23. FRANKFURT-MARATHON, 31. Oktober 2004
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AUFBAUKAMPF
Griesheimer Halbmarathon, 3.10.04
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Marathon-Manie in Mainhattan Vol. VI - Mit 42 Bestzeit über 42 KM
 
 
Das Olympiajahr 2004. Deutschland im Herbst. Leistungsdruck, Knechterei, Ellbogengesellschaft, sozialer Kahlschlag und Globalisierung versetzten das Land immer mehr in eine apokalyptische Stimmung. Aber am 8. Juli durfte ich Marathongeburtstag feiern. Ich hatte 42 Jahre und 195 Tage auf dem Erdenball geschafft - und sollte nun in eine finstere Zeit gestürzt werden. Ich mußte eine Entscheidung treffen. Entweder mich rasch selbst zerstören. Oder mit gesundem Körper und langem Atem den Kapitalismus überstehen. Im Glauben an eine bessere Welt und mit der Liebe zum Sport fiel der Entschluß auf »Durchhalten!«. Ein neuer Kampf, ein neues Ziel - Morphium für die Seele: Eurocity Marathon Messe Frankfurt 2004!
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Stadtmarathon in Frankfurt ist nicht nur das älteste Rennen seiner Art in Deutschland - er wurde erstmals 1981 ausgetragen - sonderm mit 32 Höhenmetern auf 42 Kilometer auch einer der flachsten. Er verläuft hauptsächlich über asphaltierte Hauptverkehrsstraßen mit weiten Radien und ist wegen der kühlen Witterung im Oktober damit wie gemacht für schnelle Zeiten. Nach dem Auftakt an der Messe führte das erste Drittel in zwei Schleifen durch die Stadtteile Westend und Nordend in die Innenstadt mit Europas höchsten Wolkenkratzern. Über den Anlagenring und den Main ging es nach Sachsenhausen. Das Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wurde gestreift, es ging durch die Wohngebiete von Sachsenhausen, Niederrad und Schwanheim und wieder zurück über den Main zur Wende im westlichen Vorort Höchst. Retour über die Mainzer Landstraße führte die Strecke durch Griesheim und den Gallus, und mit einem letzten Bogen durch die Innenstadt zurück zur Messe. Der Marathon endete unter Flutlicht auf einem roten Teppich in der Festhalle.
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Der 9. August bis 31. Oktober in Kurzfaßung:
 
 
1. Wo. (68 km): Im Frühling hatte ich vom Marathon losgelassen, wollte keinen mehr laufen. Und dann kam die bleierne Zeit... Das Volk ging auf die Straße: gegen die Hartz-Reformen. - Es gab keinen Plan für einen sechsten Start in Frankfurt. Doch für einen halben Marathon reichte es allemal - und irgendwie bekam ich gerade noch mal die Kurve. Eine seit Wochen anhaltende, niederdrückende Gewitterschwüle und erhöhtes Ozon erschwerten jedoch das Laufen. Dazu behinderte mich eine Entzündung im Schultergelenk. - Am 13. August wurde die XXVIII. Olympiade in Athen als eröffnet erklärt.
 
2. Wo. (78 km): In Deutschland gab es Aktionen gegen Sozialraub - in Griechenland das Fest der Völker. Und im Frankfurter Trainingsgelände Verwüstungen durch sintflutartige Unwetter. Die Welt war völlig aus den Fugen. So was Paranoides! - Eine sehr zweifelhafte bis überflüssige »Paradontose-Behandlung« setzte mich drei Tage auf Brei-Kost. Am Wochenende erfolgte ein langer Dauerlauf über 34 Kilometer.
 
3. Wo. (80 km): Deutschland lag definitiv im Umbruch! Im Osten radikalisierten sich die Montagsdemonstrationen. Ein Lösungsvorschlag lautet: Teilen. - Dazu ließ mich jemand auch noch wissen: »Du geiselst dich selbst!« Und wieder stellte sich die Frage: »Warum tue ich mir das an?« - Beim olympischen Marathon wurde der Brasilianer Vanderlei Lima vierzig Sekunden in Führung liegend am Kilometer 37 von einem Religionsfanatiker angegriffen, geschubst, gewaltsam aufgehalten und des sicheren Olympiasieges beraubt. Es war Italiens Baldini, der als Gladiator ins Athener Panathinaikis-Stadion einlaufen durfte. Wie so oft: Das wahre Leben schreibt die bewegendsten Geschichten!
 
4. Wo. (90 km): Die Startgebühr für den Frankfurt-Marathon erhöhte sich stillschweigend und ziemlich frech von 40 auf 50 Euro. »SMS-Partnerservice«, Ankommertrikot und Langärmer inbegriffen, ist der Teilnehmer - je nach Meldeperiode - mit olympiareifen 100 Piepen dabei. Am Sonntag bin ich mit weiblicher Eskorte vierzig Kilometer durch die Gluthitze an den Ufern der Nidda gerommelt.
 
5. Wo. (51 km): Die heilige Pflicht des Doom (vier Konzerttage mit Mirror of Deception und »Autumn Of Doom« in Franken), sowie der Fußball (Eintracht Frankfurt gegen Dynamo Dresden), im Verbund mit viel Landbier und kohlenhydratreichen Brotzeiten, stoppten jede Bewegung. Die fünfte Woche war nur Joggerliga! Aber auch Berufsboxer Sven Ottke hatte sich mit 3:47 Stunden beim Köln-Marathon nicht mit Ruhm befleckt.
 
6. Wo. (113 km): Der Festwoche folgte eine Gipfelwoche mit zwei entspannten 40-Kilometer-Läufen und einer Halbmarathondistanz im sogenannten Schwellenbereich.
 
7. Wo. (99 km): Den Experten folgend, hatte ich vier Wochen vorm Marathon für einen Aufbaukampf über die Halbmarathon-Distanz gemeldet. Der Griesheimer Straßenlauf sollte die nötige Wettkampfhärte bringen. Ferner hatte in meinem Trainingsgelände der Tod Einzug gehalten: Aus einem verunglückten Gifttransporter waren 20
 000 Liter Methylamin in die Nidda geflutet und hatten den Fluß auf sechs Kilometer Länge völlig verpestet. Bei doomigem Sonntagswetter folgten vierzig friedliche Kilometer - gegen die Kloake!
 
8. Wo. (94 km): Eine neue Übung in meinen Vorbereitungen...
 
.:: DER AUFBAUKAMPF ::.
 
34. INT. GRIESHEIMER STRASSENLAUF, 3.10.04
(Halbmarathon)
Der Tag der Einheit wird nicht gefeiert
 
Ausgerechnet am Tag der »Wiedervereinigung« herrschte eitel Sonnenschein in Deutschland. Ein letztes Mal leckte das Quecksilber an sommerlichen Werten. Die einen freute es, andere nicht... Und wehe dem, der nicht im Auto nach Griesheim kam... Mit Bahn und Taxi vor die Tore Darmstadts durchgeschlagen, standen dort weitere Hürden bevor: Die Wettkampfstätten lagen im Radius von vier Kilometern über Griesheim verstreut: in der Hauptmann-Schule, im Hallenbad, in der Kirschberghalle, der Leuschnerstraße, der Goethestraße und der Hegelsberhalle. Umkleiden sollte es im Klubhaus des TuS Griesheim geben - das aber verschlossen war. Wer kein Auto hatte, dem blieb zum Präparieren die Sanitäranlage der Hauptmannschule oder der angrenzende Wald, Taschenlagerung ohne Haftung des Veranstalters...
 
Nachdem ich mein Trikot in der Knabenbrause übergestreift hatte, ertönte um 10.35 Uhr der Peng zur 34. Austragung des Straßenlaufklassikers, der auch als offizieller Vorbereitungslauf auf den Frankfurt-Marathon galt. Der renommierte Rundkurs (Streckenrekordler ist der Kenianer Lopuyet in 1:01:57 Std.) führte über flache Straßen und war für den Halbmarathon viermal zu absolvieren. Aus einem Laubwald ging es von der Goethestraße über die Eichendorffstraße durch ein Wohnviertel, weiter durch ein Gewerbegebiet, dann über die sich an Nordend und Nordring dehnenden Gemüseäcker, und auf schnellem Asphalt längs zur Autobahn über die Griesheimer Hauptstraße zurück in die Innenstadt. - Hallo, wach? Es war der erste »Halbe« für mich. Eine ganz neue Erfahrung. Im Modus »Jeder gegen jeden« wurde jeder Schritt schneller und mit höherem Einsatz als im Marathon gelaufen. Man rangelte mit Ellenbogen, und Kopf und Muskeln waren sofort voller Laktat und Adrenalin. Nachdem sich das Feld der mehr als 700 Halbmarathonis entzerrt hatte, ging es ganz manierlich voran. Leider sorgte die Beschilderung mit vermischten Wettbewerben und Kilometerangaben für etwas Wirrnis. Ansonsten blieb alles im Lot (paar Stiche am Schienbein waren halb so wild). Der schöne Altweibersommertag hatte auch etliche Neugierige an die Strecke und in die Schänken der Leuschnerstraße gelockt. Sie sahen den Berliner Sponar überraschend vorm favorisierten Kiprono Keter aus Kenia siegen. Lokalmatador und Ironman-Sieger Lothar Leder rannte mäßige 1:18:32 Std. Ich selbst beendete die 21
 097 Meter nach handgestoppten vierundneunzig Minuten.
 
Während sich die Laufsippe nach dem Wettstreit erst an der Kuchentheke und später in der am anderen Ortsende liegenden Hegelsberghalle in Rudelspielen erging, schuf ich mir mit einem Weissbier im Sportcasino der Viktoria einen Kontrapunkt zu diesem freudlosen Tag. Heimwärts wieder der gleiche Schleif wie am Morgen: im Taxi nach Darmstadt und von dort auf der Schiene zurück nach Frankfurt. »Warum tue ich mir das noch an?«, hab ich mich gefragt.
 
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
sonnig, 20ºC, nahezu Windstille
 
Teilnehmer am Start:
ca. 1000
Teilnehmer im Ziel: 961 (HM: 679, 10 km: 282)
Halbmarathonläufer im Ziel: 679 (M: 557 / W: 121)
 
Männer
1. Lennart Sponar (Berlin) 1:06:48
2. Joseah Kiprono Keter (Kaldauen, Kenia) 1:07:10
3. Mike Mariathasan (Bonn) 1:07:39
167. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:34:26 (41. M40, 179. Gesamt)
 
Frauen
1. Veronika Ulrich (Neu-Isenburg) 1:20:58
2. Meile Wallow (Marburg) 1:24:58
3. Christiane Brede (Bonn) 1:25:15
 
Ergebnisse

TuS Griesheim
Start (© Leichtathletikweb)
9. Wo. ( 91 km): »Die letzten drei Kilometer sind sie mit achtzehn Stundenkilometer gelaufen. Es macht Spaß, ihrem flüssigen, ökonomischen Laufstil zuzuschauen.« Nach dem Griesheimer Halbmarathon gab mir ein alter Mann, der mich eine Zeit lang mit dem Fahrrad begleitet hatte, neuen Schwung. Ferner drückten mich Abnutzungen im großen Zehgelenk. Aber drei Wochen würde es noch halten.
 
10. Wo. (111 km): Griesheim war das Signal, schnellere Läufe zu üben. Schnell ist geil! - Abseits der Laufstrecke hatten sich die Autobauer aus Rüsselsheim dem Teufel hinterm großen Teich verkauft - um ins Verderben zu rennen (viele werden folgen). Und noch etwas Betrübliches: Auf meinem Rundlauf durch die Niddaauen sah ich als »Jäger« Verkleidete unschuldige Wildtiere töten.
 
11. Wo. (90 km): Kein heile, heile Gänschen auch in Woche elf. Mit Schrotflinten und der Lizenz zum Töten ausgestattete Humanoiden schoßen in meinem Trainingsgelände aus Nahdistanz auf schwimmende Vögel - und die Nidda färbte sich blutrot.
 
12. Wo. (36 km + 42,195 km = Gesamt: 1043 km): Zur Verbesserung der Kohlenhydratreserven habe ich die Saltin-Diät gemacht. Damit waren weitere zwölf Wochen voller Schinderei und Entsagungen rum. Ich bin vegetarisch und abstinent durch den Oktober gegangen. Neben Magnesium hatte ich einen Mineralstoff-Komplex von Frubiase eingesetzt - und das Gefühl, besser zu regenerieren. Abgesehen von leichten Schienbeinbeschwerden blieb ich in der Vorbereitung erstmals von argen Verletzungen verschont. Ich hatte acht Dauerläufe über die 30-Kilometer-Marke hinaus gemacht, habe im Oktober vermehrt Tempoläufe geübt, und in den letzten beiden Wochen exakt nach Steffnys Plan für ein Zeitziel unter drei Stunden gelebt.
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
23. EUROCITY MARATHON MESSE FRANKFURT, 31.10.04
Freitag, 29. Oktober
 
Punkt 13 Uhr kratzte ich zwecks Abholung der Startunterlagen als erster Läufer an der Tür der Messehalle 1, Ebene 2. Im Halleninneren kam es zu einem Aufeinandertreffen mit meinem Dresdner Geistesbruder Sonntag (Metalfan und Marathonverrückter wie ich), der als Cheforganisator einen Auftritt für seinen Oberelbe-Marathon aufgezogen hatte. Und - oh weh - zwei Tage vor Halloween versuchte mich ein gewisser Running Devil sogar mit kühlen Blonden aus Sachsen zu verführen. Ein zarter Versuch... Nach zwei Stunden Quasseln und Schnäppchenjagd auf der Marathonmesse hieß es nichts wie heim, Abendbrot und ein Entspannungsbad nehmen, und ferner fünfe gerade sein lassen.
 
Sonnabend, 30. Oktober
 
Biomechaniker haben errechnet, daß 100 Gramm weniger Schuhgewicht den Kraftaufwand auf 42 Kilometer um ein Prozent verringert. Nachdem ich in den Vorjahren mit dem schweren Schlachtschiff Asics Gel Kayano (430 g), dem Trainingsklassiker GT-2080 (380 g) und dem Leichtgewicht Gel-DS Trainer (350 g) gelaufen war, sollte´s diesmal der federleichte, aber kaum unterstützende Wettkampfschuh Gel DS Racer (270 g) richten. Der Schuß ging nach hinten los... Ein kohlenhydratreiches Essen aus Reis, Kartoffeln und Nudeln mit Tomatensoße, dazu literweise Apfelschorle, beschloß den Tag.
Taunusanlage mit Deutsche-Bank-Hochhaus (© Frankfurt-Marathon)
Sonntag, 31. Oktober
 
Kühler Nebel waberte durch das Land. Es war mal wieder soweit!
FRANKFURT-MARATHON! Das Schöne in Frankfurt: Man kann richtig ausschlafen. Die Uhr wurde in der Nacht um drei eine Stunde auf Normalzeit zurückgedreht. Und der Schuß fiel erst um elf!... Um acht war Frühstück mit Kräutertee und niederländischem »Pejinenburg Ontbijtkoek«-Honigkuchen, den mir ein Kollege extra aus Venlo mitgebracht hatte. Halb zehn hatte ich mit meinem Begleitservice Peanut das Messegelände erreicht. Der alte Ort für die finale Verrichtung an der »Via Mobile« war heute leider zu. Auf eine der mobilen Toilettenkabinen hoffen? 35 für eine ganze Division... Mit Glück tat sich noch eine Möglichkeit vor Halle 1 auf, die mir den letzten Druck aus dem Leib nahm. Wahnwitz auch beim Umkleiden. Jeder Meter war bedeckt von einem Mensch. Überall roch es nach Mensch. Jedoch fand sich hinter einer Rolltreppe ein Fleckchen, auf dem ich mich unbedrängt vorbereiten konnte. Dreiviertel elf begab ich mich raus... Das Pyramidendach des Messeturms stocherte im himmelhohen Weiß, das Thermometer zeigte acht Grad. Gemäß meinem Ziel war ich dem zweiten Block (Skoda) zuteilt, war nach einem letzten Gang in die Büsche jedoch spät dran, und weil in den Zugängen das Chaos tobte, schmuggelte ich mich kurzerhand in den Asics-Block der Elite. 10 360 Mararthonläufer aus 62 Ländern waren angetreten. Darunter die mit den perfekten Ausdauermuskeln gesegneten Ostafrikaner mit so ruhmreichen Namen wie Kimayio, Kiptanui, Kipet, Rotich und Rono sowie Chicago-Sieger Osoro.
 
Kilometer 0 bis 10:
Start in »Mainhattan«
 
Um elf knallte der START-Peng. Wie immer wurde ich auf dem ersten Kilometer durch etliche lahme Schnecken ausgebremst. Das war heute aber nicht weiter schlimm, denn heute winkten mir die Marathongötter! Ich erblickte die neongrüne Weste mit den Ziffern 2:59. Der Zugläufer für die begehrte Endzeit war hinter mir gestartet und nur durch seinen Richtballon hatte ich ihn im Gewühle entdeckt. Ungleich lebhafter ging es nun vorbei am Opernplatz, über die alte Wallanlage hin zum wuchtigen Eschenheimer Turm und über eine Steigung hinauf zum Alleenring. Mild zwar, aber lang und muskelschändend - und deshalb auch vom Zugmann extra hinterfragt: »Geht´s so?« Und verdammt nochmal: Ja, es ging ganz gut so! Ich war beharrlich am roten Trikot, im Gefälle der Bremer Straße drei Minuten schneller als bei allen Marathons vorher, und nach fünf Kilometern präzise auf Kurs 2:59! Zwar rannte ich etwas überdreht, wollte aber solange wie nur möglich am Roten dranbleiben. Alles oder nichts! Mit dem Reuterweg streifte der Kurs mein altes Zuhause Westend. »Mario, laß es laufen!«, feuerte mich jemand an. Ich ließ es laufen, hatte den »Hasen« abgehängt! Erstmals verspürte ich so was wie Zuneigung für Frankfurt. Auf den vier Folgekilometern - durch die bankengesäumte Mainzer Landstraße, zurück zur Messe, wieder zur »Mainzer«, durch die Wolkenkratzerschluchten am Taunustor, die Kaiserstraße und über die Freßgass' - stachelten Abertausende mit großem Remmidemmi an. Der 10. Kilometer war für mich nach 41 Minuten erreicht. Damit war mein Hausrekord um drei Minuten unterboten und ich lag eine Minute unterm Raster für 2:59! Zittrig vor Freude griff ich zwei Trinkbecher. Vorbei an Börse und Eschenheimer Turm ging es zum Arabellahotel, wo eine Sambacombo für heiße Vibrationen sorgte. (Ein Augenkontakt mit einer Brasilianerin lenkte mich kurz ab.)
 
Kilometer 11 bis 20:
Durch die Wohngebiete südlich des Mains
 
Der zentrale Platz Konstablerwache war dann wieder übersät von Zuschauern und dem ersten Wechsel der Staffetten. Die Strecke kreuzte über die Alte Brücke, von der rechten auf die linke Mainseite. Und wie im alten Jahr gab es hier einen flüchtigen Kontakt mit meinem früheren Vorgesetzten Joe, der mir im Vorbeilauf jovial auf die Schulter klopfte. In Alt-Sachsenhausen angelangt, mußte ich zwei Wegversperrer wegrempeln. Einer schickte mir ´nen Fluch hinterher. An der Wasserstelle Walter-Kolb-Straße wieder hastiges Leeren zweier Becher. Nachdem die belebte Schweizer- und Hans-Thoma-Straße durch Sachsenhausen gelotst hatten, folgte eine lange Stille - mit der herbstgoldenen Kennedyallee und ihren Bonzenvillen. Auch die Reihen im Feld begannen sich zu lichten. Ich warf einen Blick über die Schulter, nach der neongrünen Weste, konnte sie aber nicht entdecken. Was war hier nur los? Nach an der Pferderennbahn Niederrad war es nicht mehr weit bis zu meiner Eigenverpflegung - und leider auch dem Augenblick, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Die eben noch gesuchte Gruppe um den Zugläufer eilte aus dem Hintergrund heran und schluckte mich. Vor der Eisenbahnbrücke erwartete Peanut mich mit dem ersten Getränk und einem Gel - welches ich aber verwarf: Die Sonne schuf eine für die Jahreszeit völlig widernatürliche Hitze. Ich schwitzte ungeheuer und sog nur gierig an der Pulle. Dabei kam ich aus dem Tritt und das große Ziel zog unaufhaltsam davon. Ein Sankra donnerte durchs Feld.
 
Kilometer 21 bis 30:
Zurück auf der Nordseite mit einem Gruß an die Wiege des Marathons
 
Mit 1:29:45 Std. lag ich an der Halbmarathon-Marke immer noch gut in der Zeit. Doch die Oberschenkel wurden nun schlagartig schwer. Zwar rückte die grüne Weste nach einem Stopp im Gebüsch noch einmal in den Blick - vielleicht wäre ich mit der Brechstange bis Kilometer 30 auch dran geblieben - doch wäre der »Rest« dann zur Hölle geworden. Längs des Schwanheimer Waldes schminkte ich mir den Traum ab. Wie jedes Jahr, war im Völklinger Weg eine Bühne mit krachendem Hardrock aufgebaut. Deep Purples »Highway Star« trieb mich weiter. Mit Wasser im Antlitz und Banane im Mund versuchte ich nun den Niedergang zu hemmen. Nach 25 Kilometern schraubte sich der Weg auf den »Mount Schwanheim Bridge« hinauf... Eine hübsche Brise blies jetzt von vorn... und im Rücken eines Unbekannten gelangte ich zurück auf die rechte Mainseite. Über die Brückenabfahrt, durch den Stadtteil Nied, über das westliche Ende der Mainzer Landstraße und den Anstieg zum barocken Bolongaropalast, kam es nun schon richtig heftig. Es ging durch den Höchster Hexenkessel Andreasplatz, und spätestens vom 30. Kilometer an galt alles Sinnen nur noch zumindest die 3:10 Stunden zu unterbieten. Auch das wäre ein Riesending gewesen.
 
Kilometer 31 bis 40:
Über die Mainzer Landstraße zurück nach Mainhattan
 
Gleich darauf kam die Senke unterm Bahnhof Nied hindurch. Wieder oben angelangt, gab es die zweite Anfeuerung von Joe. (Und wieder duzten wir uns und riefen unsere Vornamen. Das war in der Arbeitswelt nie so gewesen. Wie war der bloß hierhergelangt?) Neben der Nidda-Kampfbahn wartete Peanut mit dem zweiten Verpflegungsnachschub. Wieder eine Gallone »Weißer Blitz« mit Zuckergel. Und wieder warf ich das Gel weg und trank nur die Hälfte. (Es war Unfug, große Pullen zu nehmen. So viel kann der Magen nicht auf einmal verkraften.) Nun kam der lange Weg durch G-heim - Sturz vom Frenetischen in ein von kratzigen Hecken begrenztes Nichts. Immer geradeaus bis es nicht mehr weitergeht. Ich brach unheimlich ein und die leichten Sohlen bestraften die Gelenke umso mehr. Jeder Schritt wie ein Aufprall der Knochen auf unelastischem Zement. Schon im Unterbewußten gelangte ich zum Kilometer 35. Eine alte Frau streckte mir Tee entgegen. Der Rückstand war auf acht Minuten angewachsen. Jemand mit »Jesus wird siegen!« im Kreuz erblickend, trieb ich durch den berüchtigten Gallus... und immer weiter der blauen Linie entlang... Das Gutleutviertel tauchte auf und auf dem Güterplatz rückte der Messeturm in Sicht. Das Ziel! Doch zuvor ging es noch mal durch die Innenstadt. Unter den Wolkenkratzern um den 38. Kilometer tauchte ich in elektrisierende Massen ein. Und ein paar Reserven hatte ich mir fürs Schaulaufen durch »Mainhattan« aufgespart. »Kilometer 38« klingt wie überstanden. Sind aber noch vier Kilometer - und einhundertfünfundneunzig Meter! Und die lagen über der Schmerzgrenze. Das Zifferblatt der Katharinenkirche zeigte schon 14 Uhr an. Ich hätte Siebenmeilenstiefel benötigt, um wenigstens unter 3:10 Stunden zu bleiben...
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Die Hexenkessel zwischen den Wolkenkratzern
 
Über die Hauptwache, den Roßmarkt und den Opernplatz erreichte ich ein letztes Mal die »Mainzer« mit den blauen Zwillingstürmen. Nah am Zusammenbruch folgte der Schwenk auf die leicht steigende Endgerade. Die keine mehr ist. Kein Zielbanner mehr am Horizont. Das hing nun versteckt unterm Dach der Festhalle! Hinterm Messeturm ein Knick nach links - und noch eine Schikane vorm Sturm in die »Gud Stubb«: Über eine Holzrampe war »der größte Mineralwasserkasten der Welt«, der aus 2500 Kästen aufgestapelte, zehn Meter hohe Werbeturm »Mehrweg läuft!«, zu duchlaufen. Wummernden Schrittes durchquerte ich den Megakasten und stach aus einem sonnenhellen Tag - - in eine dunkle Wand mit Tiefstrahlern und dem Dampf aus achttausend Mündern - - ins ZIEL. 3:12:18 Stunden bedeuteten die 761. Stelle unter 8724 Angetretenen.
 
Am Ende des Roten Teppichs wurde man auch schon von Helfern aus dem Tollhaus rauskommandiert. In der Vorhalle »Forum« warteten die Medaille und ein zwölf Quadratmeter großes Aquarell der Künstlerin Anna Freda, das - von den Läufern signiert - die Kampagne »Ausdauersport ist die zweitschönste Angelegenheit auf der Welt« transportieren sollte. Ich verewigte mich mit Doom on! und wurde gleich weitergeschubst... naßgeschwitzt hinaus auf die Freifläche »Agora«. Wo es neben Wind und Kälte auch Versorgungspunkte - aber nicht das versprochene Bier aus Radeberg gab. Ich entdeckte den langhaarigen Lipecki, der mit Rückenschmerzen heute »nur« 2:43 Stunden gerannt war. Zähneklappernd und mit Gönnerflasche in der Hand ein paar Worte mit ihm. Schlechtes Schuhwerk ließ meinen Kumpel Jockel mit blutenden Füßen erst nach 3:55 Stunden das Ziel erreichen. Bibbernd nach Peanut gesucht und sie am Familientreff gefunden; in Halle 1, Ebene 1, neben einem sich rituell reinigenden Japaner in trockene Kleidung gestiegen; eine Andenkenmedaille für Peanut erbeutet (die liebäugelte nach ihrem Trainingspensum von 6 mal 7 Kilometern plötzlich selbst mit einer Teilnahme am Marathon); Voraburkunde und Medaillengravur besorgt; Freddy vom Laufladen Kaiserslautern besucht - - und ab nach Hause. Denn einen Ort zum Verweilen gab es nicht.
 
Zum Matador am Tag der Rekorde stieg abermals Boaz Kimaiyo auf. Dabei lief er ab dem 30. Kilometer allein. Für Sieg mit neuem Streckenrekord in 2:09:10 Stunden sahnte Kimaiyo 30
 000 Euro ab. Mehr als zwei Minuten später folgten die Nächsten. Kibet, Rotich, Rono und Mogaka machten den kenianischen Fünffach-Triumph komplett. Der Erste aus der weißen Welt folgte mit knapp sechs Minuten Rückstand. Den Sieg bei den Frauen machten die Russen unter sich aus. Im Duell der Nurgaliejewa-Zwillinge (nicht gerade zierliche Persönchen) war Olesya ihrer Schwester Elena eine Nasenspitze voraus. Auch Bronze ging an Rußland. Deutschland versagte auf ganzer Linie.
 
 
FAZIT
 
Ausstrahlung:
Frankfurt war sympathisch wie noch nie. Dazu trugen die gewohnt mustergültige Organisation, das tolle Leistungspaket, und nicht zuletzt der jährliche Fernsehbericht mit Bildern vom Boden und aus der Luft und dem dreimaligen Frankfurtsieger Herbert Steffny in der Sprecherkabine bei (die beste ihrer Art überhaupt). Dazu kam die flache und schnelle Strecke, an der diesmal auch noch gute Stimmung herrschte. Mit seinem Marathon kann Frankfurt sich bestens als Sportstadt präsentieren. Nur das »Eurocity« im Titel tat echt weh. Wirkung: Frankfurt-Marathon ist nicht schwer: 13
 000 rennen 42 Kilometer durch die Stadt, und am Ende gewinnt Kenia. So war es auch im Olympiajahr. Sprung in andere Welten unterdessen für mich durch den sportlich wertvollsten Marathon bis dahin. Für die Materialinteressierten: Ich trug den Schuh Asics Gel DS Racer VI.
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
Kleiner Aufreger auch bei unsrer Abschlußfete mit dem verdienten Radeberger (!) in einer Schänke am Rödelheimer Biegwald. Ein Fettwanst von zwei Metern Umfang hatte am Nebentisch zu seinem nicht minder dicken Zechbruder konstatiert: »Mit der Hälfte von denen kannste doch ´ne Runde um die Nidda drehen!« Gemeint waren damit aber keine ausgehöhlten und leuchtenden Kürbisse - heut war Halloween -, sondern die Teilnehmer des Marathons. Deutschland im Herbst. Wer da in keine Depression fällt.....
 
 
Dankesworte
Peanut
Frankurt 2004
Dem Zugläufer für 2:59 Stunden (Der Unbekannte schrieb mir eine Woche später: »Die 2:59 sind wirklich nicht mehr weit entfernt, das wirst Du schaffen.« Es war der Schriesheimer M. van Ghemen.)
 
 

Kampfläufer Vitus im November 2004
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: nach Frühnebel sonnig, 8 bis 14ºC, leichte Brise
Zuschauer: ca. 200
 000
 
Gesamtteilnehmer
(Marathon, 5 km, Handradfaher, Rollis, Staffeln, Kufenroller)
Meldungen:
15
 245
Am Start: 13
 067
Im Ziel: 11
 464
 
Marathon
Meldungen:
10
 360 (M: 8735 / W: 1625 / Nationen: 62)
Am Start:
8724 (M: 7358 / W: 1366)
Im Ziel: 8299 (M: 7008 / W: 1291)
 
Männer
1. Boaz Kimaiyo (Kenia) 2:09:10 (SR)
2. Luke Kibet (Kenia) 2:11:28
3. Benjamin Rotich (Kenia) 2:11:45
4. John Rono (Kenia) 2:12:59
5. Fred Mogaka (Kenia) 2:14:28
6. Dmitri Baranowski (Ukraine) 2:15:03
 
Frauen
1. Olesya Nurgaliejewa (Rußland) 2:29:48
2. Elena Nurgaliejewa (Rußland) 2:29:49
3. Julia Vinokurowa (Rußland) 2:32:29
4. Gladys Asiba (Kenia) 2:35:16
5. Maija Oravamäki (Finnland) 2:39:37
6. Maija Heller (Deutschland) 2:54:58
 
Kampfläufer Vitus
Startnummer:
9108
Nation: Deutschland
Zeit: 3:12:20
Platz:
757 von 7008 bei den Männern
Platz:
171 in Klasse M40
Zwischenzeiten
05 km: 0:20:54
10 km: 0:41:37 (00:20:43)
15 km: 1:03:23 (00:21:47)
20 km: 1:24:53 (00:21:30)
HM: 1:29:47
25 km: 1:47:30 (00:22:38)
30 km: 2:11:02 (00:23:32)
35 km: 2:36:24 (00:25:22)
40 km: 3:01:59 (00:25:36)
 
Ergebnisse

Frankfurt-Marathon