SAINT VITUS, MOS GENERATOR
D-Frankfurt am Main, Zoom - 17. Oktober 2017
Mit den fallenden Blättern waren auch Saint Vitus wieder zurück im Licht. Angesichts der vermeintlich einmaligen Auferstehung für zwei Sonderschauen 2003 in Chicago und beim deutschen »With Full Force«, durfte selbst der unterwürfigste Vitus-Addikt mild staunen, daß Chandler & Konsorten seit vielen Jahren plötzlich wieder beharrlich in die Welt fahren. Nach vierzehn Nächten mit Norwegens Tombstones allein im Frühling 2017 folgte im Herbst die »European Tour Part 2« mit zwanzig Stationen und Mos Generator als Support. So durfte sich die kleine Subkultur des Rhein-Main-Gebiets nach Jahrzehnten des Darbens binnen fünf Monaten gleich zweimal an der Doom-Legende aus USA ergötzen: nach Wiesbaden im Mai, im Oktober in Frankfurt. Leider wurden Saint Vitus in den denkbar undoomigsten Platz der Stadt gebucht. Denn nachdem seine neuen Pächter den Rockklub »Sinkkasten« zur Partylocation »Zoom« transformiert hatten, verströmte der Ort in Frankfurts Innenstadt ein äußerst abstoßendes Karma. Und dies mitten in der Schlangengrube des Hochfinanz, zwischen Konsumpalästen und Wolkenkratzern im Schatten des 260 Meter hohen Commerzbank-Towers. Wobei einer die Ursprünge des neuen Frankfurt schon von der Saint-Vitus-Tour 1989 im Popperloch »Cooky´s« kannte: Dave Chandler... Maximal fünfzig Anhänger, der herauskristallisierte Kern der Frankfurter Szene, fand sich für 25 Euro im Obergeschoß der Brönnerstraße ein. Darunter zwei, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte: Chris, ehemals Chef des Metalschuppens »Die Halle«; dazu unser alter Freund Jochen, der - Obacht! - 1969 an selber Stelle die kalifornischen Psychrocker Spirit erlebt hatte. Kräftig die Augen reiben mußte ich mir auch am Devotionalienstand, als ich mein Konzertfoto von Saint Vitus aus Wiesbaden erblickte, das nun - grün eingefärbt - die Langärmler von Saint Vitus zierte. Der Händler wollte mir sogar einen schenken... Gütiges Geschick wollte es indes, daß wir Vitus überhaupt erleben durften. Denn Chandler schleppte sich mit verletztem rechten Fuß auf Krücken durchs Zoom! Als ich ihm die Hand drückte, fühlte sie sich sehr dünn und schwach an...
MOS GENERATOR waren mir aus der zur Millenniumswende explodierenden Welle des Stoner Rock ein Begriff. Allerdings hatte ich mich nie mit der Gruppe aus USA beschäftigt. Interessanterweise - und Internet plus Globalisierung sei Dank - stand das Trio aus Seattle unter Vertrag der Engländer Sonic Void, deren Chef - Nachtigall, ich hör´ dich trapsen - wiederum Ben Ward von Orange Goblin ist... Und genau diesen Sound lieferten Tony Reed, Sean Booth und Jon Garrett ab - rohen, rustikalen, schwermütig betrunkenen Heavy Rock auf mittlerer Geschwindigkeit. Der zwar nichts mit Doom zu tun hatte, der aber sehr kraftvoll, authentisch und durchaus charismatisch ins Zoom krachte. Lange Haare, wilde Bärte, drei, vier Jägermeister-Pullis, noch mehr Testosteron, lakonische und selbstironische Erklärungskommentare, abschätzige »Fuck!«s und der Charme der Urtümlichkeit: Als neue Begleiter der Heiligen kamen Mos Generator nicht an die dunklen Tombstones der letzten Tour ran, doch sie schlugen sich gut! »Mountain Majesty« beschloß die fünfzig Minuten.
Die mächtigen SAINT VITUS... Zum Einklang zelebrierten die Pioniere des Doom Metal gleich die alles überstrahlenden Slowbanger »Dark World« und »One Mind«. Dank des offenen Raums ergab sich heute die Gelegenheit, Scott Reagers, Dave Chandler, Pat Bruders und Henry Vasquez Nasenspitze an Nasenpsitze über die vollen siebzig Minuten zu huldigen, und mit ihnen zusammen manisch die Haare zu wirbeln. Dabei streichelte Chandler mit mancher Geste auch meine wunde Seele. Das desperat aggressive Ungeheuer »War Is Our Destiny« folgte an der dritten Stelle. Oh, wie wärmten Vitus unsere Herzen... Sie waren zauberisch wie immer, und trotzdem fehlte in Frankfurt das letzte Fünklein Magie. Nach vierzehn Auftritten von England bis Italien und von Schottland bis Athen kam zu Chandlers Gebrechlichkeit eine gewisse Abnutzung. Die zu nüchtern ausgeleuchtete Bühne tat das Ihre. Vitus hatten ihre Lieder nach der Exkursion im Mai leicht geändert. Die Reihenfolge blieb identisch, doch wurden »Zombie Hunger« und »The Sloth« gegen das steinzeitliche »The Sadist« sowie »H.A.A.G.« getauscht. Dazu trat an die Stelle der blümeranten »Mystic Lady« (respektive »Mystic Gravy«) die groovy Neunummer »Bloodshed«. Und erstmals wurde die Verlängerung von »Look Behind You« angeführt. Neu war auch, daß Reagers das abgründige »Burial at Sea« spektakulär mit zwei aneinandergeschlagenen Becksflaschen einläutete. Gruseliger ging´s kaum. Demgegenüber wirkte der Ausklang »Born Too Late« heute spartanisch, kam frei von Improvisationen und auch ohne Chandlers Zähnen auf der Sechssaitigen daher. Durch »Look Behind You« war das Programm auf zwölf Titel angewachsen. Es war nicht so tief doomig, eher kompakt und knackig metallisch. Mit böser Zunge gesagt: es hatte sich Mos Generator ästhetisch angeglichen. Und nicht zuletzt durch »H.A.A.G.« und »Look Behind You« schwebte auch immer die Seele des mythischen Wino im Raum umher... Nach dem Auftritt mußte ich den völlig zerrütteten Chandler mit vom Geviert runterholen - um anschließend selbst in emotionaler Auflösung zu Boden zu sinken...
 
Saint Vitus faszinierten wie immer. Und doch bemerkte ich auch Risse in der Gruppe. Jeder ging seinen eigenen Weg. Beim Aufbruch zur Mitternacht lehnte Dave Chandler von aller Welt verlassen mit einem Whiskey an der langen Bar. Vitus wollen 2018 wiederkommen...
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 18. Oktober 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MOS GENERATOR
(21.03-21.53)
1. Lonely One Kenobi
2. & 3. unbekannt
4. Easy Evil
5. - 7. unbekannt
8. Mountain Majesty
 
SAINT VITUS
(22.18-23.26)
1. Dark World
2. One Mind
3. War Is Our Destiny
4. White Magic/Black Magic
5. The Sadist
6. H.A.A.G.
7. White Stallions
8. Bloodshed
9. Burial at Sea
10. Saint Vitus
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11. Look Behind You
12. Born Too Late
Das Vitus-Shirt mit dem Bild des Verfassers...