22. FRANKFURT-MARATHON, 26. Oktober 2003
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK
Marathon-Manie in Mainhattan Vol. V - Endkampf unter Flutlicht
 
 
Nach dem letztjährigen Schwur »Nie mehr Marathon!« hatte ich im Frühling plötzlich das Verlangen nach einem neuen Angriff. Der Mainz-Marathon am 11. Mai sollte es sein. Vier Monate davor wollte ich mich übers Netz melden. Früh genug - dachte ich... und dann waren 5555 mit der Buchung schneller und die Startnummern am 10. Januar um 16 Uhr - so früh wie nie - vergriffen. Einen wohnortnahen Ersatz bot der Weiltal-Marathon im April. Hier war das Limit von 1000 Meldungen am 23. Januar erreicht. Gegen das Rennen in der alten Heimat, den Oberelbe-Marathon, sprach wiederum der Kalender. Damit war ich im Frühjahr 2003 zu einer Wettkampfpause verdammt und mußte im Sommer völlig neu anfangen. - Am 9. April wurde die Online-Anmeldung für Frankfurt freigeschaltet: Ich war einer der ersten Anmelder zur Frühphase. Und es sollte etwas noch nie Dagewesenes geben: die weltweit erste Zielankunft unter Scheinwerferlicht auf einem Roten Teppich! Alles wieder gut?
 
.:: DIE STRECKE ::.
Deutschlands ältester existierende Stadtmarathon war mit 32 Höhenmetern verteilt auf 42 Kilometer außerordentlich flach. Er verlief über asphaltierte Straßen ohne enge Kurven und war nicht zuletzt wegen der kühlen Witterung wie gemacht für schnelle Zeiten. Nach dem Start an der Messe führte das erste - gegenüber den Vorjahren etwas veränderte - Drittel in zwei Schleifen durch die Stadtteile Westend und Nordend in die Innenstadt mit Europas höchsten Wolkenkratzern. Über den Anlagenring und den Main ging es nach Sachsenhausen. Das Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wurde gestreift, es ging durch die Wohngebiete von Sachsenhausen, Niederrad und Schwanheim und wieder zurück über den Main zur Wende im westlichen Vorort Höchst. Retour über die Mainzer Landstraße führte die Strecke durch Griesheim und den Gallus, und mit einem letzten Bogen durch die Innenstadt zurück zur Messe Frankfurt. Mit einem »Catwalk« in der Festhalle fand der Marathon sein Ende.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Der 4. August bis 26. Oktober im Stenogramm:
 
 
1. Wo. (34 km): Verheerend: Damit ist der Auftakt noch am treffendsten umrißen. Nach der Rückkehr aus einem wie stets schwarzbier- und schwermetallhaltigen (aber kaum sportlichen) Heimaturlaub in Dresden, unterbanden im Frankfurter Job-Exil Ozon, Smog und 34 Grad Hitze den Trainingsbetrieb. Zu allem Überfluß schoß mir auch noch eine Hexe ins Lendenkreuz. Mit Rückenbeschwerden und deutlich Übergewicht rannte ich seit zehn Monaten zum erstenmal wieder über zwanzig Kilometer - und pinkelte zuhause angelangt B l u t!
 
2. Wo. (36 km): Die Pechsträhne hielt an: Nach dem Rücken schrie nun auch noch der Ischiasnerv. Streng genommen waren meine 74 Kilo schon jetzt ein einziges Schmerzknäuel. Der Fehlstart war perfekt, und dem nicht genug, bescherte Hoch »Michaela« weiterhin sengende Sommersonne. Hitze haße ich wie Hexe! Unter diesen Vorzeichen mußte am Wochenende ein Höllenritt über 30 Kilometer durchstanden werden.
 
3. Wo. (49 km): Am 13. Tag fürchterlicher Kreuzschmerzen beschloß ich den Gang zum Doc. Mit Pillen und Spritzen fitgemacht, erfolgte ein letzter verzweifelter Versuch über 32 Kilometer. Als Ergebnis stand pure Enttäuschung. Die Gesundheit, das Alter, eine falsche Bewegung und der Jahrhundertsommer haben mir ein Zeichen gegeben. A b b r u ch der Vorbereitung (und Abschied vom Marathon?)!
 
4. Wo. (38 km): Am Wochenende war die lange Dürre plötzlich überwunden. Die Schatten wurden länger, Blätter fielen, die Luft war rein, und dieser ganz besondere Geruch machte sich breit: Vorboten des Herbstes hielten Einzug. Querfeldeingefühle! Laufwetter! Marathonstimmung! Zudem war ich erstmals seit Ewigkeiten fast schmerzfrei! Und ein Fünkchen Sehnsucht glimmte in der Finsternis immer noch auf. »Lauf, Jesus, lauf!«, hatte mich jemand im Frühling angefeuert. Es wirkte immer noch. Das Wochenende trieb mich zu einem wunderschönen langen Lauf durch die Natur. Damit hatte ich doch noch mal Blut geleckt. Ein Rückzieher vom Rücktritt ist ja nichts Außergewöhnliches...
 
5. Wo. (82 km): Die letzten Züge des Schönwetters in Form des Altweibersommers waren lau wie ein alter Weiberarsch. Der Sommer ist ins Land gezogen. Aber zugleich waren nun neue Gebrechlichkeiten in Verzug: Jetzt behinderten mich auf einmal ein gereiztes Zehgelenk, ein entzündeter Zehennagel und eine aufgescheuerte Ferse. Am Sonntag erfolgte ein langer Kanten von 34 Kilometern, bei strömendem Regen und in Radbegleitung meiner Freundin. Peanut opferte sich für mich auf. S i e ist die wahre Heldin!
 
6. Wo. (94 km): Neuigkeiten aus der Abteilung Merkwürdiges: Der 38jährige Dieter Baumann konnte in seiner Karriere »keinen roten Faden« mehr sehen und hing die Schuhe an den Nagel. - Und: Neben meiner Laufstrecke, in der Böschung der Nidda bei Bonames, lag ein toter Läufer. Der Fall wurde nicht aufgeklärt - und ein mulmiges Gefühl die Wegbegleitung für lange Zeit! - Neben diesen mysteriösen Vorgängen gossen zwei junge Dinger in Höchst mit den Worten »Sie sind ja ein Spargeltarzan« neues Benzin ins alte Feuer. - Im Übrigen war dies eine gute, aber nicht schmerzfreie Etappe, mit knirschenden Lendenwirbeln und einem passablen Rundlauf über 38 Kilometer.
 
7. Wo. (100 km): Bei Strecken über zwanzig Kilometer muckte nun plötzlich das Knie auf, die Außenseite... Es zwickte und zwackte überall! Und die Temperaturen zogen noch mal an. Die Woche endete mit 39 reinigenden Kilometern am Sonntag.
 
8. Wo. (108 km): Nun war der Herbst erwacht. Das Training bereitete Freude und mit einem niedrigeren Gewicht kehrte auch die Form zurück. Als Resultat stand eine Gipfelwoche auf den stillen Uferpfaden an der Nidda. Nachdem ich ein Jahr weg vom Fenster war, hatte ich mich in eine Wettkampfform zurückgekämpft. Die Meldebestätigung aus Frankfurt trudelte ein. Die Ankündigung, das Ziel sei erstmals unter der Donnerkuppel der Festhalle, der größten in Hessen, jagte mir einen Schauer übers Kreuz. Welch ein Spektakel war da zu erwarten! Dazu sollte es im Ziel auch noch echtes »Bier aus Radeberg« geben! - - Am 28. September stellte der Kenianer Paul Tergat in Berlin einen neuen Marathon-Weltrekord auf: 2:04:55 Stunden!
 
9. Wo. (100 km): Nach dem langen Dauerlauf wackelte meine Abwehr: Eine Erkältung streckte mich in der ersten Wochenhälfte nieder. - Abseits der Laufaktivitäten gab es wiederum Nachhilfe in Religion: Die Islamistenschrift, die ich in unserem Briefkasten gefunden hatte, war eine Einladung der Frankfurter Muslime zum »Tag der offenen Moschee«. - - Freunde des Doom wiederum schenkten meiner Seele Licht durch einen Auftritt in Frankfurt. Der Rapport zum Konzert findet sich hier:
...... Mirror of Deception
 
10. Wo. (104 km): Die Woche mit dem ausgesetzten Hund am Wegesrand: Jemand hatte sein bellendes Kind am Niddawehr in Höchst angepflockt und im Stich gelassen. - Außer einer leichten Muskelverhärtung in der Wade verlief dieser Abschnitt jedoch vollständig schmerzfrei. Eine letzter, völlig entfesselter Dauerlauf über die 35 Kilometer überstrahlte mein Wochenende.
 
11. Wo. (80 km): Dem Plan folgend, drosselte ich die Umfänge um ein Drittel und feilte an der Schnelligkeit - bis eine Schrecksekunde kurz vorm Ziel fast alles zerstört hätte. Ein Knirps war mit mitten vor die Füße geradelt und hatte mich hart auf den Asphalt knallen lassen. Nur durch tausend Schutzgeister blieben alle Knochen heil. Nach einem letzten mittellangen Dauerlauf am Sonntag begann ich das S a l t i n-Programm. Altes Ritual!
 
12. Wo. (35 km + 42,195 km = Gesamt: 903 km): Eine kurze straffe Übung in der Wochenmitte hatte die Muskeln von sämtlichem alten Glykogen gesäubert. Anschließend gab es gehaltvollen Reis. Nichts sonst. Ich wußte nicht, daß Reis so schmecken kann. Bis zum Kampf wurden jetzt nur noch Kohlenhydrate gespachtelt.
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
22. EUROCITY MARATHON MESSE FRANKFURT, 26. Oktober 2003
Freitag, 24. Oktober
 
Das letzte Wochenende im Oktober hatte wieder den Marathon nach Frankfurt gebracht. Zum 22. Male herrschte drei Tage Ausnahmezustand, war die Geldstadt fest im Griff von Sportlern, setzte sich Muskelmacht gegen Geistesdenker durch, siegte das Schlichte über Geld und Eigentum. Und am Sonntag hatten auch noch die Autos schlechte Karten: Die verstopften und verpesteten Straßen von »Mainhattan« waren von Blech gesäubert! - Nichts hat Bestand: Wie die Jahre zuvor, gliederte sich auch Frankfurt 2003 mit räumlichen Neuanordnungen in die Unbeständigkeit ein. Diesmal war die Nummernausgabe in der Messehalle 1, Ebene 2 untergebracht. Die Schnitzeljagd nach selbiger war für mich am späten Mittag beendet. Zudem hatte ich für meinen Freund Uwe Sonntag einen Schwung Ausschreibungen vom Oberelbe-Marathon in der Mall ausgelegt, und paar Worte mit Sportfreund Eckstein vom Dresden-Marathon gewechselt. Damit war die Mission für die Heimat Sachsen erfüllt.
 
Sonnabend, 25. Oktober
 
Die Veranstaltungen am Vortag schenkte ich mir zugunsten einer Lockerung auf den Niddawegen vor der Haustüre. Mit der elften Stunde kam die Nachtstille.
Festhalle (© Frankfurt-Marathon)
Sonntag, 26. Oktober
 
MARATHON! Halb sechs hab ich aufgehört zu schlafen. Die Nacht über hatte es geregnet, alles war naß. Früh aufgestanden, hatte ich alle Zeit der Welt zum Packen der Siebensachen. Dabei mußte ich registrieren, daß meine Stoppuhr die Arbeit eingestellt hatte. Halb so wild. Dann eben ohne. Nachdem ich zwischendurch schon aufgehört hatte, war sowieso nicht viel zu erwarten. Das heutige Rennen sollte das letzte sein. Nach dem Debüt-Marathon Frankfurt 1999, dem Alptraum-Marathon Frankfurt 2000, dem Comeback-Marathon Mainz 2001, dem Regen-Marathon Frankfurt 2001, dem Heimat-Marathon Oberelbe 2002, dem Fastnachts-Marathon Mainz 2002 und dem Orkan-Marathon Frankfurt 2002 der Abschieds-Marathon Frankfurt 2003! Wie immer war Peanut als Betreuerin dabei. Der Funkservice »Live-SMS-Versand« sollte ihr die Zwischenzeiten aufs Mobiltelefon senden. Damit war sie über das Geschehen informiert und direkt bei mir. Um 9.40 Uhr hatten wir die beiden Haltestellen zum weitläufigen Messegelände geschafft - wo leider sämtliche Rolltreppen und Gleitwege vom Torhaus zur Halle 1 außer Betrieb waren. Wie schon die Nummernausgabe und Marathonmesse hatte auch die Umkleide ihren Ort gewechselt. Doch auch jener war bald gefunden.
 
Auf dem Startplatz herrschten lausige sieben Grad. Zum Warmhalten trug ich einen ausgedienten Pullover und einen Windfänger, den ich beim Start Peanut überließ. Die Blöcke waren den Zeitzielen entsprechend mit farbigen Fesselballons markiert. Für mein Vorhaben (3:10 Stunden) bedeutete das Block Gelb (hinter den Windhunden). Vor den Zugängen sollten Blockwarte stehen, die bis 10.50 Uhr passiert sein mußten. Weil aber weder Ordner noch Zugangstore zu sichten waren, kletterte ich kurzerhand über den Zaun... dann waren noch zehn Minuten Geschubse und Gedrängel durchzuhalten... und nach dem aus neuntausend Kehlen heruntergezählten »Zehn... neun... acht... sieben...« ließen um elf Uhr Frankfurts regierender Bürgermeister Vandreike und Springerkoryphäe Heike Drechsler die Läuferlawine los. START!
 
Kilometer 0 bis 10:
Start in »Mainhattan«
 
Ich gab acht, nicht zu stürzen und auch nicht an einer der drei auf der Strecke geparkten Autos zermalmt zu werden. Man war wie immer ein Spielball des Zufalls in der dichten Masse. Ausgangs des ersten Kilometers ging es in weitem Bogen auf die Mainzer Landstraße. Fünfmal war der Angelpunkt des Marathons heute zu durchlaufen. Glatter Asphalt führte zum Opernplatz. Entgegen den Vorjahren wurde Bockenheim links liegengelassen und der Kurs knickte hinter der Alten Oper in die Wallanlage weg und verlief hin zum Stadttor Eschenheimer Turm. Von hier ging es über die Eschersheimer Landstraße erst steigend zum nördlichsten Punkt in der Bremer Straße, und gleich darauf über ein Gefälle wieder stadteinwärts. 23 Minuten: Der erste Tiefschlag schon nach fünf Kilometern. Der Reuterweg führte nun durchs Westend und die Kronberger Straße wurde passiert. Sechs Jahre hatte ich hier in einem Glitzerrausch aus Sex, Pillen und Speed Metal gelebt. Und wäre fast darin verglüht... Die »Blue Line« führte zum zweitenmal am Opernhaus vorbei und über die Mainzer Landstraße zurück zum Ausgangspunkt Messe. Es rächte sich ein wenig, daß die Macher erstmals die Vornamen auf die Nummern drucken ließen. Alle naselang schrie einer meinen Namen. Bekannte? Fremde? Keine Ahnung... Nach einer Kehrtwende vor der Hohenstauffenstraße ging es wieder zurück in Richtung Innenstadt und das dritte Mal über die »Mainzer«. Aus Lautsprechern dudelte schlüpfriger Synthiepop, die letzten Laufhäuser wurden gestreift, und über den Drogenpark Taunusanlage ging es weiter durchs Bankenviertel. Eisiger Wind pfiff einem hier ins Gesicht. So kalt wie die Welt, die in den Türmen ist. Auf die Geldmaschinen folgten mit dem Roßmarkt und der Hauptwache die Konsumtempel, und in der Großen Eschersheimer war der zehnte Kilometer erreicht. 47 Minuten. Verheerend!
 
Kilometer 11 bis 20:
Durch die Wohngebiete südlich des Mains
 
Ab der Bleichstraße war die Strecke wieder gleich mit der alten Route. Auf der Konstablerwache reichte Peanut mir den ersten Tee. Dabei hätten wir uns um ein Haar verfehlt: Man hatte einen Staffel-Wettstreit neu ins Programm genommen, und auf der »Konsti« war die erste von drei Wechselzonen aufgebaut. Im Gewimmel befand sich auch mein Ex-Chef Joe. Wir hatten uns gleich gesehen. Joe klopfte mir auf den Rücken und übernahm später als zweiter von vier Staffelläufern den Stab um selbst nach Niederrad durchzustarten. Die Alte Brücke führte über den Main nach Sachsenhausen. Wie in »Hibbdebach« heizten auch in »Dribbdebach« die Zuschauer ganz hübsch ein. Schuld war sicher auch der nun aufgehende Sonnenkranz. Auf der Kennedyallee verlor ich weiter an Boden, die Reihen lichteten sich, und außer den Großuhren alle fünf Kilometer war ich ohne Bezugspunkt. Meine Stoppuhr war kaputt und koordinierte Läufer nicht zu finden. Nach der schnurgeraden Trift- und Adolf-Miersch-Straße wartete eine weitere Streckenänderung. Zwei Abschnitte hatten die Läufer in den Vorjahren immer wieder besonders kritisiert: 1. die staubgraue Vorstadtbrache Griesheim, und 2. die Bürostadt Niederrad. G-heim konnten die Kurssetzer den Läufern nicht ersparen. Jedoch die nekrophile Bürostadt, die heute durch einen Schlenker über die Hahnstraße ausgespart war. Die A5 wurde unterquert und mit den geduckten Häusern der Goldsteinsiedlung folgte der Kontrast. Auch das war ein neuer Abschnitt, sozusagen der Ersatz für die abgehackte Bürostadt. Ein Sankra mit Blaulicht und Martinshorn zerstörte das kleine Scheinidyll jäh.
 
Kilometer 21 bis 30:
Zurück auf der Nordseite mit einem Gruß an die Wiege des Marathons
 
1:39:49 Stunden: Die erste Hälfte war verheerend! Aber irgendwie faßte ich auf der langen Zur Frankenfurt Tritt. Nicht zuletzt weil ich im Schatten eines gemischten Doppels lief. Doch die Freude währte nur zwei Kilometer. Zwei am Rand wartende Komplizen griffen nun als »Hasen« ins Geschehen ein und penetrierten einen mit gehässigen Kommentaren. Ich suchte das Heil in der Flucht und zog bis Schwanheim allein durch. Der nächste Sani brauste vorbei. Unterwegs auf nagelneuen Sohlen rieb ich mir eine Blase - konnte sie aber wenigstens ausblenden. Nicht so die Schwanheimer Brücke: Am Verpflegungspunkt hatte ich ein Stück Banane und zwei Becher genommen. Drei Teile, zwei Hände, ein Mund: Das können nur Frauen gelichzeitig. Ich verschluckte mich und verlor den Rhythmus. Hinauf zur Brücke und durch pfeifenden Wind übers Wasser, erreichte ich die Nordseite des Mains. Ein Staffel-Fräulein tänzelte keck vorüber. Dieses Rennen im Rennen ging mir tierisch auf die Ketten. Weiter ging es, über den Nieder Kirchweg nach Höchst. Mit einer ziemlichen Überraschung. Denn vorm Buckel hinauf zum Bolongaropalast feuerte mich niemand anderes als 2:37-Läufer Lipecki an. Im Sommer hatte ich mit Tim auf einem Konzert in Wiesbaden Bier getrunken - heute war Tim »zu faul« um schnell zu rennen. Im Stimmungsnest Andreasplatz erfolgte die Wende zurück nach Frankfurt. Und noch mal - nun auf dem Rückweg nach Osten - warf mir Lipecki ein Siegeszeichen zu. Die Uhr an der Alten Niddabrücke deutete auf ein Ende um 3:19 Stunden.
 
Kilometer 31 bis 40:
Über die Mainzer Landstraße zurück nach Mainhattan
 
Am Kahnplatz sollte Peanut mir Nachschub reichen. Aber dort befand sich heute auch die letzte Stabübergabe der Staffeln! Ich sah in eine undurchschaubare Masse und konnte mein Mädel nicht finden. Peanut war eine Ecke weitergegangen und stand - wie vom Himmel gefallen - gegenüber der Niddahalle. Doch mit der schnurgeraden Mainzer Landstraße kam der Niedergang. Mir ging´s elend und ich kam aus dem Staunen nicht heraus, was für Gestalten so lange vor mir hergelaufen waren. Manche wurden nun zu Gehern, einer japste stieren Blickes nach Wasser. Jaja, nach 33 Kilometern ist der Marathon noch jung. Einfach einen Fuß vor den anderen setzten. Noch zehntausend Mal... Im grauen Griesheim sollten »Partynester« Leute an die Strecke ziehen. Eine Handvoll Gaffer: sonst war da nichts. Nach fünf Kilometern aus verkahlten Hecken und schmutzigem Asphalt war der Gallus erreicht. Dunkle Wolken zogen auf und die Sonne verdunkelte sich mit einem Grollen. Doch am 37. Kilometer brach ein Strahl hervor, ein roter Fetzen von I r o n M a i d e n: Flow von der Metalband Broken war tatsächlich mit seiner Alina extra für mich von Wiesbaden aus angerückt, um mir neben einer Pulle Flüssigdoom auch noch Moralin zu reichen. Danke Mann, für diesen Einsatz! Gleich darauf schloß ein Blauhemd von Spiridon auf. Den Güterplatz überrannten wir zu zweit, und es ging auf eine letzte Schlinge durch die Innenstadt.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Die Hexenkessel zwischen den Wolkenkratzern
 
Eine Welle der Begeisterung trug mich über die Hauptwache, die Freßgass´ und den Opernplatz, und beim fünften Lauf über die »Mainzer« vermeldete ein Lautsprecher meinen Namen mit dem früheren Verein »Dynamo Dresden-Nord«, für den ich startete. Und dann die Start-Ziel-Gerade - die keine mehr ist. Der Strich lag nicht mehr unter der Riesenskulptur des »Hammering Man«. Nein, es ging in die Festhalle hinein! Frankfurts »Gud Stubb« hatte einen roten Teppich ausgelegt und sich stimmungsvoll verdunkelt. Hunderte von Scheinwerfern leuchteten die Finsternis aus, sechstausend Augenpaare blickten auf mich nieder, die Emotionen kochten hoch. Ich lief unter der gläsernen Kuppel, unter der sonst nur Metallica, Motörhead, Onkelz oder Rammstein zu erleben sind! Nach dreißig Metern war alles schon vorbei. Nichtig die Zeit am ENDPUNKT.
 
Held im Konfettiregen war Boaz Kimaiyo. In einem Herzschlagfinale unterbot er als Erster in Frankfurt die 2:10-Stunden-Marke. Dabei konnte sich der 28jährige kenianische Neger gerade noch vor dem heraneilenden Russen Schwetsow retten. Der vergab den Sieg, weil er sich nach 32 Kilometern am Straßenrand erleichtern mußte. Nach dem Spitzenduo kam lange nichts. Die Nächsten waren wieder Vertreter aus Kenia und Russen. Die Sieg- und Zeitprämie von 32
 500 Euro ging indes nach Afrika. Daß Deutsche beim Marathon nur Statisten sind, zeigte sich einmal mehr in Frankfurt.
Auf dem Frankfurter Openplatz, km 40
(© Live Sportphotos)
 
Die Plakette 2003 in Originalabbildung
FAZIT
 
Selbstanalyse:
Ich war vier Minuten langsamer als vor einem Jahr. Gründe? Nach einem Jahr Kampfpause war ich zu weit weg vom Geschehen, und mit 74 Kilo auf den Rippen kein leichter Junge unter den Marathonis. Dazu kamen nicht eingelaufene Schuhe, der schon früh die Kraft raubende Anstieg am Kilometer 5, kaum Orientierung und zuviel Flüssigkeit unterwegs (3 ½ Liter). Aber ich lief im deutschen Fernsehen (Direktschalte des hr) über den Äther: drei Sekunden am Start, eine Sekunde bei km 39, 13 Sekunden bei km 41 und 17 Sekunden auf der Schlußgeraden. Und es gelang mir, von der Organisation eine Medaille für meine Freundin zu entführen. Die liebäugelt nun mit einem eigenen Marathonstart. Strecke: Im Grunde schnell und mit der bestmöglichen Infrastruktur ausgestattet. Ausstrahlung: Durch die Integration der Staffetten hat Frankfurt seine Glaubwürdigkeit verloren. Die frischen und unverbrauchten Staffelteilnehmer verhöhnten die Marathonläufer zu lahmen Schnecken. Eine Vermischung tut selten gut. Mit der gemeinsamen Ankunft in der Festhalle war die Verunglimpfung der klassischen Läufer perfekt. Für die Materialinteressierten: Ich lief mit Asics GT-2080.
 
Die Abschlußfeier...
 
Da im Ziel kein Bier ausgeschänkt wurde, feierte ich mit Peanut im vertrauten Rödelheim, in einem kleinen Kreis aus Tennisspielern beim Spanier »Los Amigos«. Mal nicht mit Haferflocken, Nudeln und Saft, sondern mit Pan Alioli, Paella und Trost durch Bier.
 
 

Kampfläufer Vitus, Oktober 2003
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: wechselnd wolkig, 7ºC, leichter bis mäßiger Wind
Zuschauer: ca. 200
 000
 
Gesamtteilnehmer:
13
 060 (Marathon, Staffel, 5 km, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller)
 
Marathonläufer
Gemeldet:
9399
Am Start:
9107 (M: 7822, W: 1285)
Im Ziel: 7098 (M: 6130, W: 968)
 
Männer
1. Boaz Kimaiyo (Kenia) 2:09:28 (SR)
2. Leonid Shwetsow (Rußland) 2:09:33
3. Paul Kiptanui (Kenia) 2:11:12
4. Benjamin Itok (Kenia) 2:11:54
5. Dimitrij Baranowski (Rußland) 2:12:47
6. Julius Rutto (Kenia) 2:13:03
 
Frauen
1. Luminita Zaituc (Deutschland) 2:29:41
2. Larissa Malikova (Rußland) 2:32:59
3. Claudia Oberlin (Schweiz) 2:35:17
4. Maria Jose Pueyo Bergua (Spanien) 2:39:07
5. Ulrike Hoeltz (Deutschland) 2:49:13
6. Nicole Güldenmeister (Deutschland) 2:50:51
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
5008
Nation: Deutschland
Zeit: 3:23:42
Platz:
1120 von 6130 bei den Männern
Platz:
236 in Klasse M40
Zwischenzeiten
05 km: 0:23:18
10 km: 0:46:42 (23:24)
15 km: 1:10:25 (23:43)
20 km: 1:33:56 (23:30)
25 km: 1:57:34 (23:38)
30 km: 2:21:43 (24:09)
35 km: 2:47:14 (25:31)
40 km: 3:13:39 (25:44)
Halb 1: 1:39:49
Halb 2: 1:43:52

 
Ergebnisse
Frankfurt-Marathon