4. GROßER PREIS VON KROSTITZ
Preis der Krostitzer Brauerei
19. Juni 2022
Prolog
 
DOPING: Jeder Idiot weiß, daß viele Radsportler es tun. Aber keiner (außer der geisterhaften NADA) kann oder will etwas dagegen tun. Wie ein Damoklesschwert hing das Thema seit dem Rennen vor einer Woche in Kassel über dem heutigen Tag. Beim Bahntraining am Mitwoch hatte ich es erwähnt. Aber auch unser alter Trainerfuchs „Decko“ Deckert wußte achselzuckend keinen Rat. Eigentlich wollte ich nie wieder gegen gewisse Fahrer antreten. Doch leider wird selten vorab eine Starterliste veröffentlicht. Schauplatz für den Großen Preis von Krostitz oder „Preis der Krostitzer Brauerei“ war - nomen est nomen - ein Bierdorf in „The Middle of Nowhere“, dessen Gerstensaft einen behelmten Schwedenkönig im Etikett zeigt.
.:: DIE STRECKE ::.
Krostitz war einer der typischen Ringelpieze des modernen Radsports. In der Kulisse einer verschlafenen Siedlung ging es immer schön rechts rum - diesmal in einem Fünfeck rund ums Gelände der Brauhandwerker. Vom Start direkt vor „Ur-Krostitzer“ führte die Strecke auf durchgängig Asphalt von der Brauereistraße durch die schnurgerade Karl-Liebknecht-Straße und das Gefälle der Bahnhofstraße zurück in die leicht geschlängelte Brauereistraße. Technisch knifflig waren zwei rasante Kurven in der Bahnhofstraße. Ansonsten war es ein flacher Vollgaskurs über anderthalb Kilometer. Die Masters 4 hatte ihn siebenundzwanzig Mal zu durchfahren. Damit ergab sich eine Gesamtdistanz von 41 Kilometern. Ausgeschrieben war das Rennen als Kriterium. Jede dritte Runde wurde um 5, 3, 2 und 1 Punkt gesprintet. Die Frage lautete: Attackieren oder auf den Sprint vertrauen?
.:: DAS RENNEN ::.
Death Valley in Nordsachsen. Heller als tausend Sonnen strahlte das gleißende Licht vom Himmel über die Leipziger Tieflandsbucht. Es war heiß in der Mitte des Nirgendwo kurz vor der Sommersonnenwende. Verdammt heiß! Ein Sprecher versuchte, die wenigen Zaungäste bei Laune zu halten. Im Laufe des Tages öffnete eine Eisbude und ein Bierwagen, auf dem der Bruder des DDR-Friedensfahrers Petermann Pils zapfte. Meine Frau hatte mich am Tag nach ihrem Geburtstag und einer kurzen Nacht erneut hinkutschiert. Im Gegensatz zum DSC-Bus, der bei unserer Rückfahrt in der Gegenspur im kilometerlangen Stau stand (und damit die Rennen am Mildenstein verpaßte), kamen wir gut durch.
Am START standen die üblichen Verdächtigen. Dazu kreuzte der Picardellics-Fahrer Schwarz sowie ein Unbekannter aus Berlin auf. Rennleiter Scheibe (RSC Nordsachsen) verkündete für jede dritte Runde einen Wertungssprint, sprich insgesamt neun. Diese Anzahl stieß auf etwas Kritik. Die siebenundzwanzig Runden verliefen fast alle nach dem gleichen Schema: Nach zwei schnellen Kurven folgte der Schwenk auf die im scharfen Gegenwind liegende Liebknecht-Straße. Kommissär Lohr sagte, daß dort „extra für uns ein Ventilator angeworfen wurde“. Hier wollte jedenfalls keiner führen - bevor die Positionskämpfe um den Sprint begannen, die oft wild hergingen. Nach einem Gefälle und einer stark ausbremsenden Kurve kam eine Gerade, die die Sprinter begünstigte und den reinen Rolleuren Probleme bereitete. Das spielte denen in die Karten, die sowieso immer oben stehen, weil es fast nur noch kurze Kriterien oder Rundstreckenrennen gibt. Ausreißer durften sich auch heute kaum Hoffnungen machen. Wollte man wegkommen, mußte man deutlich mehr draufhaben. Deshalb sah ich kaum Chancen, das aus Bierkästen bestehende Treppchen zu erklimmen. Ab zehn Uhr entbrannte der uralte Kampf zwischen Kraft und Ausdauer. Der Unbekannte im roten Trikot zeigte von Anfang an, wer die schnellsten Beine hat und entschied das Rennen klar für sich. Während die Jury vorm vierten Sprint glatt die Glocke vergaß (darüber herrschte ziemliche Konfusion), fuhr ich als Fünfter mehrmals knapp an den Punkten vorbei, und konnte mich nach einem gefährlichen Ausrutschter auf einem Kanaldeckel im drittletzten Sprint wenigstens über einen Zähler freuen. Peanut hatte mir mit einer zweiten Trinkflasche über die letzten Runden geholfen. Wenig später im ZIEL drückte mir eine junge Helferin ein Kuvert mit zehn Euro für den sechsten Platz in die Hand.
Finale
 
Während die Sonne erbarmunslos danieder brannte, verfolgten Peanut und ich bei verschiedenen Plauderein, erfrischendem Eis und feinherbem Pils das von der Werksmannschaft dominierte Rennen der Masters 2 und 3. Derweil sich der Schnellste der Masters 4 mit einem Drei-Liter-Bierkelch als Pokal vom Acker machte. Treu des Bierbecher-Trinkspruchs WAHRE HELDEN HABEN ES IN DER HAND, stiegen in der Bullenhitze um eins die Halbprofis und Elite-Amateure zum Hauptrennen über vierzig Runden gleich sechzig Kilometer in den Sattel. Abends wurde für Dresden ein neuer Hitzerekord vermeldet: 39,2 Grad Celsius im Schatten. Die Hitze hielt nur am Wochenende des Radrennens in Krostitz. Am Tag danach fiel Regen, die Temperatur sank um 25 (!) Grad Celsius...
 
 
Text: Geist Vitus, 21 Juni 2022 (Sonnenwende); Bilder: Peanut
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 34ºC, mäßiger Wind aus Südsüdwest (26 km/h)
Typ: Kriterium
Länge: 41 km
 
Im Ziel: 55 (KT + Elite-Amateure: 12, Masters 2: 14, Masters 3: 14, Masters 4: 15)
 
Masters 4
Am Start:
16
Im Ziel: 15
1. Norbert Scheuch (SVg. Zehlendörfer Eichhörnchen) 1:11:48
2. Dieter Vorbeck (RC Adler Köln 1921)
3. Marco Großegger (SC DHfK Leipzig)
4. Hans-Peter Grüning (Harzer RSC Wernigerode)
5. Henry Schwarz (Picardellics Velo Team Dresden)
6. Mario Voland (Dresdner SC 1898)
 
Ergebnisse
Rad-Net