20. ROM-MARATHON, 23. März 2014
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AUFBAUKÄMPFE
Gießener Silvesterlauf (Halbmarathon), 29.12.13
50-km-Ultramarathon Rodgau, 25.1.14
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Rom Vol. II - Tanz im Regen
 
 
Nach unserer Stadtflucht und dem darauf hereinbrechenden langen, strengen Winter 2012/13, stand Rom für Peanut und mich auch diesjahr wieder unter schwierigen Vorzeichen. Ausgerechnet im Januar - mitten in der Vorbereitung - funkte mir das Leben dazwischen. Ich mußte auf unbestimmte Zeit zu einer Übung meines Brotgebers in Kurhessen einrücken. Damit war die zuvor geleistete Vorbereitungsarbeit kaputtgemacht und ein gezielter Aufbau unterbunden. Peanut war von der Situation derart mitgenommen, daß sie keine Lust auf weitere Marathons mehr hat. Aber im letzten Jahr hatten wir mit dem Wurf der Münzen in den T r e v i-Brunnen die Rückkehr in die Ewige Stadt besiegelt. Gleich danach hatten wir uns auch zum Jubiläum des »Maratona della Città di Roma« angemeldet. Vielleicht etwas vorschnell? Zwar waren die notwendigen Gesundheitszeugnisse von der Organisation anerkannt worden, damit war die Registrierung geschafft, wir erhielten die Startnummern 601 (Vitus) und 904 (Marathona Peanut), und auch ein Quartier hatten wir schon lange sicher. Aber die Idenfikation mit der Sportart war gestorben! Andererseits: Weh dem, der kein Ziel hat! In der ersten Dezemberwoche 2013 haben wir uns auf den langen, schwierigen Weg nach Rom gemacht. Romulus, Remus, Wölfin: Gebt uns die Kraft!
 
.:: DIE STRECKE ::.
Roms Marathon war im Centro Storico zwischen Kolosseum und Vatikan angesiedelt. Vom Forum Traian führte der Weg zuerst in den römischen Süden. Über die Via dei Fori Imperiali ging es auf die Piazza Venezia, vorbei an Vittoriano und Kapitolshügel zum Circus Maximus. Hinter der Cestius-Pyramide wurde an der Basilika Sankt Paul der südlichste Punkt erreicht. Die Strecke überschritt den Tiber und folgte dem Fluß erst auf dem linken, dann auf dem rechten Ufer vorbei an der Tiberinsel bis zur Engelsburg. Hier bog sie über den Tiber nach Westen ab, betrat die Vatikanstadt und lief auf den Petersdom zu. Vorm Petersplatz schwenkte der Kurs nach Norden und kehrte in einem Bogen zum Tiber zurück. Nach der Halbmarathonmarke wurde das Foro Italico mit dem Olympiastadion passiert, der Kurs querte auf das rechte Ufer des Tiber, verlief durch das olympische Dorf und folgte dem Fluß in Fließrichtung nach Süden. Das letzte Fünftel führte durch die Altstadt. Über die Piazza Navona und Piazza del Popolo durchs Marsfeld, und vorbei an der Spanischen Treppe, erreichten die Läufer hinterem Quirilinhügel die Piazza Venezia und das Vittoriano. Nach 42 Kilometern kam es zum Schlußakkord auf der breiten Via dei Fori Imperiali. In der Altstadt und im Vatikan waren 7,6 Kilometer auf Kopfsteinpflaster zu bewältigen. Mit rund 60 Höhenmetern gab Europas erster großer Marathon im Jahr aber weitgehend die volle Geschwindigkeit her. Die Rekorde hielten Benjamin Kiptoo Kipkemboi (Kenia) mit 2:07:17 Stunden (2009) und Galina Bogomolowa (Rußland) mit 2:22:53 Stunden (2008).
 
Karte und Höhenmessung
Google
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Spätestens seit dem Rohrkrepierer in Berlin im Herbst 2013 folgte unsere Vorbereitung keinen starren Mustern mehr. Nach jahrelangem eisernen Training sollten wir einen gewissen Grad an Zähigkeit, Ausdauer und Erfahrung behalten haben. Durch Tempodauerläufe, Dauerläufe und langsame Dauerläufe wurden die Fähigkeiten aufgefrischt. Zur Erhaltung der Wettkampfhärte bestritten wir für Rom zwei VOLKSLÄUFE:
 
40. INT. GIESSENER SILVESTERLAUF »RUND UM DEN SCHIFFENBERG«, 29.12.13
(Halbmarathon)
Drunter, drüber und drauf
 
Wir hatten überlegt: Sollten wir Silvester beim 10-Kilometer-Lauf von Spiridon in Frankfurt sein, die Herausforderung Halbmarathon in Gießen annehmen - oder am besten schön im Bettchen bleiben? Als Ersatz für ein zermürbendes 35-Kilometer-Training entschlossen wir uns zu einem Halbmarathon in der Menge. Gießen sollte zu einem weiteren Fiasko werden. Es waren aber nicht die eigenen Gebrechen - Peanuts letzter Lauf über 21 Kilometer lag drei Monate zurück, ich selber schleppte zehn Kilo zuviel mit mir rum, hatte chronische Schmerzen in der Ferse, und seit zwei Wochen nächtliches Herzstolpern - nein, die Organisation lag im Argen. Den ersten Skandal lieferte die Anmeldung, die den Läufern Pfand-Startnummern mit den Körperflüssigkeiten des Vorgängers ausgab. Die nächste Unzulänglichkeit war die Streckenmarkierung. Die Kilometrierung begann erst nach 15 Kilometern, ab dort baumelten versteckt Schilder zwischen den Bäumen. Für allein Laufende stellten die Wegweiser ein Problem dar. P. hatte sich verirrt und dabei fast noch abgekürzt (Ortskundige werden es auch wissentlich getan haben, nur so sind die vielen »guten« Zeiten zu deuten)... Dritte Schande: Die letzten Halbmarathonis erhielten im Ziel keine Verpflegung. Die Kurzdistanzler hatten den Tee im Ziel genauso weggetrunken wie das Bier im Philosophikum. Ebenfalls abgegrast war die Kuchentheke. Hier waren Angehörige mit Blechen angerückt und hatten den Läufern das Gebäck vor der Nase weggekauft. Das i-Tüpfelchen setzte schließlich die Urkundenausgabe. Einer von zwei Druckern im Wettkampfbüro versagte seinen Dienst, der andere mußte nach jedem Blatt neu eingerichtet werden. Wir haben eine Stunde Schlange gestanden. Von der chaotischen Ehrung gar nicht zu reden...
 
Dazwischen lag eine der schwierigsten Strecken in Hessen. Der 40. Gießener Silvesterlauf wand sich über 315 Höhenmeter um und über den in tiefem Gewölk steckenden Schiffenberg. Die Strecke strotzte vor Steigungen und Steilstücken, und die wenigen Gefälle zwangen zum Bremsen. Im Grunde ging´s nur bergauf. Überall war Schlamm, Dreck und Nässe. Kuhlen und Wurzeln sorgten zusätzlich für Verletzungsgefahr. Dazu kam es ausgangs der ersten Runde zur Vermischung der Halbmarathonis mit den 10-Kilometer-Läufern, Behinderungen inklusive. Meine Fitness ließ zu wünschen übrig - nach 15 Kilometern verkrampfte plötzlich wieder ein alter Muskelriß -, aber im Kopf hatte ich´s noch drauf. Nach einem gezügelten Auftakt setzte ab dem 11. Kilometer der Kampfinstinkt ein. Leider lief ich bis dahin ohne jeden Bezugspunkt. Doch es ist zu vermuten, daß die zweite Hälfte fünf Minuten schneller ausfiel. Ein 51. Platz unter 204 Männern war erbärmlich, aber womöglich waren manche auch nicht ehrlich... Peanut hatte im Dezember kaum trainiert, sich unterwegs einmal verfranzt, und zierte als Zweite ihrer Klasse das Ende der Langstreckenläufer. Als Lohn gab´s das letzte Becherlein Tee. Die Helferinnen mußten den Kanister extra ankippen... Das Einzige, was heute an Silvester erinnerte, war der Sekt in den Picknickkörben der Vereinsmeier. Mit einem verspäteten Zug und einem verpaßten Anschluß war die Aktion Silvesterlauf in der fünften Nachmittagsstunde für uns beendet. Das Ziel hieß Rom...
 
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
bewölkt, 5ºC, mäßiger Wind
 
Teilnehmer im Ziel:
702 (Halbmarathon, 10 km, 5 km, 1,2 km)
Halbmarathonläufer im Ziel: 240 (M: 204 / W: 36)
 
Männer
1. Philipp Ratz (LG Ovag Friedberg-Fauerbach) 1:16:46
2. Georg Dewald (TSV Krofdorf-Gleiberg) 1:16:58
3. Tim Ellerhoff (Daidalos Runners) 1:18:33
51. Kampfläufer Vitus (Spiridon Frankfurt) 1:33:28 (6. M50)
 
Frauen
1. Katharina Grohmann (TWZK Ute Mückel Triathlon) 1:28:25
2. Anne Dörper (RVG 1912 Rockenberg) 1:33:58
3. Kim Mess (TV Gladenbach) 1:34:29
31. Peanut (Spiridon Frankfurt) 2:08:19 (2. W50)
 
Ergebnisse
LAZ Gießen
Start
und
Zielannäherung
Gießen
 
15. 50-KM-ULTRAMARATHON RODGAU, 25.1.14
(Klick aufs Banner öffnet einen separaten Bericht!)
In der Übersicht unsere WOCHENSUMMEN vom 2. Dezember 2013 bis 23. März 2014:
 
01. Wo. (Bewegung): Vitus 089 km / Peanut 20 km
02. Wo. (Bewegung): Vitus 115 km / Peanut 59 km
03. Wo. (Training): Vitus 121 km / Peanut 51 km
04. Wo. (Halbmarathon): V.: 1:33:28, Training: 106 km / P.: 2:08:19, T.: 51 km
05. Wo. (Training): Vitus 120 km / Peanut 50 km
06. Wo. (Training): Vitus 100 km / Peanut 44 km
07. Wo. (Training): Vitus 115 km / Peanut 68 km
08. Wo. (Ultra): V.: 4:23:35 (50 km), T.: 120 km / P.: 3:45:36 (35 km), T.: 60 km
09. Wo. (Training): Vitus 119 km / Peanut 72 km
10. Wo. (Training): Vitus 128 km / Peanut 60 km
11. Wo. (Training): Vitus 115 km / Peanut 64 km
12. Wo. (Training): Vitus 104 km / Peanut 64 km
13. Wo. (Training): Vitus 117 km / Peanut 49 km
14. Wo. (Training): Vitus 113 km / Peanut 60 km
15. Wo. (Training): Vitus 104 km / Peanut 62 km
16. Wo. (ROM-MARATHON): V.: 4:24:54, Training: 88 km / P.: 4:24:53, T.: 65 km
Gesamt: Vitus 1774 km / Peanut 899 km
 
.:: DAS RENNEN ::.
 
20. MARATONA DI ROMA, 23 Marzo MMXIV
Freitag, 21. März
 
Welch ein Marathon hätte das werden können?! Im Unterschied zum Vorjahr, als wir fast nur auf Schnee liefen, war von Dezember bis März nicht eine Flocke auf die heimische Wetterau gefallen. Eine günstigere Vorbereitung auf einen Rom-Marathon ist kaum vorstellbar. Letztlich wurde aber alles durch einen Mangel an Willen und Disziplin, durch Energielosigkeit bei den Trainingsläufen über 30 Kilometer, und der Einsicht, die erwünschten Zeiten nicht mehr zu schaffen, zerstört. Aus sportlicher Sicht war die Reise nach Bella Italia eine Totgeburt. Mit dem Frevel, die Ewige Stadt als S t a d t b u m m e l unter Wettkampfbedingungen zu mißbrauchen, haben wir am Freitagmittag um elf in Frankfurt den Kerosinbomber in Richtung Latium bestiegen. Nach zwei Stunden war Fiumicino erreicht. Unser Quartier lag diesmal westlich, sprich jenseits des Tibers, im historischen Rione XIII Trastevere, das einst das Viertel der kleinen Leute war. Dort hatten wir ein kleines Studio mit uraltem Holzmobiliar im Landhausstil gemietet. Wir wohnten im Innenhof eines Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert in der Vicolo del Cinque. Trastevere war etwas verwittert, aber die Menschen lebten, und jeder Anblick war ein kleines Kunstwerk. Selbst unser Bett - ein Hochbett - war mit antiken Malereien verziert. Darüber wölbte sich ein Himmel aus freiliegenden Steinen. Überall roch es nach Blumen. Zwischen 16 und 18 Uhr waren wir im Marathon Village des Palazzo dei Congressi im Stadtbezirk EUR die Rucksäcke mit den Startnummern, dem Andenkentrikot und einer Packung Spaghetti abholen. Wir haben den Händlern keinen roten Heller gegeben, dafür auf der Pasta-Party umso stärker zugeschlagen. Die Odysseen im Taxi vom Flughafen und zum Marathondorf schlugen allerdings auch mit 80 Euro zu Buche. Der Tag wurde mit Bier in einer der unzähligen Tavernen in Trastevere besiegelt.
Vicolo del Cinque
 
Sonnabend, 22. März
 
Nach einem ersten Erkundungslauf durch Trastevere und der Grundversorgung mit Lebensmitteln im »Alimentari« quer über die Gasse, haben wir unser Marathonmahl zubereitet: Spaghetti mit Trüffelöl, getrockneten Tomaten und Mozarella vom Büffel! In der Abendbrise sind wir noch ein bißchen durch die romantischen, schmalen Gassen von Trans Tiberim gestreift und haben uns in einer der stark frequentierten Schänken die nötige Bettschwere besorgt. Zwölf Stunden vorm Marathon Bier... Aber es ging um nichts mehr. Ich diente außer Konkurrenz als Wasserträger, Eskorte und Begleitservice für die eigene Frau. Langsam aber sicher ins Ziel kommen, lautete die Parole. Um zehn waren wir weg.
Foro Italico
 
Sonntag, 23. März
 
AVE ROMA! MARATONA! Um fünf summte der Wecker, der Tag hatte begonnen. Peanut schmierte sich zum Frühstück ein Brötchen mit Butter und Honig. Ich lief mit nichts im Magen und nur Wasser zwischendurch. Um sieben verließen wir das Haus. Die Luft war angenehm mild, Roms Himmel voller Wolken - und die Vicolo del Cinque übersät von Bier- und Weinflaschen. Immer am Wochenende wird Trastevere zur Ausgehmeile der Metropole. Hinter unseren dicken Türen hatten wir von der wilden Nacht überhaupt nichts mitgekriegt. Per Droschke war um 7.30 Uhr der Konstantinbogen erreicht. Das Umkleide-Areal befand sich diesjahr hinterm Kolosseum auf der Via dei Fori Imperiali. Gegen 8 Uhr begann es zu regnen - und in Rom zieht man sich im Freien um! Bei der Notdurft hinter einem antiken Findling wäre ich um ein Haar in ein benutztes Spritzbesteck getreten... (Antik wie der Stein war auch unser heutiges Schuhwerk: Peanut trug Asics Gel-3010, Baujahr 2010; ich Adidas adiZero Boston von anno 2009.) Als wir unsere alten Knochen um 8.30 Uhr in den Block D auf der Via dei Fori Imperiali bewegten, entlud sich ein Wolkenbruch. Zwei Italiener gaben uns als tadellose Sportsmänner Schutz unter Planen. 8.45 Uhr wurden der ehemalige Rennfahrer Zanardi und das Häuflein Versehrter auf die Reise geschickt.
Kolosseum
 
Kilometer 0 bis 10: Alter Atem
 
Wegen Problemen mit der Elektrizität verschob sich der Start der Läufer um fünf Minuten. Punkt 8.55 Uhr erstrahlte die Sonne, der »Final Countdown« ertönte, und die rund 18
 000 Maratonetas wurden von der Leine gelassen. START! Wiederholte Schauer und das nasse Kopfsteinpflaster »Sampietrini« sollten heute vieles verderben... Mit dem kolossalen Amphitheater im Rücken ging es durch die Trümmer von Foro Traiano und Foro Romanum, vorbei an der Ruhmeshalle Vittoriano und über die Piazza Venezia zur Piazza Bocca della Verita mit dem »Mund der Wahrheit«. Die Wahrheit sprach in dem Falle die Uhr: Peanut und ich waren so schlecht wie noch nie in einen Marathon gestartet. Für den ersten Kilometer hatten wir in der dichten Menge 6:17 Minuten gebraucht. Und mit einem Kilometerschnitt von 6:20 Min. nach fünf Kilometern war uns auf der Via Ostiense ein Marathon unter vier Stunden schon entglitten. Nach der weißen Pyramide mit dem Grab des Kaisers Cestius aus dem ersten Jahrhundert vor der Zeit, erreichte die Strecke in Ostiense ihren südlichsten Punkt. Hier gehören die Leute eher zur hart schuftenden Bevölkerung, und dementsprechend sahen die Fassaden und die Zuschauer am Rande auch aus. Nach sieben Kilometern kam es zur ersten Überschreitung des Tiber, der Weg führte durch den volkstümlichen südlichen Teil von Trastevere, und erreichte nach der Ponte Testacchio nach zehn Kilometern wieder das östliche Flußufer.
 
Kilometer 11 bis 20:
Eine Kerbe voller Wasser
 
Nach einem Schlenker unter dem Monte Testaccio führte der Kurs wieder an den Tiber und verlief vier Kilometer direkt auf den Uferstraßen durch die Stadtteile Ripa, Sant Angelo, Regola und Ponte. Gleich nach der Tiberinsel wäre für uns an der Ponte Sisto (Kilometer 14) ein schöner Ort zum Ausstieg gewesen. Nicht nur, daß die Steinbrücke aus dem 15. Jahrhundert ein Schmaus fürs Auge war. Oh, nein: Auf der anderen Seite des Wassers lag hinter der Piazza Trilussa unser Zuhause. Einen Kilometer weiter thronte die Engelsburg vor uns. Wie an allen anderen Verpflegungsstation, besorgte ich Peanut auch hier - vor der Kulisse der imposanten Fluchtburg - Wasser und das Zuckerwasser Gatorade. Wieder einen Kilometer weiter, erfolgte auf der Ponte Cavour der Brückenschlag zurück aufs westliche Tiberufer. P. bat, das Tempo zu mäßigen. Nach 17 ½ Kilometern verließ der Marathon Italien und betrat den Boden des Vatikan. Der Kurs steuerte über das nasse Pflaster der Triumphstraße Via Conciliazione geradewegs auf den Petersdom zu, bog vorm Petersplatz rechts weg, und führte an dessen Säulenkolonnaden entlang wieder aus dem Zwergstaat hinaus. Rom dürfte der weltweit einzige Marathon sein, der durch zwei Länder führt.
 
Kilometer 21 bis 30:
Wir schenken Euch unsere Jugend
 
Im Quartier XV Della Vittoria lag die Hälfte hinter uns. Nach fliegendem Regen blitzten ausgangs des 24. Kilometers wieder Sonnenstrahlen. Die Trikolore aus dem grünen Pinienhügel Monte Mario, dem aus weißem Marmor geschlagenen Mussolini-Obelisken, und den roten Hallen des Sportfeldes Foro Italico tat sich auf. Es war faszinierend schön, wie von Göttern gemacht. Spät am Abend trennten sich im Olympiastadion Lazio und der AC Mailand in der Serie A 1:1. Auf der marmornen Ponte Duca d´Aosta wurde zum vierten und letzten Mal der Tiber überquert. Danach wurde es still. Niemand redete mehr, nur die Klänge der Natur unterbrachen das Panorama im Norden Roms. Spätestens nach 25 Kilometern kämpfte im Hinterfeld jeder mit sich selbst. Eine masochistische Ader war nun von Vorteil. Das olympische Dorf mit einer schmalen Straße namens Via Germania wurde passiert. Ich gönnte mir einen ersten Abstecher ins Grüne und P. blieb in den Wirren der Verpflegungsstation und aus Furcht, mich zu verlieren, einfach stehen. Mit 8:14 Min. war unser 26. der langsamste der 42 Kilometer. Nach dem Olympiagelände von 1960 und einem kraftraubenden Anstieg mit zehn Höhenmetern waren die Läufer am 30. Kilometer angelangt. Für manche kam im teuren Viertel Parioli bereits der Mann mit dem Hammer.
 
Kilometer 31 bis 40:
Kampf im Marsfeld
 
Bevor die Strecke im Häusermeer der Altstadt mündete, bewegte sie sich im Quartier Flaminia ein letztesmal hoch über dem Ufer des ockergelben Tibers. Ab dem 36. Kilometer wurden nach und nach die historischen Riones Sant´Eustachio, Parione und Pigna durchaufen... bevor die Via del Corso schließlich schnurgerade durch den Rione Colonia in den Hexenkessel Piazza del Popolo hinein führte. Hier im Marsfeld - inmitten der herrlichen Paläste, Kirchen und Tempel zwischen dem Platz des Volkes und den Marmorstufen der Spanischen Treppe - standen die meisten Menschen. Durch den Regen war der Zauber jedoch lange nicht so wie vor einem Jahr. Um ihr das Finale zu erleichtern, wünschte ich Peanut, jeden Meter wie den letzten zu genießen. Was sind schon fünf, sechs Kilometer gemessen an einem Leben? Vielleicht waren es unsere letzten Marathonkilometer in Rom, womöglich die letzten überhaupt! Das unfaßbare Rom wäre ein würdiges Ende!
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Via Triumphalis
 
Grande Finale! Die Annäherung hatte sich gegenüber 2013 grundauf verändert. Und sie hatte es in sich. Erst wies der finstere, mit gnadenlosen Kopfsteinen in den Quirinalshügel getriebene Tunnel Traforo Umberto ins Nirgendwo - hier hörte ich ein Wimmern und Schluchzen neben mir: Peanut?! -, und gleich darauf stand in der Via Milano der zweite derbe Anstieg mit 14 Höhenmetern im Wege. Dem nicht genug, fehlte am 41. und 42. Kilometer die Beschilderung. Nach einem Gefälle tat sich vor uns wie aus dem Nichts das weiße Vittoriano auf, und nach einem unübersichtlichen Zickzack waren wir plötzlich am Zielgerüst. ENDPUNKT. Direkt hinter der Linie wartete als Gratulantin unsere Reiseleiterin vom Vorjahr, Christel Schemel aus Berlin. Wir fühlten uns wohl.
 
Mit 14
 875 gewerteten Teilnehmern setzte der 20. Rom-Marathon einen neuen Allzeitrekord für Sportveranstaltungen in Italien. Die Schlagzeilen gehörten ein weiteres Mal den Nachfahren Abebe Bikilas. Während es regnete und regnete, stiegen die zu den unbekannteren Berufsläufern gehörenden Äthiopier Legese Shume Hailu und Geda Ayelu Lemma in 2:09:47 Stunden bei den Männern und in 2:34:49 bei den Frauen zu den neuen Imperatoren auf. Mit Domenico Ricatti und Emma Quaglia landeten zwei Athleten italienischer Herkunft auf dem vierten Platz bei den Männern und auf Bronze bei den Damen. Die zum Jubiläum angestrebten neuen Streckenrekorde wurden durch das Wetter zerstört.
Medaillen-Entwurf
 
Einen besonderen Stellenwert nahmen wie immer die Medaillen aus schwerem Messing ein. Wieder war in Roms Kunstakademien ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, und Volksheld Stefano Baldini Teil der Jury. Diesmal siegte ein Entwurf mit den drei Bestandteilen des Rom-Marathons: 1. Dem KOLOSSEUM, welches aus der Geschichte kommt und von den Läufern berührt wird, die durch das Laufen ihre eigenes Leben formen. (Dabei sind die Läufer bewußt Engeln nachempfunden, sie gehören der Erde und der Luft. Im Hintergrund schwebt die ausgeatmete Luft.) 2. Die DYNAMIK der Beine durch die Überlagerung der Muskeln. 3. Die RICHTUNG. In der westlichen Kultur wird von links nach rechts gelesen. Läufer denken außerhalb von Mustern, sie sind frei. Jede Kreuzung ist eine Möglichkeit für eine individuelle Entscheidung... Auf der Rückseite prangen das Wappen von Rom, der eingravierte eigene Name, und der von Olivenzweigen gehaltene Schriftzug ALL ROADS LEAD TO ROME (Alle Wege führen nach Rom).
 
Unter einem sintflutartigen Wolkenbruch erreichten wir am Nachmittag unser Lager in der Vicolo del Cinque. 16 Uhr kriegte ich den ersten Bissen des Tages runter: ein Honigbrötchen. Dazu flackerte das Radrennen Mailand-Sanremo über den Fernsehschirm. Der Marathon klang für uns mit einer Kneipentour durch Trastevere aus. Ramazotti, Grappa und Konsorten haben dabei nicht gefehlt. Den letzten Schluck nahmen wir an unserer Hausbar. Das italienische »Rock-TV« strahlte Hardrock der 70er- und 80er-Jahre aus.
Stadio dei Marmi
 
KULTUR
 
Montag, 24. März
 
Dem Marathon schloß sich am nächsten Vormittag ein Einkauf in der ältesten Bäckerei Roms, der »La Renella« an. Wir beehrten die Tempelruinen von Area Sacra, und traten unter das Auge des zweitausendjährigen Allgöttertempels Pantheon. Mit Entsetzen registrierte ich die Bierpreise in Sant´Eustachio: acht Euro das Glas... Den Hinweg zu Fuß absolviert, hatten wir uns auf dem Nachhauseweg derat verirrt, daß wir eine Droschke anhalten mußten. Zur Einstimmung auf die kommenden Abende waren wir in der vermeintlich echtesten Trattoria Trasteveres, der mit wirklich wahrer römischer Hausmannskost, günstigem Wein vom Faß - und einer halben Stunde Anstellen: im »Da Augusto«. Bei fünf Euro für einen Liter Roten kann man sich schon mal die Kante geben. Den Kater nimmt man gleich mit ins Bett...
 
Dienstag, 25. März
 
Nach einem reinigenden Lauf am Tiber, vorbei an der Villa Farnesina sowie einem ausschweifenden Frühstück, brachen wir zu einem Besuch des Vatikan auf. Nach einer halben Stunde draußen in der Schlange zwischen den Gläubigen auf dem Petersplatz, hatten wir das Heiligste des Christentums, den Petersdom, betreten. Und dort wollten wir auch gleich hoch hinaus. Nach einer Fahrt im Lift auf die Terrasse am Fuß der Kuppel, und von dort per pedes über 320 klaustrophobische Stufen, war der Christenthron erklommen. Von oben bot sich ein phantastischer Rundblick über den Vatikan und die Ewige Stadt in der Totalen. Auf dem Rückweg wurden in einem Café erst unsere Geldbeutel erleichtert, und dann standen wir in der Abenddämmerung vor der verschlossenen Engelsburg. Als Ersatz entdeckten wir im heimischen Trastevere die Pizzeria »Nerone«, in der man sich volkstümlich und hochgradig lecker verlustieren konnte. Der Krug »Peroni« mit 1 ½ Litern kam für zwölf Euro auf den Tisch.
 
Mittwoch, 26. März
 
Ein Morgenlauf führte uns hinauf zum Gianicolohügel mit dem Denkmal für den Krieger Garibaldi. ROMA O MORTE war in dessem Sockel eingemeißelt - ROM ODER TOD! Die Fernsicht von der Hügelkuppe über das golden schimmernde Rom und das Latium bis zu den Abruzzen raubte einem fast den Atem. Am Mittag schloß sich ein Busausflug zum Foro Italico an. Dort unternahmen wir einen Rundgang durch das 1932 eingeweihte Stadio dei Marmi (Marmorstadion). Jenes besteht aus acht Traversen, die von 59 (ursprünglich 60) Athletenstatuen umringt sind. Jede stellt eine Provinz Italiens dar und ist dreimal so groß wie ein Mensch. Die gesamte Kampfbahn besteht aus purem, weißen Carrara-Marmor aus der Toskana. Welch ein verschwenderischer Reichtum an Schlichtheit und Erhabenheit! Nicht von dieser Welt! Wieder zurück in Trastevere haben wir mit der Santa Maria die älteste Kirche Roms besichtigt, und in der einen oder anderen volkstümlichen Bar den einen und anderen Malztrunk versenkt.
 
Donnerstag, 27. März
 
Der vorletzte Tag war unser Einkaufstag. Wir haben die kleinen Läden in Trastevere bereichert... bevor es mit Einbruch der Dunkelheit zum letzten Höhepunkt der Reise nach Rom kam. Ganz am östlichen Ende der 2,7-Millionen-Metropole - im tunlichst zu meidenden Arbeiterviertel Prenestina - stieg im Klub »Traffic« ein unvergeßliches Stoner-Doom-Ereignis. Die Drähte dorthin bestehen noch heute. Ein angemessener Bericht dazu findet sich hier:
...... Ufomammut, Lili Refrain und Electric Whale
 
Freitag, 28. März
 
Halb vier in der Nacht kamen wir heim, um vier lagen wir im Bett, und vier Stunden später brummte der Wecker. Nach der heißen Doom-Party war der morgendliche Kater das kleinste Problem: Wir mußten packen! Annarosa hatte uns einen Chauffeur von Rom zum Meer, ins dreißig Kilometer entfernten Fiumicino klargemacht. Um elf verabschiedete sich unsere Gastgeberin mit doppeltem Wangenkuß von uns. Nachdem sieben Tage Feldgrau am Himmel, Wind und Regen herrschten, schien heute durchweg die Sonne. Leider machten die Kontrollen am Flughafen und eine Stunde Flugverspätung mit quälendem Verharren im Flieger den letzten Eindruck von Rom zuschande. Mit der Landung um 18 Uhr in Frankfurt, dem üblichen Kulturschock auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, und der Heimfahrt per Schnellbahn in die Wetterau, ging unsere zweite Expedition nach Rom zu Ende.
 
 
Saluto romano
Marathona Peanut
Annarosa
Christel Schemel
Roma... Arrivederci MMXV?
 
 

Text: Vitus, 7. April MMXIV; Rom-Bilder: Vitus
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.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: regnerisch, um 15ºC, frischer Wind
Zuschauer: ca. 200
 000 (geschätzt)
 
Meldungen:
19
 061 (M: 15 344 / W: 3717, Italiener: 10 824 / Ausländer: 8237, Nationen: 113)
Im Ziel:
14
 875 (M: 12 013 / W: 2862)
 
Männer
1. Legese Shume Hailu (Äthiopien) 2:09:47
2. Mekonnen Sisay Jisa (Äthiopien) 2:11:20
3. Leonard Kipkoech Langat (Kenia) 2:14:08
4. Domenico Ricatti (Italien) 2:15:07
5. Beyene Soboka Effa (Äthiopien) 2:16:13
6. Jackson Kipkoech Kotut (Kenia) 2:17:09
 
Frauen
1. Geda Ayelu Lemma (Äthiopien) 2:34:49
2. Janat Hanane (Marokko) 2:38:08
3. Emma Quaglia (Italien) 2:43:24
4. Marcella Mancini (Italien) 2:44:54
5. Elina Junnila (Finnland) 2:56:34
6. Maria Grazzia Bianchi (Kolumbien) 2:57:21
 
Schauläufer Vitus & Peanut (Spiridon Frankfurt)
Startnummer:
601 / F904
Nation: Deutschland
Zeit: 4:24:54 / 4:24:53
Platz:
8307 bei den Männern / 1175 bei den Frauen
Platz: 1317 in Klasse M50 / 124 in Klasse W50
Platz: 9482 Gesamt / 9478 Gesamt
Zwischenzeiten
05 km: 0:31:44 (31:44)
10 km: 1:00:21 (28:36)
15 km: 1:30:14 (29:53)
25 km: 2:30:47 (1:00:32)
30 km: 3:03:55 (33:07)
35 km: 3:36:40 (32:45)
40 km: 4:11:06 (34:26)
 
Ergebnisse

Rom-Marathon