
Im Ziel: 3
1. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig)
2. Mario Voland (Dresdner SC 1898)
3. Michael Kirscht (RSC Nordsachsen)
 
Ergebnisse
Rad-Net