34. BERLIN-MARATHON, 30. September 2007
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AUFBAUKÄMPFE
Sonnenwendlauf durch die Niddaauen (10 km), 21.6.07
Karbener Halbmarathon, 12.8.07
Mühlheimer Halbmarathon, 2.9.07
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Zwei Mücken, zwei Superstars und zwei wandelnde Katastrophen
 
 
Im allgemeinen Überschwang von London und mancher Pint Ale hatten wir noch in England neue Pläne fürs nächste »World Major«-Spektakel entworfen. Berlin und London waren geschafft, fehlten die in Amerika: Boston, Chicago und New York. Da New York (November 2007) bereits ausgebucht und Boston (April 2008) zu langfristig war, blieb als Nahziel nur Chicago im Oktober 2007. Es waren aber nicht die kalten Wolkenkratzer, sondern die astronomischen Kosten, die uns (vorerst) abschreckten. Und dann war da auch noch der sportliche Aspekt: Warum also nicht einen Angriff auf die persönlichen Bestzeiten starten? Berlin hat mit das schnellste Pflaster von der ganzen Erde, wir kennen die Stadt, haben kaum Reisestrapazen und sparen Kosten. Am 8. Mai stand die Entscheidung: Auf nach Osten!
 
.:: DIE STRECKE ::.
42 Kilometer im Uhrzeigersinn. Der Start lag westlich vom Brandenburger Tor in der Lunge der Millionenstadt, dem Großen Tiergarten. Auf flachen und ausladenden Asphaltchausseen und nahezu ohne Rhythmusbrechung führte die Strecke durch die Ortsteile Tiergarten und Moabit, dann durch Mitte nach Kreuzberg, weiter über Schöneberg und Friedenau bis nach Schmargendorf, und schließlich über Wilmersdorf und Charlottenburg wieder bis Mitte. Zurück in Tiergarten fand das Rennen nach dem Durchlauf unter der Victoria sein grandioses Finale. Neben den verschiedenen Gesichtern der Stadt wurden unterwegs die Wahrzeichen Siegessäule, Reichstag, Fernsehturm, Kurfürstendamm, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Dom und Unter den Linden gestreift. Dabei herrscht Hochbetrieb am Straßenrand: Alljährlich eine Million Schlachtenbummler tragen die Läufer ins Ziel. Daß die Schleife durch Berlin nicht nur ansehnlich, sondern auch äußerst schnell ist, davon zeugen sechs dort aufgestellte Weltbestzeiten und Weltrekorde:
 
1977 - Christa Vahlensieck (Deutschland) 2:34:48
1998 - Ronaldo da Costa (Brasilien) 2:06:05 (erster Mensch über 20 km/h)
1999 - Tegla Loroupe (Kenia) 2:20:43
2001 - Naoko Takahashi (Japan) 2:19:46
2003 - Paul Tergat (Kenia) 2:04:55 (erster Mensch unter 2:05 Std.)
und...
2007 - Haile Gebrselassie (Äthiopien) 2:04:26
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Das Programm für Berlin 2007 bestand aus 16 Wochen, die sich in drei Phasen gliederten:
 
1. Die Vorbereitungsphase I, das Ausdauertraining ohne intensive Reize zur Erlangung der zur Energiegewinnung notwendigen Stoffwechselfähigkeit (Dauer: 4 Wochen), bestritten wir nach einer Beilage des Laufmagazins Runners World, die speziell für Berlin erstellt wurde.
2. Die Vorbereitungsphase II, das Ausdauertraining mit intensiven Reizen zur Erhöhung der Muskel- und Organkraft und damit der Verbesserung der Tempohärte (10 Wochen), sowie
3. Die direkte Marathonvorbereitung, die durch geringe Umfänge mit nur einigen Vorbelastungen die Kraft kommen läßt (2 Wochen), mit der virtuellen Laufgruppe
Greif.
 
 
Das LAUFTAGEBUCH vom 11. Juni bis 30. September:
 
 
1. Wo. (78 km): Der lange Weg nach Berlin begann wie immer im Hochsommer. Dampfluft mit Blitz und Donner trieben den Schweiß in Sturzbächen aus den Poren. Das Programm der Runner´s World sah für die Ambitionierten (Ziel zwischen 3:00 und 3:30 Stunden) drei lockere Dauerläufe, ein Fahrtspiel, ein Bergtraining und einen längeren Dauerlauf von 120 Minuten vor. Mangels Erhebungen in Frankfurt habe ich die Berg- durch 1000-Meter-Intervalle ersetzt, und aus Zeitnot die drei kurzen zu zwei mittellangen Dauerläufen zusammengelegt. Zudem versuche ich die Schrittfrequenz auf die erfolgsverheißenden 180 pro Minute umzustellen. - Peanut wiederum durfte sich am 13. Juni beim Firmenlauf JP MORGAN CHASE CORPORATE CHALLENGE mit 67
 270 Kollegen durch Frankfurt quetschen, und sich damit auf den »Clash of Civilizations« der nahen Zunkunft einstimmen (9 Milliarden Humanoiden auf dem Erdball: viel zu viele). Den Pflichtauftritt über die 5,6 Kilometer schaffte sie in selbstgestoppten 32 Minuten.
 
2. Wo. (88 km): Die Sommersonnenwende besagt den längsten Tag und die kürzeste Nacht im Jahr. Sonne und Mond haben zur Solstiz die größte Strahlkraft und können ganz besondere Kräfte freisetzen. Manche huldigen dem mittsommerlichen Ereignis mit kultischen Festen - manche mit einem Lauf ins Abendrot... Am 21. Juni hatten wir den 3. SONNENWENDLAUF DURCH DIE NIDDAAUEN angepeilt. Zuckende Blitze und monsunartiger Regen ließen den Sonnenkult jedoch ins Wasser fallen. Die Unwetter hatten das Nordufer der Nidda, auf dem der Lauf stattfinden sollte, überschwemmt. 3 ½ Stunden vor Kampfbeginn gab das Organisationsbüro bekannt: »Aufgrund der Regenfälle müssen wir den Lauf absagen! Die Niddaauen stehen voller Wasser und es ist zu gefährlich dort im Moment zu laufen. Schade... wir hatten uns soviel Mühe gegeben. [...] Wir haben uns wegen der Unfallgefahr - rutschiger Niddauferweg - dazu entschliessen müssen, den Lauf abzusagen. Wir haben es uns nicht leicht gemacht; wenn Sie einen kleinen privaten Lauf machen wollen (auf der linken Uferseite in Richtung Frankfurt - da ist es o.k.), laden wir Sie gerne ein und haben auch eine kleine Überraschung für Sie bereit.« Gesagt, getan. Eine Stunde vor Ultimo habe ich die Strecke in Augenschein genommen, und konnte keinen Grund für eine Absage finden. Nachmittags war es aufgeklart und das Wasser weitgehend versickert. Aber Entscheidungen sind menschlich und oft unergründlich. Als Wiedergutmachung spendierten die Verantwortlichen allen Angereisten einen kleinen Früchtekorb mit einem Kohlenhydratriegel.
 
3. Wo. (88 km): »Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.« Als Emil Zatopek diese schlichten Worte sprach, war das Leben noch eins mit der Natur. Die moderne Welt ist es nicht mehr. Oft müssen Läufer ihr Tagwerk als Denkarbeiter unter den Augen des »Großen Bruders« verrichten. Derweil draußen Bienen und Schmetterlinge durch die Luft summen, sind Sportler in Legebatterien von Großraumbüros eingepfercht, atmen Kunstluft und sind jeder freien Sicht und Bewegung beraubt. Bei acht Stunden in Schreibtischhaltung wird der Organismus vor große Probleme gestellt. Hier verkürzte, dort erschlaffte Muskeln, hier versteifte Gelenke, dort Streß und Zwänge, die auf die Seele drücken. Es bedarf etlicher Kilometer im Freien, um das alles abzuschütteln und den Motor anzukurbeln - bis »Mensch läuft«. Trotzdem war ich nach 250 Kilometern und zwei Läufen über 30 Kilometer auf dem Weg nach Berlin. Am 1. Juli kam es zu einer Berührung mit der Ironman-EM: Die Radstrecke zum »Heartbreak Hill« von Vilbel überquerte unseren Laufweg an der Nidda. Peanut hatte ja schon vor Langem geunkt: »Du bist wie für den Iron Man gemacht!«
 
4. Wo. (81 km): Am 7.7.07 haben unter dem Aufruf »Arbeit statt Dividende! - Volkgsgemeinschaft statt Globalisierung!« 600 Neonazis die antikapitalistischen Forderungen des Nationalen Widerstandes auf die Straßen unserer Frankfurter Wohn- und Trainingsorte Rödelheim, Hausen und Bockenheim getragen. 3000 Rote wollten die Demonstration stören; 8000 Polizisten in gepanzerten Anzügen waren im Einsatz; und die dicken Fressen von Multikriminell, Obrigkeit und Hochfinanz (denen die Aktion galt), haben sich angesichts des Zerfleischens der Brüder und Schwestern von Links und Rechts ins Fäustchen gelacht. Die wahren Übeltäter blieben unberührt.
 
5. Wo. (110 km): »Hast du schon Erfahrung mit Wiederholungsläufen?« Diese Frage von Peter Greif vermittelte nichts anderes, als den Beginn der Vorbereitungsphase II. Der Punkt, an dem man sich drei Monate lang sechs Mal die Woche zum Knecht einer Stoppuhr macht. Heißt: Wir bestritten die kurzen, harten Knochen samt den langen Knüppeln wieder mal nach den Anweisungen der lächelnden Läuferlegion aus dem Harz. Neu dabei war das so genannte »Ultrabreathe-Training«: Mittels eines »Lungentrainers« soll sich bei täglich fünfminütiger Anwendung die Stärke und Ausdauer der Einatem-Muskulatur verbessern. Wie diverse andere Helferlein, betrachtete ich besagtes Teil aber als Plunder der Neuzeit, der nur dem Umsatz dient. Am 9. Juli vermeldete Berlin den Anmeldeschluß. Die Obergrenze von 40
 000 Marathonläufern war erreicht.
 
6. Wo. (110 km): Der Sommer war zurückgekehrt. Das Thermometer erreichte in Frankfurt 35 Grad bei absoluter Windstille. Zu hart für einen gescheiten Dauerlauf und für alles Intensive. Einmal durch eine Trabpause der Haut den Wind entzogen, fieberte der Körper mit 45 Grad und in den Lungen rauschte das Ozon. Zum ersten Mal sprach meine Große über A u f g a b e. Und auch meine Lust auf eine weitere Marathonvorbereitung neigte sich dem Ende. Nach zwanzig Jahren Schinderei war der Drops gelutscht. Aber andererseits braucht man Ziele (außer man ist frei wie der testosterongesalbte Märchenonkel Sinke-witz mit einem halben Milliönchen Jahresgage).
 
7. Wo. (107 km): Starte langsam und stirb schnell! Mit diesem Denkspruch sind weder die verdopten Tourteams von Astana und Cofidis, noch Rinderblutjunkie Rasmussen oder Fuenteszögling Contador gemeint. Nein, es geht um den Kampf gegen den Schlappschritt und die Verbesserung der Tempo-Variationsfähigkeit durch Tempoflex-Training. »Tempoflex« sind 2000-Meter-Wiederholungsläufe, die langsam begonnen und in fünf Stufen bis über das angestrebte Renntempo gesteigert werden. Die höchste Geschwindigkeit muß dabei im Zustand der größten Erschöpfung erreicht werden. Voraussetzung für diese Läufe, die sekundengenau eingehalten werden müssen, ist eine Laufbahn. Frankfurt besitzt derer etliche. Hingen da nur nicht überall Schilder wie: »Privatsportplatz - Laufen verboten!« oder »Nur für Mitglieder«. Womit wir diese Übungsform fast schon abgeschrieben hatten. Fast. Denn es gibt noch Menschen mit einer sozialen Ader. Wie die Fußballer der SG Praunheim, die uns die Benutzung ihrer Aschenbahn erlaubten: »Ihr könnt hier immer laufen, soviel ihr wollt.«
 
8. Wo. (115 km): Bahntraining ist zermürbend, macht aber flink, bringt Abwechslung und damit auch Freude. Der Herausstecher dieser Woche war ein 10-Kilometer-Tempoturn mit 17 x 400 Meter in 1:39 Min. mit je 200 Meter Temporduktion, ein Dauerlauf von zwei wechselnden Geschwindigkeiten also. Dabei mußte einerseits eine schnelle 10
 000-Meter-Zeit erzielt und dazu die vorgegebenen 400-Meter-Zeiten eingehalten werden. Bei der ersten Ausführung 2005 hatte ich mir dabei eine langwierige Muskelverletzung zugezogen. Zwei Jahre später bin ich die 17 Rundbahnen zwischen 1:34 und 1:39 Minuten gerannt und habe eine 10-Kilometer-Zeit von 43:20 Minuten erreicht. Damit war der Plan erfüllt. Peanut fiel durch Atemnot nach hinten etwas ab, lag aber noch in Nähe zu den Greif´schen Anweisungen. Die langen Runden erstreckten sich über 35 Kilometer (Peanut) und 40 Kilometer (Vitus).
 
9. Wo. (100 km): Acht Wochen lang keine geistigen Getränke. Ich mußte Gewicht machen! Dazu eine erste Trainingskontrolle:
 
.:: DER 1. AUFBAUKAMPF ::.
 
18. KARBENER STADTLAUF, 12.8.07
(Halbmarathon)
Was wir nicht kennen fürchten wir, was wir fürchten vernichten wir!
 
Acht Wochen vor seinem Weltrekordversuch in Berlin hatte Haile Gebrselassie in 59:24 Min. den New-York-Halbmarathon gewonnen und war damit im Stundendurchschnitt schneller als 21 Kilometer! Eine Woche darauf wollten wir mit dem Stadtlauf durch Karben nachziehen. Kurioserweise hatten wir diesen Halbmarathon dem Arbeitsgericht Nürnberg zu danken, das den landesweit streikenden Lokführern weitere Arbeitsverweigerungen verbot und uns damit die Fahrt in die Wetterau auf den letzten Drücker ermöglichte. Die Räder konnten rollen - für das Endziel Berlin. Nachdem uns wie immer am zweiten Sonnabend im August eine Stimmungskapelle und das Sauffest der Stadtteilfeuerwehr den Schlaf geraubt hatte, waren wir pünktlich angetreten. »Was wir nicht kennen fürchten wir, was wir fürchten vernichten wir!«: Der Kabinenspruch der Fußballer des KSV Klein-Karben gab die passende Parole auf den Weg.
 
Einerseits durften sich die Macher über eine Rekordbeteiligung freuen (558), zum anderen strahlte nach tagelangem Regen ausgerechnet zum Kampf die Sonne aus allen Rohren. Um neun löste der Bürgermeister den Startschuß aus. Los ging´s mit dem »Kärber Berg«, einem Stich von 200 Metern, den es fünfmal zu bewältigen galt - und der einem spätestens bei der dritten Erstürmung ziemlich anzählte. Vorbei am Rathaus führte der Kurs weiter durch vier Gebiete von abwechslungsreichem Charakter: im ersten Viertel durch die Natur, darauf durch die Fabrik- und Lagerhallen von Groß-Karben, dann entlang einer Landstraße, und zum Schluß durch die Siedlung von Klein-Karben. Mit dem vorgeschalteten »Berg« war die Runde für den Halbmarathon viermal zu absolvieren.
 
Beim ersten Durchlauf lag ich in Tuchfühlung zum Frankfurter Behle. Nachdem mich zwischendurch eine Handvoll überholt hatte, konnte ich zwei davon noch abfangen und damit den 3. Platz in der Altersklasse sichern. Zugleich war das mein erster einstelliger Rang in der Gesamtwertung einer Laufveranstaltung überhaupt. Der Sieg ging an Behle, in einer Zeit, die neun Minuten über Kursrekord lag und - nach zwinkerndem Bekunden des 49jährigen - »ausbaufähig« ist. Einen neuen Rekord durfte Peanut feiern, die ihre alte Bestamrke um drei Minuten unterbot und das Rennen mit glühendem Schädel im Mittelfeld beendete. Ortskundige hatten über eine Wiese abgekürzt und ihr eine bessere Stelle genommen. Nach 2:16 Stunden beschloß Ulknudel Descombes den Ringelpiez durch Karben.
 
Schock für mich hinterm Strich: Ein Funktionär hatte mich ausfindig gemacht und in Kenntnis gesetzt, daß ich nicht in der Wertung sei. Ich war durchs falsche Zieltor gerannt und hatte damit für die Zielrichterin eine neue Runde begonnen. Dank hiermit ans Team Endzeit, die das Ergebnis im fahrenden Büro korrigierten und die Listen bereinigten. Die Ehrungen mußten wir fallen lassen, da diese alles andere als »zeitnah zum Einlauf« stattfanden. Damit blieb das rechte Treppchen leer.
 

ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: sonnig, 24ºC, leichter Wind
 
Teilnehmer am Start: 558 (HM, 10 km, 3000 m, 1000 m, 300 m, NW)
Teilnehmer im Ziel: 502
Halbmarathonläufer im Ziel: 206 (M: 170 / W: 36)
 
Männer
1. Bernhard Behle (Frankfurt) 1:24:21
2. Christoph Pfrommer (Darmstadt) 1:24:58
3. Peter Schneider (Frankfurt) 1:25:13
6. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:27:31 (PB, 3. M45, 7. Gesamt)
 
Frauen
1. Christiane Wilken (Hofheim) 1:26:45
2. Tina Rudolf (Nidderau) 1:36:33
3. Annette Hübner (Ortenberg) 1:41:27
13. Peanut (Frankfurt) 1:55:48 (PB, 9. W45, 125. Gesamt)
 
Ergebnisse

Team Endzeit
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
10. Wo. (126 km): Mitten in der Hochphase mußte das Programm geändert werden. Zum einen steckte der nicht vorgesehene Semi noch in den Gliedern. Und dann gibt´s die Foster-Regel, die nach einem Halbmarathon 13 Tage Ruhe vorsieht. Um keine Verletzung zu riskieren, haben wir die intensiven 17 x 400 mit den extensiven 5 x 2000 Metern der Folgewoche getauscht. Daneben stand noch des Übungsleiters Lieblingseinheit, die 3 x 3000, bevor. Und sechs Wochen vor Berlin war auch beim 35-Kilometer-Lauf »Schluß mit Schontempo und Wanderläufen«: Ab 18. August trat die Endbeschleunigung auf den Plan. Nach ruhigem Beginn muß man auf den letzten drei Kilometern aufdrehen »bis die Muskeln fiepen«. Diese Temposteigerung wird in Drei-Kilometer-Schritten bis auf 15 Kilometer ausgedehnt. Ich hab sie nicht geschafft, bin dafür aber 40 statt 35 Kilometer gerannt. - - Post aus der Glockenturmstraße: die Anmeldebestätigungen. »Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie als Teilnehmer/in am 34. real,- BERLIN-MARATHON 2007 zugelassen sind.« Wenn es soweit ist, werde ich den Rucksack einer ungewissen Zukunft tragen: Am 16. August gab mein Brotgeber die Auslagerung meines Arbeitsbereichs bekannt. Im nächsten Jahr werden wir alle in die Wüste geschickt.
 
11. Wo. (131 km): Zurück in der Ellipse! 25 Stadionbahnen mit 17 Tempostücken à 400 Meter und möglichst schneller 10
 000-Meter-Zeit am Ende. Mit 42:24 Min. war ich eine Minute schneller als vor drei Wochen. P. unterbot ihre Zeit gar um fünf Minuten. Auf dem langen Kanten mußte ab sofort das »Beißholz« rausgeholt werden. So ein Ast, der zur Freisetzung von leistungsfördernden Streßhormonen herhalten muß. Statt der Vorgabe - »35 km mit 6 km Endbeschleunigung bis nah ans Marathontempo« - hab ich wiederum 40 Kilometer gemacht... und wurde unterwegs nach mentalen Einbrüchen zweimal von der eigenen Frau eingeholt - und stehengelassen! Wir hatten für diese spezielle Übung extra einen Tag Urlaub genommen.
 
12. Wo. (94 km): Ein großes Ereignis warf seinen Schatten voraus: Am 27. August bestätigte uns interAir die verbindliche Reservierung von 2 Startnummern zum New-York-Marathon 2008.
 
.:: DER 2. AUFBAUKAMPF ::.
 
35. VOLKSLAUF MÜHLHEIM, 2.9.07
(Halbmarathon)
Von Basaltköppen und Killerläufern in den Tiefen des Mühlheimer Kampfwalds
 
Vier Wochen vorm Hauptkampf ist ein guter Zeitpunkt für einen letzten Tempobringer über die halbe Distanz. Im Rhein-Main-Gebiet kamen dafür zwei Veranstaltungen infrage: ein Stadtkurs in Kelkheim und einer im Wald bei Mühlheim. Zum springenden Punkt wurde die Anreise. Zwölf Kilometer sind es von uns nach Kelkheim. Ein Klacks - aber eine unüberwindbare Hürde sonntagmorgens mit dem »Rhein-Main-Verkehrsverbund«. Damit ging es in den Frankfurter Südosten, ins zweiminütlich von und nach Frankfurt einschwebenden Düsenfliegern zugelärmte Mühlheim. Zu einem Rennen, daß 35 Jahre nach seiner Entstehung noch nicht im Informationszeitalter angekommen ist. Der Vereinsführer der Turngemeinde von 1881 hatte uns auf Anfrage eine Ausschreibung zugeschickt. Ein »Halbmarathon rund um das Naherholungsgebiet über eine der schönsten und waldreichsten Laufstrecken Hessens« war darin angepriesen. Mit dem Vermerk: »Die Strecke ist eben und fast ausschließlich im Wald. Da in der letzten Woche Bäume abtransportiert wurden könnten sich Spuren auf den Wegen befinden.«
 
In der Wirklichkeit ging es vom Sportplatz Mühlheim-Dietesheim zuerst in die Wälder, Seen und Steinbrüche von »Diddesem«, wie es in der Mundart genannt wird. Flache Forstwege führten weiter in Richtung Süden vorbei an Mühlheim-Lämmerspiel, und über Hausen weiter bis vor Obertshausen mit der Wende vor der Nationalstraße 448. Auf einer Länge von zwei Kilometern ging es nun auf Zement längs zur Nationalstraße 45 zum Kilometer 10, und von dort in Form eines »V«s durch den Wald zurück nach Dietesheim. Außer drei Wassertischen und den verwitterten Säulen eines mittelalterlichen Galgens: keine Spur von Menschenhand, nur Natur.
 
Ließ bei unserer Ankunft herzlich wenig ein Sportereignis erahnen - halb acht war noch die Aufbaumannschaft am Werk -, so schoß Staatsminister Hoff planmäßig um 9 Uhr im Dietesheimer Stadion 626 Akteure in die Läufe über 10 und 21,1 Kilometer. Nach einem Auftakt im Hurra-Stil entschwand ich auf der zehnten Stelle in den Wald - wurde aber bald schon von einer Schar Tight-Träger nebst einem jungen, dynamischen Studiogestählten überrannt. Nachdem ich auch noch den selbstbezeugten »Trainingsweltmeister mit 170 Wochenkilometern«, dem »Bereits-am-Vortag-einen-Halbmarathon-Gerannten« sowie dem stolzen »Familienvater in spe« absichtlich vorbeigelassen hatte, war ich alle Plagen los - und den Rest (16 Kilometer) allein mit mir, der Stille, langgestreckten Forstschneisen und von einer Gewitterschwüle niedergedrückten Baumriesen. Ich war triefend naß vom ersten Meter. Nach einem ruhigen Mittelteil über steiniges und knorriges Geläuf, konnte ich ab Kilometer 18 noch mal auf Kampfmodus umschalten und zwischen Oberwaldsee, Vogelsberger See und Stadion eine Handvoll der entwischten Flitzer abfangen. Final stand eine unerwartete Bestzeit und ein 3. Platz in der M45. Im Kabinengang reckte der Studiogestählte die Faust in die Höhe: »Wow, was ein Killer-Lauf!« Oh ja, das war ganz großer Sport!
 
295 Halbmarathonläufer erreichten das Ziel unter 2:30 Stunden, darunter Behle in 1:22 (Jahresbestleistung), Biorunnerpropagandaminister Trippel in 1:42 (PB) und Peanut in 1:55 (ebenfalls PB). Ab 12 Uhr wurden die Urkunden übergeben und Bilder gemacht. Nachdem ich aus Zeitmangel bereits in Klein-Karben verzichtet hatte, wollte ich die Erinnerung diesmal mitnehmen. Leider dauerte es bis zur Ehrung der M45 mehr als eine Stunde und zig Rahmenkämpfe, Diddesemer Basaltkoppmeisterschaften und Hände... Vielen Dank für nichts, Hanswurstiade!
 
Hilfswerk
Die Einnahmen gingen an einen Mühlheimer Marathonläufer, der bei einem Triathlon im Allgäu einen Herzinfarkt erlitt und seither im Koma liegt. Neben Start- und Reklamegeldern fand auch eine Tombola statt. Die Haupttreffer waren ein Rundflug ab Egelsbach und Flüge mit dem legendären Wellblechflieger »Tante Ju« über Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Die Fußballprofis von Kickers Offenbach Endres, Judt, Binz und Dämgen waren zu einer Autogrammstunde bereit.
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: stark bewölkt, 18ºC, Windstille
 
Teilnehmer am Start: 738 (HM, 10 km, 5000 m, 1000 m, 600 m)
Teilnehmer im Ziel: 640
Halbmarathonläufer im Ziel: 295 (M: 237 / W: 58)
 
Männer
1. Heiko Ludewig (Frankfurt) 1:12:29
2. Harald Klein (Mörfelden-Walldorf) 1:13:47
3. Björn Kuttich (Offenbach) 1:18:01
24. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:27:12 (PB, 3. M45, 24. Gesamt)
 
Frauen
1. Petra Seibert (Frankfurt) 1:34:13
2. Cora Bretschneider (Offenbach) 1:38:57
3. Gabriele Timmermann (Frankfurt) 1:40:14
23. Peanut (Frankfurt) 1:55:09 (PB, 4. W45, 207. Gesamt)
 
Ergebnisse
Team Endzeit
Der Kampf im BILD... anklicken............
13. Wo. (141 km): Eine Woche voller Chaos im Kopf. Eine Vermengung aus dem kraftspendenden Halbmarathon (im Mühlheimer Wald sind mir neue Flügel gewachsen), der Auslagerung meines Arbeitsplatzes durch die unsichtbare Hand ins billige Ostgebiet und nach Indien, und der motivationsstärkenden Nähe des Marathons. - Trainingsmethodisch trat eine neue Übung auf den Plan: die Teufelstreppe! Ein grausames Spiel aus je einem 1000-, 2000-, 3000- und 4000-Meter-Tempostück im Marathontempo. Der Ausdauerlauf über 40 Kilometer stand wiederum unter der Devise »Ruhig einsteigen, ab der Mitte Spannung aufbauen, und am Ende loslegen wie ein Gepard auf der Jagd«. In unbeobachteten Augenblicken durften die Beine schon von Bestzeitmordlust geflutet sein. Als Lohn - und von gut unterrichteten Kreisen sogar als Regenerations-Verstärker angepriesen - waren zwei Weizen erlaubt. Statt Bier hab ich mir ein schönes Vollbad gegönnt. Mit 141 Wochenkilometern und 3:23 Std. über die 40 Kilometer hatte ich zwei Uralt-Rekorde ausradiert und VERNICHTET!
 
14. Wo. (130 km): Am Montag war die 10
 000-m-Bestzeit zum Abschuß freigegeben. Der Übungsleiter hatte das Beißholz und 40:30 bis 42:23 gefordert - das selbstgesteckte Ziel lautete »Unter 40«. 25 Sportplatzbahnen in je 96 Sekunden, so mein Plan. Eine steife Brise, regenschwerer Aschenboden und konzentrationstötendes Fußballjungvolk haben das Unterbieten der elitären 40 Min. versaut. Womit ich in den Augen von Übungsleiter PG weiterhin zum »Joggerpack« gehörte. Doch meine Stunde wird in Berlin schlagen! Am »Tag der Wahrheit«, dem extensiven 35-Kilometer-Lauf am Sonnabend, habe ich die angewiesene 15-Kilometer-Endbeschleunigung auf den Grüngürtelweg zwischen Vilbel und dem Frankfurter Stadtteil Rödelheim gehämmert.
 
15. Wo. (100 km): Die unmittelbare Wettkampfvorbereitung wird bei PG immer von einem Marathon-Renntempo-Test eingeleitet: »15-km-Tempodauerlauf so schnell es geht. In der Regel ist es so, daß man das erreichte Tempo auch im Marathon durchlaufen kann. Das gilt sicher, wenn du mindestens sechsmal in der Woche in der ganzen Vorbereitung trainiert und jeden 35-km-Lauf absolviert hast.« Mit 1:03 Std. über die »15« lag präzise auf Marathon-Richtzeit »2:59«, ich habe 16 Wochen lang sechsmal trainiert, habe acht Läufe über 35 Kilometer gemacht (vier davon über 40), und die im Plan vorausgesetzten Grundwesenszüge »Leidensbereitschaft und Kampfwille« sind mir angeboren.
 
16. Wo. (42 + 42,195 km = Gesamt 1683 km): Progressiver Umfangsabbau und Erholung waren nun die Maßgaben. In den letzten 16 Wochen hatte ich knapp 1700 Kilometer zurückgelegt, davon 1350 Kilometer in den zwölf Greif-Wochen. Am Ende stand ein Ruhepuls von 45. Peanut lief 1066 Kilometer, von denen 888 nach den Anweisungen des Greif-Clubs erfolgten. - In Erwartung unsagbarer Schmerzen, aber voller Kampfeslaune, sind wir nach Berlin gefahren. Alles sollte fürchterlich werden...
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
34. real,- BERLIN-MARATHON, 30. September 2007
Donnerstag, 26. September
 
Von Berlin erzählen: Es fällt mir schwer! Ich habe reiflich überlegt, ob ein Rapport verfaßt werden soll. Doch einerseits verdient Berlin keine Motze. Zum anderen muß der Stachel einer bitteren Zeit gezogen werden. Und überhaupt... Berlin... Geschichte wurde dort geschrieben... Begonnen hatte das Elend schon zuhause in Frankfurt. Nachdem ich über Monate hinweg Woche für Woche 120 Kilometer geschrubbt hatte, war ausgerechnet in der Erholung vorm Marathon eine ausgemerzt geglaubte Sprunggelenksverletzung aufgerissen... und hatte sich auf der Anreise nach Berlin weiter verschlechtert. Am Mittag hatte ich mit Peanut die angemietete Wohnung in Schöneberg in der Nähe vom Wittenbergplatz bezogen. Schöneberg ist as »alte Westberlin«. Das dortige Milijö setzte sich grob gesagt aus drei Sorten Menschen zusammen: 1. Anderslebende, 2. Ausländer, und 3. Homos. Wir waren in der »Queerzone« von Berlin gelandet, und neben 57 Freudenhäusern sowie Läden mit Lack, Leder und Peitsche auch noch von tosenden Autostraßen eingekesselt. - Die Beschaffung von Verpflegung sowie der Startunterlagen auf der Messe unterm Funkturm hatten wir am frühen Abend hinter uns. Weiterhin stand ein Lockerungslauf im nahen Tiergarten an. Dort war L
 i c h t b e r l i n! Lichtkünstler hatten die Lunge der Stadt mit Lampions und Windlichtern in nächtliche Illuminationen getaucht. Selbst auf den Teichen schwammen kleine Lämpchen. Aber statt Kraft durch Stille und Schönheit gab es für mich Schwächung durch Glühen im Knöchel. Und nur noch 75 Stunden bis zum Start!
 
Freitag, 27. September
 
Nach einem ewigen Schlaf von zehn Stunden habe ich mir ein »Regenerations-Beschleuniger-Müsli« mit Blütenpollen aus dem Harz einverleibt, ich habe mir eigens für den Marathon die Haare schnell schneiden lassen, und in den verbleibenden Stunden auf eine Wunderheilung gehofft.
 
Sonnabend, 28. September
 
Am Morgen des Sonnabend grassierte das Marathonfieber schon sehr heftig. Ein Trupp heißer Dänen kreuzte unsern Weg zum Bäcker. Mit noch immer schmerzendem Knöchel erfolgte ein Frühstückslauf durch den Tiergarten, und nach einem gehaltvollen Abendessen haben wir uns halb zehn schlafen gelegt - ohne an die Mücken vom Landwehrkanal zu denken. Es sollten die einzigen in der ganzen Woche in Berlin bleiben. Aber ausgerechnet in der Marathonnacht waren sie da, um uns zu stechen und zu piesacken! Schlagen, Kratzen und Jucken um Mitternacht! Neuneinhalb Stunden vorm Start war Nummer eins erlegt... darauf fielen die Analritter aus der Kneipe gegenüber auf die Straße... und eine weitere Zeigerumdrehung später (7 Std. vor Rennbeginn) schreckte uns ein zweites Biest hoch. Horror und Alptraum, Wut und Verzweiflung: alles in einem! Dazu ein zu schmales Bettsofa, in dem wir uns wie die berühmten Eierkuchen wälzten. »Gott, wenn es dich gibt, mußt du ein Arschloch sein« hab ich gedacht, und das Klingeln des Weckers herbeigesehnt.
Die Quadriga (© Vitus)
Sonntag, 30. September
 
Um 4.22 Uhr habe ich mich aus dem Laken gequält. Ich hatte die ganze Nacht nicht eine Minute geschlafen und sollte nun Höchstleistung bringen:
BERLIN-MARATHON in »2:59«... Peanut hatte es auf ein Nickerchen von vier Stunden gebracht, war aber durch einen Stich ins Lid gehandikapt. Nach einem Trab durchs Morgengrau haben wir gefrühstückt und uns mit der U-Bahn vom Nollendorfplatz zum Potsdamer Platz bewegt. Um 7.20 Uhr befanden wir uns im Startgebiet zwischen Brandenburger Tor und Reichstag. Zelte schützten vor vereinzelten Schauern. Halb 9 hatten wir die Kleidersäcke an den vorgesehenen Punkten abgegeben, ein einschwörendes Zuckerwasser »Lucozade« vom London-Marathon getrunken, und um 8.45 Uhr waren wir von der Masse geschluckt worden. 33 476 Marathonläufer aus 115 Ländern stellten sich dem Kampf. Allen voran: der gottbegnadete Gebrselassie bei seinem zweiten Angriff auf den Weltrekord. Herbstliche Temperaturen und ein vertretbar leichter Windzug schufen das ideale Äußere für ein günstiges Gelingen.
 
Kilometer 0 bis 10:
Tiergarten, Moabit und Mitte
 
Um neun gab »Wowi«, wie Berlins »Rejierender« im Volksmunde heißt, grünes Licht. START für mich zu einem Himmelfahrtskommando ins Nichts. Denn nichts anderes als ein unwirklicher Streifen von 42 Kilometern würde sich in den kommenden Stunden vor meinen Augen abspulen. Über die gigantische Ost-West-Achse bewegte sich der surreal,- Berlin-Marathon 2007 zunächst durch den Tiergarten und an der Siegessäule vorbei in Richtung Charlottenburg, um nach zweieinhalb Kilometern nach Norden, in den Arbeiterkiez Moabit abzubiegen. Zwar wollte ich mich an den Zugläufer für »Sub 3:00« heften, war aber vor ihm gestartet und hatte ihn später im Gewimmel nicht zu Gesicht bekommen. Erstmals geschah das auf dem sechsten Kilometer, nach der Passage des Spreebogens mit dem Reichstag und dem Streckenfest auf der Bismarckallee. Die blaue gestrichelte Linie führte in den Osten und auf die im Vorjahr von einer heiklen Baustelle beherrschte Friedrichstraße. Außer den Straßenbahnschienen waren nun alle Gefahren beseitigt, und über Tor- und Mollstraße ging es zum zehnten Kilometer. Mit 41 Minuten lag mein Auftakt genau im Schema für 2:59 Stunden.
 
Kilometer 11 bis 20:
Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln
 
Wie in straßenbaulicher Hinsicht, hatte der Osten gegenüber 2006 auch in Zahlen aufgerüstet. Vor allem in der Betonwüste um den Alex bis zum wilden Kreuzberg herrschte Volksfeststimmung. Schwarzgekleidete Punker und andere Randfiguren wurden gesichtet. Und das herrliche Gefühl des völligem Gelöstseins, des vollkommenen Einklangs von Körper, Geist und Seele - auch »Runner´s High« genannt - stellte sich ein. Doch bald sollte das Rennen eine dramtische Wende nehmen... Am »Kotti«, wo es bei den Mai-Krawallen Feuer und Knüppel hagelt, lieferte eine Türkenkapelle die einzigen lauten Töne auf der ganzen Schleife (ansonsten frönte Spreeathen eher den leichten, jazzigen Schwingungen). Auch die 15-Kilometer-Kontrolle des Marathons war in diesem Quartier postiert. Mit einer Durchgangszeit von 1:02 Std. war ich früh wie nie zuvor an diesem Punkt. Vorbei an Hasenheide und Südstern waren die gußeisernen Yorckbrücken erreicht. An deren Ende erzeugte ein Percussion-Ensemble einen gewaltigen Beat.
 
Kilometer 21 bis 30:
Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf
 
Mit 1:27:49 Stunde war ich zur Halbmarathonmarke in Schöneberg vorgedrungen, und der 25. Kilometer war nach 1:44 Std. erreicht: zwei Minuten schneller als Plan »2:59«! Irrwitzig! Ich fühlte mich wie ein Nachtschwärmer auf LSD, der in einem Kanal von einer Million Menschen im Sturmlauf der Sonne entgegenrast - bis eine fiese Laune des Schicksals die Lage schlagartig veränderte. Eine kurze Unachtsamkeit führte an der Ampelkreuzung Schmiljanstraße zu einem Ausrutscher auf einem Bordstein. Er hätte alle Sehnen und Bänder zerfetzen können. Doch es war »nur« ein dumpfer Schmerz im Hüftgelenk zu spüren. Anfangs... Doch mit dem bürgerlichen Friedenau begann der schlechte Teil des Trips. Es lief nicht mehr rund, ich mußte sofort einen Gang rausnehmen, die Muskeln verkrampften. Ausgerechnet der »schwache« Oberschenkel... Der Kultplatz mit dem Bronzeschwein »Wilder Eber« war diesmal weit weniger erquickend als noch vor einem Jahr. Einer der Rollmöpse hätte mich dort beinahe abgeschossen. Und auf der ansteigenden Rheinbabenallee fraß mich gleich darauf der Trupp um den ersten Zugläufer. Während ich mich zum dreißigsten Kilometer kämpfte - noch immer mit Polster auf die »2:59« und vier Minuten schneller als im Vorjahr - ...
 
... stürmte in der Spitze Haile Gebrselassie - erst im Schutze eines fünfköpfigen Afrika-Expresses, und ab Kilometer 30 als Solist - unbedrängt zu seinem vorangekündigten WELTREKORD: 2:04:26! Damit war eine weitere Krönung seiner ruhmreichen Laufbahn erreicht. Gebrselassie hatte sich damit auch zum zweitenmal zum Kaiser von Berlin gekrönt. Eine Viertelstunde später folgte mit dem Spergauer Falk Cierpinski auf der 23. Stelle der beste Deutsche.
 
Kilometer 31 bis 40:
Charlottenburg, Schöneberg und Mitte
 
Für viele führte die Strecke jetzt über die große Einkaufsmeile Ku´damm hinab zum 35. Kilometer. Auch hier war ich noch immer gefühlte Lichtjahre schneller als 2006, doch zeichnete sich nun ein rascher und totaler Niedergang ab. Ausgerechnet am ominösen 35. Kilometer... Noch am Morgen hatte ich mit Peanut gespöttelt, daß wir dort einen Abstecher auf ein Bier zuhause machen könnten. Auch Ausstieg und Start in Frankfurt Ende Oktober waren eine Option. Denn unser Marathonquartier lag in Spuckweite von jenem Punkt in der Kleiststraße entfernt (an dem sich übrigens mit der »San Marco« auch die älteste Pizzeria Berlins befindet)... Ein Déjà-vu der speziellen Art folgte vor Berlins Ground Zero. Wie im vergangenen Jahr, überholte mich am Areal um die »Potse« der Rauschebart im Trikot des Vogtländischen Radsport-Teams Plauen. Grußlos diesmal, denn der Typ kämpfte selbst am Anschlag. Zwischen den von So-nie und Deimler hingeklatschten Scheußlichkeiten aus Beton und Glas hindurch, und über die windige und ins Nichts führende Leipziger Straße, war der 39. Kilometer erreicht. Von hier an wurde der Weg sehr lang und sehr hart. »Jeht´s noch?«, berlinerte die Streckensicherung. Und: »Hinta der nächsten Kurwe jibt´s Wassa.« Aber weder Wasser noch das Energiegetränk »Basica« bewirkten Wunder. Ausgekühlt vom Schlafentzug und geschüttelt von Krämpfen im Oberschenkel kämpfte ich mich nach einem ersten Stopp mit Kilometern in 6:30 Min. dem Ende entgegen.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Mitte und Tiergarten
 
»Der läuft schon blau an«, hörte ich eine Omi zur anderen sagen. »Wer durchkommt, steht in der Zeitung«: Einzig dieses Spruchband der »Morgenpost« konnte jetzt noch das Ziel sein. Nur noch eintausend Meter. Nur noch? Die Prunkstraße Unter den Linden - treffenderweise »Kahlbaumstraße« genannt - brachte den finalen Niederschlag. Das Brandenburger Tor voraus, verwehrte mein linkes Bein den Dienst. Während Abertausende am Rande vor Begeisterung schrien, schrie ich meinen Schmerz heraus. Ganze Kompanien zogen an mir vorbei. Eine große Möglichkeit war zu Grabe getragen, monatelange harte Vorbereitung nur Makulatur. Das beschliffene Pflaster vom Pariser Platz war der Tiefpunkt. Von Schmerzen gelähmt hinkte ich - - und dann stand ich - - Ein Kontrollbeamter wollte mich aus dem Rennen nehmen - kurz vorm Ziel! Aber ich konnte mich bis unter die Quadriga durchschlagen. Ohne Hilfe. Voraus noch 300 Meter. Mit überquillenden Tribünen links und rechts des »17. Juni«. Und einem weiteren Krampfanfall. Nach exorbitanten neun (!) Minuten für den letzten Kilometer war es vollbracht. 3:13:43 Std. lautete die Weltuntergangszahl.
 
Leider gewährte mir das medizinische Personal keine Hilfe, kein Lockern der Muskeln und Sehnen, auch nicht auf Anflehen. Schlotternd vor Frost und Schmerz und mit einer Banane, drei Keksen und einem ungenießbaren Pflanzenextraktgetränk im Verpflegungsbeutel, habe ich mich zum Feldbettenlager an der wind- und regenumtosten Reichstagswiese bewegt. Nachdem man mich dort eine Viertelstunde vergeblich auf eine Massage warten ließ, bin ich unter Aufbietung der letzten Kraft zum Zelt mit den Umziehsachen gekrochen. Keine Linderung brachte auch der Freibierstand, hinter dem vier Wirte eine ungleiche Schlacht gegen vier Legionen durstiger Läuferkehlen austrugen. Das erste Helle nach acht Wochen hat ewig gedauert. Ein lange hinter mir hergelaufener Italiener vom »Reschenseelaufteam«, der mich im Tiergarten wiedergetroffen hatte, kam kraft seiner Jugend nach 2:54 Std. an.
 
Peanut blieb hinter den Erwartungen. Sie wollte ihr eigenes Tempo laufen, jeden 5-Kilometer-Abschnitt gleichmäßig in 30 Minunten absolvieren, um so auf eine Marathonzeit von 4:15 Stunden zu kommen. Sie konnte das geplanten 6:02 Minuten pro Kilometer lange halten, und hatte das Glück, nicht gravierend einzubrechen. Letztlich ist Peanut mit ihrer großen Leidensfähigkeit in 4:18:39 Stunden bis zum ENDPUNKT durchgedrungen. Damit war zumindest ihre alte Bestmarke um elf Minuten unterboten.
 
Die äthiopischen Vorjahresmatadore Gete Wami und Haile Gebreslassie haben ihre Siege verteidigt. Damit durfte Wami in New York von den 300
 000 Dollar aus der Serie der »World Majors« träumen. »Gaba« stopfte sich bereits heute mit 280 000 Euro die Hosentaschen voll: unfaßbare 150 000 Euro Antrittsgage, 50 000 Preisgeld, dazu 80 000 Zeitprämie. »Ihr wart mein Rückenwind und seid auch alles Rekordläufer!«, soll er allen zugerufen haben, die auf der Abschlußfeier waren. Prost Mahlzeit! Wir selber hatten die Dritte Halbzeit in die Schöneberger Queerkneipe mit dem bezeichnenden Namen »Raststätte Gnadenbrot« verlegt.
 
 
FAZIT
 

Ausstrahlung: Der Hauptstadtmarathon 2007 - böse Zungen redeten vom »Judenmarathon«. Aber damit tut man Berlin unrecht. Obgleich viel Kalkül im Spiel war. Alle Aufmerksamkeit und Zuwendung galt nur dem Wunderläufer. An Geld samt einer Schar Hasen für den eingekauften Ersten fehlte es nicht. Den Lauf konnte eigentlich nur einer gewinnen. Der Rest (60
 000 Teilnehmer): nur blechende Dekoration. Geschäft hin, Geschäft her: Die Strecke war denkwürdig und - von alten Baustellen entschärft - schneller als je zuvor. Wer 2007 dabei war, war auch Teil eines historischen Laufs: eines Weltrekords! Wirkung: Berlin war in wenigen Stunde überrannt. Die Vorleistungen hatten 3 ½ Monate beansprucht. Trotz allem ist Berlin unvergleichlich. Jedes Jahr neu. Für die Materialinteressierten: Frau trug Asics GT-2120, Mann Adidas adiStar Competition.
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
KULTURLEBEN
 
Montag bis Donnerstag, 1. bis 4. Oktober
 
In der folgenden Nacht habe ich von noch härterem Training geträumt und einen Schlachtplan zum nächsten Marathon geschmiedet. BOSTON! Zur kulturellen Aufarbeitung zählte ein Bummel durch Kreuzberg, Spurensuche nach dem Berliner Straßenmädchen Christiane F. am Bahnhof Zoo, sowie ein Ausflug ins Brandenburger Land zu unserem Doomfreund Kalle. Wir haben einen ganzen Tag bei ihm und seiner Familie zu Hause in Genthin verbracht, und hatten eine wirklich gute Zeit. Ferner waren wir auf zwei Konzerten.
Bei Punkrockern im »SO36«, Kreuzberg:
...... Rasta Knast, Die Mimmis, Dödelhaie, The Shocks und No Exit
und...
bei Black Doomern im »K17«, Friedrichshain:
...... Gallhammer, Skitliv und Abyzz
 
Berlin war eine bittere Pille. So unglaublich es auch klingt: Zwei winzige Mücken hatten alles zuschanden gemacht. Monatelang hatten wir uns sorgfältig vorbereitet, um in letzter Sekunde durch Schlafprobleme um den Lohn gebracht zu werden. So mußten wir tief deprimiert abziehen. Aber man braucht ja Ziele... Am siebenten Tag haben wir Berlin verlassen. Gute Nacht, Ickedettekiekemal!
 
 
Dank und Gruß an
Marathona Peanut (für die unerschöpfliche Geduld),
Kalle und Kerstin (für den Tag in Genthin),
Frisör-Studio Seifert (für die selbstlose Hilfe und den Kampfschnitt),
Axel H. aus Dresden,
alle Marathoninteressierten aus dem virtuellen und wirklichen Leben (für die Wegbegleitung), sowie
die unbekannten Massen am Rande (fürs Anpeitschen).
 
 

Kampfläufer Vitus, 6. Oktober 2007
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: heiter, 14 bis 18ºC, leichter Wind, 70 % Luftfeuchtigkeit
Zuschauer: ca. 1
 000 000
 
Gesamtsummen
(Läufer, Sportwanderer, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller)
Gemeldet:
48
 026 aus 115 Nationen
Am Start: 38
 743
Im Ziel: 37
 490
 
Marathonläufer
Gemeldet:
40
 025 (M: 31 938 / W: 8137)
Am Start: 33
 476 (M: 26 797 / W: 6679)
Im Ziel: 32
 497 (M: 26 010 / W: 6487)
 
Gesamtwertung Männer
1. Haile Gebrselassie (Äthiopien) 2:04:26 (
WR)
2. Abel Kirui (Kenia) 2:06:51
3. Salim Kipsang (Kenia) 2:07:29
4. Philip Manyim (Kenia) 2:08:01
5. Mesfin Adimasu (Äthiopien) 2:09:49
6. Lee Troop (Äthiopien) 2:10:31
 
Gesamtwertung Frauen
1. Gete Wami (Äthiopien) 2:23:17
2. Irina Mikitenko (Deutschland) 2:24:51
3. Helena Kirop (Kenia) 2:26:27
4. Irina Timofejewa (Rußland) 2:26:54
5. Naoko Sakomoto (Japan) 2:28:33
6. Hayley Haining (Großbritannien) 2:30:43
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
27205
Nation: Deutschland
Zeit: 3:13:43
Gesamtplatz: 2602 von 32
 497
Platz: 2502 von 26
 797 bei den Männern
Platz: 388 von 4447 in Klasse M45
Zwischenzeiten
05 km: 0:20:23 (20:23)
10 km: 0:41:14 (20:52)
15 km: 1:02:01 (20:48)
20 km: 1:23:08 (21:07)
25 km: 1:44:26 (21:18)
30 km: 2:07:03 (22:38)
35 km: 2:31:04 (24:01)
40 km: 2:58:32 (27:28)
Halb 1: 1:27:49
Halb 2: 1:45:53
Geschwindigkeit: 13,07 km/h
Zeit pro km: 4:35 min
 
Peanut
Startnummer:
F7716
Nation: Deutschland
Zeit: 4:18:23 (PB)
Gesamtplatz: 20
 858 von 32 497
Platz: 2768 von 6679 bei den Frauen
Platz: 459 von 1129 in Klasse W45
Zwischenzeiten
05 km: 0:28:38 (28:38)
10 km: 0:58:21 (29:44)
15 km: 1:27:53 (29:32)
20 km: 1:57:51 (29:59)
25 km: 2:28:30 (30:40)
30 km: 2:59:45 (31:15)
35 km: 3:31:24 (31:40)
40 km: 4:04:30 (33:06)
Halb 1: 2:04:56
Halb 2: 2:13:27
Geschwindigkeit: 9,80 km/h
Zeit pro km: 6:07

 
Ergebnisse

Berlin-Marathon