78. RUND UM DAS STADTTHEATER GIEßEN
Gießen, 2. August 2026
Prolog
 
Die Vorzeichen waren katastrophal. Ich kämpfte an allen Fronten: Unsere Buden in Dresden und Frankfurt schienen verkauft, Dresden und damit die Heimat (vorerst) verloren, außer einem Ritt fünfmal über den Großen Feldberg (auch „Challenge Kettenhunde Feldbergkönig“ genannt): kein gutes Radtraining seit Ewigkeiten, das letzte schnelles vor tausend Jahren; dazu knirschte das Ding mit Peanut. Doch mein größter Feind war - ich selbst! Der Kopf konnte und wollte nicht mehr, jeder Kampfeswille schien abgestorben, plötzlich war mir alles scheißegal. Immerhin: Mit zweihunderfünfzig Fahrern, darunter einem Bundesligarennen der Frauen, war das Gießener Theaterkriterium erneut eines der erfolgreichsten hierzulande.
.:: DIE STRECKE ::.
Anstelle von „Rund um das Stadttheater“ hätte das Krit auch etwas sinnlicher „Rund um den Theaterpark“ oder „Rund um den Kirchturm“ heißen können. Denn von der Johannesstraße im Norden wand sich die Strecke auf flachem Terrain durch die Neuen Bäue, die Südanlage, Goethe- und Johannesstraße immer an den Außenflanken des Theaterparks und an der Johanneskirche entlang. Aus der Vogelperspektive glich sie einem Oval von 800 Metern mit zwei Endlosgeraden und zwei dicht hintereinanderfolgenden, schnellen Rechtsskurven sowie einer haarigen Spitzkehre. Prämiensprints hielten das Tempo pausenlos hoch. Neben dem namensgebenden Theater, der imposanten Johanneskirche und der langen Start- und Zielgeraden zählen bei schönem Wetter auch etliche Zuschauende dazu, die dem Rennen eine besondere Atmosphäre verleihen.
.:: DAS RENNEN ::.
Der beste Moment an diesem Sonntagmorgen war für mich das Einrollen rund um das ehemalige Notaufnahmelager, der ersten Anlaufstelle nach meiner Flucht in die BRD 1984, nebst dem in Spuckweite befindlichen Rotlicht-Etablissement „Kleine Freiheit“. Ich fühlte mich frei so allein einerseits - doch auf meiner im Winter erstandenen High-End-Trek-Madonna zunehmend unwohl andererseits. Miese Sitzposition, kein Zug auf der Kette: Ein Heilsbringer war dieses Bike nicht! Doch für mich tickte die Uhr. Die Handvoll kommender Rennen sind die letzte Chance aufs Treppchen, bevor ich zu alt sein werde. Für Gießen hatten in meiner Altersgruppe nur fünf gemeldet. Dafür hatte ich einen schon bezahlten Start im pfälzischen Mehlingen sausen lassen.
Der deutsche Straßenmeister Rieping sowie die Westdeutschen Klassmann, Meeßen, Schwan, Schmelz und Slavik traten zum „Bohnen & Soehne Espresso“ der Masters an. Wohl selten vorher hatten sechs Fahrer von dieser Klasse zusammen einen Kampf ausgetragen, und man wird vielleicht lange warten müssen, um wieder ein so herrliches Bild über den Asphalt dahinjagender Spitzenfahrer zu sehen. Zuvor allerdings blaffte die als Rennleiterin fungierende Xanthippe ihre einundzwanzig in Reih und Glied stehenden Supersenioren an: „Hände weg vom Geländer, ich will die Hände sehn!“ Damit musste auch ich meinen Platz mit eingeklickten Schuhen gestützt an der Bande aufgeben. Nach dem Startsignal war ein Dutzend blitzschnell in den Pedalen und aus den Startlöchern, und bewahrte sich auch immer eine kleine Führung. Fünf indes kamen schon nach der ersten von fünfundvierzig Ellipsen außer Puste und fielen zurück. Drei gaben auf. Dagegen holte ich als anfangs ungünstig Liegender den knapp zwanzig Jahre jüngeren Slowen Ferencak ein, und hing mich an dessen Hinterrad. Allerdings war Ferencak auch nicht so schnell wie Pogacar. Als das Ziel erreicht war, hatten wir fünf Runden geschluckt. Der Leeze-Profi Klassmann und der im weißen Deutschlandtrikot steckende Rieping siegten bei den Masters 2 und 3 über ersprintete Punkte. Doch niemand konnte sagen, wie die Reihenfolge der leer ausgegangenen Masters 4 war. Darüber musste die Transpondermessung enscheiden. Schnellster war demnach der alte Fuchs Schmelz. Die Spitzengruppe fuhr im Schnitt über 48 Stukis!
Finale
 
Meine Selbstfolterung in der Lahnstadt wurde mit 25 Euro belohnt. Das selbe Preisgeld erhielt der aus dem sächsischen Schkeuditz angereiste und neben uns parkende Speiche-Pimpf Heidler für seinen Erfolg in der U11. Der in einem Frankfurter Radladen angestellte Elite-Amateur Rosenthal hatte mir wenige Tage zuvor mit einem Schaltzug den Arsch gerettet, und belegte nach 65 Runden Platz 14. Auf unserem Heimweg über die höllenheiße Autobahn staute sich das Blech. Ich hatte mit Radrennen abgeschlossen.
 
 
Vitus, 3. August 2026, Bilder: Peanut
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 23ºC, mäßiger Wind aus Ost (22 km/h)
Typ: Kriterium
Länge: 36 km
 
Gemeldet: 247
Elite-Amateure: 22, Amateure: 39, Masters 2: 12, Masters 3: 18, Masters 4: 5, U17: 10, U15: 8, U13: 8, U11: 10, Hobby: 28, Elite-Frauen: 129, Hobby Frauen: 18
 
Am Start: 232
Elite-Amateure: 20, Amateure: 35, Masters 2: 10, Masters 3: 16, Masters 4: 5, U17: 9, U15: 7, U13: 7, U11: 9, Hobby: 25, Elite-Frauen: 129, Hobby Frauen: 18
 
Im Ziel: 204
Elite-Amateure: 16, Amateure: 31, Masters 2: 10, Masters 3: 13, Masters 4: 5, U17: 9, U15: 7, U13: 7, U11: 9, Hobby: 24, Elite-Frauen: 73, Hobby Frauen: 18
 
Masters 4
Meldungen:
5
Am Start:
5
Im Ziel: 5
1. Bernd Schmelz (TSV Ippinghausen) 44:57 (48,05 km/h)
2. Stephan Klein (SRS Altenkirchen) + 0:06
3. Viktor Slavik (Melsunger TG 1861) + 0:08
4. Andreas Leschert (RC 07 Fulda) + 0:16
5. Mario Voland (Dresdner SC 1898) - 5 Rd.
 
Ergebnisse

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