WITCHTHROAT SERPENT, DIE SATANSENGEL VON NEVADA
D-Dresden, Ostpol - 21. Juni 2017
Es bleibt ein Phänomen wie der Mensch von der Masse getrieben wird: Während sich am Montag über 600 Schäfchen für den Mainstreamschmus Sólstafir in den knalleheißen »Beatpol«-Palast quetschten, verschlug es 48 Stunden später allenfalls dreißig Kunden zum Sludge und Stoner Doom im Hinterzimmer des Konzertlokals »Ostpol« (darunter ein merkwürdiges Paar aus Trachau, welches hier freien Eintritt genießt). Und dabei hätte man etliche Besucher von Sólstafir durchaus wieder erwarten können... zumal es immer der Untergrund ist, der die schönsten Geschichten schreibt... Am heutigen Sonnenwendtag - wiederum ein hochgradig sonniger, wonniger - kühlte man sich nicht mit Radebrühe, sondern mit »Elbhang Rot« und »Neustadt Weiß«. Und man stand sich auch nicht als Schaf die Beine in den Bauch, sondern hing am Tresen oder in Sofas und Plüschsesseln aus dem verschwundenen Ostdeutschland.
Einfach, ehrlich und direkt, ohne das nervenzerrend Moralisierende der gängigen Sludge-Core-Brigaden, erzählten DIE SATANSENGEL VON NEVADA ihre Geschichten aus dem Leben. Die waren berstend voll mit negativer Eyehategod-Attitüde. Nihilismus, Leid und Drogen - angesagt mit hemmungslos gesächselter Klappe. Demnach ist »Die Satansengel von Nevada« nicht nur der deutsche Titel für einen amerikanischen Film aus den 1970er-Jahren über eine weibliche Rocker-Gang, sondern auch der Name eines 2010 gegründeten Sludge-Rudels aus Dresden, bestehend aus Schmidt, Del und Knüppelgnom. Roh und ungeschliffen, mit krudem Blues, gescratchten Trossen und brachialem Drumming durchbrach ihr Auftritt die Stilgrenzen von killendem Crust zu schwerem, sperrigen Doom, dazwischen fand sich auch mal ein schiefer Noise-Part. Genau das war aber auch der Reiz daran. Und natürlich der Frontmann: Wer im Doomladen ein Shirt von Sodom trägt und dazu auch noch aussieht wie Waldschrat Thomas Schulz, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Schade, daß der Zeitplan und der Dienst am anderen Tag nicht mehr zuliessen. Aber zum Ende krachte es noch mal richtig - mit einer kurzentschlossenen, schnellen Grind-Nummer im Stile von Napalm Death.
Grundverschieden zum derben Material der Sachsen kamen Fredrik Bolzann, Nico Lass und Lo Klav aus dem südfranzösischen Garonne-Departement daher. Mit ihren Langeisen 'Witchthroat Serpent' und 'Sang-Dragon', einer schamanischen Fuzz-Gitarre, hellen Vokalen, einem rattigen Bass, dunstigen Trommeln und bedingunsloser Zeitlupe entführten sie uns in die Welten von Electric Wizard, Burning Witch und Yob. Die Klänge von WITCHTHROAT SERPENT entstammten gewissermaßen der Steinzeit des Stoner Doom. Dabei agierten die Franzosen mit feinnervigem Charme, Poesie und einer gewissen okkulten Note. Wenngleich heulende Hexen und verführerische Nattern weiß Gott nicht neu im Doom waren, fanden sie dort ihre ganz eigene Nische, aus der sie eine unergründliche mystische Kauzigkeit versprühten. Wenngleich sich der Auftritt im letzten Drittel - pardon - etwas weniger interessant im Kreise schlängelte: sehenswert war er allemal. Selten zuvor durfte Dresden so hauteng den »richtigen« Doom der alten Geister erleben. Leider wurden auch Witchthroat Serpent in ihrem Tatendurst rasiert...
 
… denn wegen der angemeldeten weltweiten »Fete de la Music« mußte das Doom-Konzert abrupt enden. Während Witchthroat Serpent noch husch, husch die Bühne räumten, brach bereits die Vorhut des Gameboy-Spielers TRIAC herein. Und wo soeben noch Slowbanger haarewirbelnd ihrer Musik gehuldigt hatten, versuchten nun zwei endemanzipierte 3-mm-Schwänze die dämlicherweise abgeschlossenen Fenster aufzureissen. Mit halbstündiger Verspätung wehte in den Ostpol der Wind einer neuen Zeit. Prost den Satansengeln von Nevada! Hail Witchthroat Serpent!
 
 

Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 22. Juni 2017
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
DIE SATANSENGEL VON NEVADA
(20.42-21.17)
1. Lock n Load
2. Commit Crime
3. Meditation Thru Medication
4. Neues Lied
5. Preventive Paranoia
6. Black Planets
7. Neurotic Tales
8. Wednesday Night
9. Rehabilitation Blues
 
WITCHTHROAT SERPENT
(21.40-22.32)
1. A Caw Rising From My Guts
2. Serpent Ritual
3. Siberian Mist
4. Lady Sally
5. Striped Dragon
6. Ínto the Black Wood
7. No Way To Escape
8. Priestess of Old Ghosts
9. Hunt FTM
Titelbild des Monatsfliegers