SWANS, LARSEN
D-Frankfurt am Main, Mousonturm - 27. Mai 2013
Von den Swans hatte ich erstmals 1990 gehört. Mick Harris von Napalm Death zählte die „early Swans“ genauso zu seinen Einflüssen wie die „new Swans“. Im Sommer 2009 kam es zur ersten leibhaftigen Begegnung mit einem Teil der Swans durch die langjährige Sängerin Jarboe, die im Vorprogramm von Esoteric im Frankfurter „Nachtleben“ auftrat. Sechs Monate später reformierte Gruppenkopf Michael Gira die Swans, die zuvor 13 Jahre geruht hatten. Heute gaben sich die Amis im Künstlerhaus „Mousonturm“ die Ehre. In ebenjenen wollte ich immer schon mal rein: Keine hundert Meter weiter stand die Praxis meines Leibarztes, dem ich von 1984 an ein viertel Jahrhundert treu war - bis er in Ruhestand ging... Was am Mousonturm mit seinen braunen Klinkern und lichten Fenstern so einladend wirkte, entpuppte sich im Inneren als riesiger, teerschwarzer Kubus. Eine nicht minder schwarze Masse aus zweihundert Köpfen hatte sich in der ehemaligen Seifen- und Creme-Fabrik eingefunden. Neben vielen aalglatten Gestalten auch ein Häuflein in Doom-Shirts, wie einem von Saint Vitus und einem von 40 Watt Sun. Als finster müssen ferner die Preise (Systemticket: 25 Euro, Bier aus kleinen Plastebechern: 2,50 Euro) sowie das gesamte Turm-Personal bewertet werden. Wenn einem die Frage nach dem Weg zum Klo mit der Frage nach einem Fotopaß beantwortet wird, kann das schon den Abend vergrätzen. Die verschlagenen Händler mit ihren 25 Euro für eine CD sind die Erwähnung nicht wert... Grund zur Freude gab´s indes durch den Besuch unseres Freundes Jochen, der den Mousonturm aus der 70er Besetzerzeit kannte. Vor 35 Jahren hatte unter dessem Dach ein nicht zu ortender Piratensender gearbeitet... Merkwürdig ferner: der nicht ausreichende Schallschutz des Gebäudes: Einige Stadtstreicher konnten das Konzert draußen auf einem Mauersims verfolgen. Und dies im exklusiven Bornheim...
Die Warmbläser LARSEN aus Turin kamen zu fünft und hatten sich wie auf einer Hühnerstange seitlich, mit den Blicken vom Publikum abgewandt, am Bühenrand aufgereiht. Zum männlichen Gerüst gesellte sich zuweilen eine Dame, die als Little Annie Anxiety nicht nur obszön aufgedonnert war, sondern augenfällig einen im Kahn hatte, und in einer Mischung aus Slapstick und Delir diverse Unverständlichkeiten ins Mikro schwadronierte - und damit das behutsam und mit Köpfchen erstellte Klanggebilde aus Gitarren, Geigen, Zymbals, Glockenspielen und, und, und... konterkarierte. Larsen (benannt nach einem Ungeheuer) machten einen auf experimentelle Volkmusik, sie hatten die von Italienern gewohnten großen Herzen, schleimten nur leider zu sehr mit den nachfolgenden Idolen. So verflachte die Aufführung zu einer schnell vergessenen Kopie.
Was Neu-Yorks Noise- und No-Wave-Legende SWANS betrieb, war nicht nur klangliche Bestrafung - das war reinste KÖRPERVERLETZUNG! (Anderntags las ich im sozialen Medium, daß der Ausrichter aufgrund der Tonprobe zu Ohropax riet.) An der Garderobe wurden Gratis-Stöpsel ausgegeben... Wir hatten selber welche dabei. Und trotzdem war ich heilfroh, dem Tinnitus entgangen zu sein. Die Swans waren selbst unter Ohrstöpseln kaum auszuhalten. Jochen ergriff nach einer Stunde die Flucht, Peanut und ich hielten immerhin 100 Minuten durch (bis kurz vor Schluß um 23.50 Uhr). Von 22.11 Uhr an hatten drei fies distortende Stromgitarren, zwei maschinenartig hämmernde Schlagzeuge, von Thor gedroschene Riesentrommeln und Perkussionen, zuweilen eine Trompete, brachiale Orgeln, spröde Gesangsfetzen und alles, was sonst noch den Dezibel hochtreibt, für Ohrenbluten im Saal gesorgt. Dabei war es um die finstere Seite des Lebens und die Abgründe des Menschtums gegangen. Gira, Westberg, Hahn, Pravdica, Puleo und Harris - außer Letztem alles graue Wölfe - zelebrierten ihre bittersüßen Klangexzesse, von poetisch über sarkastisch bis melodramatisch, und zweihundert litten in des Wortes ursprünglichster Bedeutung mit. Die Bühne war überladen, die Geschichte überwältigend, die Regler am Anschlag. Schade nur, daß es den Lärmterroristen am gewissen Etwas fehlte. Der Aura, der Magie... Man war geneigt zu sagen: Sechs sind einer zuviel. Aber es kamen alle blaß daher. Um beim Federvieh zu bleiben: Lieber ein heile, heile Gänschen als sechs Schwäne im Totentanz. Nur hinten war die Ente fett. Denn auf die Nichtigkeit „Oxygen“ folgte das gefühlte zwanzig Minuten andauernde Feuerwerk „The Seer“, was dem Mousonturm zugleich als Lockvogel im Filmformat gedient hatte. Beim siebenten und letzten Flügelschlag, dem „Toussaint Louverture Song“, war der Schwan für uns verreckt.
 
Das Schönste heute nacht war ein Lebenszeichen via „Whatsapp“ von meinem Bruder Corpsegrinder aus DYNAMOLAND. Tags darauf stand die Relegationsschlacht Dresden gegen Osnabrück an! Nach dem Hinspiel blickte Schwarz-Gelb bereits in den Abgrund, ehe die Relegation zum Triumphzug wurde und Dynamo in einem dramatischen Schlagabtausch mit 2:0 die Klasse rettete.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus, 28. Mai 2013
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
LARSEN
(21.00-21.45)
1. It Was a Very Good Year
2. Existential Joe
3. Dyslexic Haiku
4. Ohm Ave D
5. Call Me Tell Me/Radial
6. Viggo
7. Lefrak City Limits
 
SWANS
(22.11-23.50)
1. To Be Kind
2. Just a Little Boy
3. Coward
4. She Loves Us
5. Oxygen
6. The Seer
7. Toussaint Louverture Song