1. GROßER PREIS VON KASSEL
12. Juni 2022
Prolog
 
Die ehrwürdige Zweirad-Gemeinschaft Kassel hatte im 66. Jahr ihrer Vereinsgeschichte etwas ausgefuchst, und neben den Mittwochsrennen im Rahmen des Rohloff-Cups im Nachbarort Baunatal einen Grand Prix im Herzen ihrer Stadt für die Elite mit 66 Runden ins Leben gerufen - ein Premierenrennen. Nach langer Zeit war der Mannschaft um Herrn Hesse die Reaktivierung einer Ein-Kilometer-Runde zwischen Königstor und Wilhelmshöher Allee gelungen. Mit dem ersten „Großen Preis von Kassel“ wurden sie zugleich zu einem der raren Retter von Mastersfahrern, welche andernorts unerwünscht sind. Und dies gerade noch rechtzeitig - bevor Kassel von den Millionen Besuchern der weltweit größten Gegenwartskunstausstellung „Documenta“ überrollt wurde.
.:: DIE STRECKE ::.
Tausend Meter immer rechts rum... Start und Ziel war vor den Städtischen Werken im Königstor. Nach hundert Metern bog die Strecke rechts in die Friedrichsstraße ein. Es folgten zweihundert Meter Teer und die Einfahrt in den Brüder-Grimm-Platz. Hier ging es hundert Meter mit circa zehn Höhenmetern über gewalttätiges Pflaster hinauf zur Torwache. Oben auf der Wilhelmshöher Allee angelangt, führte der Kurs noch einige Meter weiter leicht hinauf - bis es dreihundert Meter abfallend wurde. Es folgten zwei scharfe Kurven: erst in die Ulmenstraße und dann - im stärksten Gefälle - mit hohem Tempo zurück ins Königstor und damit in den weiten und flachen Teil hinein. Die Runde war nur einen Kilometer lang, aber sehr anspruchsvoll.
.:: DAS RENNEN ::.
Wegen Krach am Wohnort und der frühen Startzeit im zweihundert Kilometer entfernten Kassel hatte meine Frau eine Anreise am Vortag mit einer Nacht im Rennort vorgeschlagen. Am frühen Nachmittag hatte Peanut mich in die Hauptstadt ihrer nordhessischen Heimat kutschiert. Wir logierten in einem abgeschiedenen Bungalow an der Neuen Mühle in Niederzwehren. Ringsum waldreiches Wallawallaland, vor der Tür Rosen, Lavendel und die Auen der Fulda, zur Begrüßung eine Kanne Kaffee und eine Süßigkeit: Zur beneidenswerten Lage im Grünen gesellten sich nette Gastgeber und himmlische Ruhe, die noch nicht mal durch das nahe Auestadion getrübt wurde. Kassels Fußballstadion wurde heute für das Rap- und Hip-Hop-Festival „Heroes“ mit dem Headliner Haftbefehl genutzt, welches die milde Abendbrise mit wummernden Bässen durchwehte. Ein Waschbär schreckte mich kurz hoch. Doch wir schliefen wie Steine. Mit den ersten Sonnenstrahlen lotste Peanut mich per Auto zum Start in Kassel-Mitte.
Masters radroo Team, Radio Team Master, RSV Düsseldorf, RSG Hannover, RSC Wernigerode, Dresdner SC: Zwanzig Fahrer, die voneiander nur den Team- oder Vereinsnamen auf dem Trikot kannten, trafen in der Mitte Deutschlands aufeinander, als Punkt 10 Uhr 30 das Kommando zur Einführungsrunde ertönte. Der Rennverlauf war für mich sorgfältig geplant: Nach dem zweiten oder dritten Wertungssprint wollte ich voll attackieren und das Heil in der Flucht suchen - am besten mit einem Mitstreiter im Duo. So sorgfältig, daß ich davor mit meiner Frau auf dem Parkplatz entspannt über den Ablauf von Kriterien sinnieren konnte. Doch das Rennen verlief schrecklich schief. Bereits in der neutralisierten Runde wurde Alarm ausgelöst. Die Annäherung zum fliegenden START glich einem Sprint. In den Auftaktrunden wähnte ich mich im falschen Rennen, dem der jungen Amateure. Nach drei von vierzig Runden war ich an der Schmerzgrenze. Fünf, deren schicke schwarze Team-Trikots sinnbildlich für seltsame Leistungsexplosionen binnen kurzer Zeit standen, sonderten sich ab. Damit war mir klar, daß es heute nichts mit dem Treppchen wird. Und auch daß ich kein Rennen mehr gegen gewisse Teams fahren will. Der Rückstand der wilden Hunde auf die schwarzen Schafe betrug immer eine halbe Runde. Doch keiner fuhr konsequent mit hinterher. So rückten wir auch nicht näher heran. Die übrigen 37 Zieldurchfahrten lag die Meute fünfhundert Meter zurück. Im zehnten Pflastersteinanstieg zur „Willi-Allee“ sprang meine Flasche aus der Halterung. Peanut streckte sie mir entgegen: Ein Zuschauer hatte sie auf den Bordstein gestellt, Später berichtete sie mir von anderen Erlebnissen am Streckenrand: einer Dame mit Sommerhut und roten Lippen, die ihren Helden mit laufender Kamera ins Internet übertrug (um sich zwanzig Runden vor Schluß fürchterlich zu langweilen); und der Verblüffung eines Rennfahrers über dessen Bekannten: „Boah, der ist ja ganz vorn mit dabei. Wie kommt denn das?“ Nach langer Führungsarbeit wurde ich im Endspurt kaltgemacht. Der elfte Platz schrammte knapp am Preisgeld vorbei. Aber - wie eine Helferin sagte - „Knapp vorbei ist auch vorbei.“ Dem Vernehmen nach war die Dopingpolizei der NADA vor Ort. Doch sie kam zu spät und wählte nur Junioren zur Kontrolle aus.
Schwarz und Weiß
Finale
 
Unmittelbar nach Aushang der Ergebnislisten und einer Plauderei mit Chef Hesse haben wir uns aus dem Staub gemacht. Peanuts Bekannte aus Jugendtagen hatten uns in ihren urwüchsigen Naturgarten im Viertel Rothenditmold eingeladen. Dort saßen wir an einem Hang unterhalb eines riesigen Hochbunkers noch ein Stündlein gemütlich beim Bierchen zusammen. Nach viereinhalb Autobahnstunden trafen wir abends in Dresden ein. Sieben Tage später stieg die nächste Rennschlacht...
 
 
Danke von ganzem Herzen
Pension König für den Auenschlaf
Helmut und Iris in Rothenditmold
Meine Peanut, dem besten Mensch der Welt
 
 
Text: Geist Vitus, 15 Juni 2022; Bilder: Peanut
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 20ºC, leichte Brise aus Nordwest (9 km/h)
Typ: Kriterium
Länge: 40 km
 
Am Start: ca. 120
Im Ziel: 96 (Elite-Amateure: 14, Amateure: 19, Masters 3: 17 Masters 4: 17, U19: 6, U17:5, U15: 7, U13: 7, U11: 1)
 
Masters 4
Am Start:
22
Im Ziel: 17
1. Jürgen Sopp (RSV Düsseldorf-Rath/Ratingen 1951)
2. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig)
3. Dieter Vorbeck (RC Adler Köln 1921)
4. Rüdiger Conrad (Harburger RG)
5. Uwe Neumeister (Harzer RSC Wernigerode)
6. Bernd Jäschke (RSG Hannover)
11. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
Ergebnisse
Rad-Net