22. FRANKFURT-MARATHON, 26. Oktober 2003
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK
Marathon-Manie in Mainhattan Vol. V - Endkampf unter Flutlicht
 
 
Nach dem letztjährigen Schwur „Nie mehr Marathon!“ hatte ich im Frühling plötzlich das Verlangen nach einem neuen Angriff. Der Mainz-Marathon am 11. Mai sollte es sein. Vier Monate davor wollte ich mich übers Netz melden. Früh genug - dachte ich... und dann waren 5555 mit der Buchung schneller und die Startnummern am 10. Januar um 16 Uhr - so früh wie nie - vergriffen. Einen wohnortnahen Ersatz bot der Weiltal-Marathon im April. Hier war das Limit von 1000 Meldungen am 23. Januar erreicht. Gegen das Rennen in der alten Heimat, den Oberelbe-Marathon, sprach wiederum der Kalender. Damit war ich im Frühjahr 2003 zu einer Wettkampfpause verdammt und mußte im Sommer völlig neu anfangen. - Am 9. April wurde die Online-Anmeldung für Frankfurt freigeschaltet: Ich war einer der ersten in der Startliste. Und es sollte etwas noch nie Dagewesenes geben: die weltweit erste Zielankunft unter Scheinwerferlicht auf einem Roten Teppich! Alles wieder gut?
 
.:: DIE STRECKE ::.
Deutschlands ältester existierender Stadtmarathon war mit 32 Höhenmetern verteilt auf 42 Kilometer äußerst flach. Er verlief auf Hauptverkehrsstraßen ohne enge Kurven und war nicht zuletzt wegen der kühlen Witterung wie geschaffen für schnelle Zeiten. Nach dem Start an der Messe führte das erste - gegenüber den Vorjahren etwas veränderte - Drittel in zwei Schleifen durch die Stadtteile Westend und Nordend in die Innenstadt mit Europas höchsten Wolkenkratzern. Über den Anlagenring und den Main ging es nach Sachsenhausen. Das Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wurde gestreift, es ging durch die Wohngebiete von Sachsenhausen, Niederrad und Schwanheim und wieder zurück über den Main zur Wende im westlichen Vorort Höchst. Retour über die Mainzer Landstraße führte die Strecke durch Griesheim und den Gallus, und mit einem letzten Bogen durch die Innenstadt zurück zur Messe Frankfurt. Mit einem „Catwalk“ in der Festhalle fand der Marathon sein Ende.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Der 4. August bis 26. Oktober im Stenogramm:
 
 
1. Wo. (34 km): Verheerend: Damit ist der Auftakt noch am treffendsten umrißen. Nach der Rückkehr aus einem wie stets schwarzbier- und schwermetallträchtigen (aber kaum sportlichen) Heimaturlaub in Dresden, unterband im Frankfurter Job-Exil eine Affenhitze mit 34 Grad, Smog und Ozon den Trainingsbetrieb. Zu allem Überfluß traf mich auch noch ein Hexenschuß im Lendenkreuz. Mit Schmerzen im Rücken und deutlich Übergewicht rannte ich seit zehn Monaten zum erstenmal wieder über zwanzig Kilometer - und pinkelte zuhause angelangt B l u t!
 
2. Wo. (36 km): Die Pechsträhne hielt an: Nach dem Rücken schrie nun auch noch der Ischiasnerv. Streng genommen waren meine 74 Kilo schon jetzt ein einziges Schmerzknäuel. Der Fehlstart war perfekt, und dem nicht genug, bescherte Hoch „Michaela“ unvermindert sengende Sommersonne. Hitze haße ich wie Hexe! Unter diesen Bedingungen mußte am Wochenende ein Höllenritt über 30 Kilometer durchstanden werden.
 
3. Wo. (49 km): Am 13. Tag furchtbarer Rückenschmerzen beschloß ich den Gang zum Doc. Fitgespritzt folgte ein letzter verzweifelter Versuch über 32 Kilometer. Als Ergebnis stand pure Enttäuschung. Die Gesundheit, das Alter, eine falsche Bewegung und der Jahrhundertsommer haben mir ein Zeichen gegeben. A b b r u ch der Vorbereitung (und Abschied vom Marathon?)!
 
4. Wo. (38 km): Am Wochenende war die lange Dürre plötzlich überwunden. Die Schatten wurden länger, Blätter fielen, die Luft war rein, und dieser ganz besondere Geruch machte sich breit: Vorboten des Herbstes hielten Einzug. Querfeldeingefühle! Laufwetter! Marathonstimmung! Zudem war ich erstmals seit Ewigkeiten fast schmerzfrei! Und ein Funke Sehnsucht leuchtete in der Finsternis immer noch auf. „Lauf, Jesus, lauf!“, hatte mich jemand im Frühling angefeuert. Es wirkte immer noch. Das Wochenende trieb mich zu einem wundervollen langen Lauf durch die Natur. Damit hatte mich noch mal der Ehrgeiz gepackt...
 
5. Wo. (82 km): Die letzten Züge des Schönwetters in Form des Altweibersommers waren lau wie ein alter Weiberarsch. Der Sommer ist ins Land gezogen. Aber zugleich waren nun neue Gebrechlichkeiten in Verzug: Jetzt behinderten mich auf einmal ein gereiztes Zehgelenk, ein entzündeter Zehennagel und eine aufgescheuerte Ferse. Am Sonntag erfolgte ein langer Kanten von 34 Kilometern, bei strömendem Regen und in Radbegleitung meiner Freundin. Peanut opferte sich für mich auf. S i e ist die wahre Heldin!
 
6. Wo. (94 km): Neuigkeiten aus der Abteilung Merkwürdiges: Der 38jährige Dieter Baumann sah in seiner Karriere „keinen roten Faden“ mehr und hing die Rennschuhe an den Nagel. - Und: Neben meiner Trainingsstrecke, in der Böschung der Nidda bei Bonames, wurde die Leiche eines Läufers gefunden. Komplett aufgeklärt wurde die Sache nie... Ein mulmiges Gefühl für lange Zeit! Neben diesen mysteriösen Vorgängen stachelten mich zwei junge Mädel in Höchst mit den Worten „Sie sind ja ein Spargeltarzan“ an... Im Übrigen war dies eine gute, aber nicht schmerzfreie Etappe, mit wunden Lendenwirbeln und einem passablen Rundlauf über 38 Kilometer.
 
7. Wo. (100 km): Bei Strecken über zwanzig Kilometer schmerzte nun plötzlich das Knie, die Außenseite... Es zwickte und zwackte überall! Und die Temperaturen zogen noch mal an. Die Woche endete mit 39 reinigenden Kilometern am Sonntag.
 
8. Wo. (108 km): Nun war der Herbst erwacht. Das Training bereitete Freude und mit einem niedrigeren Gewicht kehrte auch die Form zurück. Als Resultat stand eine Gipfelwoche auf den stillen Uferpfaden an der Nidda. Nachdem ich ein Jahr weg vom Fenster war, hatte ich mich in eine Wettkampfform zurückgekämpft. Die Meldebestätigung aus Frankfurt trudelte ein. Die Verlautbarung, das Ziel sei erstmals unter der Donnerkuppel der Festhalle, der größten in Hessen, jagte mir einen Schauer übers Kreuz. Welch ein Spektakel war da zu erwarten! Dazu sollte es im Ziel auch noch echtes „Bier aus Radeberg“ geben! - - Am 28. September stellte der Kenianer Paul Tergat in Berlin einen neuen Marathon-Weltrekord auf: 2:04:55 Stunden!
 
9. Wo. (100 km): Nach dem langen Dauerlauf wackelte meine Abwehr: Eine Erkältung streckte mich in der ersten Wochenhälfte nieder. Nebenbei gab es Nachhilfe in Sachen Religion: Die Islamistenschrift, die ich in unserem Briefkasten gefunden hatte, war eine Einladung der Frankfurter Muslime zum „Tag der offenen Moschee“. - - Freunde des Doom wiederum schenkten meiner Seele Licht durch einen Auftritt in Frankfurt. Der Rapport zum Konzert findet sich hier:
...... Mirror of Deception
 
10. Wo. (104 km): Die Woche mit dem ausgesetzten Hund am Wegesrand: Jemand hatte sein bellendes Kind am Niddawehr in Höchst angepflockt und im Stich gelassen. - Außer einer leichten Muskelverhärtung in der Wade verlief dieser Abschnitt jedoch vollständig schmerzfrei. Eine letzter, völlig entfesselter Dauerlauf über die 35 Kilometer überstrahlte mein Wochenende.
 
11. Wo. (80 km): Dem Plan folgend, drosselte ich die Umfänge um ein Drittel und feilte an der Schnelligkeit - bis eine Schrecksekunde kurz vorm Ziel fast alles ruiniert hätte. Ein Knirps hatte mich umgeradelt und hart auf den Asphalt knallen lassen. Nur dank tausend Schutzgeister blieben meine Knochen heil. Nach einem letzten mittellangen Dauerlauf am Sonntag begann ich das S a l t i n-Programm. Altes Ritual!
 
12. Wo. (35 km + 42,195 km = Gesamt: 903 km): Eine kurze straffe Übung in der Wochenmitte hatte die Muskeln von sämtlichem alten Glykogen gesäubert. Anschließend gab es gehaltvollen Reis. Nichts sonst. Ich wußte nicht, daß Reis so schmecken kann. Bis zum Kampf wurden jetzt nur noch Kohlenhydrate gespachtelt.
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
22. EUROCITY MARATHON MESSE FRANKFURT, 26. Oktober 2003
Freitag, 24. Oktober
 
Das letzte Wochenende im Oktober hatte wieder den Marathon nach Frankfurt gebracht. Zum 22. Male herrschte drei Tage Ausnahmezustand, war die Geldstadt fest im Griff von Sportlern, setzte sich Muskelmacht gegen Geistesdenker durch, siegte das Schlichte über Geld und Eigentum, war die Innenstadt einen Tag lang autofrei! Die Ausgabe der Startunterlagen befand sich erstmals in der Messehalle 1, Ebene 2. Die Schnitzeljagd war für mich am späten Mittag beendet. Zudem hatte ich für meinen Freund Uwe Sonntag einen Schwung Ausschreibungen vom Oberelbe-Marathon in der Mall ausgelegt, und eine Unterhaltung mit Sportfreund Eckstein vom Dresden-Marathon gehabt. Damit war mein Auftrag für die Heimat erfüllt.
 
Sonnabend, 25. Oktober
 
Die energieraubenden Rahmenveranstaltungen am Tag vorm Wettkampf schenkte ich mir und ging lieber eine Runde auf dem Niddaufer vor der Haustüre traben. In der elften Stunde lag ich in den Federn.
Festhalle (© Frankfurt-Marathon)
Sonntag, 26. Oktober
 
MARATHON! Halb sechs hab ich aufgehört zu schlafen. Nach einer Regennacht war alles naß. Beim Packen der Tasche mußte ich registrieren, daß meine Stoppuhr ihre Arbeit eingestellt hatte. Halb so wild. Dann eben ohne. Nachdem ich zwischendurch schon aufgehört hatte, war ohnehin wenig zu erwarten. Das heutige Rennen sollte das letzte sein. Nach dem Debüt-Marathon Frankfurt 1999, dem Alptraum-Marathon Frankfurt 2000, dem Comeback-Marathon Mainz 2001, dem Regen-Marathon Frankfurt 2001, dem Heimat-Marathon Oberelbe 2002, dem Fastnachts-Marathon Mainz 2002 und dem Orkan-Marathon Frankfurt 2002 der Abschieds-Marathon Frankfurt 2003! Wie immer war Peanut als Betreuerin dabei. Der Funkservice „Live-SMS-Versand“ schickte ihr alle Zwischenzeiten aufs Funktelefon. Damit war sie über das Renngeschehen informiert. Um 9.40 Uhr hatten wir die beiden Haltestellen zum Messegelände geschafft - wo leider sämtliche Rolltreppen und Gleitwege vom Torhaus zur Halle 1 außer Betrieb waren. Wie Nummernausgabe und Marathonmesse hatte auch die Umkleide den Ort gewechselt. Doch auch der war bald gefunden. Draußen auf dem Startplatz herrschten lausige sieben Grad. Zum Warmhalten trug ich einen aussortierten Pullover und einen Windfänger, den ich beim Start Peanut überließ. Die Blöcke waren den Zeitzielen entsprechend mit farbigen Fesselballons markiert. Für mein Vorhaben (3:10 Stunden) bedeutete das Block Gelb (hinter den Windhunden). Vor den Zugängen sollten Blockwarte stehen, die bis 10.50 Uhr passiert sein mußten. Weil aber weder Ordnerdienst noch Zugänge zu sehen waren, kletterte ich kurzerhand über die Bande... dann waren noch zehn Minuten Geschubse und Gedrängel durchzuhalten... und nach dem aus neuntausend Kehlen heruntergezählten „Zehn... neun... acht... sieben...“ ließen um elf Uhr Frankfurts Bürgermeister Vandreike und Springerkoryphäe Heike Drechsler die Läuferlawine los. START!
 
Kilometer 0 bis 10:
Start in „Mainhattan“
 
Ich gab acht, nicht zu stürzen und auch nicht an die drei mitten auf der Rennstrecke abgestellten Autos gequetscht zu werden. Man war wie immer ein Spielball des Zufalls in der dichten Masse. Ausgangs des ersten Kilometers ging es in weitem Bogen auf die Mainzer Landstraße. Fünfmal war der Angelpunkt des Marathons heute zu durchlaufen. Glatter Asphalt führte zum Opernplatz. Entgegen den Vorjahren wurde Bockenheim links liegengelassen und der Kurs knickte hinter der Alten Oper in die Wallanlage weg und verlief hin zum Stadttor Eschenheimer Turm. Von hier ging es über die Eschersheimer Landstraße erst steigend zum nördlichsten Punkt in der Bremer Straße, und gleich darauf über ein Gefälle wieder stadteinwärts. 23 Minuten: Der erste Tiefschlag schon nach fünf Kilometern. Der Reuterweg führte nun durchs Westend und die Kronberger Straße wurde passiert. Sechs Jahre hatte ich hier in einem Glitzerrausch aus Sex, Pillen und Speed Metal gelebt. Und wäre fast darin verglüht... Die „Blue Line“ führte zum zweiten Mal am Opernhaus vorbei und über die Mainzer Landstraße zurück zum Ausgangspunkt Messe. Es rächte sich ein wenig, daß die Macher erstmals die Vornamen auf die Nummern drucken ließen. Alle naselang schrie einer meinen Namen. Bekannte? Fremde? Keine Ahnung... Nach einer Kehrtwende vor der Hohenstauffenstraße ging es wieder zurück in Richtung Innenstadt und das dritte Mal über die „Mainzer“. Aus Lautsprechern rieselte Klimpermusik, die letzten Freudenhäuser wurden gestreift, und über den einstigen Drogenpark Taunusanlage ging es weiter durch den Bankendschungel. Eisiger Wind pfiff einem hier ins Gesicht. So kalt wie die Welt, die in den Türmen ist. Auf die Geldmaschinen folgten mit dem Roßmarkt und der Hauptwache die Konsumtempel, und in der Großen Eschersheimer war der zehnte Kilometer erreicht. 47 Minuten. Verheerend!
 
Kilometer 11 bis 20:
Durch die Wohngebiete südlich des Mains
 
Ab der Bleichstraße war die Strecke wieder gleich mit der alten Route. Auf der Konstablerwache reichte Peanut mir den ersten Tee. Dabei hätten wir uns um ein Haar verfehlt: Erstmals in der Geschichte des Marathons gehörten Vierer-Staffeln zum Programm, und auf der „Konsti“ war die erste Wechselzone. Im Gewimmel befand sich auch mein Ex-Chef. Wir hatten uns gleich gesehen. Jo zollte mir Respekt, indem er mich erstmals mit meinem Vornamen ansprach, mir auf die Schulter klopfte, und später als zweiter von vier Staffelläufern den Stab übernahm, um selbst nach Niederrad durchzustarten. Die Alte Brücke führte über den Main nach Sachsenhausen. Wie in „Hibbdebach“ heizten auch in „Dribbdebach“ die Zuschauer ganz hübsch ein. Schuld war sicher auch die aufgehende Sonne. Auf der Kennedyallee verlor ich weiter an Boden, die Reihen lichteten sich, und außer den Großuhren alle fünf Kilometer war ich ohne Bezugspunkt. Meine Uhr war kaputt und koordinierte Läufer nicht zu finden. Nach der kerzengeraden Trift- und Adolf-Miersch-Straße wartete eine weitere Streckenänderung. Zwei Abschnitte hatten die Läufer in den Vorjahren immer wieder besonders kritisiert: 1. die staubgraue Vorstadtbrache Griesheim, und 2. die Bürostadt Niederrad. G-heim konnten die Kurssetzer den Läufern nicht ersparen. Jedoch die nekrophile Bürostadt, die heute durch einen Schlenker über die Hahnstraße ausgespart war. Die A5 wurde unterquert und mit den geduckten Häusern der Goldsteinsiedlung folgte der Kontrast. Auch das war ein neuer Abschnitt, sozusagen der Ersatz für die abgehackte Bürostadt. Ein Sankra mit Blaulicht und Sirene zerstörte das kleine Idyll.
 
Kilometer 21 bis 30:
Zurück auf der Nordseite mit einem Gruß an die Wiege des Marathons
 
1:39:49 Stunden: Die erste Hälfte war verheerend! Aber irgendwie faßte ich auf der langen Zur Frankenfurt Tritt. Nicht zuletzt weil ich im Schatten eines gemischten Doppels lief. Das Glücksgefühl hielt allerdings nicht lange an, denn zwei am Rand wartende Komplizen griffen als „Hasen“ ins Geschehen ein und nervten mit hohlen Frotzeleien. Ich setzte mich nach vorn ab und zog bis Schwanheim allein durch. Der nächste Sani brauste vorbei, und weiteres Unheil folgte. Erst rieb ich mir auf nagelneuen Sohlen eine Blase - schaffte es aber, einfach nicht mehr daran zu denken -, und dann nahte die Schwanheimer Brücke: Am Verpflegungspunkt hatte ich ein Stück Banane und zwei Becher genommen - drei Teile, zwei Hände, ein Mund: Das können nur Frauen. Ich verschluckte mich und verlor den Rhythmus. Hinauf zur Brücke und durch pfeifenden Wind über den Main, erreichte ich die Nordseite. Ein Staffelfräulein tänzelte keck vorüber. Dieses Rennen im Rennen ging mir tierisch auf die Ketten. Weiter ging es, über den Nieder Kirchweg nach Höchst. Mit einer ziemlichen Überraschung. Denn vorm Buckel hinauf zum Bolongaropalast feuerte mich niemand anderes als 2:37-Läufer Lipecki an. Im Sommer hatte ich mit Tim auf einem Konzert in Wiesbaden Bier getrunken - heute war Tim „zu faul“ um schnell zu rennen. Im Stimmungsnest Andreasplatz erfolgte die Wende zurück nach Frankfurt. Und noch mal - nun auf dem Rückweg nach Osten - warf mir Lipecki ein Siegeszeichen zu. Die Uhr an der Alten Niddabrücke deutete auf ein Ende um 3:19 Stunden.
 
Kilometer 31 bis 40:
Über die Mainzer Landstraße zurück nach Mainhattan
 
Am Kahnplatz sollte Peanut mir Nachschub reichen. Aber dort befand sich heute auch die letzte Stabübergabe der Staffeln! Ich sah in eine undurchschaubare Masse und konnte mein Mädel nicht finden. Peanut war eine Ecke weitergegangen und stand - wie aus dem Himmel gefallen - gegenüber der Niddahalle. Doch mit der schnurgeraden Mainzer Landstraße kam der Niedergang. Mir ging´s elend und ich staunte nicht schlecht, was für Gestalten so lange vor mir hergelaufen waren. Manche wurden zu Gehern, einer japste stieren Blickes nach Wasser. Jaja, nach 33 Kilometern ist der Marathon noch jung. Einfach einen Fuß vor den anderen setzten. Noch zehntausend Mal... Im grauen Griesheim sollten „Partynester“ Leute an die Strecke ziehen. Eine Handvoll Gaffer: sonst war da nichts. Nach fünf Kilometern aus verkahlten Hecken und schmutzigem Asphalt war der Gallus erreicht. Schwere Wolkenbänke zogen auf und die Sonne verdunkelte sich mit einem Grollen. Doch am 37. Kilometer brach ein Strahl hervor, ein roter Fetzen von I r o n M a i d e n: Flow von der Metalband Broken war tatsächlich mit seiner Alina extra für mich von Wiesbaden aus angerückt, um mir neben einer Pulle Flüssigdoom auch noch Moralin zu reichen. Danke Mann, für diesen Einsatz! Gleich darauf schloß ein Blauhemd von Spiridon auf. Den Güterplatz überrannten wir zu zweit, und es ging auf eine letzte Schlinge durch die Innenstadt.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Die Hexenkessel zwischen den Wolkenkratzern
 
Eine Welle der Begeisterung trug mich über die Hauptwache, die Freßgass´ und den Opernplatz, und beim fünften Lauf über die „Mainzer“ vermeldete ein Lautsprecher meinen Namen mit dem früheren Verein „Dynamo Dresden-Nord“, für den ich startete. Und dann die Zielgerade - die keine mehr ist. Der Strich lag nicht mehr unter der Riesenskulptur „Hammering Man“, es ging in die Festhalle hinein! Frankfurts „Gud Stubb“ hatte einen roten Teppich ausgelegt und sich stimmungsvoll verdunkelt. Hunderte von Scheinwerfern leuchteten die Finsternis aus, sechstausend Augenpaare blickten auf mich nieder, die Emotionen kochten hoch. Ich lief unter der gläsernen Kuppel, unter der sonst nur Metallica, Motörhead, Onkelz oder Rammstein zu erleben sind! Nach dreißig Metern war alles schon vorbei. Nichtig die Zeit im ZIEL.
 
Held im Konfettiregen war Boaz Kimaiyo. In einem Herzschlagfinale unterbot er als Erster in Frankfurt die 2:10-Stunden-Marke. Dabei konnte sich der 28jährige kenianische Neger gerade noch vor dem heraneilenden Russen Schwetsow retten. Der vergab den Sieg, weil er nach 32 Kilometern eine Pinkelpause einlegen mußte. Nach dem Spitzenduo kam lange nichts. Die Nächsten waren wieder Vertreter aus Kenia und Russen. Die Sieg- und Zeitprämie von 32
 500 Euro ging indes nach Afrika. Daß Deutsche beim Marathon nur Statisten sind, zeigte sich einmal mehr in Frankfurt.
Auf dem Frankfurter Openplatz, km 40
(© Live Sportphotos)
 
Die Plakette 2003 in Originalabbildung
FAZIT
 
Selbstanalyse:
Ich war vier Minuten langsamer als vor einem Jahr. Gründe? Nach einem Jahr Kampfpause war ich zu weit weg vom Geschehen, und mit 74 Kilo auf den Rippen kein leichter Junge unter den Marathonis. Dazu kamen nicht eingelaufene Schuhe, der frühzeitig die Kraft raubende Anstieg am Kilometer 5, kein Orientierungspunkt und zuviel Flüssigkeit unterwegs (3 ½ Liter). Aber ich durfte mich über Screentime im deutschen Fernsehen freuen: drei Sekunden am Start, eine Sekunde bei km 39, 13 Sekunden bei km 41 und 17 Sekunden auf der Zielgerade. Und es gelang mir, von der Organisation eine Medaille für meine Freundin zu entführen. Die liebäugelt nun mit einem eigenen Marathonstart. Strecke: Im Grunde schnell und mit der bestmöglichen Infrastruktur ausgestattet. Ausstrahlung: Durch die Integration der Staffetten hat Frankfurt seine Glaubwürdigkeit verloren. Die frischen und unverbrauchten Staffelteilnehmer verhöhnten die Marathonläufer zu lahmen Schnecken. Mit der gemeinsamen Ankunft in der Festhalle war die Verunglimpfung der klassischen Läufer perfekt. Eine Vermischung tut eben selten gut. Für die Materialinteressierten: Ich lief mit Asics GT-2080.
 
Die Schlußfeier...
 
Da im Ziel kein Bier ausgeschänkt wurde, feierte ich mit Peanut im vertrauten Rödelheim, in einem kleinen Kreis aus Tennisspielern beim Spanier „Los Amigos“. Mal nicht mit Haferflocken, Nudeln und Saft, sondern mit Pan Alioli, Paella und Bier.
 
 

Kampfläufer Vitus, Oktober 2003
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: wechselnd bewölkt, 7ºC, leichter bis mäßiger Wind
Zuschauer: ca. 200
 000
 
Gesamtteilnehmer:
13
 060 (Marathon, Staffel, 5 km, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller)
 
Marathonläufer
Gemeldet:
9399
Am Start:
9107 (M: 7822, W: 1285)
Im Ziel: 7098 (M: 6130, W: 968)
 
Männer
1. Boaz Kimaiyo (Kenia) 2:09:28 (SR)
2. Leonid Shwetsow (Rußland) 2:09:33
3. Paul Kiptanui (Kenia) 2:11:12
4. Benjamin Itok (Kenia) 2:11:54
5. Dimitrij Baranowski (Rußland) 2:12:47
6. Julius Rutto (Kenia) 2:13:03
 
Frauen
1. Luminita Zaituc (Deutschland) 2:29:41
2. Larissa Malikova (Rußland) 2:32:59
3. Claudia Oberlin (Schweiz) 2:35:17
4. Maria Jose Pueyo Bergua (Spanien) 2:39:07
5. Ulrike Hoeltz (Deutschland) 2:49:13
6. Nicole Güldenmeister (Deutschland) 2:50:51
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
5008
Nation: Deutschland
Zeit: 3:23:42
Platz:
1120 von 6130 bei den Männern
Platz:
236 in Klasse M40
Zwischenzeiten
05 km: 0:23:18
10 km: 0:46:42 (23:24)
15 km: 1:10:25 (23:43)
20 km: 1:33:56 (23:30)
25 km: 1:57:34 (23:38)
30 km: 2:21:43 (24:09)
35 km: 2:47:14 (25:31)
40 km: 3:13:39 (25:44)
Halb 1: 1:39:49
Halb 2: 1:43:52

 
Ergebnisse
Frankfurt-Marathon