11. LAUSITZ-MARATHON
Klettwitz, 9. Juni 2019
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Nein, als Radsportler war man heute nicht am falschen Ort. Obwohl der Veranstaltungstitel eine Laufveranstaltung suggerierte, stiegen am Pfingstsonntag im brandenburgischen Klettwitz über den ganzen Tag verstreut Wettkämpfe in drei Sportarten mit unterschiedlichen Streckenlängen. Neben dem Laufen wurden die Schnellsten im Rollschuhlauf und Radfahren ermittelt. Hier wiederum im Einzelzeitfahren, Zweier-Mannschaftsfahren, Vierer-Mannschaftsfahren und Rundstreckenrennen über 45 und 68 Kilometer. Am Start waren über 900 Sportler, 13 Siegerpokale wurden vergeben. Jede Menge Aktion war also geboten - auf Reifen, wie auf Rollen und Sohlen... Meine eigene Teilnahme entstand aus einer Bierlaune heraus: Im Anschluß an den DSC-Cup mittwochs auf der Radrennbahn in Heidenau - diesmal der „Stunde der Bolzer“ - hatte Übungsleiter „Decko“ seinen Fahrern Würstchen und malzhaltige Regenerationsgetränke spendiert. Im weiteren Verlauf stellte sich heraus, daß Wolle Miersch vier Tage später beim Rennen auf dem Lausitzring starten wollte. Jenes hatte er schon dreimal gewonnen. Da die Ersten nie in irgendeiner Form geehrt wurden, wollte er eigentlich nicht mehr dort antreten. Weil die Orga für 2019 aber Besserung versprach, wollte er sich nochmal aufschwingen. Miersch hatte Platz im Auto, ich konnte mitkommen: eine unerwartete zweite Chance nach Rund um Lampertswalde vor einer Woche. Auf der Heimfahrt an jenem Mittwochabend von Heidenau entlang der Elbe über Dresden nach Freital sollen der Legende nach noch zwei Radrennfahrer bei den eisenharten Trinkern der „Huschhalle“ gewesen sein. (Weniger Freude empfand unterdes mein Kumpel „Goofy“, der vor genau einem Jahr mit mir im Krankenhaus lag (sozusagen die „Initialzündung“ zu meiner Rückkehr zum Radsport war), und nun erneut von einem Seuchenvogel getroffen wurde. Aber diess Leben kennt keine Rücksicht. Unser Erdenball dreht sich immer weiter und immer schneller weiter......) In Sachen Grundspeed hatte ich Nachholbedraf. Aber Wettkämpfe sind das beste Training. Mit einem idealen Sportumfeld, dem Rundstreckenrennen „Rund um Lampertswalde“, der „Stunde der Bolzer“ auf der Radrennbahn Heidenau und dem strukturierten Trainings- und Wettkampfplan des Dresdner SC, schien ich auf einem gute Weg...
 
.:: DIE STRECKE ::.
Testoval und Tri-Oval im August 2016 (© Euroluftbild)
Die Pläne zum Bau des Lausitzrings stammen aus der Zeit der untergehenden DDR. Sie wurden in den Wendewirren jedoch verworfen und erst mit dem Ende des Kohleabbaus im Brandenburger Land und dem Aus der Berliner Avus 1998 in die Tat umgesetzt. Nach zwei Jahren war auf der ehemaligen Moto-Cross-Strecke „Sonnenhäusel“ die Grand-Prix-, Speedway- und Teststrecke aus dem Boden gestampft worden, die sich „EuroSpeedway Lausitz“ nannte. Hunderttausend pilgerten zum ersten Rennen, der Deutschen Motorradmeisterschaft 2000. Schon ein Jahr später erlangte der Lausitzing traurige Berühmtheit durch zwei schwere Unfälle mit italienischen Formel-1-Piloten 2001. Erst verunglückte Michele Alboreto tödlich (und riß einen Streckenposten mit in den Tod); danach verlor Alex Zanardi beide Beine. Neben Superbike-WM, DTM und anderem Vierradzirkus, rockten Gruppen wie AC/DC und Böhse Onkelz mit ihrem Abschiedskonzert den Ring. Am Vorabend des diesjährigen Radrennens gastierte Pop-Ikone Nena. Derzeit ist der Lausitzring Deutschlands neuester, größter und modernster Rennparcours. Er hat acht verschiedene Streckenvarianten und Veranstaltungsflächen wie keine andere Rennarena. Die Streckenlänge variiert zwischen 4,5 und 3,4 Kilometern, Steigung und Gefälle in dem pfannenkuchenflachen Gelände haben maximal 4,5 Prozent, die Streckenbreite mißt 12 bis 24 Meter, die längste Gerade 648 Meter. Für die Radrennen über 45 und 68 Kilometer gab es 2019 jeweils eine veränderte Streckenführung. Es wurde nicht nur das 5,8 Kilometer lange Testoval genutzt, sondern auch die von der Dekra großzügig zur Verfügung gestellte Grand-Prix-Strecke auf dem Lausitzring. Damit war eine Runde 11,3 Kilometer lang.
 
.:: DAS RENNEN ::.
(45-Kilometer-Rundstreckenrennen, Jedermann-Klasse)
Sonntagnachmittag um drei sammelte Wolle Miersch mich am vereinbarten Treffpunkt neben der alten Dresdner Radrennbahn auf. Von dort ging´s via Autobahn in Richtung Berlin. Unglücklicherweise landeten wir nach einer falschen Ausfahrt inmitten der „Blühende Landschaften“, die der Westen dem Osten Deutschalnds nach dessen Anschluß an die BRD versprochen hatte. Aus dem Kohlerevier zwischen Finsterwalde, Schwarzheide, Lauchhammer und Senftenberg war eine neue Welt aus endlosen Nadelwäldern, gefluteten Tagebaugruben, monströsen Windrädern, Sperrgebieten und verbotenen Orten frei jeglicher Menschheit geworden. Wirklich außergewöhnliche Landschaften, nicht von dieser Welt. Aber wenigstens wurde die Gemeinde Klettwitz noch zu DDR-Zeiten vor der vollständigen Abbaggerung bewahrt. Östlich davon grenzte der Lausitzring an. Aber erstmal irrten wir durch einen Geisterwald! Drei einsame Wanderer wiesen uns den Weg. Bei sengender Sonne und hohen Temperaturen trafen wir gegen vier Uhr in der Anmeldung ein. Dort mußten alle ein bittere Kröte schlucken. Denn „Spätis“ (Nachmelder) hatten sechzig (!) Euro zu zahlen: vierzig Startgeld plus zwanzig Pfand für den Zeittransponder an der Gabel. Nachdem wir uns zehn Kilometer warm- und in die Startaufstellung gerollt waren, gab der Streckensprecher bekannt, daß im angrenzenden Grand-Prix-Kurs Testfahrer unterwegs seien und sich der Start um eine halbe Stunde auf 19 Uhr verschiebt. Als Ausgleich hätten wir mildere Temperaturen. Dies hatte zur Folge, daß wir weitere acht Kilometer locker im Testoval pedalieren durften. Abends um sieben war es dann endlich soweit. Der Sprecher warnte vor dem Reifenabrieb der „Herren Autofahrer“ auf der Ideallinie, und gab den Peng zum START der Masters 3 und 4 samt sechs Ladies, eine Schar aus etwas über fünfzig Fahrern.
Vom Dresdner SC traten neben Miersch und mir nur Rheingans sowie eine Dame, die spätere Frauensiegerin Meyer, an. Auf der langen, baum- und schattenlosen Geraden im Dekra-Testoval, auf der Geschwindigkeiten von über 400 Stundenkilometer möglich sind, ging es zuerst gegen den Wind zur Nordkurve, einer schätzungsweise zehn Meter, fast lotrecht überhöhten Wand aus Beton. Im Grunde ähnelte dieses Hochgeschwindigkeits-Oval einer gigantischen Radrennbahn, in der einem die Streckenbreite und die Steilkurven das Gefühl gaben, Gulliver im Land der Riesen zu sein. Vom Testoval zweigte der Weg mit leichtem Gefälle ins Tri-Oval der Grand-Prix-Strecke, einem delirierenden Geschlängel in alle vier Himmelsrichtungen und faustgroßem Gummiabrieb auf der Innenspur, ab. Es ließe sich auch sagen: Das Tri-Oval mixte die Orientierung im Kopf - bevor es über eine milde Steigung wieder ins acht Kilometer lange, schnurgerade Testoval ging. Im Sog von Miersch war ich innerhalb der ersten Runde an die Spitze des Feldes und damit in die richtige Ausgangslage für den weiteren Verlauf gelangt. Rheingans lag von Start weg im Vorderfeld (und fuhr später auch eine aufgehende Lücke zu). Klar doch, daß diese Positionen verteidigt werden mußten. Treu der Parole „Angriff ist die beste Verteidigung“, hielt ich mich in Runde zwei und drei unter den ersten Sechs, zwischenzeitlich auch unter den ersten Drei auf, und fuhr als Führender in die letzte Runde. Das war mein Rennen. Es war das erste Mal seit 1982, daß ich mit der Chance aufs Podium mitfuhr. Eine weitere Parole - nämlich „Heck oder Verreck“, sprich: volles Risiko - wäre hierfür die beste Lösung gewesen. Zwei Solisten und ein Trio waren zuvor schon vorn rausgeknallt - wurden aber immer sofort wieder eingefangen. Nach vierzig Kilometern hatte ich allerdings immer noch die Beine für eine eigene Attacke. Einen Spitzenplatz hatte ich allemal vor Augen. So ging es ins undurchschaubare Labyrinth des Grand-Prix-Kurses, an dessen Ausgang mancher nicht mehr wußte wie er heißt. Mein Tacho zeigte hier 43 Kilometer an, als plötzlich ein gewaltiger Ruck durch die Meute ging und alle wie wahnsinnig antraten. Mehr als ein Dutzend spurtete an mir vorbei, einer steuerte mir mit brutalem Manöver haarscharf vors Rad. Ich sah mich schon am harten Zement liegen. Doch da war keine Glocke für die letzte Runde gewesen, kein Kilometerschild und kein roter Wimpel, der den letzten anzeigte. Bevor ich realisierte, daß dies schon der Endspurt war, war es zu spät. Ich hatte die große Mühle gekettet, damit fehlte mir der letzte Punch nach vorn. Hätte ich diesen Fehler nicht gemacht, hätte ich einen Platz sehr weit vorn gemacht. So kam ich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40,4 Stukis im Massensprint als Sechzehnter ins ZIEL. Der vollkommen defensiv gefahrene Miersch wurde Achter, der aktivere Rheingans Zehnter. Aber ich, der von Anfang bis Ende mit führte, hatte eine schallende Ohrfeige aufgrund dieses Mißgriffs kassiert. Die unterschiedlichen Streckenangaben setzten der Verwirrung das Sahnehäubchen auf: Während die amtliche Ausschreibung acht (!) Runden mit einer Gesamtlänge von 45,7 km auswies, waren in den Pokalen 46 km eingraviert, und standen in Urkunde und Ergebnisliste 45 km. Mein satellitengesteuerter Garmin wiederum, hatte für die vier Runden exakt 43,8 km erfaßt... Hätte ich nur den eigenen Augen vertraut....
v.o.n.u.:
Startpräparation, Zielankunft, Ehrung mit Miersch (li.), Andenkenmedaille
Finale
 
Im Ziel durften die Sportler ihr hohes Startgeld auskosten. Neben einem Stand mit Andenkenmedaillen (eine konnte ich für mein Schätzchen abstauben) war ein Büfett mit allerlei Getränken und leckeren Bemmen aufgebaut. Im Meldebüro erhielt jeder eine vor Ort ausgedruckte Urkunde. Zur Tatortzeit um 20.15 Uhr begannen die Siegerehrungen. Miersch war als Gesamtachter Zweiter der Masters 4 geworden. Im Sonnenuntergang abends um neun entfernten wir uns als ziemlich Letzte vom entseelten Lausitzring. Wolle fuhr mich nach Hause und begleitete mich sogar bis in die Wohnung. Hätte mir jemals einer prophezeit, irgendwann würde der DDR-Vizemeister im Straßeneinzelrennen von 1972 meiner Frau die Hände schütteln: Ich hätte ihn als pillepalle erklärt! Trotzdem endete das Rennen in Ärger und Wut über mich selbst. Aber der alte Glanz kehrt scheinbar zurück...
 
Dankesworte
Wolle Miersch (für den Shuttle-Service und den ganzen Tag überhaupt)
Sportfreund Rheingans (fürs Gequassel über die alten Zeiten)
Peanut (für Unterstützung, Interesse und Opferung der Stunden zu zweit)
 
 
Text: Geist Vitus, 12. Juni 2019; Bilder: Euroluftbild, Lausitz-Marathon, Vitus
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 26ºC, mäßiger Wind (13 km/h) aus Ost bis Nordost
 
Disziplinen: 13 (Rollschuhlauf: 3, Rad: 6, Laufen: 4)
Am Start: 929
Im Ziel:
785 (Skate: 191, Rad: 362, Lauf: 232 )
Rad im Ziel: 362 (5-km-EZF: 38, 17-km-EZF: 121, 17-km-PZF: 26, 17-km-MZF: 71, 46 km: 46, 57 km: 60)
 
45-Kilometer-Radrennen
Typ:
Rundstreckenrennen
Am Start:
ca. 55
Im Ziel: 46 (Masters 3: 29, Masters 4: 7, Masters 5/6: 4, Frauen: 6)
1. Tjard Kopka (OECF Frankfurt/M) 1:06:51
2. René Bulian (Berlin)
3. Bernd Eichhorn (ILB Graakjaer Cycling Team)
4. Matthias Krüger (RSV Gröditz)
5. Olaf Pfrötzschner (ILB Graakjaer Cycling Team)
6. Tilman Dreykluft (Berliner Ruderclub)
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16. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
Ergebnisse

Lausitz Timing