OFFENE LANDESMEISTERSCHAFT IM BERGFAHREN
13. ERZ-BERGPREIS
Witzschdorf, 3. Oktober 2019
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
WITZSCHDORF: Allein mit der Lautschrift für das englische „Witch“ (zu Deutsch: Hexe), hatte mich der Ort im isolierten, finsteren Mittelerzgebirge auf geradezu magische Weise gefangen genommen. Witzschdorf ist zudem die Heimat der Doom-Metal-Gruppen Dreaming und Petrified, und die des Radprofis Marcus Burghardt. Dazu hatten die Lokalmatadoren vom RSV Venusberg einen Europameister und einen Juniorenweltmeister in ihren Reihen. Beim letzten Straßenrennen des Jahres auf dem Steilanstieg durch das Dörflein an der Zschopau ging es um die letzten Meistertitel und die Bergtrikots im Freistaat. Sachsens Bergkönige wurden gesucht... Extra für dieses Rennen hatte ich eine Woche wie ein Mönch gedarbt und noch mehr abgespeckt. Ferner beflügelte ein frisch erbeuteter Pokal vom Saisonabfahren des Dresdner SC auf der Heidenauer Radrennbahn.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Das Rennen startete vor der Zschopaubrücke in der Witzschdorfer Hauptstraße und endete am Ortsausgang bei der Buswendeschleife. Dabei hatten die Radsportler auf dem Weg nach oben auf zwei Kilometern Länge knapp zweihundet Höhenmeter zu bewältigen. Vom Fluß Zschopau zog sich die Straße auf bis zu zweiundzwanzig Prozent steilen Rampen durch den Ort steil hinauf auf den Bergrücken westlich der Zschopau mit 490 Meter über N.N. Die Fahrer mußten die Wand aus dem Stand nehmen. Die Fahrbahn war schmal und verlief auf glattem Asphalt.
 
.:: DAS RENNEN ::.
Mit 18 Fahrern waren die Titelkämpfe vom DSC gut besetzt. Da sich unser Chef schon in den Urlaub im sonnigen Süden verabschiedet hatte, steuerte den Bus diesmal Herr Lutter für die Jugend und Junioren. Manche kamen im eigenen Auto. Ich selbst durfte mit den alten Haudegen „Harti“ Goldbach und „Wolle“ Miersch im Mercedes unseres großen Gönners Doc „Rübe“ Rübling reisen. Treff war sieben Uhr vor der Fechterhalle im Ostragehege. Als ich vor die Tür trat, fing es an zu regnen. Später kippte mein Rad vom Sturm verblasen auf die Schaltung, die sich dabei leicht verbog (was ich aber erst im Rennen in Form eines unangenehmen Schlagens der Schaltung gegen die Speichen bemerkte). Es ging eben nach Witzschdorf, ins Verhexte... Kurz nach acht hatten wir bei Kälte und strömendem Regen das Siebenhundert-Seelen-Dorf im tiefsten Mittelsachsen erreicht. Die grausige Witterung führte dazu, daß der Austragungsmodus mit zwei Läufen - erster als Massenstart, zweiter als Verfolgung entsprechend der Platzierung und des Zeitabstands vom ersten Lauf -, eine halbe Stunde vorm Start geändert wurde: Erst gab der Sprecher halb neun bekannt, daß die Verfolgung von 12 Uhr 45 um eine Dreiviertelstunde auf 11 Uhr 30 vorgezogen wird... und kurz darauf, daß sie im Sinne der Gesundheit gestrichen und damit der Massenstart als Meisterschaft gewertet wird. Hier konnte mal von einer menschlichen Entscheidung gesprochen werden! Andernfalls wären die Sportler zwischen beiden Läufen mit nasser Kleidung stundenlang schutzlos den Unbilden ausgeliefert gewesen. Das Warmfahren war eher Kaltfahren. Während sich die professionell Ausgerüsteten auf eigenen Rollentrainern unter einem Vordach einrollten, fuhr ich mit Wolle Miersch vom Tal hinauf in den Wald. Nach zwei Kilometern waren wir naß und kalt bis auf die Knochen. Vor Schlottern konnte ich kaum noch den Lenker gerade halten!
Punkt 9 Uhr 44 zählte der Rennleiter die Minute zum START runter. Überm Wasser der Zschopau hatte sich ein Häuflein von zwölf Sachsen und drei Bayern formiert - der harte Kern, die Unverdrossenen, die am Ende einer langen Saison auf Straße und Bahn noch heile Knochen und intaktes Material hatten und heiß auf ein Rennen waren. Zum Glück kam ich auf Anhieb ins Pedal, denn Festhalten war verboten. Mit dem Peng ging es volle Pulle los. Ein kurzes Rennen am Berg über zweitausend Meter wird weniger über die Taktik entschieden, sondern über reine Kraft und Zähigkeit. Beide waren für mich schockgefroren. Nach einem Blitzstart hinter der Spitze war nach einem halben Kilometer alle Podiumseuphorie verflogen. Die Beine hatten schlagartig zugemacht, den Rest fuhr ich blitzeblau ins Ziel. Dabei lauerte der schwierigste Abschnitt zur Halbzeit mit nicht enden wollenden Scheusalen von bis zu zweiundzwanzig Prozent. So steil wie der „Mammolshainer Stich“ war Witzschdorf nicht, aber nahe dran. Mit einer Übersetzung von 34/28 ließen sich die Rampen im Wiegetritt gerade noch durchtreten. Daß auch bei den Mastersfahrern im Mittelfeld und dahinter erbittert um jeden Platz gefightet wird, zeigte sich besonders heute, wo mit elf komma fünf Stundenkilometern wie in Zeitlupe jeder für sich Mann gegen Mann kämpfte. Etliche Anwohner verfolgten das kleine Spektakel trotz Regens draußen am Straßenrand. Zurufe wie „Ihr habt´s gleich geschafft“ und „Zur Not in Schlangenlinien“ wirkten regelrecht erlöserisch. Neuneinhalb Minuten am Anschlag - - dann war alles vorbei. Vormittags kurz vor zehn kreuzte ich ins ZIEL.
Finale
 
Das Brutalste am heutigen Tag war die Abfahrt vom Zielplateau hinunter ins Tal, wo Rübes warme Karosse parkte. Mit Blutgeschmack im Mund und froststarren Fingern konnte ich mich kaum noch der nassen Kluft entledigen. Harti befand: „In einem Rennen wäre ich den Berg nicht runtergefahrn!“ Altersklassenübergreifend stand ein 13. Platz, bei den Masters 3 war ich Siebenter geworden, und Fünfter in der Sächsischen Bergmeisterschaft. Der bei den Masters 4 startende Wolle Miersch war erneut unser erfolgreichster Fahrer. Wolle wurde Dritter in der Landesmeisterschaft und griff neben Schärpe und Medaille diverse Sachprämien und ein Kuvert mit Scheinchen ab. Die Sonne strahlte über Dresden, als unsere fiese Kurzgeschichte im Erzgebirge zur Mittagsstunde endete. Wir waren „von der Eiszeit zurück in der Sommerfrische“, meinte Wolle hämisch. Damit endete die Straßensaison 2019. - Das Jahr meiner Rückkehr zum Radsport lief nicht wie vorgestellt. Einzig auf dem Lausitzring konnte ich vorn mithalten. Aber letztlich schwebte und schwebt auch immer starke Skepsis über den Gegnern: ohne Doping keine Aussicht aufs Treppchen! Die Investitionen, Ungerechtigkeiten durch Kommissionäre, der menschliche Bereich, die großen Gefahren für Leib und Leben und das Thema Doping: War alles falsch?
 
Dankesworte
Rübe, Harti und Wolle - für Transport und geteiltes Leid
 
 
Text: Geist Vitus, 4. Oktober 2019, Bilder: Freie Presse, Bürgermeister Wollnitzke, Vitus
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: Regen, 7ºC, stürmischer Wind aus West
Zuschauer: ca. 50 (Geisterrennen)
Typ: Bergfahren
Länge: 2 km
 
Meldungen: 173 (Männer+U23+U19: 19, Masters 2+3+4: 17, U17: 13, U15: 29, U13: 45, U11: 19, Frauen: 22, Hobby: 9)
Im Ziel: 147 (Männer+U23+U19: 19, Masters 2+3+4: 15, U17: 13, U15: 25, U13: 30, U11: 16, Frauen: 17, Hobby: 8)
 
Masters 2, 3 u. 4
Meldungen:
17
Am Start: 15
Im Ziel: 15
1. Mirko Brauns (RSG Muldental Grimma)
2. Karsten Schmidt (RSV 54 Venusberg)
3. Michael Schaefer (RSV Speiche Leipzig)
4. Jörg Pacher (1. RV Leipzig 1990)
5. Oliver Jentzsch (SC DHfK Leipzig)
6. René Philipp (RSV Hainichen)
13. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
Landesmeisterschaft Sachsen Masters 3
Meldungen:
6
Am Start: 5
Im Ziel: 5
1. Karsten Schmidt (RSV 54 Venusberg)
2. Michael Schaefer (RSV Speiche Leipzig)
3. Jörg Pacher (1. RV Leipzig 1990)
4. René Philipp (RSV Hainichen)
5. Mario Voland (Dresdner SC 1898)
DNS Andreas Kluge (Chemnitzer PSV)
 
Ergebnisse

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