29. BADEN-MARATHON KARLSRUHE, 18. September 2011
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AUFBAUKÄMPFE
Hausener Volkswaldlauf (Halbmarathon), 31.7.11
Koberstädter Waldmarathon (Halbmarathon), 28.8.11
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Große Schleife um den Fächer - Zusammen-wachsen
 
 
Karlsruhe war mein 35. Marathon - und eine ganz neue Erfahrung: Ich war Trainingskamerad, Wasserträger und Betreuer für einen Rohdiamanten aus Äthiopien. Die für Spiridon Frankfurt antretende Haimanot Haile hatte mich um eine Startvermittlung für den Köln-Marathon gebeten. »DU BIST MEIN MANAGER!«, hatte sie zu mir gesagt. Haimanot wollte in Köln um die Preisgelder mitlaufen. Seit vier Jahren lebt die Afrikanerin in Deutschland, sie schlägt sich mit Hilfsjobs und Preisgeldern durch, wohnt allein in der Waldstadt Dreieich und schickt Geld heim nach Arba Minch in der Provinz Gamo-Gofa. Aus Köln kam jedoch die Antwort, »daß nur Athleten mit einem Athletenvertrag Anspruch auf das Preisgeld haben. In diesem Jahr ist unser Athletenfeld aber leider schon voll.« Selbst mit einem Sieg wäre Haimanot die Geldprämie verwehrt geblieben... Da ich bereits für Karlsruhe angemeldet war, ergab sich ein Kontakt mit dem dortigen Chef. Angesichts Hailes Zeitziel um 2:55 Stunden hatte Herr Bachl eine vordere Platzierung in Aussicht gestellt. Nach einer Probe über 40 Kilometer war der Start der Äthiopierin im Südwesten Deutschlands festgezurrt. Und zwar als Nachmelder per Schneckenpost. Weil Haile in Karlsruhe ihren ersten Marathon lief - der Einstand im Frühling in Mainz war in die Hose gegangen - bekam sie einen Freistart und hatte 45 Euro gespart. Des Guten nicht genug, stellte uns Karlsruhe als Hilfswerk für Ostafrika eine Kiste mit einer Serie älterer Trikots mit Jahreszahl zusammen, die wir in der Europahalle abholen sollten.
 
Überhaupt... Karlsruhe... 1983 als Großübung für das Deutsche Rote Kreuz ins Leben gerufen (Einsatzpläne, Funkverkehr und Versorgung sollten im Echtbetrieb geprobt werden), ist der Baden-Marathon heute der drittälteste Stadtmarathon in unserem Land. Die Startplätze sind begehrt und auf 10 000 begrenzt (für den Marathon standen 3500 Plätze bereit, im Halbmarathon waren es 6500). Damit zählt Karlsruhe zu den größeren Laufveranstaltungen. Neben Volksnähe - alle unsere Telefonate und Briefe mit dem Marathonbüro verliefen äußerst herzlich - wird in Karlsruhe auch Einfallsreichtum gelebt. Wo sonst gibt es Wunsch-Startnummern, das Kulturprogramm »mARaThoniade« mit illustrierten Kilometerschildern (2011: 42 Tierarten aus dem Karlsruher Raum), von Dächern und Balkonen »Klangstrahlen« aussendenden Musikern, Ganzkörperbemalten und »Tanz-Marathonis«, dazu »Marathonengel«, die einen auf den letzten Kilometern in den »Runner´s Heaven« führen?
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Marathon wurde auf zwei Runden ausgetragen, die aneinandergelegt eine 8 ergaben. Start und Ziel befanden sich an der Europahalle im Karlsruher Südwesten. Von dort aus ging es in der ersten Schleife durch die Oststadt nach Durlach. In Durlach bog die Route über den Oberwald ab und führte durch Rüppurr, Bulach und Beiertheim zurück zum Europa-Sportpark. Bis dort war es asphaltiert und schnell zu laufen. Auf der zweiten Hälfte waren zuerst sechs Kilometer auf dem Uferweg der Alb zu laufen. Über die Nordweststadt ging es in die Innenstadt, wobei die Strecke durch die Schloßanlage und über die strahlenförmig vom Schloß ausgehenden Straßen des »Fächers« zum Ziel im Beiertheimer Leichtathletikstadion führte. Wegen einigen Brücken und Naturwegen war die zweite Runde schwieriger als die erste, weshalb Karlsruhe nicht zu den ganz schnellen Marathons zählt (insgesamt sind es 158 Höhenmeter). Die Streckenrekorde hielten zwei aus Kenia: Joel Kiptoo Kipkemboi mit 2:09:07 Stunden (2009) und Irene Cherop Loritareng mit 2:35:53 Stunden (2008).
 
Strecke in Google Earth
>> Google Earth
GPS-Strecke
>> GPSies
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Mit Haimanot war ich im Bahntraining von Spiridon und auf langen Dauerläufen entlang der Nidda zusammen gewachsen. Marathona Peanut war ja schon immer dagewesen... Während es für Haimanot um alles ging, war Karlsruhe für Peanut und mich nur die Vorrunde für FRANKURT Ende Oktober. Hier meine 10 TRAININGSWOCHEN vom 11. Juli bis 18. September:
 
01. Wo. (122 km): Training
02. Wo. (133 km): Training
03. Wo. (101 km): Halbmarathon (18. in 1:27:25)
04. Wo. (150 km): Training
05. Wo. (140 km): Training
06. Wo. (160 km): Training
07. Wo. (105 km): Halbmarathon (17. in 1:24:11)
08. Wo. (161 km): Training
09. Wo. (124 km): Training
10. Wo.
0(98 km): Angepaßte Erholung - KARLSRUHE-MARATHON (38. in 2:58:57)
Gesamt: 1294 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
29. Fiducia BADEN-MARATHON KARLSRUHE, 18.9.11
Freitag, 16. September
 
Angefangen hatte der Marathon für uns uns drei Spiridonläufer am Freitag. Am Abend war die Äthiopierin völlig unerwartet in unserer Frankfurter Behausung aufgekreuzt, um noch dies und jenes am Computer zu erledigen, da sie selber keinen besitzt. In der neunten Abendstunde habe ich Haimanot zum Bahnhof in Rödelheim begleitet. Wenige Stunden später sahen wir uns auf dem Frankfurter Hauptbahnhof wieder...
 
Sonnabend, 17. September
 
Als Treff hatten Haimanot, Peanut und ich halb elf ein Schnellrestaurant in der Bahnhofshalle vereinbart. Via Funktelefon fanden wir uns, 10 Uhr 50 fuhr der Zug, und mittags um zwölf war das Badische Land erreicht. Mit dem Athletenhotel »Ibis Karlsruhe City« hatten wir einen wunderbar rundüberholten Altbau gebucht. Dort, in der Lobby, war auch eine Tafel mit der Liste der Spitzenläufer aufgestellt. Wir nächtigten unter einem Dach mit den Kenianern und Äthiopiern, die tags drauf den Marathon dominierten: mit den Frauen Barsosio, Reda und Tefera und den Männern Mutai und Maswei, mit zwei Rotichs, mit Kolbo und Aboye, zwei Kosgeis und Lokochol, dazu dem Deutschen Marathonmeister Pyka. Neben den illustren Läufern buhlten in der Lobby auch windige »Geschäftsmänner« um Geld. Unsere Spitzenfrau Haile hatte sich bei äthiopischen Freunden ganz in der Nähe einquartiert. - Um eins machten wir uns zum Abholen der Startunterlagen zusammen zur Marathonmesse auf. Die Europahalle hatte sich in Marathonschmuck gehüllt. Rund um die Kommandozentrale herrschte reger Trubel, rot-weiße Flatterbänder knatterten im Wind, und schon von Weitem machte sich bei mir ein fast vergessenes Kribbeln im Bauch breit: M a r a t h o n f i e b e r! Leider hatte Haimanot ihren Zeitmeßtransponder verloren, weshalb wir einen Leih-Chip erstehen mußten. Dafür gewannen wir beim Raddrehen drei Marathonbücher von je 25 Euro. - Zurück im Hotel beschloß das übliche Programm aus Proviantbesorgung, Lockerungslauf, Abendessen, Materialrichten und Muskelpflege den Tag. Haimanot hatte felsenfest an den z w e i t e n Platz geglaubt. Sie wollte noch ihren G o t t anflehen und bat uns, auch für sie zu beten. Trotz größtmöglicher Zurückhaltung blieb am Ende Erschöpfung. Eine halbe Stunde vor Mitternacht lagen wir im Bett. Um uns nicht gegenseitig wachzumachen, hatten wir dem Hotelmädchen ein zweites Bettuch vom Wagen stiebitzt.
Schloß Karlsruhe (© Vitus)
Sonntag, 18. September
 
Regentropfen auf dem Blechdach unter unserem Fenster machten mich um fünf Uhr wach.
BADEN-MARATHON! Nach einem Trab um den Block rüttelte ich Peanut wach. Die fühlte sich wie gerädert. Zum Frühstück hatten wir selbstgebackene Muffins aus Maismehl und Trockenobst, dazu das türkische Sirupgebäck »Baklava«. Haimanot wollte »Sebeibe« essen (so hatte sie es mir mit kaum leserlichen Schnörkellettern aufgeschrieben), aber es war dann deutsches Schwarzbrot mit Marmelade und Milch. Während Freunde sie im Auto zum Start brachten, erfolgte die Anreise von Peanut und mir mit der Straßenbahn 2E. Um acht hatten wir die Umkleideräume in einer Schule neben der Europahalle erreicht. Pünktlich mit unserem Aufbruch zur Startaufstellung hörte es auf zu regnen. Wind bewegte die Blätter. Um die 8000 Läufer hatten sich bei herbstlichem Wetter auf den beiden Fahrbahnen der Hermann-Veit-Straße eingefunden. Leider war ich spät dran, so daß mich der Blockwart von Start 1 nicht mehr zu Haimanot durchließ. Während sich die Äthiopierin zwischen der schwarzen Phalanx auf der Startlinie formierte, wurde ich in die zehnte Reihe gescheucht. Auf den letzten Drücker stieß der Sieger des Halbmarathons von Kreuznach 2009, Dirk Karl, zu mir.
 
Kilometer 0 bis 10:
Von der Europahalle durch die Südstadt und den Osten nach Durlach
 
Um 9 knallte der Peng. Von Beginn an entwickelte sich der Kampf nicht in unserem Sinne. Angeführt von ihren Freunden war Haimanot in einer Kombination aus Gabe, Gottvertrauen und Harakiri ohne taktisches Kalkül drauflosgestürmt, und bald uneinholbar aus dem Blick enteilt. Für eine lange Zeit sollte ich die kleine Afrikanerin auch nicht mehr sehen. Denn Haimanot lief zu schnell. Und mit Gewalt dranbleiben - um später bitter zu bezahlen - das wollte ich nicht riskieren. Peanut bewegte sich sowieso in ganz anderen Sphären. Über die Brauerstraße führte die Route zuerst nach Norden, um dann einige Kilometer auf der Kriegsstraße durch die wenig ansehnliche Südstadt in die markgräfliche Residenz Durlach zu leiten. Bis Durlach war ich mit Sichtkontakt zu Dirk Karl Kilometer in 3:55 bis 4:05 Minuten gelaufen. Nach 38:42 Min. ging Haimanot an der 10-Kilometer-Marke durch und wäre bei gleichmäßiger Geschwindigkeit nach 2:42 Std. im Ziel gewesen. Damit wäre sie gleich beim Debüt aufs Treppchen gekommen! Ich selbst folgte zwei Minuten später und wäre damit unter 2:52 Std. geblieben. Peanut lag mit einer 53er Zeit auf einer Marathon-Endzeit um die 3:45 Stunden. Aber Hätte, Wenn und Aber gibt´s im Sport nicht. Die Realität schimmerte grau! Schon früh zwickte die Achillessehne und die Beine fühlten sich ganz schwer an. Noch schlimmer sollten die Frauen für den Tag zuvor büßen...
 
Kilometer 11 bis 20:
Vom Oberwald durch Rüppurr und Bulach nach Beiertheim
 
Das zweite Viertel wurde von einem Waldstück eingeleitet. In meinem Rücken tauschten zwei Angeber ihre Bestzeiten aus und berechneten ihren heutigen Marathon mit 2:50 Std. - um dann nach 21 Kilometern rauszugehen. Die Strecke führte durch Rüppurr, dem Start- und Zielort der frühen Jahre. Beim 1. Internationalen Karlsruher Rotkreuzmarathon 1983 kamen immerhin schon 691 Läufer ins Ziel. Durch Gartengrün und stille Siedlungen im gehobenen Stile ging es weiter. Wie aus dem Nichts türmte sich dabei auch immer mal wieder ein Brückchen auf. Erst muskelschändend steil hinauf - und dann gelenkmarternd steil wieder hinab. An einem dieser Biester sollte der favorisierte Pyka seinen Halbmarathon verlieren. Meine Suche nach dem Eigengetränk am Kilometer 18 blieb ebenso erfolglos, wie die an den Verpflegungsstellen davor und danach. Von vier Flaschen konnte ich nicht eine greifen. Auch Haimanots blieb unberührt. Nach Bulach neigte sich die erste Streckenhälfte dem Ende. Wobei die Läufer vor der Marathonweiche entscheiden konnten, ob sie den Kampf nach 21 Kilometern beenden und damit in die Wertung des Halbmarathons kamen. Anstatt sofort nach rechts abzubiegen, bin ich geradeaus an der Europahalle vorbei. Damit war ich Marathonläufer.
 
Kilometer 21 bis 30:
An der Alb lang über Daxlanden und Mühlburg in die Nordweststadt
 
Für die erste Rennhälfte hatte ich 1:27 Stunde gebraucht. Eine Gratwanderung. Diese Zeit ließ die Tür für einen Marathon unter drei Stunden offen. Doch es durfte nichts passieren. Jetzt war der Rubikon aber sowieso schon überschritten. Voraus lief der Weg sechs Kilometer weit über die schmalen und teils aufgeweichten Uferwege der Alb. Links erstreckte sich der Rheinhafen. Einen Jubelsturm sollte man hier nicht erwarten. Stattdessen war ich allein auf weiter Flur, nur mit der eigenen Uhr. Und die redete eine ernüchternde Sprache. Der 26. Kilometer stieg auf 4:33 Minuten an. Unwahrscheinlich, so noch eine Endzeit unter drei Stunden zu schaffen. Nun schwammen mir die Felle davon. Ich dachte über einen Ausstieg nach. Doch der hätte auch das Ende meiner Laufkarriere bedeutet. Zwei Aufgaben nacheinander wären das endgültige Aus gewesen! Haimanot spielten unterdessen die Schuhe übel mit. Nach 25 Kilometern hatte sie sich Blasen gerieben. Und Peanut wiederum war ohne erkennbares Zeichen schleichend müde geworden. Die Alb hatte ihre Spuren hinterlassen.
 
Kilometer 31 bis 40:
Von der Nordstadt durch den Schloßgarten in die Innenstadt und den Süden
 
Hinter dem Alten Flugplatz ganz im Karlsruher Norden, registrierte ich einen Zweig, der sich in meiner Sohle verfangen hatte und den ich bis ins Ziel als klappernden Ballast mitschleppen sollte. Doch nun kam mir eine Macht von oben zu Hilfe. Aus dem Hintergrund waren drei frische Läufer herangeeilt. Nach der langen Schwächephase im zweiten Viertel konnte ich nun von Windschatten profitieren und einen neuen Rhythmus finden. Es waren diese Unbekannten, die mich aus dieser bedrohlichen Lage befreiten. Vom 32. Kilometer an konnte ich das Tempo selber noch mal anziehen und im Schloßgarten wuchsen mir regelrecht Flügel. Im östlichen Teil kam es zur ersten Begegnung mit Haimanot nach 35 Kilometern, die sich durch einen Flanierstreifen getrennt auf der Gegenspur vorankämpfte. Ausgangs der Schloßanlage hatte ich die Erfahrung ausgespielt und aufgeschlossen. Haimanot konnte mir nicht mehr folgen. Sie hatte sich übernommen, war nicht mehr bei Sinnen, und in der Niederlage vielleicht auch im Stolz verletzt. Damit war das Fiasko perfekt. Im Endkampf zwischen den Kaufhäusern und Straßenbahnschienen der Innenstadt verlor sie ihren fünften Platz und auch die Zeit unter drei Stunden war futsch.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Finale im Europa-Sportpark
 
Mit der Ankunft in Beiertheim ging es noch mal durchs Grün längs der Alb, eine letzte Senke unter einer Straße hindurch war durchzustehen, die Europahalle wurde gestreift und nach einem Spalier aus Zäunen und Zuschauern hatte ich kurz vor zwölf Uhr das Marathontor der Beiertheimer Kampfbahn erreicht. Nun war bloß noch die Gerade vorbei an der Tribüne zu meistern. 2:58:57 Stunden bedeuteten den 38. Platz, die Egalisierung meiner Zeit aus Mainz, und die 5. Stelle in der Altersklasse. Unmittelbar nach mir kreuzte Dirk Karl die Linie. 93 Sekunden nach mir lief Haimanot ins ZIEL. 93 Sekunden: nur eine Ellipse auf Tartan - doch durch die Schallmauer der »2« und »3« vorm Doppelpunkt getrennt. Haimanots erster Marathon endete nach 3:00:30 Stunden. Ein Problem war das für sie aber nicht. Nur der Platz und das Preisgeld waren von Bedeutung. Als Sechste hatte Haimanot nur 100 Euro verdient, und so wollte sie auch von der Rose für jede Frau nichts wissen. Nachdem wir von Krämpfen geschüttelt und vor Kälte wie Espenlaub zitternd die Umkleide erreicht hatten, schleuderte Haimanot das Corpus Delicti zu Boden: Die Innensohlen waren schuld. Sie gehörten nicht zum Schuh und waren auch noch seitenverkehrt. Das letzte Renndrittel mußte Haimanot mit riesigen Blutblasen an beiden Füßen laufen. - Peanut hatte das Motiv gefehlt. Sie wäre gern unter vier Stunden geblieben, aber letztlich war Karlsruhe nur ein Vorkampf für Frankfurt in sechs Wochen. Auf einen verheißenden ersten Halbmarathon in 1:56 Stunde folgte ein verheerender Kräfteabfall. Trotz der erstmals startenden »Genußläufer«, die ab elf Uhr am Halbmarathonpunkt ins Geschehen eingriffen - und damit nicht nur den »Fächer« mit seinen Sehenswürdigkeiten zwischen Schloß und Innenstadt besichtigen durften, sondern auch Hilfe für die Marathonis im Mittelfeld sein sollten - fiel ihre zweite Hälfte 20 Minuten langsamer aus.
 
Maß aller Dinge waren erneut die Professionellen aus Ostafrika. Die bei uns im Hotel untergebrachten Neun besetzten am Ende die Plätze 1 bis 6 bei den Männern - mit 2:13 Stunden stieg der bisher wenig bekannte Kenianer Maswai zum Matador auf - und die Ränge 1 bis 3 bei den Frauen. Sally Barsosio, Olympiateilnehmerin in Atlanta, Sydney und Athen, fuhr 2200 Euro ein; »Dark Horse« Maswai bekam 3600 Euro. Amos Rotich, dem ich am Morgen in der Lobby noch viel Glück gewünscht hatte, wurde in 2:25 Stunden Achter.
Der Kampf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
EHRUNG UND SCHLUSSFEIER
 
Zwischen 13 und 14 Uhr wurden in der Europahalle Runner-Trophäen übergeben. Während ich mich zum benachbarten Stadion verabschiedete, um Peanuts letzte Meter in den »Runner´s Heaven« zu verfolgen, rief der Hallensprecher Haimanot für den 6. Platz bei den Frauen auf die Hauptbühne der Halle. Neben einer Urkunde hätte Haimanot auch ein Anschreiben mit der Bitte um Mitteilung des Bankkontos erhalten müssen (für die Leistung über 3:00 Std. waren 50 Euro ausgelobt), Sprachprobleme verhinderten jedoch die Übergabe. Dafür würdigte Herr Bachl ihre Leistung in einer persönlichen Geste im Nachhinein mit 100 Euro. Und dabei sollte es nicht bleiben... Peanut und ich durften uns ab halb drei als weiße Tupfer zwischen die Afrikaner setzen, ins Reich der Manager und schwarzen Koryphäen. So saß mit der hübschen Äthiopierin Reda, einer Freundin von Haimanot, auch die Zweitplatzierte direkt neben uns am Tisch. Um 14.45 Uhr wurde der Baden-Marathon 2011 als beendet erklärt. Im Anschluß haben wir uns Medaillengravuren besorgt, bei der Nudelfete »Pasta Genuß« die Bäuche vollgehauen, und die extra reservierte Kiste mit 60 gelben »T-Shirts für Afrika« abgeholt. (FJBachl hatte für die Zusammenstellung gesorgt, und durch uns wurde die Spende in Haimanots Haus nahe Frankfurt gebracht, von wo sie im Oktober den Flug nach Äthiopien antritt.) - Nach einem Feiertrunk im »Fellows« haben wir uns nachmittags um 5 von Baden verabschiedet.
 
 
FAZIT
 

Karlsruhe hatte eine grundherzliche Ausstrahlung. Alles braucht etwas länger in Fächerstadt, aber vielleicht gerade deswegen wurde sie 2010 zur sympathischsten Stadt Deutschlands ernannt. Angeführt von erfahrenen Machern verlief die Organisation mit Blick auf das Notwendige ruhig und wie am Schnürchen. Die Abgabe von Eigenverpflegung war möglich. Neben Teilnehmermedaille und Trikot bekam der Läufer als Andenken auch ein Buff-Schlauchtuch mit Symbolen und Emblemen des Marathons. Karlsruhe ist jedoch kein klassischer Stadtmarathon. Die Strecke bewegte sich mitunter durch Vorstadtsiedlungen und im Grünen. Zuschauer kamen eher spärlich. Für den Fall eines Hochwasser der Alb stand eine Alternativroute im Stadtteil Grünwinkel bereit. Etliche Straßen-, Bahn- und Flußüberquerungen - besonders auf der zweiten Hälfte - vereitelten die Bestzeiten. Für die Materialinteressierten: Haimanot lief einen alten Saucony Grid Fastwitch, Peanut trug Asics Gel-3010, Vitus zum sechsten Mal den Adidas adiZero Boston von 2009.
 
 
Was sonst noch zu sagen wäre
Die Expedition stand ganz im Zeichen von H a i m a n o t. Mit ihren 45 Kilo, verteilt auf 1,50 Meter, verkörpert Haimanot den Idealtyp des Marathonläufers. Sie ist klein und leicht und durch einen Schulweg von zwei Stunden hin und zwei zurück, hat sie sich schon als kleines Mädel einen phantastisch lockeren Laufstil angeeignet. Ihre Unverbrauchtheit, die unsagbare Gelassenheit der Afrikaner und die Bereitschaft für schwere Strapazen mit bescheidenen Mitteln, rüsten die Zwanzigjährige für große Erfolge (wobei das Alter ein Geheimnis bleibt: Geburtsdokumente gibt es keine; wer den Tag nicht kennt, wurde am Ersten eines Monats geboren. Zumindest war in Deutschland die Mauer gefallen, als Haimanot zur Welt kam; von einem Sportland namens DDR hat sie nie gehört). Aber Haimanot muß viele Spagate schaffen. Hier das schwierige Deutsch, ohne das keine Ausbildung möglich ist. Da der Besuch einer Schule. Dort der Traum, Geld für die Familie in Afrika zu machen. Mit Tagelöhnerjobs? Oder als Berufsläuferin? Hier wiederum als Halbmarathon- oder Marathonläuferin? Der Sonntag fällt aus Gottesfurcht als Trainingstag aus. Und auch gewisse postpubertäre Philosophien spielen noch eine Rolle. Aber wenn man ihr die notwendige Unterstützung gäbe und sie unter professionellen Bedingungen trainieren ließe, könnte was draus werden. Im Marathon traut Haimanot sich 2:37 Stunden zu...
 
Nachtrag/Ergebniskorrektur
Beim Studium der Ergebnisse fiel mir auf, daß die vormals Vierte (Machado da Silva, 2:57:08) plötzlich mit 4:29:57 auf dem 132. Platz auftauchte. Damit ergab sich eine neue Top 6 der Frauen, samt neuer Preisgeld-Verteilung! Nachfolgend die Erklärung der Einsatzleitung von Marathon Karlsruhe e.V.:
»Frau Machado da Silva war wohl fälschlicherweise auf Platz 4 geraten (Fried-Jürgen will den Fall bei unserem Zeitmesser noch klären), sie hatte auch nicht an der Siegerehrung teilgenommen und noch kein Preisgeld überwiesen bekommen. Gut für die Läuferinnen, die jetzt nachgerückt sind, und das Preisgeld, das ihnen zusteht, natürlich auch noch ausbezahlt bekommen. Für Haile überweise ich heute noch die restlichen 50 Euro - wie von Fried-Jürgen mitgeteilt, auf dein Konto. Zu euren eigenen Zeitverschiebungen kann ich nur die Email von Herrn Frielingsdorf als Erklärung beifügen. In diesem Jahr haben bei der Zeitmessung leider ein paar Dinge, die in den Vorjahren einwandfrei liefen, nicht geklappt.«
 
Das erklärte der Ergebnisdienst Mika-Timing:
»Hallo Herr …,
ich habe die Startzeiten in Block D noch einmal überprüft. Das System besteht aus Master und Backup. Dabei war wohl die Uhrzeit des einen Meßsystems tatsächlich um genau 1 min zu spät eingestellt. D.h. die Läufer, die nur auf diesem System erkannt wurden (und nicht auf dem
Mastersystem) hatten dann die von Ihnen beschriebene Differenz). Ich habe dies bei den betroffenen Startern korrigiert und entsprechend aktualisiert. Danke für Ihren Hinweis.
Gruß
Bernd Frielingsdorf«

 
Damit rückte unsere Haimanot Haile in den Geldrängen auf den 5. Platz vor und hatte einen Geldpreis von 150 Euro verdient: ein fürstlicher Tagessatz (in Äthiopien drei Monatsverdienste!).
 
 
Dank und Gruß an...
Hedwig und Fried-Jürgen vom Marathon Karlsruhe (für unfassbare Großmütigkeit),
die Vereinskameraden von Spiridon Frankfurt (für neue Kraft durch die Laufbahn), und
Peanut und Haimanot (für neue Lebensgefühle).
Mein ganzes Läuferleben habe ich davon geträumt, einmal mit einem Athleten oder einer Athletin aus Ostafrika zusammen zu laufen. Karlsruhe machte den Traum wahr!
 
 

Kampfläufer Vitus, 27. September / 4. Oktober 2011
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: bedeckt mit Nieselregen, um 16ºC, in Böen auffrischender Westwind
 
Gesamtteilnehmer
Im Ziel:
7481 (Marathon: 1232, Halbmarathon: 4966, Sportgeher: 77, Firmen-Staffeln: 1206)
 
Marathonläufer
Im Ziel:
1232 (M: 1042 / W: 190)
 
Männer
1. Samwel Maswai (Kenia) 2:13:12
2. David Mutai (Kenia) 2:13:24
3. Isaiah Kosgei (Kenia) 2:13:46
4. Erick Rotich (Kenia) 2:15:01
5. Beshir Gobe Kolbo (Äthiopien) 2:16:55
6. Gosa Girma Tefera (Äthiopien) 2:19:28
 
Frauen
1. Sally Barsosio (Kenia) 2:37:15
2. Ehitu Kiros Reda (Äthiopien) 2:40:01
3. Simegn Girma Tefera (Äthiopien) 2:42:51
4. Svenja Mann (Deutschland) 2:59:08
5. Haimanot Haile (Äthiopien) 3:00:30
6. Melanie Altenbeck (Deutschland) 3:14:21
 
Kampfläufer Vitus (Spiridon Frankfurt)
Startnummer:
M39
Nation: Deutschland
Zeit: 2:58:57
Platz:
38 von 1042 bei den Männern
Platz: 5 in Klasse M50
Zwischenzeiten:
00-10 km: 40:42
10-20 km: 41:45
20-30 km: 43:49
30-40 km: 43:13
1. Hälfte: 1:27:09
2. Hälfte: 1:31:48
 
Haimanot Haile (Spiridon Frankfurt)
Startnummer:
M10
Nation: Äthiopien
Zeit: 3:00:30
Platz:
5 von 190 bei den Frauen
Platz: 4 in Klasse W20
Zwischenzeiten:
00-10 km: 38:42
10-20 km: 41:21
20-30 km: 43:33
30-40 km: 46:37
1. Hälfte: 1:24:40
2. Hälfte: 1:35:50
 
Peanut (Spiridon Frankfurt)
Startnummer:
M1404
Nation: Deutschland
Zeit: 4:12:23
Platz:
84 von 190 bei den Frauen
Platz: 17 in Klasse W45
Zwischenzeiten:
00-10 km: 0:53:59
10-20 km: 0:55:52
20-30 km: 1:00:22
30-40 km: 1:07:08
1. Hälfte: 1:56:02
2. Hälfte: 2:16:21
 
Zwischenfall
Ein nach 18 Kilometern zusammengebrochener Halbmarathonläufer verdankt sein Leben einer zufällig in seiner Nähe laufenden Notärztin.
 
Ergebnisse, Galerien und Emotionen

Baden-Marathon