3. RUND IN HOHENHEIDA
Leipzig, 18. September 2021
STRECKE ¤ RENNEN ¤ STATISTIK
Prolog
 
Meinen Start in Hohenheida verdanke ich einem totalen Zufall. Beim Zielbier vor sieben Tagen in Wörlitz hatte jemand neben mir die aktuellen Meldezahlen des Rennens von seinem Handygerät vorgelesen. Es war Detlef Petermann, älterer Bruder des DDR-Profis Andreas und jetziger Chef des Veranstalters RSV AC Leipzig. Bis zum Meldeschluß um 23.59 Uhr verblieben acht Stunden... Rund in Hohenheida war eines jener Rennen, die nach den Coronalockerungen auf den letzten Drücker in den Rennkalender zum Saisonende reinploppten. Außer einer kurzen Ausschreibung bei Rad-Net existierten keine Informationen. Die letzte Aktualisierung der Webpräsenz des ACL datierte aus dem Sommer 2020. Einzig mein Heidenauer Trainingskumpel Schößler kannte die Runde vom Vorjahr, als er im Regen auf einem weißen Streifen ausgerutscht und gestürzt war... Hohenheida wurde eine Fahrt ins Blaue...
 
.:: DIE STRECKE ::.
Hohenheida (© Euroluftbild)
Trotz der gleichförmig erscheinenden Streckenführung mit zwei Kurven und zwei langen Geraden auf brettflachem Terrain war das Rennen in Hohenheida in jedem Augenblick eine fahrerische Herausforderung. Mit Start und Ziel auf der Hauptstraße ging es auf einer Länge von 1,15 Kilometern um den gras- und baumbewachsenen Dorfanger mit der Dorfkirche im Mittelpunkt. Die Masters 4 hatten die Runde 35 mal zu bewältigen. Alle vier Runden läutete die Glocke für einen Sprint im Wertungsschema 5-3-2-1. Der Zielsprint zählte doppelt.
 
.:: DAS RENNEN ::.
Finstere Wolken brauten sich am heutigen Sonnabend über Leipzig zusammen. Es war der erste richtige Herbsttag im Jahr. Und es sollte regnen. Dazu drohten Ausschreitungen und Gewaltaufrufe der Linken gegen deren Kriminalisierung. Dreitausend waren im Anmarsch; Bundespolizei, Hubschrauber und Wasserwerfer wurden in Stellung gebracht. Aber nur ein paar Kilometer von Connewitz und der Großstadt entfernt, liegt das andere Leben... Das erst jüngst einverleibte Hohenheida fand sich abgeschieden im Nordosten Leipzigs. Nur ein aus dem Acker gestampftes Werk von BMW zeugte von der Nähe zu Stadt. Als ich mit meinem Mädel in Hohenheida erschien, hatte sich die Welt, in der wir uns in letzter Zeit bewegten, nicht verändert. Wir trafen auf Männer getarnt unter Helmen, Radbrillen und engen Trikots; sie saßen auf Rennrädern aus Carbon und waren in konzentriertem Vorstartfieber. Es waren die gleichen wie zuletzt. Vorm Meldebüro stießen wir auf den völlig verwahrlosten Einsiedler aus Hannover, der heute mit schwerer Schlagseite und letzter Kraft die drei Stufen zur Anmeldung erklomm. Peanut mutmaßte, es müßte ein Bruder des Rennfahrers sein und sah ihn später als Zuschauer mit einer Büchse Bier in der Hand... Eine Dame, die mit den Masters 4 antreten sollte, passte ebenfalls. Damit war die Schar von 22 auf 20 geschrumpft. Abgesagt wurde ferner der finale Ringelpiez der Jedermänner. Weil der Nachwuchs zeitgleich bei der Landesmeisterschaft Bahn in Heidenau fuhr, stiegen in Hohenheida nur drei Wettkämpfe: Masters 2 plus Junioren, Masters 3, und als Hauptrennen das der Masters 4. Eine halbe Stunde vorm Peng zog Wind auf und es begann heftig zu nieseln. Beim Einrollen traf ich auf Grossi. Dessen Schaltwerk war nach unserer Karambolage in Torgau nun doch kaputt. Zudem wollter er einen seiner drei sexy Rennboliden verkaufen. Aber das ist eine ganz, ganz andere Geschichte...
Um 12 Uhr 30 erfolgte der START unter neuerlicher Leitung von Herrn Lohr aus Chemnitz. Der Wettergott spielte mit und an manchen Stellen trocknete die Fahrbahn sogar ab. Nach einer übervorsichtigen ersten Runde und einer zweiten in gedrosseltem Tempo, änderte sich dies abrupt mit Ertönen der Glocke zum ersten Wertungssprint am Ende von Runde drei. Bloß nicht stürzen: das Gebot zum Auftakt! Beide Kehren waren spiegelglatt und tückisch auf ihre Art. Die ausgangs der Zielgeraden besaß zwar einen weiten Radius, wurde aber mit hohem Tempo angesteuert, und hatte zwei Kanaldeckel genau in der Mitte. Entweder man bremste stark ab und wagte den kurzen Weg in der Innenbahn, oder ließ es laufen und riskierte eine Berührung mit den Bordsteinen. Kurve Nummer zwei wiederum, jene eingangs der Zielgeraden, war eine extreme Spitzkehre, in deren Ideallinie dummerweise ein kleiner Stein lag. Wer drüberfuhr, kam zu Fall! Die ersten Sprints war geschenkt. Im weiteren Verlauf blieben einem als Rouleur zwei Möglichkeiten: Alles auf eine Wertung setzen und mit den ersprinteten Punkten einen Platz unter den ersten Zehn sichern (diese Taktik verspricht meist Erfolg). Oder direkt nach einem Wertungssprint beherzt attackieren und sein Glück als Ausreißer suchen (was bei einem ausgeglichenen Feld selten aufgehen wird. Diese Erfahrung machten insbesondere Vorbeck aus Köln und der kleine, bullige Heidenauer Schößler, der heute fast der aktivste Fahrer war). Ich hatte mehrmals das Heil in der Flucht gesucht, war zwischen Mut und Risiko zweimal mit dem Hinterrad weggerutscht, wäre kurz vor Schluß fast aus der weiten Kehre geflogen, und fuhr letztlich in einer achtköpfigen Spitzengruppe, die die Punkte unter sich ausmachte. Im Hänger mit einer halben Runde Rückstand saß unter anderem Grossi; manche schluckten mehrere Runden. Nicht zu schlagen war heute der Nordhesse Schmelz. Mit drei ersprinteten Punkten landete ich im ZIEL auf der siebenten Stelle.
Finale
 
Peanut und ich blieben noch eine Weile bei Kuchen und Bier auf dem Festplatz im Anger. Dort entwickelten sich wie stets Plaudereien mit allen möglichen Leuten. Als die Sieger des Tages geehrt waren und der selbsternannte Gauleiter von Hohenheida gegen 14 Uhr das anschließende Herbstfest als eröffnet erklärte, verließen wir das urige Runddorf in Nordsachsen. Beim Abmarsch sahen wir die zwischen riesigen Eichen und Trauerweiden errichtete Holzskulptur des Neuen Deutschen Michel und das Ehrenmal für die Soldaten des Weltkriegs. Über die Rennstrecke am Dorfplatz tuckerten uns Rocker auf Feuerstühlen entgegen...
 
 
Text: Geist Vitus, 20. September 2021; Bilder: Peanut
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: stark bewölkt mit Niesel, 13ºC, leichter Wind aus Nordwest (7 km/h), Luftfeuchtigkeit: 94 %
Typ: Kriterium
Länge: 40 km
 
Im Ziel: 53 (Masters 2: 15, Masters 3: 17, Masters 4: 18, Junioren U19: 3)
 
Masters 4
Meldungen:
22
Am Start:
20
Im Ziel: 18
1. Bernd Schmelz (KSV Baunatal)
2. Hans-Peter Grünig (Harzer RSC Wernigerode)
3. Dieter Vorbeck (RC Adler Köln 1921)
4. Gerhard Wälzlein (RC Herpersdorf 1919)
5. David Azizi (RRV Hameln)
6. Ralf Hedtmann (RRG Osnabrück)
7. Geist Vitus (Dresdner SC 1898)
 
Ergebnisse
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