2. WEILTALWEG-MARATHON, 25. April 2004
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK
Ach du grüne Neune! (42 Kilometer durch den Taunus)
 
 
Mit acht Rohrkrepieren in Serie startete ich in die sechste Saison nach meinem »Comeback« als Marathoni. Trotz aller Enttäuschungen hing ich nach FRANKFURT 2003 am Marathonlauf wie ein Junkie an der Spritze. Ich brauchte mehr! Wie eventuell den in Schlagdistanz liegenden Lauf durch den Obertaunus. - Eigentlich wollte ich dort schon bei der Feuertaufe 2003 starten. Aber dann war die Obergrenze von 1000 Nennungen bereits vier Monate zuvor erreicht... Doch dem entgangenen Erstling folgte die Neuauflage 2004. Mit einem Organisationsbeitrag von 25 Euro war ich einer unter Tausend beim Unternehmen »Grünes Doom«!
 
.:: DIE STRECKE ::.
Beim Weiltal-Marathon handelt es sich um einen vom Verein »Naturpark Hochtaunus« ausgerichteten Punkt-zu-Punkt-Landschaftslauf über den neu angelegten Weiltalweg. Los ging´s an den Ausläufern des 880 Meter hohen Großen Feldbergs in der Taunusstadt Schmitten. Von 490 Meter über N.N. verlief die Strecke durch das obere Tal der Weil mit seinen Wäldern und Felsen und durch die Dörfer der Großgemeinde Weilrod. Ab Weilmünster nutzte der Marathon den Damm der stillgelegten Weiltalbahn. Der Lauf endete nach der Mündung der Weil in die Lahn auf 128 Meter über N.N. in der Barockresidenz Weilburg. Der Untergrund war ausreichend stabil, im ständigen Wechsel zwischen Asphalt, Mineralien- und Waldwegen. Obacht! Bis zum 25. Kilometer standen etliche happige Steigungen im Weg. Bis Kilometer 30 waren es 14 Gegenanstiege mit je mehr als 20 Höhenmetern, der knackigste davon ein Kilometer lang mit 75 Steigungsmetern. Insgesamt ging es 427 Meter hinauf und 689 Meter hinab.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Die 12 TRAININGSWOCHEN vom 2. Februar bis 25. April 2004:
 
01. Wo. 0(51 km): Training
02. Wo. 0(66 km): Training
03. Wo. 0(83 km): Training
04. Wo. 0(85 km): Training
05. Wo. 0(89 km): Training
06. Wo. (107 km): Training
07. Wo. (118 km): Training
08. Wo. (124 km): Training
09. Wo. 0(78 km): Training
10. Wo.
0(46 km): Training
11. Wo.
0(71 km): Direkte Wettkampfvorbereitung
12. Wo.
0(99 km): Direkte Wettkampfvorbereitung - WEILTALWEG-MARATHON (125. in 3:25:51)
Gesamt: 998 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
2. WEILTALWEG-MARATHON, 25. April 2004
Um fünf klingelte mich der Wecker aus dem Bett. Das Frühstück bestand aus »Honingkoek« (belgischer Honigkuchen), mit Honig beschmiertem Weißbrot und Kamillentee. Schwere Körnerkost und Sauerkraut vom Vortag trieben mich gleich dreimal aufs Häuschen. Und dann war da dieses Anreiseproblem zum nahen und doch so fernen Startort. Verkehrten doch am Sonntagmorgen keine Öffentlichen von Frankfurt in den Taunus. Da ich kein Kfz besitze, mußte ein Taxi her. 6.45 Uhr stand es vor der Tür...
 
... und eine halbe Stunde später befand ich mich für 52 Euro in der zwanzig Kilometer entfernten Feldberggemeinde Schmitten-Arnoldshain. Ich war »hinnerm Busch«, wie der Frankfurter despektierlich über seine Berge im Norden spöttelt. Hatte aber zu vorsichtig kalkuliert und mußte zwei lange Stunden bis zum Start überbrücken. Zum Glück war die Umkleide in der Hattsteinhalle schon offen. Im Eingangsbereich waren Behälter zur Abgabe der Eigenverpflegung aufgestellt. Diesen Luxus bieten sonst nur die großen Marathons ihren Eliteläufern... Nach dem Deponieren einer Trinkflasche in Korb »KM25« und »KM35«, waren auch die Anmeldeformalitäten schnell erledigt. Ja, und dann war da dieser Redebedürftige, der erst mich und dann die Kampfrichter verrückt machte. Er »müsse noch rasch in den 42 Kilometer entfernten Zielort Weilburg, ob ihn denn einer der Pendelbusse noch rechtzeitig zum Start zurück brächte...« Ich entweihte eins der noch unbefleckten Plumpsklos. Was soll man auch sonst tun? Die Halle füllte sich. Derweil ich meinen Rucksack am Laster abgab, hatte drin einer meinen letzten Sitzplatz weggeschnappt; eine welke Schnepfe gackerte »Um Himmelswillen, es soll warm werden, es soll warm werden«, und auf dem Selbstfindungstrip befindliche Schlaffgestalten vollzogen höchst drollige Trimm-Dich-Pfad-Übungen. So, als könnten sie mit vierzig nachholen, was sie ein Leben lang versäumten.
Im Tal der Weil © Hessen-Tourismus.de
Nun aber zum heutigen Rennen!
 
»Wettkampf ist das beste Training!«, hatte mein früherer Übungsleiter im Radsport mir immer eingebleut. Heute war Training! Der Lauf von Schmitten nach Weilburg war für mich ein Aufbaurennen für den zwei Wochen später steigenden MAINZ-MARATHON. Ich wollte (und mußte!) Zurückhaltung üben. Eine Bestzeit war mit Blick auf das Gelände sowieso nicht zu erwarten. Zudem verzeichnete ich eine mehrwöchige Verletzungspause. Äußerst gelassen bewegte ich mich also zum Start vor der Grundschule von Schmitten-Arnoldshain ...
 
Kilometer 0 bis 10:
Arnoldshain, Dorfweil, Brombach, Hunoldstal und Neuweilnau
 
Ein markerschütternder Pistolenknall riß um 9.30 Uhr die 1056 Marathonläufer aus allen Gedanken. START, ab ging die Reise! Aus der letzten Reihe anlaufend, ließ ich schon vorm Queren der Linie eine halbe Minute liegen. Es war Handzeitnahme, nichts mit einem vollautomatischen »Chip«! Nach einer kurzen Steigung stauchte ein Sturzflug von 700 Metern in die Tiefe meinen gemarterten Knöchel erstmals grausig zusammen. In Schmitten knickte der Asphalt links weg auf einen Trampelpfad, der zur ersten Begegnung mit der Weil führte, und weiter ging es über die von Bergen gesäumten Auen nach Norden. Überall grünte und zirpte es. Das war vielleicht ein Frühlingserwachen im Taunus! Während sich die Sportskanonen rasch abgesondert hatten, heftete ich mich an zwei von Spiridon Frankfurt (Groß und Shuttleworth). Ein dritter aus der Läuferschmiede kam dazu (Holitzner). Über die Taunusdörfer Dorfweil und Brombach zog sich der Lindwurm nach Hunoldstal zur ersten Wasserstelle. Erst das Labsal, dann die Entmutigung. Denn wie aus heiterem Himmel türmte sich nach fünf Kilometern ein Biest namens »Treisberg-Serpentine« vor einem auf. Mit 15 Steigungsprozenten ging´s hinauf zur Burg Weilstein und vorbei am Forsthaus Landstein. Ebenso abrupt und heftig erfolgte der Übergang von der Landstraße 175 rechts weg in den Forst: erst über Stock und Stein vorbei an der Mappesmühle, dann über Geröll tollkühn hinabschlitternd zum Niedgesbach, und von diesem Seitental zurück ins Weiltal. Bis dahin ähnelte das Rennen mit seiner turbulenten Topographie und dem abenteuerlichen Untergrund mehr einem Gelände- als einem Straßenlauf. Und etwas in meinem Bauch grummelte. In Neuweilnau frug ich die Spiridonmänner, ob sie was dagegen hätten, wenn ich bei ihnen mitlaufe. Hatten sie nicht. Auch sie liefen den Marathon »just for fun« und wollten nach 3 ½ bis 4 Stunden ankommen. Es ging klasse zusammen, der Marathon wurde zum Vergnügen. Mittlerweile brannte die Sonne recht hübsch vom kornblumenblauen Himmel herunter. Doch es gab Linderung durch Waldstücke und Tische mit Wasser.
 
Kilometer 11 bis 20:
Rod, Niederrod und Emmershausen
 
Leicht abschüssig ging es vorbei am Sporthotel »Erbismühle«. Die Fußballnationalmannschaft hält hier Tagungen und Trainingslager ab... Ein steiles Wegstück und weitere Haken und Kehren warteten, und zurück im Tal folgte mit Rod an der Weil das erste Streckenfest. Mit Rasseln und Tröten bestückte Jubelmädchen sorgten für ein Remmidemmi fast wie bei den großen Stadtmarathons. Für Rod war der Marathon sicher das große kulturelle Ereignis im Jahr. In Niederrod hatten Dörfler Straußwirtschaften aufgezogen, um den Läufern verführerisch schäumendes Bier entgegenzustrecken. Die Luft roch nach Gegrilltem. Zur Abwechslung gab es Abkühlung durch Gänsewein am 15. Kilometer. Zudem trug ich auch noch ein Nothelferlein in Form eines Trinkgurts mit vier kleinen Tornistern um die Hüfte. Man war also gut bestückt. Die Strecke führte durch die verwinkelten Gäßchen von Emmershausen und passierte die Runkelsteiner Mühle.
 
Kilometer 21 bis 30:
Winden, Audenschmiede und Weilmünster
 
Über weißen Mineralboden und drei Holzstege war ich im Gefolge von Team Spiridon nach Winden und einem markanten Hochsitz zur Marke Halbmarathon gelangt. Durchgangszeiten? Nur ab und zu wiesen kleine braune Täfelchen die Kilometer aus. Von Großuhren keine Spur. »1:43:00« stand zur Hälfte auf meinem Chronograph. Und noch immer lief es leicht und locker durch den Hintertaunus. Die Spiridoner philosophierten über das Leben und den drei Wochen später steigenden Rennsteiglauf. Holitzner wollte dort über die 72 Kilometer gehen... Ein Hammer von einem Anstieg gipfelte bei der einsam gelegenen Zwergsiedlung »Audenschmiede« und der Versorgungsstelle Kilometer 25, mitsamt der ersten Eigenverpflegung. Alles lief wie am Schnürchen. Solidarisch gab ich dem Ultra in spe einen Schluck von meinem Weissen Blitz ab, und mit dem 9500 Seelen zählenden Weilmünster folgte eine größere Kerngemeinde. Das bekannte Klinikum wurde passiert, und auf dem Marktplatz war der berüchtigte 30. Kilometer aufgebaut. Hier gab es aber nicht die gefürchtete Begegnung mit dem Hammermann. Stattdessen brauste auf dem weiten Platz ein Volksfest. In vielen Reihen säumten Leute die Marathonstrecke und feuerten uns mächtig an. Ein Sprecher stellte die Läufer vor. Jubelmädel, Trommler und Tambourins lärmten. Gänsehaut überzog mich, das Endorphin schwappte nur so, und ohne es zu bemerken, hatte ich unser Rudel gesprengt: Groß verlor den Anschluß.
 
Kilometer 31 bis 40:
Lützendorf, Essershausen und Freienfels
 
Hinterm Markt folgte das Betonwerk von Lützendorf. Zu dritt kämpften wir uns über eine letzte Rampe auf die vormalige Trasse der Weiltalbahn hinauf. Obwohl die restlichen zwölf Kilometer eben werden sollten, wollten nun auch Holitzner und Shutlleworth nicht mehr folgen. Ich begann das Feld aufzurollen. Allein, und mit dem schlimmen Schmerz im Knöchel. Am 35. Kilometer kam mit Freienfels der nächste Kontrollpunkt. Hier hätte die zweite Eigenverpflegung stehen müssen. Hätte! »Bei Kilometer achtunddreißig«, rief man mir zu. Das war der Bruch! Aus Furcht vor Dehydration - die föhnige Mittagsluft schuf gefühlte sechsundzwanzig Grad - nahm ich einen Gang raus. Shuttleworth zog wieder vorbei. Und dann endlich - am Kilometer 38, auf einem Parkplatz in Ernsthausen - bekam ich mein zweites Getränk. Der Schritt indes war futsch. Es ging zurück auf den von Felsen gesäumten Bahndamm zwischen Essershausen und Freienfels, und nach der langen Walachei des Weiltalwalds war mit der Mündung der Weil in die Lahn, der so genannten »Gunthersau«, Weilburg erreicht.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Weilburg
 
Die finale Meile verlief auf dem Asphalt des Leinpfades entlang der Lahn. Steil oben am Himmel schwebte das Barockschloß mit einer gepflasterten Bergankunft - die den Läufern aber erspart blieb. Stattdessen führte die Strecke unterhalb des Schloßfelsens an einem anderen einmaligen Bauwerk vorbei: dem durch den Stein getriebenen Schiffstunnel von 1847. Und nach der Einsamkeit im Wald rückten nun auch wieder Menschen in den Blick. Einige Hundert sorgten mit herzlichem Applaus für einen stimmungsvollen Schluß. Ohne sonderliche Verausgabung lief ich nach 3:25:51 Stunden als 125. durch die Zielgasse am Festplatz Hainallee. Den Sieg hatte sich der hessische Triathlet Ross geholt.
 
Am ENDPUNKT das Übliche: Blechmarke (die minderwertigste aller Zeiten - leider), Wasser, Apfelschorle, Bananen, Apfelschnitze... Meine erste Sorge galt dem Kleidertransporter mit dem Rucksack. Im Unterschied zum Drittplatzierten, dem er geklaut wurde, war meiner heil in Weilburg angekommen. Ich hatte Wechselkleidung und ein Handtuch, und konnte mit etwas Geld den Heimweg per Eisenbahn antreten. Das Bier danach... im Zelt mit den Spiris einen kippen... zu verlockend (der Brite Shuttleworth finishte übrigens knapp vor mir: 3:24, Holitzner brauchte 3:29, Groß 3:31 Stunden), doch ich mußte ja noch heimkommen. Nach längerem Umherirren mit 42 Rennkilometern in den Muskeln, höllisch schmerzendem Fuß und schwerem Rucksack über den Schultern, dazu ortsunkundigen Anwohnern zur Seite, hatte ich um zwei zum Weilburger Bahnhof gefunden. Für die Rückfahrt wurden noch mal 20 Euro fällig. Erleichtert um Reisekosten von 72 Euro, habe ich dann ungewaschen über Gießen meine Frankfurter Behausung erreicht. In der vierten Nachmittagsstunde war der Auftritt im Weiltal beendet.
 
FAZIT
 
Ausstrahlung: Grüne Hölle Taunus? Trotz unorthodoxer Strecke mit einigen heftigen Zacken und Wellen und 500 Höhenmetern: keine Spur! Es war ein schöner, aber viel zu kurzer Tag auf den Pfaden der Natur. Wirkung: Eine Rückkehr ins Weiltal 2005? Durchaus denkbar! Gegrüßt sei die Organisation dieses kleinen, kultigen Volksmarathons. Ebenso die Laufkameraden von Spiridon. Sowie die netten Menschen im Taunus. Für die Materialinteressierten: Ich trug Asics GT-2080.
 
 
Kampfläufer Vitus, 27. April 2004
Vitus unterwegs im Taunus ...
 
... und die Marathonplakette in Originalgröße
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 10 bis 16ºC, leichter bis mäßiger Wind
 
Läufer gemeldet:
1056
Läufer im Ziel: 868 (M: 723 / W:145)
 
Männer
1. Markus Ross (Eppstein) 2:35:51
2. Jürgen Werner (Gladenbach) 2:37:36
3. Ralf Selle (Brechen) 2:41:20
4. Felix von Witsch (Siegburg) 2:45:44
5. Frank Wiegand (Liederbach) 2:47:17
6. Marco Diehl (Butzbach) 2:48:17
 
Frauen
1. Claudia Buch (Hofheim) 3:16:43
2. Gerlinde Möller (Herbrechtingen) 3:17:20
3. Steffi Seitz (Ebertshausen) 3:18:41
4. Lynn Biesheuvel (Königstein) 3:21:46
5. Sabine Kühne (Bad Vilbel) 3:22:25
6. Kerstin Schmitz (Wiesbaden) 3:22:58
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
170
Nation: Deutschland
Zeit: 3:25:51
Platz Gesamt:
125
Platz: 117 von 723 bei den Männern
Platz:
27 von 166 in Klasse M40
 
Ergebnisse
Weiltalweg-Marathon