WITCHSORROW, SEA BASTARD
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 19. März 2016
Unser heutiger Ausflug ins verwunschene Frankfurt war äußerst kurzentschlossen, und am Ende auch etwas ernüchternd. 48 Stunden zuvor hatten wir uns noch im Venue des Doom Over Edinburgh in Schottland rumgetrieben. Nun weilten wir wieder in der Stadt am Main. Die heile Welt war wie abgehackt. Aber Frau P. hatte mich regelrecht zu einem Besuch im Bett genötigt: „Da fährt man sonstwo hin, und hat den Doom vor der Tür!“... Indes... alles geschieht im Kopf. Und in Frankfurt mußte ich einfach zu viel Mist durchmachen, um dort jemals so was wie ein Doom-Gefühl zu bekommen. Überdies war die Sache im Bett-Klub sehr kurzfristig zustande gekommen. Mangels Reklama fanden sich nur vierzig Figuren ein - von Grund auf zweifelhafte. Die Engländer von Witchsorrow verloren sich regelrecht hinterm Andenkenstand. Aber sie entpuppten sich als wunderbare, kumpelhafte Typen, mit denen man sofort auf einer Wellenlänge funkte, und die auch die Magie von Edinburgh am Leben hielten. Welch eine Fügung, daß ausgerechnet Witchsorrow unmittelbar nach dem diesjährigen Doom Over Edinburgh für die nächste Ausgabe im März 2017 gewonnen wurden...
Vier gestandene Freaks (echte!) mit Yeti-Bärten, Rastazöpfen, verblichenem Shirt von Sleep (Sänger), tätowiertem Leib (der hochaufgeschossene Sechssaiter) und manisch-verrotteter Körperlichkeit, leiteten den Abend ohne langes Gerede ein. Der Klubchef hatte die Brighton-Gang bei deren Probe verfolgt, und wußte nicht, was er davon halten soll. Nun, es war womöglich der erste und letzte echte Doom, den das Bett je erleben durfte. Zum beträchtlichen Schauwert bekamen wir von unmenschlichen, qualvollen Schreien durchsetzte, dunkle, brutale Apparillos, auch „Sludge“ genannt, die an Iron Monkey erinnerten, und speziell durch den Vokalisten zusätzlich durch Bier (und eventuell illegale Substanzen) tranquilliert waren. Man kann es auch vertonten Nihilismus oder - frei nach dem Titel „Psychic Funeral“ - ein Begräbnis der Seele nennen. Zumindest was die erste Viertelstunde betraf. Denn nachdem der rohe Doom im Bett ins Leere lief, zog der Trupp vom Ärmelkanal das Tempo merklich an - um final in postcorigem Krach zu enden (mit dem die Schar vertraut war). Für Herz und menschliche Fehler war Frankfurt das falsche Pflaster, und der Abschied „Okay, we were SEA BASTARD“ geradezu als Entschuldigung zu werten.
Mit einer gereckten Faust und dem Schlachtruf „Frankfurt! There is no light, there is only fire!“ ging um zehn der Auftritt von WITCHSORROW los. Durch unseren überfallartigen Aufbruch zu diesem Konzert, hatte ich noch nicht mal Zeit für eine Tonprobe gehabt. Aber im Grunde erhielten wir, was der Name und das Gruppenlogo versprachen: schwere Riffs, klaren Gesang und Doomgroove mit Achtzigerflair. Witchsorrow kredenzten ihr drittes Langeisen - 'No Light, No Fire' - , und zwar fast vollständig und in der selben Liedfolge. Und dennoch verlief die Schau in natura nicht ganz so wie erwartet. Das Trio aus der Grafschaft Hampshire war gnädiger als die Meeresungeheuer, und ihre psychedelisch-okkulten Abstecher etwas von der Stange. Mit frivoler Zunge gesagt: Sea Bastard waren Hardcore, Witchsorrow Softcore. Frontmann Necroskull, Bassistin Emily Witch und Trommler Wilbrahammer standen für die dritte Generation des Doom Metal. Ihr Sound suhlte sich in der Seele von Iron Void... die wiederum von Saint Vitus beeinflußt sind... welche sich von Black Sabbath anstiften ließen... Das Ganze war ordentlich gemacht, doch es fehlte etwas an Aura. Besonders die Bassistin wirkte wie ausgeblutet. Nach einem weitgehend emotionsfreien Ritt durch die Wälder des Doom lugte im finalen Jam wieder der Heilige Veit um die Ecke, und spendete den ein oder anderen hoffnungslos altmodischen Wah-Wah-Frickel-Effekt. Witchsorrow hatten das Pech der Zu-spät-Geborenen und sie waren heute an einem verkehrten Ort. Punkt elf verabschiedete sich Necroskull mit einem akzentfreien „Danke schön, gute Nacht!“: Wilbrahammer pflegte seine gebrochene Nase; und Emily Witch verdingte sich als Zeugwart und reinigte die Gitarren mit feuchtem Tuch.
 
Die Ente beim „Zhi Wei Guan“ ums Eck, die Unterhaltung mit Witchsorrow, der Anfang von Sea Bastard, und die Freudenspender an der Bar vom Bett versöhnten diese Nacht in Frankfurt.
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))) am Ostarafest 2016
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
SEA BASTARD
(21.05-21.44)
1. Door Sniffer
2. Astral Rebirth
3. Nightmares of the Monolith
 
WITCHSORROW
(22.02-23.00)
1. There Is No Light, There Is Only Fire
2. Made of the Void
3. The Martyr
4. The Trial of Elizabeth Clarke
5. To the Gallows
6. God Curse Us
7. De Mysteriis Doom Sabbathas