8. VELORACE DRESDEN individuell, 9. August 2020
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Nachdem das Velorace im Vorjahr von schlimmen Stürzen überschattet wurde, stand für mich schon während des Rennens fest: Nie wieder Velorace Dresden, nie wieder eine Großveranstaltung im Radsport! Aber dann kam Covid-19 und alles war anders. Um das Velorace 2020 nicht komplett abzusagen, hatten sich die Macher im letzten Moment etwas ausgedacht. Die Corona-Vorgabe sah kein klassisches Eintagesrennen vor. Stattdessen fuhr jeder die Rennstrecke „individuell, kontaktarm und flexibel“ ab. Drei sportliche Strecken waren angeboten, Neben den Elblandschaftstouren über 55 oder 75 Kilometer war dies in Anlehnung an eine Trainingsausfahrt mit Ex-Radprofi Robert Förster im Vorjahr die Osterzgebirgstour mit 110 Kilometern Länge, die der Sportler mit eigener Zeitmessung aufzeichnete. Zum einen wurde die Reihenfolge des Zieleinlaufs gewertet, zum anderen die Nettozeit in einer Bestenliste. Die ersten Drei im Ziel erhielten neben der Teilnehmermedaille Sachpreise. Zwei Freizeittouren über 24 und 72 Kilometer komplettierten das Programm. Das Konzept ging allerdings nicht ganz auf. Nicht mal hundert machten mit. Inspiriert hatte mich meine Frau, die den Vorbericht in der Sächsischen Zeitung entdeckte. Die Entscheidung zur Teilnahme fiel jedoch erst nach einer plötzlichen Eingebung von Oben einen Tag vorm Start.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Coronabedingt mußte die Strecke in die Abgeschiedenheit verlegt werden. So wurde aus dem flachen, schnellen, mehrmals zu durchfahrenen 21-Kilometer-Innenstadtkurs eine anspruchsvolle 110-Kilometer-Runde durchs traumhaft schöne Hügelland von Osterzgebirge. Traditionell blieb indes die bildgewaltige Start- und Zielsituation. Mit der barocken Frauenkirche vor Augen starteten die Radsportler auf dem Dresdner Neumarkt und verließen die Altstadt in Richtung Hauptbahnhof. Der Weg führte auf der Fernverkehrsstraße 172 hinaus nach Osten bis Heidenau. Von Heidenau ging es rund 30 Kilometer stetig leicht ansteigend in Richtung Süden durchs wildromantische Tal der Müglitz mit den Gemeinden Dohna, Weesenstein, Mühlbach und Schlottwitz zur Uhrenstadt Glashütte und weiter durch Bärenhecke bis nach Bärenstein. Nach 42 gefahrenen Kilometern zweigte die Strecke in eine vier Kilometer lange Kletterpartie hinauf ins idyllische Börnchen ab. Gleich darauf folgte der nächste Vier-Kilometer-Anstieg nach Liebenau und Lauenstein. Anschließend ging es in Schußfahrt wieder hinunter ins Müglitztal zurück nach Bärenstein. In Bärenstein (Kilometer 58) knickte die Route links weg nach Hirschsprung und schlängelte sich acht Kilometer lang vom Kohlgrund auf dem Schlittenhang entlang der Altenberger Bobbahn hinauf durch die Waldsiedlung Waldidylle zum höchsten Punkt des Tages in Falkenhain (705 Meter über N.N.). Durch Johnsbach ging es hinab nach Glashütte und es folgte der dritte und letzte Anstieg nach 76 Kilometern zwei Kilometer steil bergan nach Luchau. Von Luchau ging es hinab nach Niederfrauendorf. Hier, nach 82 Kilometern, bog die Route nach Süden weg und führte überwiegend leicht bergab durch Reinhardtsgrimma und Lungkwitz nach Kreischa, Von Kreischa rollten die Fahrer durchs Lockwitztal zurück nach Dresden. Durch den Stadtteil Strehlen, vorbei am Dynamostadion und über den Pirnaischen Platz gelangte die Strecke an die Elbe und nach einem Schwenk über das Terrassenufer zurück zum Neumarkt. Auf den 110 Kilometern waren fast 1200 Höhenmeter zu überwinden. Die Route konnte aus dem Netz aufs GPS-Gerät geladen werden. Dazu wurden Handzettel mit den zu durchfahrenden Ortschaften und Straßen verteilt.
 
.:: DAS INDIVIDUELLE RENNEN ::.
(110 Kilometer, Jedermann-Klasse)
Obwohl die Strecken in einem Zeitraum vom 8. August bis 31. Oktober bewältigt werden konnten, stand das Stammwochenende, an dem das echte Velorace eigentlich über die Bühne gegangen wäre, klar im Mittelpunkt. Insbesondere der Rennsonntag. Vor der Frauenkirche waren Requisiten des originalen Rennens aufgebaut: die Start- und Zielgasse, die Zeitmeßanlage, Siegerpodest, Fotowand und ein abgespecktes Messeprogramm mit Händlern und Imbiss. Die Ausgabe der Starterbeutel zum Preis von 35 Euro erfolgte am Sonnabend. Dabei traf ich in Person von Klaus Gärtner nach vierzig Jahren einen Crack aus der Dresdner Radszene der Siebzigerjahre wieder. Als Helfer fungierte ferner der Marathonläufer Steffen Lorke, linke Hand des gesundheitlich schwer angeschlagenen DSC-Chefs Manfred „Decko“ Deckert.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem 7. Velorace, wurde um 8 Uhr 30 bei hochsommerlichen dreißig Grad auf einem gespenstisch stillen Neumarkt der START zur achten, etwas anderen Auflage freigegeben. Statt in einer vogelwilden Stampede war ich auf der 110 Kilometer langen Runde wegen Corona nur in einem Grüppchen zu viert unterwegs. Und einer davon ließ schon beim Einrollen in der Innenstadt abreißen. Ich selbst fuhr meiner Form weit hinterher. Letztmals auf einem Rennrad hatte ich vor zwei Monaten gesessen: 80 Kilometer. Der letzte Wettkampf - der Frankfurter Halbmarathonlauf - lag sogar sechs Monate zurück. Laufen konnte ich in der Folge auch nicht mehr, da immer nach wenigen Metern die Achillessehne bedrohlich zwickte. Nichts ging mehr, überhaupt nichts! In Schuß gehalten hatte mich das letzte halbe Jahr ein klappriges Militärrad aus der Nachkriegszeit. Aber immerhin wußte ich noch, wie´s geht. Alles lief bestens, unsere Gruppe harmonierte. Doch dann kamen die Berge. Nach vierzig relativ flachen Kilometern durch den Südosten Dresdens und das erfrischende Müglitztal, setzte sich mein Begleiterduo in der Serpentine nach Börnchen ab. Besser gesagt: Die beiden kurbelten mit hoher Geschwindigkeit geisterhaft den steilen Hang hinauf. Oben beim kollektiven Blase-Leeren fanden wir wieder zusammen, und bewältigten den Knüppel nach Liebenau und die steile Abfahrt mit achtzig Stukis wieder hinunter ins Müglitztal als Trio. In den quälerischen acht Kilometern durch den mystischen, dunklen Erzgebirgswald, vorbei an Michael Röschs ehemaligem Wohnsitz Waldidylle hinauf nach Falkenhain hatte ich nicht die Spur einer Chance. Auf den folgenden fünfzig Kilometern allein durch gleißende Sonne und sengende Hitze mit gefühlten fünfzig Grad auf der kahlen Hochfläche, ging es ums nackte Überleben. Als Verpflegung standen mir nur zwei Trinkflaschen und eine Handvoll Datteln zur Verfügung. Eine Verpflegungsstelle existierte nicht. Später berichtete jemand von einem „Wasserfahrer“. Wohl eine Fata Morgana... Sechs Kilometer vor Ultimo tauchten an der Kreuzung zur F172 in Nickern plötzlich meine ehemaligen Begleiter wieder auf. Sie hatten sich mit Eis regeneriert... Völlig dehydriert litt ich mich hinter der beiden auf der letzten Speiche durch den kreuzgefährlichen Stadtverkehr. In der Endphase stoppten mich Hitzekrämpfe in den Oberschenkeln. Ins ZIEL vor der Frauenkirche kam ich bei höllischer Hitze nach knapp vier Stunden allein, und erhielt als Dritter neben der Teilnehmerplakette ein himmelblaues Radtrikot des Biersponsors aus Freiberg.
Finale
 
Der Wille hatte Berge versetzt - und zu viel vom Körper verlangt. Zuhause konnte ich vor Krämpfen und Übelkeit erst fünf Stunden nach Zielankunft feste Nahrung aufnehmen. Anderntags berichtete das Norddeutsche Fernsehen über Medikamentenrückstände des Schmerzmittels Diclofenac, die im Wasser der Elbe in Hamburg gefunden wurden. Hamburg liegt siebenhundert Kilometer elbabwärts von Dresden... Zwei Tage nach dem Velorace besuchte ich meine ehemaligen Vereinskameraden vom Dresdner SC beim Training auf der Radrennbahn in Heidenau.
 
 
Text: Geist Vitus, 18. August 2020; Bilder: Velorcae Dresden
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, trocken und heiß, 32 bis 37ºC, Berge 25 bis 31ºC, schwacher Ostwind
Zuschauer: keine
Typ: Straßenrennen individuell
 
Gesamtteilnehmer (110 km, 75 km, 55 km, 24 km):
91
 
110 Kilometer
1. Michael Scheibe (Picardellics Dresden) 3:38:02
2. Gilbert Wenke (Dresden) 3:48:01
3. Mario Voland (Dresden) 3:53:22
4. Sven Felsch (Lindlar) 4:03:43
5. Julien Moncet (RSC Aschaffenburg) 4:06:04
6. Andreas Klemm (-) 4:12:09
 
Ergebnisse

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